Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Menschen

Bertolt Brecht, „Wenn Herr K. einen Menschen liebte“ (Mat1965)

Worum geht es?

Der kurze Text  „Wenn Herr K. einen Menschen liebte“ gehört im weitesten Sinne zu den sogenannten Geschichten vom Herrn Keuner. Sie beschreiben modellhafte Situationen, denen man eine Art Lehre entnehmen kann.

Klärung der Aussage

  1. Der Text beginnt mit der Frage, was Herr K. tut, wenn er einen Menschen liebt.
  2. Entscheidend ist die Antwort. Herr K. bekennt nämlich, dass er einen „Entwurf“ von ihm macht. Das könnte man positiv so verstehen, dass er sich ein vorläufiges Bild von ihm macht. Das ist übrigens ein ganz normaler Vorgang, wenn Menschen sich kennenlernen. Der „Entwurf“ ist als Begriff allerdings schon sehr problematisch, weil der ja immer vom Verfasser ausgeht und seinen Ideen. Man denke etwa an den Entwurf eines Hauses durch den Architekten. Da spielt ja höchstens die Umgebung eine Rolle, vielleicht auch das, was der Hausherr im Kopf hat. Auf jeden Fall ist da erst mal nichts, das Haus hat auch nichts mitzuentscheiden.
  3. Der zweite Satz der Antwort könnte positiv sein, wenn er so gemeint wäre, dass der Entwurf dem geliebten Menschen ähnlicher wird, je länger man ihn betrachtet. Ein Maler zum Beispiel versucht im Idealfall das Wesen des Menschen, der vor ihm sitzt, immer besser zu erfassen.
  4. Die Nachfrage, wer da wem ähnlich werden soll, macht dann aber deutlich, dass davon in diesem Fall keine Rede ist. Der Mensch soll dem Entwurf immer ähnlicher werden, nicht umgekehrt.
  5. Wenn man das verstehen will, kann man sich bestimmte Erziehungssituationen vorstellen, in denen Eltern zum Beispiel wollen, dass Tochter oder Sohn eine bestimmte berufliche Laufbahn einschlagen, um zum Beispiel den Betrieb zu übernehmen. Oder aber ein Vater oder eine Mutter möchte, dass eins der Kinder das im Leben erreicht, was ihnen selbst verwehrt worden ist. Bekannt sind ja bestimmte Sportlerkinder, deren Eltern alles daran gesetzt haben, dass sie mit ihnen bestimmte Ziele erreichen.
  6. Die Aussage des Textes könnte man also so formulieren:
    1. Der Text zeigt, dass es Menschen gibt, die Liebe so verstehen, dass sie ihre Vorstellung von einem Menschen auf ihn übertragen,
    2. ihn möglicherweise sogar zwingen, so zu werden, wie sie selbst es gerne hätten.

Stellungnahme zum Text

  • Grundsätzlich muss eine Stellungnahme zu einem Text von ihm ausgehen, kann ihn dann aber auf etwas anderes übertragen, um zum Beispiel auf Probleme o.ä. aufmerksam zu machen.
  • Hier könnte man sagen, dass die Grundsituation schon nachvollziehbar ist: Man sieht einen anderen Menschen, mit dem man gerne zusammensein möchte. Er ist attraktiv, d.h. man wird von ihm angezogen.
  • Dieses „Angezogen-Werden“ hat aber eine doppelte Komponente:
    • An dem anderen Menschen muss etwas sein, was bei einem selbst etwas Positives auslöst.
    • Zugleich hat das aber auch etwas mit eigenen Wünschen zu tun.
  • Nun besteht die Gefahr, dass man sich ein Bild von dem anderen Menschen macht, das dem gar nicht entspricht, das mehr das eigene Bild ist.
  • Max Frisch hat hierzu im Hinblick auf an dere Menschen die Warnung ausgesprochen: „Du sollst dir kein Bildnis machen!“
    https://www.schnell-durchblicken2.de/frisch-bildnis
  • Dann kann es dazu kommen, dass man den anderen an seiner eigenen Entwicklung behindert, was entweder zur Unterwerfung oder zur Trennung führt.
  • Man kennt das aus vielen Beziehungsgeschichten, wo der eine Partner gewissermaßen am anderen herummodelliert.
  • Letztlich ist Brechts Text wohl als Kritik an einem solchen Vorgang zu verstehen. Das wird deutlich an dem pointenhaften Ende.

 Wer noch mehr möchte … 

 

Justinus Kerner, „Im Eisenbahnhofe“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Zu diesem Gedicht von Justinus Kerner

Im Folgenden zeigen wir, wie man die Textaussage bei dem folgenden Gedicht feststellen kann:

Justinus Kerner

Im Eisenbahnhofe

  • Die Überschrift macht schon ungefähr klar, worum es geht, nämlich um die Eisenbahn. Interessant ist dann allerdings,  dass durch den Wortbestandteil „Hof“ nicht die Bewegung in den Blick genommen wird, sondern das Stehen.
  • Hier darf der Leser gespannt sein, was das Gedicht zu diesem speziellen Aspekt des Eisenbahnwesens zu sagen hat.

