Was dem Roman „Heimsuchung“ fehlt – eine Chance für den Deutschunterricht (Mat8630-hcd)

Von dem Schriftsteller Wolf-Dietrich Schnurre gibt es einen Text, den er als beste Geschichte seines Lebens beschreibt. Sie präsentiert in knappen Worten aus der Erinnerung einen möglicherweise fiktiven Zeitungsberichtin dem es um einen ungeheuerlichen Vorfall geht.

Wer sich dafür interessiert, findet auf dieser Seite Näheres:
https://schnell-durchblicken.de/wolfdietrich-schnurre-beste-geschichte-meines-lebens

Wir nehmen hier einfach mal die Idee auf, um aus den Schwierigkeiten beim Umgang mit dem stark experimentellen Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck eine Chance für den Deutschunterricht zu machen.

Fundstück im Hotel – Relativierung einer Roman-Idee

Anders Freistein

Der Roman „Heimsuchung“ und ein mögliches schulisches Update

  • Letztens mal wieder unterwegs gewesen. Im Hotel eine Zeitschrift gefunden. Ein Artikel interessant – Erinnerung an eine lange Diskussion mit dem Neffen. Mussten in der Schule den Roman „Heimsuchung“ lesen und waren fast alle irritiert.
  • Im Unterricht das übliche Analyseprogramm, aber keine Antwort auf die Frage, wozu diese Zwangslektüre  gut sein sollte.
  • Dann hatten sie gemeinsam ein bisschen recherchiert und ein Video gefunden. Kernthese: raffiniertes literarisches Experiment – aber nur erträglich  mit Goethes Ansatz: Die Welt ist grausam und ungerecht – aber als Mensch kann man ein bisschen „göttlich“ sein – helfen, retten, heilen.
  • Dann der Artikel – eine Art Entzauberung einer Idee. Kein Jahrhundertroman, nur räumlich begrenzte Heimsuchungen fast ohne historische Einbettung.
  • Die Figuren – mehr Plakatträger einer Idee als Menschen in ihrer Vielfalt ausgemalt. Keiner von ihnen tätig im Sinne Goethes – außer dem DDR-Beamten, der den Architekten vor der Haft bewahrt.
  • Und was die Heimat angeht: Sind ein Haus und ein Grundstück wirklich alles, was einem Halt gibt und was man ungern verliert?
  • Fazit: interessantes schriftstellerisches Experiment, aber in der Schule nur die halbe Wahrheit des Lebens.
  • Und mit meinem Neffen werde ich noch mal reden. Vielleicht kann ja auch schon in der Schule Kunst im Auge des Betrachters entstehen – oder ein bisschen Heilung der einseitig heimgesuchten Figuren.

Ideen für ein Update

Wir werden den Impuls hier auf jeden Fall aufnehmen. Mal schauen, was uns dazu so einfällt:

  • Wie wäre es, wenn der Großbauer am Anfang des Romans nicht nur ein patriarchalischer Tyrann wäre, sondern ein Mitglied des Kirchenchors, wo er den Frust seines Lebens in die Macht seiner Stimme verwandeln könnte.
  • Emma, die Tochter, die die Rolle des fehlenden Sohnes einnimmt, könnte bei zunehmender Schwäche Ihres Vaters doch noch einen jungen Mann kennen lernen, mit dem sie nach Amerika geht, das Land der zumindest im Prinzip unbegrenzten Möglichkeiten.
  • Warum wird der Architekt nur negativ gesehen? Könnte er nicht – im Westen wohlhabend geworden – sich nach der Wende bei dem ehemaligen DDR-Beamten bedanken, der ihm den Tipp mit der Flucht gegeben hatte?
  • Und warum muss die Frau des Architekten so traurig enden? Könnte sie nicht bei einer Scheidung angemessen abgefunden werden? Ist sie nicht die eigentliche Eigentümerin des Grundstücks, zumindest mit Eigentümerin?
  • Man sieht hier übrigens, dass man auch für solche kreativen Aufgaben den Roman sorgfältig gelesen haben muss. Vielleicht macht das sogar mehr Spaß, nach entsprechenden Ansätzen zu suchen, als nur die üblichen Analyse-Aufgaben zu erledigen?

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