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Schlagwort: Rilke

Nietzsche, „Von den drei Verwandlungen“ und Kafkas „Die Verwandlung“

Im Folgenden geht es um den Versuch, einen berühmten Auszug aus Nietzsches philosophischem Werk „Zarathustra“ auf Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ zu beziehen.

Schauen wir uns zunächst den Nietzsche-Text an, der auf den ersten Blick sehr schwierig zu sein scheint. Wir kommentieren fortlaufend unser Verständnis.

Von den drei Verwandlungen

Einführung

„Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“

  • Der Lehrer Zarathustra kündigt hier ein Programm an. Es geht um Verwandlungen des Geistes, was immer das hier sein mag.

„Vieles Schwere gibt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke.“

  • Hier wird offensichtlich personifiziert. Unsere Hypothese: Bei dem “tragsamen Geist” handelt es sich um einen Menschent, der zugleich stark, ehrfürchtig ist und schwere Aufgaben haben will.

Verwandlung 1 = zum Kamel, das sich extrem beladen lässt.

„Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein.“

  • Das wiederholt noch mal die Bereitschaft, das Schwere auf sich zu nehmen und es gar nicht für wichtig oder schwierig zu halten.

„Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, daß ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.“

  • Jetzt wird er übermütig und will besonders stark beladen werden, um seine Stärke so richtig zu spüren.

„Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?“

  • Hier kommt plötzlich ein Gegenkonzept: Stärke zeigen, indem man Schwäche zugibt und Torheit. Unsere Vermutung ist, dass Nietzsche-Zarathustra das nicht positiv meint.

„Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?“

  • Hier weiß man noch nicht, in welche Richtung das geht. Also abwarten, bis es wieder klarer wird.

„Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?“

  • Auch hier muss man wohl eher abwarten. Nicht ganz so Wichtiges darf man auch erst mal überlesen.

„Oder ist es das: krank sein und die Tröster heim schicken und mit Tauben Freundschaft schließen, die niemals hören, was du willst?“

  • Das erste sieht wieder nach Stärke aus, das zweite nach Bereitschaft zur Einsamkeit

„Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heiße Kröten nicht von sich weisen?“

  • Das sieht hier wieder nach positiver Herausforderung aus.

„Oder ist es das: die lieben, die und verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?“

  • Auch hier erst mal abwarten.

„Alles dies Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kamele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.“

  • Jetzt kommt der entscheidende Satz, dass das alles offensichtlich zu dem Schweren gehört, das man auf sich nehmen will.
  • Damit muss man jetzt nach dem suchen, was die Punkte alle verbindet.

Verwandlung 2 = zum Löwen, der sich Freiheit erkämpft

„Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.“

  • Jetzt geht es nur noch um Stärke – anscheinend war das erste nur ein Durchgangsstadium

„Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.“

  • Wenn man Nietzsche ein bisschen kennt, ahnt man, dass es hier um den Übermenschen geht.

„Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heißen mag? ‚Du-sollst‘ heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt ‚ich will‘.“

  • Hier wird immer deutlicher, dass das Nietzsches Konzept ist, sich gegen jeden Gott und seine Gebote zu wenden, nur dem eigenen Willen zu folgen.

„‚Du-sollst‘ liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden ‚Du sollst!'“

  • Hier wird offensichtlich das Feindbild genauer beschrieben

„Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen: ‚Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir.'“

  • Hier ein Hinweis auf die langen und sich absolut gebenden Traditionen, gegen die der Nietzsche-Zarathustra-Mensch sich wenden muss.

„‚Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ‚Ich will‘ mehr geben!‘ Also spricht der Drache.“

  • Hier wird wieder der Feind beschrieben

„Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist?“

  • Aha, jetzt lässt er die Katze aus dem Sack. Das erste Stadium war anscheinend nötig, aber das zweite ist wichtiger.

Das Plus und das Minus des Löwen

„Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.“

  • Jetzt wird deutlich, dass das zweite Stadium auch nur ein Durchgangsstadium ist.

„Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.“

„Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.“

  • Hier merkt man, dass Nietzsche-Zarathustra neue Werte schaffen will.

„Als sein Heiligstes liebte er einst das ‚Du-sollst‘: nun muss er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.“

  • Jetzt geht er aufs Ganze

Verwandlung 3 = zum Kind, das die Freiheit zum Neubeginn nutzt

„Sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muß der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?“

  • Jetzt wird es spannend, weil das Kind ja erst mal schwächer ist als der Löwe, aber es hat Entwicklungspotenzial

„Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.“

  • Aha, Nietzsche-Zarathustra setzt auf einen radikalen Neubeginn, bei dem man alles hinter sich und weglässt, was bisher gegolten hat. „

„Ja, zum spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich den Weltverlorene.“

  • Hier geht es offensichtlich um den Rausch des Schaffens – wie im Sturm und Drang.

