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Schlagwort: Thomas

Thomas Brasch, „Lied“ oder die Frage: Wird hier der Leser überhaupt noch ernst genommen?

Was ist, wenn ein Schriftsteller es nicht ernst zu meinen scheint?

Das Schöne an der Literatur ist, dass man dort alles darf, vor allem auch das, was im normalen Leben nicht geht oder nicht gut ankommt.

Das Problem ist nur, dass Schule eine ernste Angelegenheit ist, spätestens dann, wenn es um Noten geht. Deshalb sollte mit Schülern auch offen darüber gesprochen werden, dass man die Ernsthaftigkeit mancher Gedichte auch sehr kritisch prüfen kann.

Beispiel: Thomas Brasch, „Lied“ – Teil 1: Interpretation ohne Kontext

Wir wollen das mal versuchen – und zwar an einem Gedicht von Thomas Brasch mit dem Titel „Lied“.

Wie immer gehen wir ohne alle Vorkenntnisse an den Text heran, nehmen ihn also ernst als ein Stück Poesie, das zunächst einmal für sich alleine steht.

Zu finden ist der Text dankenswerterweise auf der Website des Deutschlandfunks:
https://www.deutschlandfunk.de/gedichte-von-thomas-brasch-die-nennen-das-schrei.700.de.html?dram:article_id=312144

Wir gehen ihn jetzt mal Zeile für Zeile durch und versuchen dabei, streng induktiv (also von unten aufbauend) Verständnis aufzubauen.

  1. Der Titel sagt nicht viel aus, deutet nur an, dass das Folgende gesungen wird oder gesungen werden kann. Darüber sollte man sich noch mal Gedanken machen, wenn man den Inhalt geklärt hat. Dann hat man nämlich erst eine Vorstellung, was das für ein Lied sein könnte.
  2. Das Gedicht beginnt mit der Feststellung, dass das lyrische Ich das nicht verlieren will, was es hat. Man hat den Eindruck, dass es sich an seinen aktuellen Besitz klammert, vielleicht auch Angst vor Verlust hat.
  3. Die erste Zeile läuft dann allerdings auf einen Gegenpunkt zur ersten Aussage hinaus, denn wenn man an einem Ort nicht bleiben will, dann verliert man auf jeden Fall etwas.
  4. Der nächste Gedanke bezieht sich dann auf einen oder auch mehrere Menschen, die das lyrische Ich liebt und die es nicht verlassen will, was wiederum im Gegensatz steht zu der vorangehenden Aussage.
  5. Spätestens in den Zeilen vier und fünf wird es dann noch widersprüchlicher, denn das lyrische Ich will die nicht mehr sehen, die es kennt, obwohl doch die, die es liebt, wohl dazugehören müssen.
  6. Dass es dort, wo es lebt, nicht sterben will, ist im Vergleich dazu überhaupt kein Problem, denn es passt zur zweiten Zeile.
  7. Dafür gönnt sich das lyrische Ich dann in der zweitletzten Zeile wieder einen Gegensatz, der aber nicht ganz überzeugt. Denn kaum jemand will dorthin, wo er stirbt.
  8. Den Höhepunkt der inneren Widersprüchlichkeit erreicht das Lied dann in der letzten Zeile, weil das lyrische Ich dort bleiben will, wo es nie gewesen ist.
  9. Wenn man als Leser am Anfang des Gedichtes sich noch bemüht, einer möglichen Logik des Gedankengangs nachzuspüren, gibt man es irgendwann auf. Es verstärkt sich zu sehr der Eindruck, dass hier entweder nur auf fast schon beliebige Art und Weise eine innere Zerrissenheit ausgedrückt werden soll. Oder aber man hat den Verdacht, dass hier mit dem Leser gespielt wird, ja er genauso wenig ernst genommen wird, wie das, was im Gedicht präsentiert wird.
  10. Fassen wir zusammen: Es lohnt sich wohl nicht, die einzelnen Äußerungen wirklich ernst zu nehmen, entscheidend ist eigentlich nur das stets am Ende der Verszeile wiederholte „aber“, weil es einfach deutlich macht, dass das lyrische Ich zu nichts und niemandem wirklich Ja sagen kann oder will.  Dass man das Gesagte besser nicht wirklich ernst nimmt, macht spätestens die letzte Zeile deutlich.a
  11.  Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück: Die Überschrift erscheint genauso wenig ernsthaft wie der gesamte Inhalt, denn ein Lied ist in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass es etwas aussagen will. Ein Lied wird letztlich für andere gesungen, lädt vielleicht zum Mitsingen ein, weil andere sich mit dem Inhalt identifizieren können. Hier handelt es sich eher um einen ungeordneten Ausbruch von Unzufriedenheit mit sich selbst und mit der Welt. Man kennt das aus Kneipengesprächen, bei dem man längere Zeit jemandem zuhört, versucht, ihn zu verstehen, es dann aufgibt und dann mit dem Satz entlassen wird: „Vergiss es!“ Der Betreffende macht dadurch einfach deutlich, dass da etwas raus musste, was viel mit Gefühlen, aber wenig mit Logik zu tun hatte.

