Thore Maatmann, „Man muss sich auch mal Luft machen“ (Mat396)

Worum es hier geht

In der Kurzgeschichte von Thore Maatmann geht es um einen Angestellten, der sich täglich über seinen Chef ärgert.

Als es einmal besonders schlimm wird, legt er abends auf einer privaten Geburtstagsfeier gegenüber einem wildfremden Menschen richtig los – um dann am Ende festzustellen, dass es sich um den neuen Vorstandsassistenten seiner Firma handelt.

Kurz-Info zu Thema und Inhalt

Es geht um Probleme, die jemand mit seinem Chef hat und über die er dann auch offen auf einer privaten Party spricht – nur um dann festzustellen, dass es sich bei seinem Zuhörer um den neuen Assistenten seines Chefs handelt.

Inhaltsangabe

In der Geschichte geht es um einen Angestellten, der sich schon seit längerer Zeit über seinen Chef geärgert hat. Als es mal besonders schlimm wird, ist er froh, dass er auf einer privaten Fete abends einem wildfremden, aber sehr geduldigen Mitmenschen seinen ganzen Ärger erzählen kann. Er achtet zwar darauf, dass er keinen Namen nennt, erfährt dann aber am Ende, dass es sich bei dem Unbekannten um den neuen Assistenten seines Chefs handelt, der in der Woche drauf seinen neuen Job antreten wird.

Die Geschichte in Erzählschritten

Thore Maatmann

1. Die Rüge im Büro (Z. 1–9)

  • Tim wird unvorbereitet zu Dr. Peters zitiert und mit Vorwürfen (schlechte Verkaufszahlen, Kundenbeschwerden) sowie einem Berichtsauftrag fürs Wochenende konfrontiert.

Es war mal wieder grausam gewesen. Das hatte schon am frühen Morgen begonnen. Kaum war er im Büro angekommen, hieß es, er solle sich gleich beim Chef melden. Das bedeutete bei Dr. Peters nichts Gutes. Verschärft wurde es dadurch, dass man nicht wusste, worum es ging. Meistens wurde man mit irgendwelchen Vorwürfen überrascht. Wie sollte man sich wehren, wenn man nicht vorbereitet war.

So war es auch diesmal: Die Verkaufszahlen wären nicht ausreichend, vergleichbare Abteilungen an anderen Standorten würden deutlich mehr Umsatz bringen. Außerdem gäbe es Kundenbeschwerden. Von ihm würde nun erwartet, dass er einen Bericht über die Kundenreaktionen in den letzten 12 Monaten verfasse – abzugeben direkt nach dem Wochenende.

2. Zerplatzte Pläne, ein Lichtblick (Z. 9–14)

  • Das Treffen mit dem Freund muss ausfallen, der Bericht bindet ihn ans Büro – einzige Freude bleibt die abendliche Geburtstagsfeier seines Bruders Marc.

Dabei wollte er am Samstag endlich mal wieder einen alten Freund besuchen, der nur kurz im Lande war und bald wieder weg musste. Das Treffen konnte er jetzt vergessen. Der einzige Lichtblick blieb, dass sein Bruder am Abend seinen Geburtstag feiern wollte. Den würde er jetzt noch einmal richtig genießen. Am Samstag ging es dann ins Büro. Der Pförtner kannte ihn schon. Zu oft tauchte er sogar an Sonn- und Feiertagen auf.

3. Ankunft auf der Feier (Z. 15–19)

  • Marc begrüßt Tim herzlich; es zeigt sich, dass der gesamte Volleyballclub eingeladen ist – Tim kommt zunächst ins Gespräch und vergisst seine Sorgen.

Marc freute sich sehr, ihn zu sehen. “Hi, Tim, schön, dass es heute geklappt hat bei dir. Du musst ja oft genug im letzten Moment absagen – bei deinem Chef!” “Erinnere mich nicht an den. Sag mal, was sind das denn da alles für Leute?” Es stellte sich raus, dass sein Bruder den ganzen Volleyballclub eingeladen hatte, bei dem er vor Kurzem Mitglied geworden war. Es waren echt nette Leute dabei. Bald ergaben sich interessante Gespräche und Tim vergaß seine Wochenendprobleme.

4. Die Begegnung mit Sven (Z. 19–27)

  • An der Theke trifft Tim auf den ihm unbekannten Sven, der ebenfalls unter Zeitdruck steht; im Gefühl der Anonymität lässt Tim ungefragt seinem Frust freien Lauf und schildert ausführlich seine Wochenendprobleme.

Das änderte sich, als er zufällig einen Sven – so stellte er sich vor – an der Theke traf und sich rausstellte, dass der auch Stress hatte und an dem Abend auch bald wieder weg musste– irgendein wichtiger Job“. „Heute Abend noch?” “Tja, ich trete nächste Woche eine neue Stelle an und da will ich gut vorbereitet sein.” “Vielleicht sollte ich mir auch was Neues suchen”, war die spontane Antwort – und dann sprudelte es aus Tim nur so heraus. Er vermied es sorgfältig, Namen zu nennen, ließ aber ansonsten seinem Ärger freien Lauf, froh, mal mit einem Fremden über alles reden zu können. Es hatte sich soviel angestaut und dieses blöde Wochenende mit den Kundenbeschwerden belastete ihn doch ziemlich – und dieser Sven war ein wirklich guter Zuhörer.

