Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Reisen

Ludwig Tieck, „Sehnsucht“ – ein Gedicht der Romantik zum Thema „Unterwegssein“ (Mat4295)

Zunächst kurz etwas zu Reim und Rhythmus

Ausnahmsweise beginnen wir hier mit der äußeren Form, auf den Inhalt gehen wir weiter unten ein.
Die folgende schnelle Bearbeitung macht deutlich, dass
  • Trochäen vorkommen, also ein Versmaß, das mit einer betonten  Silbe beginnt, auf die eine unbetonte folgt
  • dass das Reimschema sehr kompliziert ist.
  • In beiden Fällen muss man prüfen, ob die Zusammenhänge bei den Reimen bzw. die Abweichungen vom grundsätzlichen Trochäus-Muster auch eine inhaltliche Bedeutung haben.
  • Der Wechsel in der Zeile 12 kann zum Beispiel deutlich machen, dass es hier um überirdische Einflüsse geht.
  • Das wirkt dann sogar noch in den Beginn der zweiten Strophe hinein.
  • Was den Reim angeht, ist Zeile 6 zum Beispiel ohne Partner, das kann die Einsamkeit des menschlichen „Wähnens“ – fast schon nahe am „Wahn“ deutlich machen.
  • Dies nur als erste Ansätze für eigene weitere Untersuchungen.

Erläuterung der einzelnen Verszeilen

Warum Schmachten?
Warum Sehnen?

  • Das Gedicht beginnt mit kurzen Fragen, leicht variiert
  • Es geht um Situationen, in denen die Seele sich gewissermaßen ausreckt nach etwas hin, was noch nicht erreicht werden kann.
  • Interessant ist der erste, heute problematische Begriff: „schmachten“ – wird eher negativ gesehen, höchstens noch satirisch gebraucht

Alle Tränen
Ach! sie trachten
Weit nach Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne.
Erweiterung Tränen

  • Es beginnt mit einer Art Stoßseufzer.
  • Nähere Erklärung der Begriffe schmachten, sehnen und trachten,
  • Verbindung der Entfernung mit der Vorstellung, der Fantasie von etwas Schönem, wird dargestellt im sprachlichen Bild der Sterne.
  • Interessanter Komparativ, der deutlich macht, dass es am aktuellen Ort und in der Gegenwart auch schon etwas Schönes gibt, das aber nicht reicht, die Realität hält der Fantasie nicht stand.
  • Letztlich unterstreicht das den bildlichen Charakter der Vorstellung

Leise Lüfte
Wehen linde,
Durch die Klüfte
Blumendüfte,
Gesang im Winde.
Geisterscherzen,
Leichte Herzen!

  • Hier wird die Zielvorstellung konkretisiert, man merkt auch hier deutlich, dass es nicht wirklich kosmische Elemente geht, sondern Sterne hier einfach nur für schöne Orte stehn.
  • Typisch romantische Vorstellung, die auch von Eichendorff sein könnte,
  • Verbindung von leise, sacht und leichtem Wehen,
  • dann aber doch ein Hinweis auf die sperrige Natur mit möglichen gefahren (Klüfte),
  • Hinzugefügt wird noch das Element des Dufts der Blumen.
  • Dann der nicht ganz klare Hinweis darauf, ob es in der Nähe nicht doch auch Menschen gibt, die singen, vielleicht ist es aber auch im übertragenen Sinn zu verstehen, dass einem also etwas wie „singen“ vorkommt.
  • „Geisterscherzen“ hängt auch mit romantischen Motiven zusammen.
  • Auch hier weiß man nicht genau, wie ernst das mit dem Scherzen gemeint ist. Es kann sich um etwas Lustiges handeln, aber auch um so etwas wie einen Aprilscherz, wie ihn die Griechen bei ihren Göttern kannten. Das würde dann ein weiterer Hinweis sein auf eine dunkle Seite der romantischen Welt, die möglicherweise zumindest unangenehm sein kann.
  • Die Strophe endet allerdings mit einem klaren positiven Hinweis auf eine befreiend, fröhlich stimmende Wirkung dieser Vorstellungen.

Ach! ach! wie sehnt sich für und für
O fremdes Land, mein Herz nach dir!