Teil 2: Interpretation mit biografischem und historischem Kontext

  • Wenn man nun den biografischen bzw. auch historischen Kontext einbezieht, in dem dieses Gedicht entstanden ist, stellt sich die Aussage ganz anders dar.
  • Wir greifen hier noch einmal auf die Seite des Deutschlandfunks zurück. Thomas Brasch siedelte 1976 in die Bundesrepublik über, ein Mann, sich schon vorher einen „rebellischen Ton“ geleistet hat, wie es im Artikel heißt, der ihn zwischenzeitlich ins Gefängnis brachte, bevor er sich dann „in der Produktion bewähren“ durfte. Das war die DDR-Formulierung für den Versuch, renitente Intellektuelle durch engen Kontakt zu körperlicher Arbeit im Sinne des Regimes zur Vernunft zu bringen.
  • Das Besondere an Brasch im Gegensatz zu vielen anderen, die nur in die Freiheit des Westens wollten, war, dass er eben an das utopische Ideal der DDR-Gesellschaft geglaubt hatte und nun entsprechend enttäuscht war und zugleich wusste, dass ihn im Westen nicht nur ein Paradies vollkommenen Glücks erwartete.
  • Vor diesem Hintergrund liest sich das Gedicht natürlich ganz anders:
    • Das lyrische Ich, das hier weitgehend mit dem Regimekritiker Brasch gleichzusetzen ist, will die Hoffnungen, die er mit dem Ideal der DDR-Gesellschaft verband, nicht verlieren.
    • Zugleich will er im „real existierenden Sozialismus“, wie es damals beschönigend genannt wurde, nicht bleiben.
    • Verständlicherweise will er die Menschen, die er lieben gelernt hat, nicht verlassen,
    • Aber er hat eben auch Menschen kennengelernt, die er nicht mehr sehen will – etwa, weil sie sich zu sehr mit dem Unterdrückungsapparat des SED-Regimes verbunden haben.
    • Weil er in einem Zwischenzustand lebt –  zwischen einer Heimat, die ihn enttäuscht hat, und einer neuen Welt, in die er notgedrungen gekommen ist, will er dort nicht sterben, wo er real lebt oder leben muss.
    • Schwierig ist und bleibt die Zeile:
      „wo ich sterbe, da will ich nicht hin“.
      Das ist wohl die extremste Möglichkeit auszudrücken, dass das Ende, das auf jemanden zukommt, vielleicht zu viele Enttäuschungen enthält, ihn nicht ausfüllen können.
    • Deshalb ist es eine am Ende wunderbare Formulierung:
      „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
      Denn das bedeutet, dass das lyrische Ich bzw. der Wanderer zwischen den politischen Welten die Utopie für sich selbst als einzigen Ort erkennt und bezeichnet, an dem er bleiben möchte.

Auch ein Reisegedicht

Letztlich kann man bei diesem Gedicht also auch von einem Reisegedicht sprechen. Das lyrische Ich schwankt zwischen zwei Welten, wobei es hier weniger um aktuelle Migrantenerfahrungen geht als vielmehr um eine Form besonderer Emigration, bei der man die politische Welt wechselt, aber natürlich die Sprache und die Geschichte weitgehend mitnehmen kann.

Zum Vergleich: Ein „Gelegenheitsgedicht“ von Goethe

Wir heute verstehen unter „Gelegenheitsgedichten“ nette Beiträge in Reimform, die zu besonderen Gelegenheiten vorgetragen werden, zum Beispiel zu einem Geburtstag oder zu einer Hochzeit. Genauso gut könnten diese Beiträge aber auch in Form von Reden präsentiert werden. Die Gedichtform ist nur so eine Art Schmuck.

Goethe verstand dagegen unter einem „Gelegenheitsgedicht“ eins, das zwar bei einer besonderen Gelegenheit entstanden war, aber auch unabhängig davon Aussagen enthält, die Leser auf ganz andere bzw. auch ganz eigene Situationen übertragen können. Von daher ist ein Gedicht wie zum Beispiel „Willkommen und Abschied“ ebenfalls in gewisser Weise zeitlos – anders als die Geburtstags- und Hochzeitsgedichte.

