Watzlawick und die Erweiterung des Ursache-Wirkung-Axioms (Mat1817-erw)

Auch Watzlawicks Axiome kann man erweitern

Wir erstellen dazu gerade ein Video – hier schon mal der Text, der ihm zugrundeliegt

Kimia Tivag

Warum ein Axiom von Watzlawick stark erweitert werden muss

 

Paul Watzlawick hat unser Verständnis von menschlichen Beziehungen revolutioniert. Seine Axiome – allen voran die Erkenntnis, dass man „nicht nicht kommunizieren kann“ – sind das Fundament jeder modernen Psychologie. Er lehrte uns, dass Kommunikation nicht nur aus dem Transport von Informationen besteht, sondern primär aus der Gestaltung von Beziehungen. Watzlawick öffnete die Tür zu der Erkenntnis, dass wir in Kreisläufen interagieren, in denen jede Reaktion gleichzeitig ein neuer Reiz ist.

Doch wer Watzlawicks Axiom der Interpunktion von Ereignisfolgen (wer hat angefangen?) konsequent weiterdenkt, stößt auf eine offene Flanke. In der klassischen Interpretation wird dieses Axiom oft auf den unmittelbaren Austausch beschränkt – auf das Ping-Pong einer aktuellen Debatte.

Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Kommunikation beginnt lange vor dem ersten Wort und endet lange nach dem letzten Satz.

Wir treten nie als „unbeschriebene Blätter“ in ein Gespräch. Unsere Synapsen tragen die Echos früherer Konflikte, Erfolge und Verletzungen in jede neue Interaktion.

Kommunikation ist ein sozialer Akt mit Konsequenzen. Die Frage „Was sagen meine Freunde, wenn ich hier zustimme?“ zeigt, dass wir immer auch für ein unsichtbares Publikum kommunizieren. Die Angst vor dem sozialen Gesichtsverlust oder das Streben nach Bestätigung im eigenen Milieu steuern das Wort, noch bevor es ausgesprochen ist.

Um diese Erweiterung theoretisch zu festigen, hilft ein Blick auf Edmund Husserl und seinen Begriff der Lebenswelt. Kommunikation findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie ist eingebettet in einen vorauszusetzenden Kontext aus Alltäglichkeit, Intuition und Gewissheiten.

Wenn wir kommunizieren, aktivieren wir unsere gesamte Lebenswelt. Wer die lebensweltlichen Voraussetzungen seines Gegenübers (und seine eigenen!) ignoriert, wird zwar Worte austauschen, aber keine echte Verständigung erreichen. Wir müssen verstehen, auf welcher „Ziegelwand“ unser Gegenüber steht, um die Antwort, die er uns gibt, wirklich dechiffrieren zu können.

Einen weiteren Schritt gehen wir mit dem Blick auf die kulturellen Voraussetzungen, wie sie unter anderem Rüdiger Safranski in seinen Analysen zur Geistesgeschichte herausarbeitet. Kommunikation ist immer auch das Erbe von Jahrhunderten kultureller Evolution. Man kann sagen: Unsere Sprache, unsere Metaphern und unsere Werte sind „geliehene“ Werkzeuge, die wir von unserer Kultur erhalten haben.

Wir kommunizieren als Teil eines größeren Stroms. Wer meint, rein „individuell“ zu sprechen, übersieht die mächtigen Strömungen der Tradition und des kollektiven Unbewussten, die jedes Wort mitschwingen lassen.

Halten wir also fest: Es reicht nicht, wenn wir die Untersuchung von Kommunikationssituationen über das „Sender-Empfänger-Modell“ noch mit den fünf Axiomen Watzlawicks erweitern, wie sie in Kurzform präsentiert werden. Es reicht auch nicht, wenn man in einem Gespräch feststellt: Du hast doch erst etwas ganz anderes gesagt. Und auch nicht: Bin gespannt, was dein Vater dazu sagt.

Erst wenn wir auch die Lebenswelt der Sprecher berücksichtigen und in bestimmten Fällen auch den kulturellen Hintergrund  verstehen wir die Kommunikation zwischen Menschen in allen Dimensionen – und damit auch sie selbst.

Entnommen:
Durchblicke bis auf Widerruf – Online-Zeitschrift für Schule und Studium 1/2026

Weiterführende Hinweise

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    Schulz von Thun und Watzlawick in einem Schaubild

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