  • Wiederholung des Stoßseufzers
  • Hier wird noch einmal die Spannung ausgedrückt zwischen dem fremden Land und dem eigenen Herzen.
  • Wichtig ist die deutliche Konzentration der Aussagen auf das lyrische Ich selbst.

Werd‘ ich nie dir näher kommen,
Da mein Sinn so zu dir steht?

  • Bange Frage, ob diese Sehnsucht ohne Erfüllung bleibt

Kömmt kein Schifflein angeschwommen,
Das dann unter Segel geht?

  • Konkretisierung dieses Problems im Bild des Schiffes als Transportmittel

Unentdeckte ferne Lande, –
Ach mich halten ernste Bande,

  • Hier ein neuer Gegensatz, nämlich der zwischen der Sehnsuchtsvorstellung und dem Festgehalten-Werden.
  • Man weiß zunächst nicht, ob sich das auf das Ziel oder auf den aktuellen Punkt konzentriert beziehungsweise bezieht.

Nur wenn Träume um mich dämmern,
Seh‘ ich deine Ufer schimmern,
Seh‘ von dorther mir was winken, –
Ist es Freund, ist‘ s Menschgestalt?

  • Hier wird deutlich, dass es nur bestimmte Situationen gibt, in denen diese Sehnsucht entsteht.
  • Ergänzt wird das auch durch die Personalisierung, es geht nicht nur meine Landschaft oder Atmosphäre, sondern auch um einen Menschen, nach dem man sich sehnt, ohne ihn zu kennen.
  • Allerdings wird das mit den Menschen auch wieder infrage gestellt.

Schnell muss alles untersinken,
Rückwärts hält mich die Gewalt. –

  • Hier wird deutlich, dass diese Sehnsucht nicht endlos ist, man sich auch nicht aus hier befreien muss, sondern sie durch die Bande, die festhalten, beendet wird.


Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Thränen
Ach! sie trachtet
Nach der Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne. –

  • Erstaunlich, dass die erste Strophe hier unverändert zur Hälfte wiederholt wird.
  • Wahrscheinlich soll deutlich werden, dass ein Ausgangszustand wieder erreicht worden ist, es keinen Fortschritt gibt, das ganze läuft gewissermaßen kreislaufmäßig ab.
  • Allerdings ist die Wiederholung reduziert, weil sie nicht mehr konkretisiert wird, d.h. der zweite Teil der ersten Strophe fehlt.

Vergleich mit „Sehnsucht“ von Eichendorff

Hier nun zum Vergleich das Gedicht von Eichendorff mit dem gleichen Titel:

Sehnsucht

01 Es schienen so golden die Sterne,
02 Am Fenster ich einsam stand
03 Und hörte aus weiter Ferne
04 Ein Posthorn im stillen Land.
05 Das Herz mir im Leib entbrennte,
06 Da hab ich mir heimlich gedacht:
07 Ach, wer da mitreisen könnte
08 In der prächtigen Sommernacht!

09 Zwei junge Gesellen gingen
10 Vorüber am Bergeshang,
11 Ich hörte im Wandern sie singen
12 Die stille Gegend entlang:
13 Von schwindelnden Felsenschlüften,
14 Wo die Wälder rauschen so sacht,
15 Von Quellen, die von den Klüften
16 Sich stürzen in die Waldesnacht.

17 Sie sangen von Marmorbildern,
18 Von Gärten, die überm Gestein
19 In dämmernden Lauben verwildern,
20 Palästen im Mondenschein,
21 Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
22 Wann der Lauten Klang erwacht
23 Und die Brunnen verschlafen rauschen
24 In der prächtigen Sommernacht. –

Vergleich:
  1. Man merkt gleich, dass in Tiecks Gedicht mehr gelitten wird,
  2. es auch eine Macht gibt, die zurückhält.
  3. Bei Eichendorff dagegen scheint das Lyrische Ich bereit zu sein zum Aufbruch,
  4. bleibt aber real zurück, am Fenster, ohne das zu thematisieren.
  5. In beiden Fällen also eine Sehnsucht ohne reale Erfüllung in der Wirklichkeit.

