Was sagt der Buch-Auszug (siehe unten) zur Weimarer Republik?

Das Folgende ist mit freundlicher Genehmigung des Verfassers des E-Books „Geschichte für Durchblicker“ entnommen.

Daher kommt auch die Nummerierung – in dem E-Book war es das Kapitel 22-24.

Wir fassen hier mal die zentralen Aussagen kurz zusammen:

  1. Deutschland hat nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg keinen Bonus für die demokratische Revolution bekommen (Versailler Vertrag).
  2. Das hat die Demokraten geschwächt und Hitler eine Chance auf Dauerpropaganda gegeben.
  3. Ihm kam aber auch die Weltwirtschaftskrise sehr entgegen. Viele Menschen waren schließlich bereit, „das Braunhemd anzuziehen“, weil sie Hitler als ihre einzige Chance sahen.
  4. Ein Problem für die Weimarer Republik war aber auch, dass die Kommunisten nicht bereit waren, mit den Sozialdemokraten die Republik vor dem Faschismus zu bewahren.
  5. Hitler hatte am Ende aber auch entsetzlich viel Glück, dass er so ziemlich im letzten Moment an die Macht gebracht wurde.

22     Nach dem Ersten Weltkrieg: die „verratene“ Demokratie in Deutschland


Nachdem wir das 19. Jahrhundert in seinen tiefen Wurzeln und langen Fernwirkungen be-trachtet haben, ist es an der Zeit, sich Deutschland und Europa nach dem Ersten Weltkrieg und damit dem 20. Jahrhundert zuzuwenden.

22.1     Die Demokraten in Deutschland werden verraten – von den Siegern

Verrat ist sicher ein großes Wort, wenn es um die Frage geht, ob Deutschland nicht bereits nach dem Ersten Weltkrieg eine stabile Demokratie hätte bekommen können. Aber wie soll man es nennen, wenn die Deutschen im Vertrauen auf die großzügigen „14 Punkte“ des a-merikanischen Präsidenten Wilson mit großer Mehrheit seiner Forderung entsprechen, in Deutschland demokratische Verhältnisse einkehren zu lassen.
Genau das war passiert: Sie hatten eine Revolution gemacht und sie hatten sich am Ende nicht für irgendein kommunistisches Modell entschieden, sondern für eine parlamentarische Demokratie wie in Frankreich oder England. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 bekamen die drei demokratischen Parteien SPD, Zentrum und DDP mehr als eine Zweidrittelmehrheit und konnten eine demokratische Verfassung ausarbeiten für ein Land, an dessen Spitze mit Friedrich Ebert als erster Reichspräsident ein Sozialdemokrat stand.
Diese große Mehrheit mit der dahinter stehenden Begeisterung für einen neuen Aufbruch in Deutschland war bereits bei den ersten Reichstagswahlen im Jahre 1920 dahin. Ab dann gab es nur noch schwache Regierungen und am Ende die Selbstaufgabe der ersten Demokratie in Deutschland, als die Weltwirtschaftskrise Millionen von Menschen in Armut und Not führte und sich mit Hitler ein scheinbarer starker Retter anbot.

22.2     Verrat auch durch Sozialdemokraten?

Was war passiert? Was man immer wieder hört, ist der Hinweis darauf, die Revolution sei durch Friedrich Ebert und andere gemäßigte Sozialdemokraten verraten worden. Daran ist auch richtig, dass der Rat der Volksbeauftragten unter Leitung Friedrich Eberts als Revoluti-onsregierung Kontakte mit den Militärs aufnahm und mit ihnen eine Art Deal verabredete: Die Offiziere wurden in ihrer Autorität gegenüber den Revolutionssoldaten gestützt, die Regie-rung konnte dafür in der Auseinandersetzung mit ultralinken Gruppierungen auf die bewaff-nete Macht setzen.
Im Endergebnis führte das dazu, dass die alten Kräfte nicht nur im Militär, sondern auch in der Beamtenschaft bis hin zum Justizwesen weitgehend im Amt bleiben konnten, eine Art konservativer bis undemokratischer Untergrund, der immer wieder für die neue Demokratie unangenehm bis gefährlich werden konnte.