Weiterführende Hinweise 

 

 

Analyse eines Heiratsantrags aus Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“

Ein Heiratsantrag in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“

In Thomas Manns Roman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ aus dem Jahre 1901 gibt es eine traurig-schöne Szene, in der der Geschäftsmann Grünlich einer Tochter aus der Familie der Buddenbrooks einen möglicherweise formvollendeten, ansonsten aber ziemlich schrägen Heiratsantrag macht, den Tony bzw. Antonie, wie sie richtig heißt, zunächst entschieden ablehnt, dann aus einer Art Mitleid heraus halb annimmt. Zumindest macht sich der zunächst abgewiesene Bewerber Hoffnungen, dass er mit der Zeit schon ans Ziel kommt. Immerhin weiß er den Vater Tonys aus geschäftlichen Gründen auf seiner Seite.

Ablauf der Handlung in der Episode

  1. Gleich zu Beginn der Episode präsentiert der Erzähler einen starken Kontrast: Da ist die „schlaff vor Ratlosigkeit“ am Fenster sitzende Tony – und an sie immer mehr heran drängt sich Grünlich, der sie „mit bewegter Stimme“ an ihr erstes Zusammentreffen erinnert – so romantisch, wie er es sehen möchte.
  2. Zu dem räumlichen Sich-Herandrängen kommt ein kommunikatives, indem er ihr rein sprachlich schon fast keinen anderen Ausweg als Zustimmung lässt.
  3. Tonys Reaktion wird vom Erzähler vor allem körpersprachlich dargestellt: Es ist von „ängstlich geöffneten Augen die Rede“, einem starren Blick auf eine Warze und auf Augen, „die so blau waren wie diejenigen einer Gans“.
  4. Es folgt eine eindeutige und klare Ablehnung, die allerdings nicht nur „rasch“, sondern auch „angstvoll“ vorgebracht wird, verbunden schon mit Tränen.
  5. Die Reaktion Grünlichs besteht aus einer Kombination aus Jammern und Vorwürfen. Sogar ein Ansatz von Beschimpfung mischt sich drunter, wenn er Tony – sicher zu Recht, aber hier nun wirklich nicht passend – ein „verwöhntes Mädchen“ nennt. Vor diesem Hintergrund ist das Versprechen, dass er sie „auf Händen tragen werde“ eher eine Drohung als eine Verheißung.
  6. So empfindet es wohl auch Tony, denn sie reagiert noch einmal sehr heftig und sagt auch überdeutlich: „Ich gebe Ihnen einen Korb, verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!…“
  7. Bei Grünlich führt das nur zu einer kurzzeitigen en räumlichen Distanzierung – dann kommt wieder ein Vorwurf, in diesem Falle die angebliche „Beleidigung“, die allerdings allein sein Problem ist.
  8. An dieser Stelle kommt es zu einer verhängnisvollen Wende: Tonys Kraft und Selbstbewusstsein sind erschöpft, ja sie bereut sogar, „so heftig gewesen zu sein“. Sie versucht es mit einer etwas gemäßigteren Formulierung, die Grünlich die Chance gibt, sich zurückzuziehen und in Ruhe seine ‚Wunden zu lecken.
  9. Der verhält sich aber ganz anders, fragt noch einmal nach, obwohl doch eigentlich alles klar ist. Tony macht dann möglicherweise den Fehler, ein „Leider“ nachzuschieben. Das nutzt Grünlich dann für eine völlig unangemessene Show, indem er mit „fürchterlicher Stimme“ ihren Namen ausruft, in „aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung“ auftritt und dann plötzlich umschaltet auf ein Jammern und Klagen, das sich mit Erpressung verbindet. Immerhin behauptet er, dass er „vor Kummer sterben“ werde. Sicherheitshalber legt er ihr dann auch noch mögliche Worte in den Mund, die sie kaum in einem solchen Gespräch in der Form bejahen kann: „Ich verabscheue Sie -?“
  10. Diese Kombination aus Rührseligkeit, Brualität und Raffinesse funktioniert dann auch bei Tony, die „plötzlich in tröstendem Ton“ zu ihm spricht und sogar „Rührung und Mitleid“ empfindet.
  11. Der Erzähler schaltet eine längere erlebte Rede ein, in der sie das Verhalten Grünlichs als Ausdruck echter Liebe interpretiert, das ihn in ihrer Achtung steigen lässt.
  12. Als sie dann die völlig abwegige Frage „Sie wollen mich nicht töten?“ in „einem beinahe mütterlich-tröstenden Ton“ natürlich mit „Nein“ beantwortet, nutzt das der gewiefte Geschäftsmann gleich für den nächsten Übergriff, indem er aufspringt und damit zeigt, dass er nun so todesnah auch nicht gewesen ist, wird dann aber gleich wieder „ängstlich beschwichtigend“ und verschiebt alles auf die weitere Entwicklung.
  13. Zurück bleibt eine Tony, die „völlig verwirrt und erschöpft“ ist.