Wer noch mehr möchte … 

Oskar Loerke, „Hinter dem Horizont“

Auswertung des Titels

Oskar Loerke

Hinter dem Horizont

  • Der Titel verspricht dem Leser sich mit dem zu beschäftigen, was eben jenseits des Horizonts liegt, also jenseits dessen, was man aktuell mit seinen Augen noch erfassen kann.
  • Das löst sicherlich eine gewisse Spannung beziehungsweise Erwartungshaltung  aus.

Die 1. Strophe

Mein Schiff fährt langsam, sein Alter ist groß,
Algen, Muscheln, Moos,
Der Kot des Meeres hat sich angesetzt.
Eine bunte Insel, fast steht es zuletzt.

  • Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung der Situation, in der sich das lyrische Ich befindet. Offensichtlich ist es mit einem Schiff unterwegs, dass nicht nur alt ist, sondern auch in seiner Bewegung behindert wird durch das, was sich im Laufe der Zeit am Rumpf angesammelt hat.
  • Sehr negativ wird das als „Kot des Meeres“ benannt.
  • Etwas überraschend wird dann in der letzten Zeile eine „bunte Insel« erwähnt.
  • Im Vordergrund bleibt aber die Verlangsamung der Bewegung.
  • Wenn man die Lebensdaten des Verfassers hinzunimmt, kann man durchaus schon zwei Züge des Expressionismus erkennen, zum einen das Alter als Vorstufe des Todes oder hier der endgültigen Außerdienststellung des Schiffes. Zum anderen ist da die drastische Formulierung für das, was aktuell vor allen Dingen behindert und beschwert.
  • Deutungshypothese am Ende der 1. Strophe:
    Man fragt sich als Leser, ob dieses lyrische Ich sich nicht im Hinblick auf sein Leben in der gleichen Situation sieht wie sein Schiff.

Die 2. Strophe

Soll ich noch fahren ? Ich fahre nicht mehr.
Aber alle Dinge kommen,
Kontinente, frachtenschwer
Nun wie fremde Schiffe zu mir geschwommen

  • Die zweite Strophe beginnt mit der Infragestellung der eigenen Existenz als Schiffer.
  • Dann  verändert sich die Perspektive. Das lyrische Ich hat das Fahren zum Schiff eingestellt, sieht sich aber jetzt konfrontiert mit der umgekehrten Richtung. Es kommt nicht selbst mehr mit seinem Schiff irgendwohin, sondern „alle Dinge“ kommen nun entgegen – wie „fremde Schiffe“.
  • Interessant ist die Größenordnung. Das, was hier entgegenkommt, ist so groß wie „Kontinente“und vor allem „frachtenschwer“. Dieser Neologismus soll wohl die Größe und die Wucht deutlich machen, die der Gegenverkehr mit sich bringt.
  • Was expressionistische Elemente angeht, kommen hinzu zum einen die Infragestellung der eigenen Existenz und das Gefühl, einem anderen, Größeren ausgesetzt zu sein.

Die 3. Strophe

Vorbei ist der Menschen feste Küste
Wie der Donner im Winter,
Übriggeblieben im Gewölke
Der prophetische Vogelflug.

  • Diese Strophe verallgemeinert die individuelle Erfahrung des lyrischen Ichs und stellt fest, dass kein Mensch hier eine „feste Küste“ vorfindet.
  • Seltsam, dass das, was doch eigentlich positiv sein sollte, verglichen wird mit dem „Donner im Winter“, also eine doch einem eher negativen Phänomen der Natur.
  • Die letzten beiden Zeilen setzen dann schon einen überirdischen Akzent, wenn der Vogelflug zu etwas Prophetischem gemacht wird.
  • Wenn man das aus dem Geschichtsunterricht kennt, kann man hier an die Zukunftsdeutung bei den Römern denken, die den Flug der Vögel als Ausgangspunkt für Voraussagen nahmen.
  • Im Hinblick auf den Expressionismus kommt hier der Verlust der Festigkeit hinzu, außerdem ein Hinweis auf eine höhere Wirklichkeit, die nur prophetisch erkannt werden kann.