Hört ihr den Pfiff, den wilden, grellen,
Es schnaubt, es rüstet sich das Tier,
Das eiserne, zum Zug, zum schnellen,
Her braust’s wie ein Gewitter schier.

  • Die erste Strophe wendet sich mit einer Frage an die Leser oder fiktive Zuschauer und bezieht sich genau auf die Übergangssituation vom Stehen zur Bewegung.
  • Bezeichnend ist der Vergleich mit einem wohl als mächtig zu verstehenden Tier, dem die Lokomotive zugeordnet wird und das insgesamt vorgestellt wird, als ginge es zur Schlacht.

In seinem Bauche schafft ein Feuer,
Das schwarzen Qualm zum Himmel treibt;
Ein Bild scheint’s von dem Ungeheuer,
Von dem die Offenbarung schreibt.

  • Die zweite Strophe wendet sich dann vom Akustischen dem Visuellen zu und hebt die Elemente Feuer und Qualm hervor, die für den Antrieb einer Dampflokmotive ja charakteristisch sind.
  • Der zweite Teil der Strophe hebt dann das Phänomen der gleich startenden Lokomotive ins Apokalyptische – mit Bezug zum letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes,. Da geht es um den Untergang der Welt am Ende aller Zeiten.

Jetzt welch ein Rennen, welch Getümmel,
Bis sich gefüllt der Wagen Raum!
Drauf »Fertig!« schreit’s, und Erd und Himmel
Hinfliegen, ein dämonscher Traum.

  • Die dritte Strophe wendet sich der nächsten Phase einer Zugfahrt zu, nämlich dem Zusteigen der Passagiere. Hier werden die Elemente Hektik und Durcheinander hervorgehoben.
  • Das endet mit einem abschließenden und zusammenfassenden Schrei wohl des Schaffners, des Zugführers oder eines anderen Bahnbeamten, bevor noch hingewiesen wird auf die Unatürlichkeit der Eindrücke, die man beim Fahren im Zug hat. Auch hier noch mal eine Verstärkung des Eindrucks der Rastlosigkeit, die ein zentrales Kennzeichen der Moderne ist.
  • Am Ende dann wieder eine Kennzeichnung des Ganzen als „dämonischer Traum“, was wohl nicht weit von Albtraum entfernt ist und an die oben angesprochene Apokalypse anschließt.

Dampfschnaubend Tier! Seit du geboren,
Die Poesie des Reisens flieht;
Zu Ross mit Mantelsack und Sporen
Keine Kaufherr mehr zur Messe zieht.

  • Diese Strophe wendet sich jetzt direkt an die Lokmotive, die immer noch als Tier angesehen wird.
  • Was eben nur vom Laser vermutet werden konnte, wird jetzt ausdrücklich hervorgehoben, nämlich der Verlust der „Poesie des Reisens“.
  • Interessant, welches Gegenbild aus früheren Zeiten in den letzten zwei Zeilen der Strophe vorgestellt wird, nämlich die Reise eines Kaufmanns mit dem Pferd.
  • Inwieweit das sehr viel mühsamer und möglicherweise auch gefährlicher gewesen ist, darauf wird in keiner Weise eingegangen.
  • Man merkt deutlich, dass die Vergangenheit verklärt wird, während die Gegenwart dämonisiert wird.

Kein Handwerksbursche bald die Straße
Mehr wandert froh in Regen, Wind,
Legt müd sich hin und träumt im Grase
Von seiner Heimat schönem Kind.

  • Diese Strophe setzt noch einen drauf in Richtung eine sehr einseitige, beschönigende Vorstellung von der Vergangenheit.
  • Bezeichnend ist, dass als schöner Begleitumstand früherer Wanderungen von Handwerksburschen Regen und Wind hervorgehoben werden. Das dürften die wirklich so Reisenden anders gesehen haben.
  • Ähnliches gilt für die Vorstellung, dass diese Handwerksburschen sich dann abends einfach ins Gras gelegt haben und glücklich gewesen sind. Von Rheuma bei entsprechender Feuchtigkeit des Untergrundes keine Rede.
  • In die gleiche Richtung geht auch die letzte Zeile, wo es um den Traum von einem schönen Kind geht, das dieser Handwerksbursche möglicherweise als junger Vater in seiner Heimat zurücklassen musste. So etwas wie Trennungsschmerz oder Heimweh taucht nicht einmal in Ansätzen auf.