Zusammenfassung

„Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele ward, und zum Löwen das Kamel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. –

Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt wird: die bunte Kuh.

  • Der Rest ist nur ein formaler Abschluss.

Fazit:

Der Text ist recht schwierig, wenn man sich bei Nietzsche nicht auskennt. Aber man hat eine Chance, ihn zu knacken, wenn man die Signale sorgfältig prüft und versucht, sie sinnvoll zu bündeln.

Hier kam es darauf an, zu begreifen, was das Besondere der einzelnen Verwandlungen ist und in welchem Zusammenhang (einer Entwicklung) sie stehen.

Vergleich mit Kafkas „Die Verwandlung“

Was den Vergleich mit Gregors “Verwandlungen” angeht, so scheinen die erst mal ins Negative zu gehen – man müsste prüfen, ob er am Ende nur im Bereich der ersten Verwandlung bleibt – oder ob es da doch einen Rest an Autonomie gibt.

  • Gregor lässt sich beladen, ist also klar Kamel, aber möglicherweise ohne positives Bewusstsein.
  • Die Freiheit des Löwen gewinnt er nur teilweise, wenn man seine Verwandlung mit ein bisschen Aktivität verbindet.
  • Zum Kind wird Gregor aber auf jeden Fall nicht mehr.
  • Man müsste prüfen, inwieweit die Familie etwas Neues schafft im Sinne Nietzsches – und besonders die Schwester.

Rilke, „Einmal nahm ich“ – Anmerkungen zu einem Liebesgedicht

Zu diesem Gedicht

Wir schauen uns gerne immer wieder Gedichte an, die nicht auf den ersten Blick so ganz verständlich sind.

Dabei verwenden wir die Methode der Kombination von „induktivem Vorgehen“, d.h. der Klärung der einzelnen Signale, und „hermeneutischer Kontrolle“, d.h. immer wieder Rückgriff auf das ganze Gedicht, um die Einzelheiten möglichst im Zusammenhang sicher zu verstehen.

Wir präsentieren im Folgenden jeweils eine Strophe des Gedichtes und kommentieren sie dann.

Rainer Maria Rilke

Einmal nahm ich

Strophe 1

Einmal nahm ich zwischen meine Hände 
dein Gesicht. Der Mond fiel darauf ein. 
Unbegreiflichster der Gegenstände 
unter überfließendem Gewein. 

  • Das Gedicht beginnt mit einem Rückblick auf eine Situation großer Nähe zwischen zwei Menschen.
  • Man hat aber den Eindruck, dass das eine sehr einseitige Handlung ist, die erst mal nur vom lyrischen Ich ausgeht.
  • Interessant ist dann der zweite Satz, der die direkte Handlung verlässt und sich einem äußeren Einfluss zuwendet, nämlich dem Eingreifen des Mondes.
  • Sehr fragwürdig und wenig passend erscheint das Verb „einfallen“, wenn es um eine sehr intime Handlung zwischen zwei Menschen geht.
  • In der nächsten Verszeile wird dann der Mond als etwas äußerst Unbegreifliches charakterisiert.
  • Die letzte Zeile kann man am besten erst mal so verstanden werden, dass diese körpersprachliche Annäherung zwischen zwei Menschen mit heftigem Weinen verbunden ist.
  • Insgesamt hat man am Ende der ersten Strophe den Eindruck, dass es hier um einen unglücklichen Moment in einer engen Beziehung geht. Denkbar wäre zum Beispiel ein Moment der Trennung.

Strophe 2

Wie ein williges, das still besteht,
beinah war es wie ein Ding zu halten.
Und doch war kein Wesen in der kalten
Nacht, das mir unendlicher entgeht. 

  • Zu Beginn der zweiten Strophe scheint das lyrische Ich noch mal zum Ausgangspunkt zurückzukehren, denn das Verb „halten“ passt natürlich zu dem „zwischen meine Hände nehmen“.
  • Der Eindruck, dass bei dieser Handlung nur das lyrische Ich aktiv ist, bestätigt sich dabei.
  • In der zweiten Zeile wird die Distanz zu einer wirklichen menschlichen Beziehung noch deutlicher, wenn die andere Person mit einem Ding verglichen wird.
  • Die letzten beiden Zeilen wenden sich dann offensichtlich wieder den Bedürfnissen des lyrischen Ichs zu. Es will anscheinend das Gegenüber für sich einnehmen, aber es entgeht ihm. Das hört sich so an als ob dieses sich ihm sogar entzieht.
  • Ein auffallendes künstlerisches Mittel ist die Verbindung von „unendlich“ und sich „entziehen“, was in besonderer Weise die Enttäuschung,  die Nicht-Erfüllung eines Wunsches deutlich macht.