Auswertung der Episode

Die Episode zeigt:
  1. eine schon für Tony ungünstige Ausgangssituation, wenn sie „schlaff vor Ratlosigkeit“ das erwarten muss, was kommt,
  2. einen raffiniert agierenden Grünlich, der am Anfang einen auf Romantik macht, was aber wenig ehrlich wirkt. Schnell wird das mit rhetorisch geschicktem Drängen verbunden,
  3. später wird daraus noch eine Kombination aus Vorwürfen und grandiosen Versprechungen.
  4. Der Gipfel ist dann aber die Kombination aus Zorn und dem Versuch, Mitleid zu erregen.
  5. eine Tony, die zunächst nur mit Ängstlichkeit und Ansätzen von Abscheu reagieren kann – angesichts eines Mannes, der ihr in keiner Weise sympathisch erscheint,
  6. dann immer deutlicher wird bzw. werden muss
  7. und schließlich umkippt, weil sie auf Grünlichs Show hereinfällt und wirklich zu glauben beginnt, dass er sie liebt.
  8. Deutlich wird, dass diese junge Frau ernsthaft glaubt, dass das, was sie ganz allgemein in Trivialromanen nicht wirklich glaubt, jetzt vor ihr plötzlich wahr wird.
  9. Am Ende zeigt sich noch einmal die taktische Raffinesse dieses Mannes, der ein bisschen Einlenken, das aber eher aus Empathie und Taktgefühl, denn aus plötzlicher Zuneigung erfolgt, geschickt zu einem halben Sieg erklärt, auf dem man weiter aufbauen kann.
  10. Am schlimmsten ist aber wohl, dass Tony wirklich auf die Show des Mannes reinfällt und vor diesem Hintergrund ihre Meinung über ihn ändert, ihm zumindest etwas Achtung entgegenbringt. Das ist die Schneise, durch die dieser Grünlich gut bis zum Hochzeitsalter durchkommen kann.
  11. Gelungen ist die Kommunikation eher für Grünlich, der mit seinen taktischen Wendungen und Spielchen zumindest halb sein Ziel erreicht. Misslungen ist sie für Tony, der es nicht gelingt, ihre klare Ausgangsposition durchzuhalten.
  12. Symmetrisch ist die Situation nur potenziell, weil Grünlich Tonys Jawort braucht. In Wirklichkeit ist sie es nicht, weil hinter ihm Tonys Vater und seine Interessen stehen und zweitens Grünlich über mehr Mittel und Nervenstärke verfügt als die junge Frau, die eben nicht schon durch die Härten des Geschäftslebens gegangen ist.
  13. Als komplementär kann man die Kommunikation wohl kaum bezeichnen, weil Grünlich ja mit Tricks arbeitet, die Tony nicht durchschaut. Alles spricht dafür, dass sie am Ende alles geben wird und wenig bekommt.