Die 4. Strophe

Steigender, stürzender Völker beharrendes Bild!
Soviel Blut und soviel Leid!
Und alles, was da gilt
Geschieht doch in der Einsamkeit.

  • Die letzte Strophe geht dann sogar soweit, vom Steigen und Stürzen ganzer Völker zu sprechen und „so viel Blut und so viel Leid“ zu sehen.
  • Damit ergibt sich ein nur negativer Blick auf die Geschichte der Menschen, alles Positive ist ausgeblendet.
  • Deutlich wird hier das expressionistische Element einer zumindest auf Epochen bezogenen Apokalypse.
  • Am Ende gibt es noch eine positive Bemerkung. Offensichtlich gibt es doch noch etwas, das „gilt“,  also Bestand hat.
  • Allerdings geschieht es in der Einsamkeit.
  • Es spricht einiges dafür, dass das lyrische Ich sein eigenes Sprechen in diesem Gedicht auch in diesem Zusammenhang sieht.

Textaussage

Das Gedicht zeigt …

  1. zunächst einmal das Phänomen des Alterns, der zunehmenden Unbrauchbarkeit,
  2. eine „bunte Insel“ wird anscheinend nicht mehr erreicht.
  3. Die eigene Nutzlosigkeit wird durch den massiven Gegenverkehr verdeutlicht, ein schöner künstlerischer Einfall.
  4. Die zweite Hälfte des Gedichtes verallgemeinert dann alles: So wie es dem lyrischen Ich geht, ergeht es allen Menschen – zumindest perspektivisch, sonst gäbe es ja keinen Gegenverkehr.
  5. Was die gesamte Geschichte der Menschheit angeht, so wird sie negativ gesehen.
  6. Etwas, was „gilt“, also Bestand hat, kann nur der Einzelne „in der Einsamkeit“ schaffen.
  7. Es spricht einiges dafür, dass das lyrische Ich sich auch selbst in der Situation sieht.

Vergleich mit Gottfried Benn, „Reisen“

Bei Loerke heißt es am Schluss:

„Und alles, was da gilt
Geschieht doch in der Einsamkeit.“

Bei Gottfried Benn heißt es am Ende des Gedichts „Reisen“
„ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.“

Bei Loerke geht es also um die eigene Existenz im Hinblick auf die Vergänglichkeit in der Zeit. Bei Benn geht es eher um eine Vergänglichkeit des Ortes, was seine Bedeutung für das Ich betrifft.

Weiterführende Hinweise

 

Friedrich Nietzsche, „Der neue Columbus“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Zunächst das Gedicht von Nietzsche mit Kommentaren

Friedrich Nietzsche

Der neue Columbus

01 Freundin! – sprach Columbus – traue
02 keinem Genueser mehr!
03 Immer starrt er in das Blaue –
04 Fernstes lockt ihn allzusehr!

  • Das lyrische Ich berichtet hier von einem angeblichen Gespräch des Columbus mit einer Freundin, in dem er ihr rät, keinem Genueser mehr zu trauen – er selbst stammt ja als historische Person aus diesem Ort.
  • In der zweiten Hälfte der Strophe wird das dann begründet:
    Er starre immer in das Blaue, sein Blick sei also in die Ferne, das Meer oder den Himmel gerichtet.
    In der letzten Zeile wird dann erklärt, was mit diesem Blick verbunden ist, nämlich die Verlockung der fernsten Dinge.
  • Das lässt sich natürlich leicht beziehen auf einen neuen Seeweg nach Indien, der ihn dann an die Küste des damals in Europa noch nicht bekannten Amerika verschlagen hat.

05 Fremdestes ist nun mir teuer!
06 Genua, das sank, das schwand –
07 Herz, bleib kalt! Hand, halt das Steuer!
08 Vor mir Meer – und Land? – und Land? —

  • Hier beschreibt das lyrische Ich seine aktuelle Situation mit der klaren Orientierung hin auf das „Fremdeste“, das Äußerste, was ein Mensch ansteuern kann.
  • Die zweite Zeile verdeutlicht, wie sehr er sich entfernt von seiner Heimat.
  • Die dritte Zeile dann präsentiert Appelle an sich selbst, kaltblütig zu bleiben und sich voll auf das Steuer zu konzentrieren, also alle möglicherweise ablenkenden Gedanken und Gefühle beiseite zu schieben.
  • Die letzte Zeile macht dann die Spannung, den Gegensatz deutlich, zwischen dem aktuell ihn umgebenden Meer und der Hoffnung auf Land.