 

22.3     Verteidigung der deutschen Sozialdemokraten um Friedrich Ebert

Aber man darf nicht vergessen, vor welchen Herausforderungen die neue Regierung 1918 stand: Millionen deutscher Soldaten mussten aus dem Ausland zurückgeholt und irgendwie ins zivile Leben integriert werden. Die Alliierten hielten zunächst die Hungerblockade aufrecht und große Mengen an Materialien und Maschinen mussten im Rahmen der Reparationen abgegeben werden. Dazu kam, dass die Entscheidung des Reichskongresses der Arbeiter und Soldatenräte für die Einberufung einer Nationalversammlung und deren Beschlüsse vom Dezember 1918 von linken Gruppierungen wie dem Spartakusbund nicht akzeptiert wurden, und es im Januar 1919 sogar einen Aufstand in Berlin gab, der nur mit Hilfe bewaffneter Kräf-te niedergeschlagen werden konnte.
Vor diesem Hintergrund musste die neue Regierung auf einige Säulen des alten Systems zu-rückgreifen wie eben das Militär und die Beamtenschaft. Sonst wäre ein geordneter Über-gang aus der Kriegswirtschaft in eine Zivilgesellschaft kaum möglich gewesen und es hätten sich unter Umständen noch größere bürgerkriegsähnliche Zustände ergeben, wie das von linken Doktrinären, wie Lenin, geführte Russland sie erlebte.

 

22.4     Das Kernproblem – der Versailler Vertrag

Was die junge Demokratie in Deutschland wirklich nachhaltig belastete und auf Dauer ge-fährdete, waren weniger die Soldaten und Beamten im eigenen Land als ein Friedensvertrag, der alles war nur nicht ein wirklicher Vertrag, der von zwei Parteien auf Augenhöhe ge-schlossen wird. Keine Rede davon, dass deutsche Interessen auch nur einigermaßen ange-messen berücksichtigt wurden, stattdessen ein Siegerdiktat, das zwar nicht direkt in den ö-konomischen Ruin führte, die neue Republik aber auf Dauer belastete und gefährdete.
Auch wenn Deutschland sicherlich einen großen, wenn nicht den größten Anteil am Aus-bruch des Ersten Weltkrieges hatte und mit dem eigenen Siegerdiktat von Brest Litowsk ge-genüber dem besiegten Russland einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen hatte, die Aufarbeitung der Kriegsursachen hätte mehr bringen und differenzierter ausfallen müssen, als Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Kriegschuld zuzuweisen.
Alles andere, die Gebietsabtretungen, die Reparationszahlungen, die militärischen Be-schränkungen waren im Vergleich zu dem unheimlich arroganten Auftreten der Sieger ge-genüber den Besiegten nur noch weitere Nadelstiche, die Hitler ab 1930 einen immer stärker werdenden Zulauf garantierten.
Man darf nicht vergessen, dass nicht einmal die USA mit dem zufrieden waren, was als Frie-densvertrag präsentiert wurde. Wahrscheinlich ahnten sie schon, dass es erneut eine Re-vanche geben würde. Deshalb traten sie dem Lieblingsprojekt ihres Weltkriegspräsidenten Wilson, dem Völkerbund, gar nicht erst bei und taten in den darauf folgenden Jahren viel, um die Reparationslasten für Deutschland zu mildern.

 

23     Exkurs: Der Trick eines Generals und ein doppelter Untergang

Es gab also die Ebene der Staaten, auf der eigene Interessen im Vordergrund standen und eher gegen eine dauerhafte Friedenslösung gearbeitet wurde,
Daneben gab es aber auch innerstaatliche Gruppen und einzelne Personen, die aus persön-lichem oder gruppenbezogenem Egoismus gefährliche Entwicklungen in Gang setzten. Wie sehr scheinbar entfernte Dinge in der Geschichte zusammenhängen können, kann man da-bei sehr gut am Beispiel des Generals Ludendorff zeigen:

 

23.1     Die deutsche Militärführung gibt die Niederlage zu…

Laut dem Tagebucheintrag des Oberst Thaer tritt Ludendorff als einer der beiden Vertreter der mächtigen Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg am 1. Oktober 1918 vor seine engsten Berater und verkündet für diese völlig überraschend, der Krieg sei verloren und es müsse nun schnell ein Waffenstillstand herbeigeführt werden. Sehr richtig wird auch auf die entscheidenden Momente verwiesen, die diese Einschätzung erzwingen: Da ist das Aus-scheiden Bulgariens aus der gemeinsamen Front, Österreich und die Türkei würden auch bald folgen. Im Westen werde zudem die Übermacht der Alliierten durch immer neue ameri-kanische Truppen immer größer.