Kein Postzug nimmt mit lustgem Knallen‘
Bald durch die Stadt mehr seinen Lauf
Und wecket mit des Posthorns Schallen
Zum Mondenschein den Städter auf.

  • Im gleichen Stil geht es weiter, wenn in dieser Strophe die Schönheit des Reisens mit der Postkutsche gepriesen wird. Dabei wird völlig vergessen worden, was dieses Reisen konkret bedeutete – einschließlich häufiger Unfälle und natürlich sehr viel größerer Beschwerlichkeit im Vergleich zum Fahren mit der Eisenbahn.

Auch bald kein trautes Paar die Straße
Gemütlich fährt im Wagen mehr,
Aus dem der Mann steigt und vom Grase
Der Frau holt eine Blume her.

  • Die nächste Strophe wendet sich dem privaten Bereich zu. Hier wird so getan, als ob Ehepaare in der damaligen Zeit vorwiegend im Kutschwagen unterwegs gewesen sind und der Mann vor allem damit beschäftigt gewesen ist, der Frau eine Blume zu pflücken.

Kein Wandrer bald auf hoher Stelle,
Zu schauen Gottes Welt, mehr weilt,
Bald alles mit des Blitzes Schnelle
An der Natur vorübereilt.

  • Etwas besser wird es in dieser Strophe, weil dort völlig zu Recht die verminderte Wahrnehmung der Wirklichkeit und vor allem der Natur angesprochen wird.

Ich klage: Mensch, mit deinen Künsten
Wie machst du Erd und Himmel kalt!
Wär ich, eh du gespielt mit Dünsten,
Geboren doch im wildsten Wald!

  • Diese Strophe enthält eine allgemeine Anklage gegenüber dem Menschen, der hier vor allen Dingen als Betreiber von Technikgläubigkeit gesehen wird.
  • Zum einen wird als Folge die Abkühlung von „Erd und Himmel“ angesprochen.
  • Zum anderen wird die Kritik verbunden mit dem etwas seltsam klingenden Wunsch, lieber im „wildsten Wald“ geboren zu sein als in einer solchen Welt.
  • Auch hier noch einmal wieder in einer Art Zusammenfassung eine völlig beschönigende Sicht eines solchen Lebens außerhalb der Zivilisation.

Fahr zu, o Mensch! Treib’s auf die Spitze,
Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft!
Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze!
Kommst weiter nicht als bis zur Gruft.

  • Die letzte Strophe geht dann noch einen Schritt weiter und ermuntert den Menschen in drastischer und natürlich nicht ernst gemeinter Weise, den eingeschlagenen Weg der Technisierung und des Verlustes der natürlich keit weiter zu gehen.
  • Mit dem Übergang vom Dampfschiff bis zum „Schiff der Luft“ wird schon in eine Zukunft geblickt, die allerdings erst einige Jahre später eingetreten ist.
  • Hier könnte man mal genauer recherchieren, wie sich die Entwicklung der Luftfahrt von den Gebrüdern Mongolfiere bis zu den Brüdern Wright entwickelt hat.
  • Drastisch ist dann die Schlussperspektive, die deutlich macht, dass der Versuch des Menschen, sich auch in die Lüfte zu erheben, am Ende doch nur zu einem Grab führt.
  • Hier wird man an die antike sage von Ikarus erinnert, der versucht, mit künstlichen Flügeln sich der Sonne zu nähern, und dann abstürzt.

Das Gedicht zeigt:

  1. … eine sehr einseitige Sicht sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Vergangenheit.
  2. Während man im Hinblick auf die Gegenwart einen gewissen Realismus durchaus erkennen kann, denn natürlich bedeutet Geschwindigkeit auch einen Verlust von Nähe,
  3. ist die Vorstellung von dem angeblich schöneren früheren Leben des Unterwegsseins einfach nur lächerlich, weil alles ausgeblendet wird, was an Unschönem damit auch verbunden gewesen ist. Außerdem wird im Falle des Ehepaares, bei dem der Mann der Frau eine Blume unterwegs pflückt, ein seltener Einzelfall zur Regel gemacht.
  4. Was auffällt, ist die Dämonisierung der Veränderung, die sich aus historischen Quellen ja auch belegen lässt. Mit der neuen Eisenbahn werden alle möglichen gesundheitlichen Gefahren verbunden.
  5. Spannend ist die Frage, inwieweit dieses Gedicht typisch ist für den poetischen Realismus, denn hier wird ja nicht der Akzent auf realistische Beschreibung mit etwas Beschönigung und Verklärung gerichtet. Vielmehr sind im Ansatz ja fast schon expressionistische Ansätze erkennbar (negative Sicht der Technik, Entfernung von der Natürlichkeit, Vermassung der Menschen, die Perspektive der Apokalypse).

Mat1720 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

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