09 Stehen fest wir auf den Füßen!
10 Nimmer können wir zurück!
11 Schaun hinaus: von fernher grüßen
12 Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!

  • Die letzte Strophe enthält noch einmal einen Appell an sich selbst, fest auf den Füßen zu stehen, also standhaft zu bleiben.
  • Die zweite Zeile macht deutlich, dass das eine Notwendigkeit ist, weil man nicht mehr zurück kann. Das mag historisch gesehen daran gelegen haben, dass man die Linie überschritten hatte, bei der die Vorräte noch für den Rückweg gereicht hätten.
  • Zu dem Zeitpunkt musste sowohl der historische Kolumbus weiter segeln, weil nur dort noch Hoffnung auf Wasser, Lebensmittel, ggf. auch Reparatur der Schiffe gegeben war.
  • Dies spielt wohl auch beim lyrischen Ich des Gedichtes eine Rolle.
  • Der Schluss beschäftigt sich mit der Perspektive: Es wird nur noch nach vorne geschaut – und das, was bevorsteht, wird trotz einer großen Spannweite zwischen Ruhm und Tod als ein Gruß empfunden, d.h. das lyrische Ich nimmt sein Schicksal an.

Vergleich mit einem Gedicht von Schiller

Vergleichen kann man dieses Gedicht mit einem von Schiller:

Friedrich Schiller,

Kolumbus

Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen,
Und der Schiffer am Steur senken die lässige Hand.
Immer, immer nach West! Dort muss die Küste sich zeigen,
Liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem Verstand.
Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer,
Wär sie noch nicht, sie stieg‘ jetzt aus den Fluten empor.
Mit dem Genius steht die Natur in ewigem Bunde,
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.

  • Hier ist die Kommunikationssituation verändert, es spricht das lyrische Ich zu dem tapferen Seefahrer.
  • Hervorgehoben werden nicht nur sein Mut, sondern auch die Notwendigkeit eines glücklichen Endes.
  • Hier wird doch tatsächlich behauptet, dass das, was der „Genius“ wünscht, auch von der Natur, also der Wirklichkeit bereitgestellt wird.
  • Das kann man natürlich gut sagen, wenn das Glück, das dieser historische Held gehabt hat, schon für Schiller etwa 300 Jahre zurückliegt und Realität ist.
  • Der „Columbus“ Nietzsches ist da vorsichtiger und auch bereit, den Tod als Entscheidung des Schicksals anzunehmen.
  • Ansonsten ist das sicher ein schönes Thema für eine Diskussion, inwieweit man als Mensch sein Glück beeinflussen kann.
  • Spannend ist sicher auch die Frage, ob es zum Konzept der Weimarer Klassik gehört, solch einen Zusammenhang anzunehmen.

Näheres dazu findet sich hier:
https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kolumbus

Mat1725 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

 

Theodor Fontane, „Unterwegs und wieder daheim“

Fontane, „Unterwegs und wieder daheim“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Das Besondere an diesem Gedicht

Das folgende Gedicht besteht aus vier separaten Teilen, bei denen man am Ende den Zusammenhang ein bisschen suchen muss.

Wir versuchen das hier mal, damit am Ende die „Textaussage“, um die wir uns ja immer bemühen, auch deutlich wird.

Wie immer stellen wir alle biografischen Bezüge zurück und nehmen den Text so, wie er eben da ist.

Allerdings gibt es statt dieses Gesamtgedichtes auch Varianten, die nur den vierten Teil präsentieren.

Der Titel und der erste Block des Gedichtes

Theodor Fontane,

Unterwegs und wieder daheim

  • Der Titel enthält bereits eine Spannung von „unterwegs“ und „daheim“.
  • Offen bleibt vor der Lektüre erst mal die Frage, welche Bedeutung dieses „wieder“ hat, nur eine rein auf die Zeit bezogene oder aber eine, die auch eine Wertung enthält – im Sinne von „endlich wieder“

Erst Münchner Bräu aus vollen Krügen,
Die Deckel klappten wie ein Reim,‘
Dann Neckarwein in vollen Zügen
Und endlich Rot von Ingelheim.