 

23.2     … hat aber auch eine Idee, wie sie die Schuld abwälzt

Das alles wäre nichts Besonderes, wenn Ludendorff nicht auch gleich schon eine Idee hätte, wie man mit dieser Situation für das Militär einigermaßen günstig umgehen könnte. Statt die eigenen Fehler einzugestehen, verweist er auf die angebliche Wühlarbeit der linken Kräfte in Deutschland und schlägt dann allen Ernstes vor, dass man die Parteien, die im Verlaufe des Krieges immer skeptischer gegenüber der Idee eines Siegfriedens waren und vergeblich rechtzeitige Verhandlungen wollten, nun die Suppe auslöffeln lässt, die sie angeblich einge-brockt hätten.
Und so kommt es tatsächlich: Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger erklärt sich tatsäch-lich bereit, die Waffenstillstandsverhandlungen zu führen, was normalerweise Aufgabe der Militärs wäre. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich alle unangenehmen Forderungen der Alliier-ten sehr schön den demokratischen Mehrheitsparteien aus SPD, Zentrum und Liberalen in die Schuhe schieben.

 

23.3     Die Dolchstoßlegende

Der zweite Mann der OHL, Hindenburg, geht noch einen Schritt weiter, indem er später die so genannte Dolchstoßlegende vertritt und populär macht. Angeblich sei der Sieg des deut-schen Heeres durch die fehlende Unterstützung bzw. sogar zersetzende Streikaktivitäten verhindert worden. Keine Rede ist dann mehr von all den Faktoren, die überhaupt nichts mit der deutschen Heimatfront zu tun hatten.

 

23.4     Die Folgen bis hin zu Hitlers Fanatismus am Ende des Zweiten Weltkrieges

Das verhängnisvolle Erbe dieser Aktivitäten von Ludendorff und Hindenburg war, dass damit während der gesamten Weimarer Republik die demokratischen Politiker belastet werden konnten. Am Ende trug das mit dazu bei, das mit Adolf Hitler jemand an die Macht kommen konnte, der den Kampf gegen die sogenannten Novemberverbrecher zu einem seiner Le-bensziele gemacht hat.
Als dann sein zweiter Krieg, für den er allein die Verantwortung trug, 1945 erneut in eine Niederlage mündete, tat Hitler alles, um es nicht zu einem erneuten „November 1918“ kom-men zu lassen. Schon in den Jahren davor wurden alle Deutschen streng bestraft, die nicht mehr an den Endsieg glaubten. Defätismus bzw. Wehrkraftzersetzung war eine der häufigs-ten Begründungen für Todesurteile.
In die gleiche Richtung ging der sogenannte Nerobefehl, der Versuch Hitlers, den Siegern nur eine Art verbrannte Erde zurückzulassen, was auch bedeutet hätte, die an sich schon durch die Bombenangriffe der Alliierten stark geschmälerte Lebensgrundlage für die Deut-schen noch stärker zu schmälern. Es ist dem Rüstungsminister Speer zu verdanken, dass dieser Befehl Hitlers nicht komplett umgesetzt wurde.
Auf jeden Fall wird deutlich, wie verhängnisvoll der Umgang mit der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg von Anfang an war: Statt dass die Generäle die wirklichen Ursachen klärten und dabei auch eigene Fehler zugaben, schoben sie die Schuld den demokratischen Politikern in die Schuhe, die dadurch diskreditiert (in ein schlechtes Licht gerückt) wurden. Zugleich spielte man damit Hitler in die Hände, der aus dieser Schuldzuweisung ein noch größeres Projekt machte und es vor allem nutzte, um Deutschland fast in den totalen Ab-grund zu führen.