Strophe 3


O da strömen wir zu diesen Stellen,
drängen in die kleine Oberfläche
alle Wellen unsres Herzens,
Lust und Schwäche,
und wem halten wir sie schließlich hin? 

  • In dieser Strophe wird das lyrische Ich jetzt allgemeiner. Es spricht von der kleinen „Oberfläche“ (auch eine seltsame Formulierung für etwas Menschliches, das man liebt), was wohl auf das Gesicht in den Händen zurückgreift, und den „Wellen unseres Herzens“, was wohl den Bedürfnissen entspricht.
  • Auch hier hat man wieder den Eindruck, dass die Größenverhältnisse nicht zueinander passen. Da wird mehr gewünscht, als die andere Seite zu geben bereit oder in der Lage ist.
  • Der Gegensatz von „Lust und Schwäche“ kann so verstanden werden, als eine sehr egoistische Vorstellung von einem Liebesverhältnis.
  • Die letzte Zeile präsentierten eine rhetorische Frage, die anscheinend in die Richtung geht, dass das lyrische Ich sich fragt, ob das überhaupt der richtige Partner ist für seine Bemühungen.

Strophe 4

Ach dem Fremden, der uns missverstanden,
ach dem andern, den wir niemals fanden,
denen Knechten, die uns banden,
Frülingswinden, die damit entschwanden,
und der Stille, der Verliererin. 

  • Die letzte Strophe präsentiert eine Welle von Klagen, die alle etwas mit Vergeblichkeit zu tun haben.
  • Den Schlusspunkt bildet dann „Stille“ in einem negativen Sinne. Man kann das so verstehen, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, aus welchen Gründen auch immer.

Das Gedicht zeigt,

  1. dass eine Beziehung bestimmt sein kann von einem großen Missverhältnis zwischen dem Wollen des einen und dem Sich-Zurückhalten des anderen.
  2. Schon ziemlich an der Peinlichkeitsgrenze ist dann allerdings die Bewertung dieser Situation.
  3. Statt den Fehler in der Konstellation oder bei sich zu suchen, würdigt das lyrische Ich anscheinend das Gegenüber ab und macht das persönliche Missgeschick zu einem grundsätzlichen.

Wer noch mehr möchte

 

Rainer Maria Rilke, „Spätherbst in Venedig“

Zu Rilkes Gedicht „Spätherbst in Venedig“

Man sollte für Gedichte so eine Art Härtegrade einrichten – zumindest, was den Umgang damit in der Schule angeht. Privat kann man ja eine Anthologie einfach mal durchblättern. Was einem gefällt, das schaut man sich genauer an. Und was einem seltsam bis fremd vorkommt, das überblättert man einfach.

Wenn dieses Gedicht nun in der Schule gelesen werden sollte (und lesen heißt in der Schule ja immer auch interpretieren), dann würden wir auf einer zehnstufigen Skala die höchste Punktzahl vergeben.

Das hindert uns aber nicht, uns trotzdem ranzuwagen 😉

Erwartungen, die sich mit dem Titel ergeben.

  • Der Titel präsentiert zwei wichtige Informationen, zum einen die Angabe einer Jahreszeit, die für viele Menschen eine Vorstufe des Winters ist. Dementsprechend gibt es auch negative Erwartungen. Man spricht ja nicht von ungefähr vom Herbst des Lebens, wenn man das Alter meint.
  • Das zweite Signal ist eine Ortsangabe, der Hinweis auf eine der berühmtesten und traditionsreichsten Städte in Italien, von Touristen überrannt und in der Gefahr, im Laufe der Zeit zu versinken.
  • Zum einen könnte man jetzt vermuten, dass das Gedicht möglicherweise auch die düsteren Aspekte der Jahreszeit aufnimmt, es könnte aber auch sein, dass im Spätherbst weniger Touristen kommen und damit die Situation für die Einwohner sich erleichtert.
  • Hier muss man natürlich vorsichtig sein, denn das Gedicht stammt ja aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – und da gab es zum Beispiel noch keine Kreuzfahrtschiffe, wie sie heute die Lagune befahren.

Strophe 1

Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder,
der alle aufgetauchten Tage fängt.
Die gläsernen Paläste klingen spröder
an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt

  • Der Anfang der ersten Strophe verstärkt das Signal einer gewissen Befreiung, zumindest einer verminderten Anziehungskraft, die am Ende ja negative Folgen hat, wenn der Fisch den Köder geschluckt und bald in der Pfanne liegt.
  • Die zweite Zeile allerdings stellt diese Interpretation infrage, weil durch den Köder keine Touristen angelockt worden sind, sondern „aufgetauchte Tage“. Damit wird der Sonnenaufgang in eine Verbindung mit der Wasserwelt der Stadt gebracht. Auf jeden Fall ist klar, dass die „Köder“-Funktion Venedigs im Spätherbst verschwunden ist.
  • Die dritte Zeile ist ein bisschen irritierend, weil die Paläste mit „klingen“ verbunden werden, die den Blick des Betrachters erreichen. Allerdings erscheinen die Paläste als „gläsern“ und mit Glas kann man auch Musik machen, zumindest Töne produzieren.
  • Allerdings bleibt es ein sehr eigentümliches künstlerisches Mittel. Man hat den Eindruck, dass es Rilke darauf ankommt, seine Wahrnehmungen und Gefühle auf ganz besondere Weise zu formulieren, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Zumindest denkt der Leser darüber nach, was der Anblickl der Paläste mit der Wahrnehmung von Musik zu tun haben kann.