  • Das Gedicht beginnt mit Impressionen, wie man sie eben haben kann, wenn man von einem Ort schöner Getränke zum nächsten bewegt.

Und all die Zeit kein regentrüber
Verlorner Tag, kein nasser Schuh,
Die Bilder zögen uns vorüber,
Wir taten nichts als schauten zu.

  • Die zweite Strophe erweitert den Blick auf gutes Wetter
  • und eine Konzentration auf das zwar passive, aber vielleicht intensive Schauen.

Und graue Dome, bunte Fresken,
Und Marmor reichten sich die Hand,
Und weinblattdunkle Arabesken
Zog drum das Rhein- und Schwabenland.

  • Die dritte Strophe konzentriert sich auf das, was Bildungsbürger auf ihren Reisen so machen,
  • sie schauen sich berühmte Bauwerke mit ihren Kunstwerken an
  • und konzentrieren sich in diesem Falle auf die Rheinschiene und benachbarte süddeutsche Regionen, die ja besonders viele Kulturgüter im Angebot haben.

Der 2. Block des Gedichtes

2.

Mit achtzehn Jahr und roten Wangen,
Da sei’s, da wandre nach Paris,
Wenn noch kein tieferes Verlangen
Sich dir ins Herze niederließ;

  • Der zweite Block verändert die Perspektive ins Zeitliche und Lebensbiografische.
  • Für das Lyrische Ich gehört zur Jugend auch ein Sehnsuchtsort (zur Zeit Fontanes) wie Paris.
  • Die zweite Hälfte aber betont die Distanz: Das Alter schafft andere Bedürfnisse, ein „tieferes Verlangen“, dessen Inhalt erst mal offen bleibt.

Wenn unser Bestes: Lieb‘ und Treue,
Du nicht begehrst und nicht vermisst,
Und all das wechselvolle Neue
Noch deine höchste Gottheit ist.

  • Hier wird das Verlangen etwas gefüllt, bleibt aber doch noch unbestimmt: „Lieb‘ und Treue“, das kann viel sein, auch wenn das schon als Gegenstück zu so etwas wie Paris gesehen werden kann und sich gut auf Heimat beziehen könnte.
  • Diesmal gehört die zweite Hälfte der Klärung dessen, was die Jugend umtreibt.
  • Auch wenn wir uns hier auf inhaltliche Dinge beschränken, sei doch darauf hingewiesen, dass diese und die Strophe davor in einem Kreuz-Verhältnis stehen, das an den Chiasmus erinnert: Zunächst Jugend, dann zweimal Alter und dann wieder Jugend.

Mir sind dahin die leichten Zeiten,
Es lässt mich nüchtern, lässt mich kalt,
Ich bin für diese Herrlichkeiten
Vielleicht zu deutsch, gewiß – zu alt.

  • Diese Strophe beschreibt die Haltung des sich durchaus „alt“ fühlenden lyrischen Ichs.
  • Deutlich wird wieder die Distanz zur Umtriebigkeit der Jugend, bei ihr sieht man die „leichten Zeiten“, was wohl in Richtung „leichtfertig“, vielleicht auch „leichtsinnig“ geht.
  • Dann kommen zwei Gründe für die Distanz: Vom Alter war schon die Rede, dazu kommt aber jetzt auch noch „deutsch“, was wohl im Sinne von Heimat verstanden werden darf.
  • Was genau damit gemeint ist, bleibt offen, es sei denn, man nimmt die zentralen Elemente des ersten Blocks: Bier bzw. Wein, kulturelle Orte und Werke.

 

Der 3. Block des Gedichtes

3.

Und wieder hier draußen ein neues Jahr –
Was werden die Tage bringen?!
Wird’s werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

  • Der dritte Block knüpft an den ersten an, indem das lyrische Ich sich zum einen die Wiederholung wünscht,
  • zum anderen aber doch unsicher geworden ist, ob alles wieder so sein kann, wie man es als schön empfunden hat.