Zur Rolle des Erzählers in der Episode

  1. Der Erzähler hält sich mit Kommentaren u.ä. zurück, hat aber hier eine wichtige Funktion, weil er die Körpersprache vor allem Tonys interpretiert: „ihre Hand, die schlaff war vor Ratlosigkeit“ (nonverbal).
  2. Später ist von „ängstlich geöffneten Augen“ die Rede oder davon, dass Tony „rasch und angstvoll“ (paraverbal) spricht. All das sind Interpretationen des Verhaltens von Tony, die zwar gut nachvollziehbar sind, aber den Leser auch genau dazu bewegen.
  3. Bei Grünlich heißt es, dass er mit dem „Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluss“ (paraverbal) spricht – diese Kombination sagt auch viel aus und wirkt schon wie ein künstlerisches Mittel.
  4. Im Bereich der erlebten Rede („Mein Gott, musste gerade ihr dies begegnen …“) verschmilzt der Erzähler zumindest teilweise mit dieser bedrängten, was zugleich Leserlenkung im Sinne von Sympathie bzw. Mitgefühl bedeutet.
  5. Eine ähnlich enge Verbindung ist gegeben, wenn der Erzähler weiß, dass „Rührung und Mitleid“ in Tony aufsteigen.
  6. Die zweite Stelle mit erlebter Rede („Mein Gott, wie sehr musste er sie lieben …“) ist dann nur eine Variante personalen Erzählens. Hier wird der Erzähler sich kaum auf die gleiche Einschätzung einlassen.
  7. Interessant ist Grünlichs Verhalten am Ende: Ihm kann es gar nicht schnell genug gehen beim Verschwinden (nonverbal): „Er hatte sich rasch erhoben …“ Wahrscheinlich ist er froh, dass er dieses Gefecht zumindest zur Hälfte für sich entscheiden konnte.
  8. Sehr gut zusammengefasst wird Tonys Situation am Ende: „völlig verwirrt und erschöpft“ – so sehen mehr als halbe Verlierer aus.
  9. Insgesamt kümmert sich der Erzähler vor allem um die Beziehungsebene , die Appelle kommen meist von Grünlich und zwar in drängender Form. Für einen kritischen Leser bietet dieser Mann aber auch eine Menge Selbstkundgabe, vor allem, wenn es um den schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Gefühlsebenen geht. Die Sachebene tritt deutlich zurück, weil von Grünlich das meiste nur vorgespielt wird und Tony nur selten dazu kommt, ihre Sicht der Dinge vorzutragen.
  10. Einige Stellen zeigen zumindest ansatzweise, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Diese Stellen werden aber vor allem durch erlebte Rede gefüllt, die natürlich nur im Inneren von Tony stattfindet. Eine direkte Reaktion Grünlichs gibt es nicht, man kann nur ahnen, was in der Zeit in ihm vorgeht.

Was unterscheidet diesen Roman-Ausschnitt von einer Kurzgeschichte?

  1. Wenn wir das richtig sehen, wird dieser Romanausschnitt gerne eingesetzt, um die Kommunikation in ihm zu untersuchen.
  2. Spannend wird es jetzt aber erst so richtig, wenn man sich überlegt, ob Thomas Mann diesen Auszug auch hätte als Kurzgeschichte präsentieren können.
  3. Dagegen spricht der Anfang, bei dem zu wenig über die Vorgeschichte präsentiert wird, die wichtig wäre für ein optimales Verständnis des Textes. Deshalb wird dem Ausschnitt ja auch gerne ein entsprechender Info-Text vorangestellt. Der enthält dann zwei entscheidende Infos: Zum einen ist Grünlich ein Geschäftsmann – also jemand, der sich „in Geschäften“ auskennt – und so betreibt er ja auch seinen Heiratsantrag, der eher eine Art Ehe-Werbung ist.
  4. Zum anderen ist eben auch wichtig, dass Tonys Vater dieser Aktion sehr positiv gegenübersteht, weil er sich zum einen die Versorgung der Tochter (damals noch ein Thema) und auch geschäftliche Vorteile für sich selbst erhofft.
  5. Neben dem nicht optimalen direkten Einstieg ist auch das Ende nicht wirklich offen. Denn diese Überrumpelung lässt eigentlich nur zwei Varianten offen: Zum einen könnte Tony zur Besinnung kommen und ihren Widerstand verstärken. Zum anderen könnte sie auf den Trick mit der Erregung von Mitleid bis zur Hochzeit hereinfallen, bevor sich dann das wahre Gesicht Grünlichs zeigt.
  6. Für eine Kurzgeschichte fehlt also eine echte innere Wendung, etwa in der Richtung, dass Tony bei Grünlich doch etwas wirklich Positives entdeckt und dann ihre Voreinstellungen zumindest teilweise ändert: Ob das aber für eine Ehe reicht, ist dann eine wirklich offene Frage.
  7. Das größte Problem ist aber wohl, dass wir zu wenig über die Hauptfigur wissen, wenn wir die Vorgeschichte nicht kennen – und die spielt ja schon am Anfang des Romanauszugs eine Rolle, denn immerhin ist Tonys Hand da ja schon „schlaff vor Ratlosigkeit“, also muss vorher schon Entscheidendes passiert sein.
  8. Auf jeden Fall hilft so ein hypothetischer Untersuchungsansatz zu einem noch tieferen Verständnis sowohl dieser Geschichte als auch der Gattung Kurzgeschichte.

Verweis auf einen parallelen Fall: Walser, „Lebendiger Mittagstisch“

  • Wie bei dem Buddenbrooks-Auszug geht es auch in „Lebendiger Mittagstisch“ um einen Abschnitt aus einem Roman, der durchaus als Kurzgeschichte funktionieren kann.
  • Näheres auf der folgenden Seite – dort gibt es auch einen Vergleich mit Wohmanns Kurzgeschichte „Ein netter Kerl“:
    https://www.schnell-durchblicken2.de/kg-walser-lebendiger-mittagstisch

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