Strophe 2

Aus der vorigen Strophe:
[Und aus den Gärten hängt]
der Sommer wie ein Haufen Marionetten
kopfüber, müde, umgebracht.
Aber vom Grund aus alten Waldskeletten
steigt Willen auf: als sollte über Nacht

  • Zwischen der ersten und der zweiten Strophe gibt es einen „Sprung“, d.h. das Ende der ersten Strophe wird vom Satzbau her in der zweiten Strophe fortgeführt und auch zu einem Ende gebracht.
  • Wenn es heißt:
    „Und aus den Gärten hängt / der Sommer wie ein Haufen Marionetten / kopfüber, müde, umgebracht“
    dann soll damit ausgedrückt werden, dass der Sommer sein Spiel gemacht hat und nun eben gewissermaßen abgelegt ist und man ihm auch nicht mehr die sonstige Aufmerksamkeit widmet.
  • Es folgt ein Gegensatz:
    „Aber vom Grund aus alten Waldskeletten / steigt Willen auf…“,
    der wohl aufnimmt, dass Venedig als Lagunenstadt auf Baumpfählen aufgebaut worden ist, was dem lyrischen Ich hier in den Sinn kommt und das ihn dazu bringt, diese Stadt mit ganz viel „Willen“ zu verbinden.
    Der Rest der letzten Zeile ist dann in einem erneuten Strophensprung mit dem nächsten Abschnitt des Gedichtes verbunden.

Strophe 3

[als sollte über Nacht]
der General des Meeres die Galeeren
verdoppeln in dem wachen Arsenal,
um schon die nächste Morgenluft zu teeren

  • Auch hier gibt es also wieder einen Strophensprung, der sogar noch weiträumiger ist.
  • Der Wille zum Bau der Stadt auf Pfählen wird verbunden mit dem Bau von „Galeeren“, Kriegsschiffen, die sowohl mit Rudern wie auch mit Segeln angetrieben werden konnten.
  • Hervorgehoben wird dann auch noch die Werft, in der sie gebaut wurden, wenn „vom wachen Arsenal“ die Rede ist. Hier wird also der „Wille“ auch noch mit einer „wachen“ Haltung verbunden, beides  Voraussetzung für den Aufstieg Venedigs zur Seemacht.
  • Die Strophe endet dann mit einer weiteren sehr originellen Formulierung, wenn nämlich die Abdichtung der Schiffsrümpfe verbunden wird mit dem Geruch, der sich dadurch verbreitet.

Strophe 4

mit einer Flotte, welche ruderschlagend
sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend,
den großen Wind hat, strahlend und fatal.

  • Die letzte Strophe nimmt dann die Ausfahrt einer großen Flotte in den Blick, verbindet sie mit günstigen Signalen, endet aber mit dem Wort „fatal“, was schicksalhaft in einem negativen Sinne bedeutet.
  • Angedeutet sein könnte damit das Schicksal der Seeleute auf den Galeeren, die im Falle einer Schiffsversenkung kaum eine Chance hatten sich zu retten.

Aussage und Bedeutung

  1. Das Gedicht präsentiert vor allem Wahrnehmungen, die man eben im Spätherbst in Venedig haben kann.
  2. Dazu kommen Assoziationen, die mit typischen Elementen der Stadt verbunden werden.
  3. Letztlich läuft es darauf hinaus, eine Besonderheit dieser Stadt hervorzuheben,
    1. nämlich zum einen den außergewöhnlichen Willen, der zu einer solchen Stadtbau im Meer nötig ist.
    2. Zum anderen wird auch die kriegerische Expansion der Macht dieser Stadt in den Blick genommen,
    3. allerdings am Ende mit dem Wort „fatal“ verbunden, also nicht positiv gesehen.
  4. Was außerdem auffällt ist die Neigung, auf eine recht extreme Art und Weise mit der Sprache und der Bedeutung der Wörter zu spielen. Am ehesten kann man sich das erklären, wenn auf diese Art und Weise versucht wird, die Sprache aus dem Bereich der Normalität herauszulösen, sie wieder mit ursprünglicher Ausdruckskraft auszustatten.

Mat1753  © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag
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Wer noch mehr möchte … 

 

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