Wird’s fördern das, worauf ich gebaut,
Oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch‘ ich nicht zu sterben.

  • Diese Strophe fasst die Sorge etwas enger und konzentriert sich auf etwas, was man Lebenswerk nennen könnte.
  • Letztlich will sich das lyrische Ich nicht auf den heiklen Maßstab des Gelingens festlegen, sondern einfach noch zu Ende bringen dürfen, was „im Kessel braut“.
  • Es hilft sicher beim Verständnis, wenn man hier an den Dichter Fontane denkt, der ja später mit dem literarischen Schreiben begonnen hat und jetzt noch einiges zu Wege bringen möchte.

Ich möchte noch wieder im Vaterland
Die Gläser klingen lassen
Und wieder noch des Freundes Hand
Im Einverständnis fassen.

  • Diese Strophe kehrt von den großen Zielen zurück zu den kleinen,
  • nämlich dem gemeinsamen Genuss zusammen mit Freunden.
  • Wichtig sind ihm das „Einverständnis“ und die menschliche Nähe.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
Und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruhn,
Hat’s nimmer Not noch Eile.

  • Diese Strophe greift auf die mit dem „Kessel“ zurück
  • und ergeht sich vor allem in Verben der Tätigkeit: „wirken“, „schaffen“, „tun“.
  • Dazu kommt eben die entscheidende Voraussetzung, im Alter nicht mehr so selbstverständlich, nämlich das „atmen“.
  • Die zweite Hälfte der Strophe ist vor dem Hintergrund eine deutliche Absage an die nicht zu umgehende, aber doch erst mal noch vermeidliche Zeit „im Grabe“

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht wie die Flamm‘ im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

  • In dieser Strophe verbindet das lyrische Ich seine Hoffnung, noch einige Zeit „atmen“ und eben auch „schaffen“ zu können, mit einer ungefähren Vorstellung von dem, was dabei herauskommen soll:
  • All das innere „Glühn“, das zum Beispiel zum Dichter gehört, soll „einen leuchtenden Funken“ zurücklassen, der „nicht vergeht wie die Flamm‘ im Kamin“.
  • Das ist etwas seltsam, aber gemeint ist wohl, dass eine Art Flamme möglichst erhalten bleibt. Man denkt hier schnell an so etwas wie eine „ewige Flamme“, wie sie bei Olympischen Spielen durch die Welt getragen wird oder in bestimmten Momumenten am Leben gehalten wird.
  • Ganz offensichtlich möchte das lyrische Ich etwas Dauerhaftes hinterlassen.

Der 4. Block des Gedichtes

4.

Ich bin hinauf, hinab gezogen
Und suchte Glück und sucht‘ es weit,
Es hat mein Suchen mich betrogen,
Und was ich fand, war Einsamkeit.

  • Kommen wir nun zum 4. Block, der ja gerne auch für sich präsentiert wird.
  • Das hängt wohl damit zusammen, dass hier eine Bilanz gezogen wird, die man auch ohne die Strophen davor verstehen kann.
  • Es geht um einen Rückblick auf viel Unterwegssein,
  • das zu keinem Glück geführt hat,
  • sondern zu Einsamkeit.
  • Das wird nicht näher erklärt: Hier ist es wie bei vielen Gedichten: Man kann sich als Leser hineindenken. Vielleicht hat das lyrische Ich nicht den richtigen Partner gefunden oder liebe Menschen sind vor ihm gestorben und haben ihn allein zurückgelassen.
  • Das passt aber nicht so ganz zu der Vorfreude auf eine erneute Reise wie am Anfang.
  • Dann ist es vielleicht eine innere Einsamkeit, die eben nur durch gelegentliche Treffen mit Freunden aufgehoben werden kann.

Ich hörte, wie das Leben lärmte,
Ich sah sein tausendfarbig Licht,
Es war kein Licht, das mich erwärmte,
Und echtes Leben war es nicht.