5. Erleichterung und erstes Unbehagen (Z. 27–32)

  • Sven hört aufmerksam zu; erst als das Gespräch endet, wird Tim unangenehm bewusst, dass er den ganzen Abend allein geredet hat.

Mal ein Stirnrunzeln, dann ein leicht dahingehauchtes “Phuu” – das zeigte, dass er ihn und seine Situation verstand. Irgendwann hatte er sich alles von der Seele geredet. Jetzt war es ihm ein bisschen unangenehm, dass er das ganze Gespräch allein bestritten hatte.“Sorry, aber manchmal muss man sich Luft machen.” “Kein Problem, ich kann das verstehen, aber jetzt muss ich los, du weißt schon, ich muss mich noch intensiv vorbereiten.”

6. Die Pointe (Z. 32–37)

  • Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass Sven der neue Vorstandsassistent von Dr. Peters ist – Tim erstarrt, seine vermeintlich anonyme Beichte war an den engsten Mitarbeiter seines Chefs gerichtet.

Erst jetzt kam Tim auf den Gedanken, seinen Gesprächspartner zu fragen, wo er denn neu anfange: “Ich werde Vorstandsassistent bei einem Dr. Peters in der Verimont-AG und bin froh, dass der im Vorstellungsgespräch zum Glück echt nett war – anders als dein Chef. Na ja, man muss ja nicht immer Pech haben.” Das waren seine letzten Worte, während der völlig erstarrte Tim ihm die Hand gab und dann mit hängenden Schultern in den Partyraum zurückkehrte.

Was zeigt die Geschichte?

  1. Die Geschichte zeigt zum einen die Probleme, die es in jedem Betrieb zwischen einem Angestellten und seinem Chef geben kann.
  2. Sie macht ebenso deutlich, dass man sich auch mal Luft machen muss und dann froh ist, auf geduldige Zuhörer zu stoßen.
  3. Das Besondere an der Geschichte ist, dass es unglückliche Zufälle gibt, bei denen alle Vorsichtsmaßnahmen einem nur eine Atempause geben.
  4. Dann wird sich herausstellen, ob man es mit einem anständigen Menschen zu tun gehabt hat, der Privates von Geschäftlichem trennt – oder ob er die Situation zu seinen Gunsten ausnutzt.

Anmerkungen zu einem Schaubild

Das Schaubild zeigt die Entwicklung von allgemeinem Ärger über die Zuspitzung in Richtung Wochenende hin zur vermeintlichen Entspannung in einem netten Gespräch mit einem geduldigen Zuhörer auf einer Fete.
Entsprechend ändern sich auch die Farben vom eher düsteren Braun über ein sich anbahnendes Grün bis hin zu einem richtig hellen Farbton.
Dann kommt der giftig-gelbe Moment der Frage, die das Entsetzen auslöst, als erkannt wird, dass das Gegenüber der Assistent des angeblich so schlimmen Chefs ist, der ihn auch noch ganz anders erlebt hat.

Inwiefern handelt es sich um eine Kurzgeschichte?

  1. Der direkte Einstieg ist typisch für eine Kurzgeschichte.
  2. Das Ende ist auch klassisch offen: Man weiß nicht, ob dieser neue Assistent Privates von Beruflichem wird trennen können oder ob er die neuen Erkenntnisse gegen den nutzt, der sich da offenbart hat. Sein Chef dürfte sich jedenfalls freuen, wenn er entsprechende Insider-Informationen über die Einstellung seines Angestellten bekommt.
  3. Für beide stellt diese Kurzgeschichte einen „Ausriss“ aus ihrem Leben dar.
  4. Ganz besonders gilt das natürlich für Tim, dessen Schicksal sich an diesem Abend entscheiden kann. Aber das gilt auch für Sven, der jetzt vor der Entscheidung steht, wie er mit der Situation umgehen soll, und dabei einen Schritt in Richtung Charakter oder Kampf aller gegen alle in der Berufswelt machen kann. Damit ist in der Geschichte auch ein Wendepunkt gegeben.
  5. Im Unterschied zu einer Parabel präsentiert die Geschichte einfaches Alltagsgeschehen.

Einsatz im Unterricht

Anmerkungen zum Einsatz als Klassenarbeit
Die Geschichte lässt sich gut einsetzen, vor allem, wenn sie am Ende mit der Frage verbunden wird, wie beide mit der Situation umgehen könnten.

Ideen zum Einsatz im Unterricht
Zum Beispiel könnte die Frage gestellt werden, inwieweit es auch für einen Schüler solch heikle Situationen geben kann. So könnte zum Beispiel jemand zufällig etwas mitbekommen, was ihn nichts angeht. Aber dann steht er auch vor der Frage, ob er es anderen weitererzählen soll oder nicht.

Download des Textes

Mat396-V3a-Kurzgeschichte Sich Luft machen

Weitere Infos, Tipps und Materialien