 

23.5     Die Mithilfe der Alliierten bei der Verhinderung eines zweiten Jahres 1918


Vor diesem Hintergrund ist es auch verständlich, warum die Alliierten wenig Interesse daran hatten, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten und Anfang 1943 in Casablan-ca die bedingungslose Kapitulation Deutschlands als Ziel ausgaben. Auch aus ihrer Sicht sollte sich ein November 1918 nie mehr wiederholen.
Sie hatten allerdings auch an einer anderen Stelle aus dem Ersten Weltkrieg gelernt: Zwar gingen sie 1945 viel weiter als im Ersten Weltkrieg, übernahmen sogar die Regierungsgewalt in Deutschland und verhafteten die letzte Regierung, zugleich gaben sie den besiegten Deut-schen aber auch eine echte Chance, ein besseres Gemeinwesen aufzubauen und sich einen neuen und besseren Platz in der Gemeinschaft demokratischer Nationen zu erarbeiten.
Damit war aus dem doppelten Untergang – zunächst der innere der Weimarer Republik und dann der äußere des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg – doch noch eine Wiederge-burt eines Phönix aus der Asche geworden – auch wenn diese mehrere Jahrzehnte dauerte und erst 1990 in der deutschen Wiedervereinigung ihren vorläufigen Abschluss fand.

24     Die Weimarer Republik – Stabilisierung und Niedergang

Die ersten vier Jahre der Republik waren durch große Unsicherheiten geprägt. Zwar hatte die Nationalversammlung im Jahre 1919 eine Verfassung angenommen, die dem Reichspräsi-denten als eine Art Ersatzkaiser viel Macht einräumte, das bewahrte sie aber nicht vor gro-ßen Krisen.24.1     Die Gefahr von links – die Räterepubliken
Da gab es zunächst einmal die linken Räterepubliken, deren politische und soziale Experi-mente neben dem parlamentarisch-demokratischen Projekt herliefen und die durch regie-rungstreue sogenannte Freikorps, aus mit zum Teil recht konservativen bis rechtsextremen Elementen, blutig zerschlagen wurden.

24.2     Die Gefahr von rechts – der Kapp-Putsch

Im März 1920 kam es dann zu einer ersten großen Krise, die die gesamte Republik betraf. Vor dem Hintergrund der durch den Versailler Vertrag bedingten Demobilisierung einer gro-ßen Zahl von Soldaten (Deutschland durfte nur noch 100.000 Soldaten unter Waffen halten) kam es zu einem Putsch von Teilen der Armee unter einem selbst ernannten Reichskanzler Kapp, den die Regierung nur überlebte, weil die Gewerkschaften einen Generalstreik ausrie-fen und die Beamten den Dienst verweigerten. Interessant, dass hier noch linke und konser-vative Kräfte gemeinsam die Republik stützten. Bezeichnend war allerdings schon, dass die Aufrührer nur sehr mäßig bis gar nicht bestraft wurden und die Richterschaft in den Folgejah-ren sich immer wieder auf dem rechten Auge blind zeigte.

 

24.3     Die Gefahr von außen – der „Ruhrkampf“ und seine Folgen

Eine noch größere Krise kam dann im Jahre 1923, als Franzosen und Belgier wegen kleine-rer Rückstände bei den Reparationen ins Ruhrgebiet einmarschierten und dort versuchten, mit Gewalt Abgaben zu erzwingen.
Die Regierung ermunterte die Bevölkerung zum passiven Widerstand, was zu vielen gefährli-chen Situationen auch mit Toten führte, vor allem aber viel Geld kostete und aus der schon laufenden Inflation eine galoppierende oder auch Hyper-Inflation machte. Dies bedeutet kon-kret, dass alle, die über Geld verfügten, nur verlieren konnten. Das ging von Vermögenden, die ihr Geld nicht rechtzeitig in Sachwerten anlegten, bis zu den einfachen Beschäftigten, die abends ihren Lohn in Koffern abholen mussten, um das Geld direkt für lebensnotwendige Einkäufe einsetzen zu können, bevor es am nächsten Tag noch weniger wert war.