  • In dieser Strophe wird das negative Urteil noch radikaler,
  • es umfasst das ganze Leben,
  • das das Lyrische Ich anscheinend enttäuscht hat.
  • Als Leser kann man hier schnell das Gefühl haben, dass das ein typisches Urteil eines zunehmend traurigen Lebens im Alter ist,
  • das frühere Freuden angesichts möglicher aktueller Beschränkungen und Beschwerden nicht mehr so recht sehen kann.

Und endlich bin ich heimgegangen
Zu alter Stell‘ und alter Lieb‘,
Und von mir ab fiel das Verlangen,
Das einst mich in die Ferne trieb.

  • Dann wird es aber plötzlich positiver,
  • werden Elemente aufgenommen, bei denen es um Heimat und Vertrautheit und sogar Liebe geht.
  • Daraus entsteht eine in früheren Strophen schon angedachte Befreiung von all dem, was die Jugend noch glaubt tun und vor allem in der „Ferne“ erleben zu müssen.

Die Welt, die fremde, lohnt mit Kränkung,
Was sich, umwerbend, ihr gesellt;
Das Haus, die Heimat, die Beschränkung,
Die sind das Glück und sind die Welt.

  • Am Ende geht es nicht mehr um Jugend und Alter,
  • sondern es wird ein Gegensatz aufgebaut,
  • der typisch romantisch ist,
  • auch wenn Fontane einer späteren Zeit angehört.
  • Die Fremde hat ihre berechtigten Verlockungen,
  • aber sie bringt eben auch Enttäuschen,
  • so dass man sich am Ende gerne auf „Heimat“ und „Beschränkung“ konzentriert
  • und zwar in einer sehr hochgestimmten Weise,
  • wird dem doch das „Glück“ und die „Welt“ zugeordnet, also alles, was froh macht und womit man sich beschäftigen mag.

Aussagen des Gedichtes – Intentionalität

Das Gedicht zeigt,

  1. die Bedeutung der Freundschaft
  2. gerade auch beim Unterwegssein
  3. die Bedeutung der Heimat und ihrer Kultur, deren man sich mit zunehmendem Alter stärker bewusst wird,
  4. während die Jugend stärker auf die Fremde mit ihren Verlockungen steht,
  5. was das Gedicht aber als eher „leicht“ gewichtet.
  6. Vor allem aber zeigt das Gedicht die Sorgen des Alters und besonders des Künstlers, hier wohl des Dichters, noch genügend Zeit zu haben, um das fertig werden zu lassen,  was „im Kessel braut“.
  7. Das soll dann möglichst zu einem dauerhaften „Funken“ werden, also nachhaltig wirksam bleiben.

Vergleichsmöglichkeiten

  • Wer sich ein bisschen in Reisegedichten auskennt, dem fällt hier sicherlich Gottfried Benns „Reisen“ ein, das wesentlich kürzer und prägnanter ist, aber am Ende auch den Rückzug empfiehlt. Dieser geht aber noch weiter, nämlich bis hin zum „Ich“, während bei Fontane eben auch Heimat und Liebe dazugehören.
    Hier ein Lesetipp, bei dem auch noch Hermann Hesse ins Spiel kommt.
    https://www.schnell-durchblicken2.de/unt-hesse-resignation-benn-reisen
  • Außerdem fallen einem auch Gedichte der Romantik ein, in denen am Ende die vertraute Heimat wichtiger ist und mehr Sinn stiftet und Leben ermöglicht als die Fremde

Frage der Epochenzugehörigkeit

  • Natürlich gehört das Gedicht in erster Linie zum sog. „poetischen Realismus“, der sich im Unterschied zum Idealismus und der Romantik stärker der Wirklichkeit zuwendet, aber eben doch „dichterisch“ bleibt, also nach damaligem Verständnis versucht, das Schöne in den Dingen zu sehen und festzuhalten.
  • Aber es gibt auch Züge, die zur Romantik gehören, zum einen die Liebe zur Heimat und ihrer Kultur  und wohl auch Geschichte, aber auch Freundschaft, vor allem eine Konzentration auf tiefere Dinge, die über die „leichten“ Verlockungen der Ferne hinausgehen,
  • vor allem aber doch auch eine Sehnsucht nach Fertigstellung dessen, was noch unfertig ist.

Wer noch mehr möchte …

 

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