 

24.4     Ein kleiner Putsch mit großer Langzeitwirkung – Hitler im November 1923

Die Reichsregierung brach dann irgendwann den so genannten „Ruhrkampf“ ab, konnte aber nicht verhindern, dass es auch im eigenen Land zu gefährlichen Entwicklungen kam. Da gab es auf der einen Seite Arbeiteraufstände, die brutal von Freikorps und Reichswehr niederge-worfen wurden, – und es gab einen seltsamen Versuch eines Marsches auf Berlin, bei dem sich Adolf Hitler erstmals  einer breiteren Öffentlichkeit präsentierte und versuchte, die Machtergreifung Mussolinis in Italien nachzuahmen.
Das Experiment brach allerdings schon nach wenigen Metern im Feuer der Polizei zusam-men, eine überaus wohlwollende Justiz ermöglichte dem Hochverräter aus dem Ausland dann aber eine relativ komfortable Haft, in der er in aller Ruhe und sogar mit Unterstützung eines Sekretärs sein Propagandawerk „Mein Kampf“ schreiben konnte.
Vor allem zog er eine Konsequenz, die Millionen von Menschen das Leben kosten sollte: Hit-ler setzte ab jetzt auf eine scheinbar legale Strategie – und die brachte ihn dann im Januar 1933, also knapp 10 Jahre später, wirklich an die Macht. Anderthalb Jahre später hatte er sich dann die totalitäre Diktatur aufgebaut, von der er 1923 nur träumen konnte.

 

24.5    Hitlers Programmschrift „Mein Kampf“

Hitler schrieb dieses Buch in der Haft nach dem gescheiterten Putsch von 1923. Er wollte sich damit rechtfertigen und ein Programm für die Zukunft vorlegen.
Mit dem Buch ist es Hitler lange gelungen, seine eigene Vorgeschichte zu fälschen. Er tat nämlich so, als hätte er schon ganz früh die angebliche Gefährlichkeit des Judentums er-kannt, in Wirklichkeit gibt es keine klar antisemitischen Äußerungen aus der Zeit vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Erst die deutsche Niederlage und die Russische Revolution machten Hitler zu einem „Politiker“, der glaubte, den Schlüssel für alle Probleme gefunden haben, nämlich in seinem Hass auf so gegensätzliche Welten wie die des Liberalismus und des russischen Zwangs- und Diktaturkommunismus. Und das Schrecklichste war, dass er beiden Welten die Juden als angebliche Hintermänner und Drahtzieher zuordnete, was zur Verfolgung und im Zweiten Weltkrieg sogar zur Vernichtung von Millionen von Menschen führte.
Die wesentlichen Elemente des Buches sind die Rassentheorie und die Idee des Lebens-raums. Dazu kommt ein Plädoyer für eine „germanische Demokratie“, die nichts anderes war als ein Führerprinzip, wie es nach 1933 in Deutschland durchgesetzt wurde – mit der schlim-men Folge, dass der oberste „Führer“ die Vernichtung des deutschen Volkes in Kauf nahm („Nerobefehl“), weil es angeblich nicht fähig gewesen war, sich im Weltkrieg durchzusetzen.
Seltsam widersprüchlich sind die Urteile über „Mein Kampf“: Auf der einen Seite sei es un-lesbar, konfus usw. Auf der anderen Seite hat die Politik in Deutschland es bis zum letztmög-lichen Zeitpunkt versucht zu verhindern, dass dieses Buch ganz normal von jedem gelesen werden kann. Ende 2015 ist es soweit – die vom Land Bayern übernommenen Copryright-Rechte laufen aus – man hat versucht, mit kommentierten Ausgaben möglichen Missver-ständnissen und propagandistischer Neu-Verwertung des Buches entgegenzuwirken.

 

24.6    Kurzzeitig positive Folgen des Krisenjahres 1923

Ein Gutes hatten die Ereignisse des Jahres 1923 allerdings: Dem neuen Reichskanzler Stre-semann, einem der fähigsten Politiker der Weimarer Republik, der 1929 allerdings zu früh starb, gelang die Einführung einer neuen Währung, die dann erstaunlicherweise stabil blieb. Zum anderen sahen die Alliierten ein, dass man das Problem der Reparationen „kommerzia-lisieren“ musste. Das bedeutet, dass man einen wirtschaftlich erträglichen Weg suchte, der es Deutschland ermöglichte, seinen Verpflichtungen nachzukommen, ohne die Bevölkerung zu überfordern.

 

24.7     Die Krise kehrt zurück – Teil 1: Der Young-Plan

Ein Problem dieses so genannten Dawes-Plans von 1924 war allerdings, dass jährlich stei-gende Reparationsleistungen vorgesehen waren, die 1929 eine erneute Regelung erzwan-gen. Der in diesem Zusammenhang beschlossene Young-Plan erleichterte zwar wieder die jährlichen Lasten, legte aber als Endpunkt das Jahr 1988 fest. Man kann sich vorstellen, wie die Bevölkerung und vor allem die politische Rechte darauf reagierte: Man sprach von einer „Versklavung sogar noch der Enkel“ und die Bereitschaft, sich später dem angeblichen Heilsbringer Hitler in die Hände zu geben, wurde noch größer.

 

24.8     Die scheinbar ruhigen Jahre 1924-1929

Insgesamt sieht man, dass es in der Mittelphase der Weimarer Republik, also in den Jahren 1924 bis 1929, eine gewisse Beruhigung der Situation gab. Deutschland wurde sogar in den Völkerbund aufgenommen, nachdem es in den so genannten Locarnoverträgen seine West-grenze jetzt auch freiwillig und damit endgültig anerkannt hatte. Aber zu weiteren Annähe-rungen zwischen Frankreich und Deutschland kam es nicht mehr und die finanzielle Zeit-bombe tickte, wie eben gezeigt wurde.

 

24.9     Die Krise kehrt zurück – Teil 2: Die Weltwirtschaftskrise

Als dann 1929 die Weltwirtschaftskrise ausbrach, zeigte sich bald, dass die deutsche Demo-kratie auf tönernen Füßen stand, Weimar tatsächlich eine „Republik ohne Republikaner war“, wie es ein Kritiker formuliert hat. Die letzte vom Parlament bestimmte Regierung, getragen von einer großen Koalition unter Reichskanzler Müller, zerbrach im Frühjahr 1930 an der Frage, ob man die in der Krise anwachsenden Lasten für die Arbeitslosenversicherung durch weniger Leistung oder mehr Beiträge (auch der Arbeitgeber) ausgleichen sollte.

 

24.10     Ab 1930: Das Ende des Parlamentarismus in Deutschland – das Präsidialsystem

In dieser Situation versuchte der Reichspräsident Hindenburg und seine konservative Umge-bung gar nicht mehr, eine neue parlamentarische Regierung zusammenzubringen, sondern man setzte schnell auf ein Konzept, bei dem man glaubte, die ungeliebte SPD außen vorhal-ten zu können.
Hindenburg ernannte einen Zentrumspolitiker namens Brüning zum Reichskanzler und setzte mithilfe des Art. 48 (Erlaubnis zu sogenannten Notverordnungen) und des Art. 25 (Möglich-keit der Auflösung des Reichstags) durch, dass die neue Regierung weitgehend ohne Parla-ment regieren konnte. Dies führte bei wachsender Krise bis Ende 1932 zu einem ständigen Anwachsen der linken und rechten Republikgegner – am Ende hatten KPD und NSDAP ge-meinsam eine Mehrheit, mit der sie natürlich nicht regieren konnten, mit der sich aber alles verhindern ließ.

 

24.11     Das Ende des Rechtsstaates – die Übertragung der Macht an Hitler

Im Januar 1933 war es dann so weit, dass Hindenburg bereit war, auf Empfehlung eines Herrn von Papen, der als Nachfolger Brünings kurz und erfolglos Reichskanzler gewesen war, Adolf Hitler zum neuen Regierungschef zu machen. Die Befürworter dieses Modells im konservativen Lager glaubten, Hitler und seine Bewegung kontrollieren zu können, SPD und Gewerkschaften hofften darauf, dass sich der neue Reichskanzler schnell als unfähig erwei-sen würde, denn Propaganda macht schließlich noch keinen politischen Erfolg. Beide Lager sollten sich auf fürchterliche Weise irren, denn dem Agitator und Propagandisten gelang es in weniger als zwei Jahren die politische Szene völlig zu verändern und eine totalitäre Diktatur aufzubauen.

Weiterführende Hinweise