Wie diese Geschichte entstanden ist.
Wer sich dafür nicht so interessiert, kann hier gleich zur Geschichte „springen“.
Eine der unangenehmen Seiten des Systems Schule sind die ständigen Prüfungen. Besonders extrem kann das werden, wenn man einen guten Abschluss braucht, um sein Lebensziel zu erreichen.
Diese Situation hat bei uns ein bisschen Fantasie ausgelöst, und daraus ist die folgende Kurzgeschichte entstanden:
Vielleicht hilft sie dem einen oder der anderen, sich nicht zu sehr auf ein einziges Ziel zu fokussieren. Das Leben hält viel mehr bereit, und manchmal auch ein sehr überraschendes Ergebnis.
Für alle, die sich dafür interessieren, wie solche Geschichten entstehen:
Ausgangspunkt war ein Ausschnitt aus dem Video eines sehr erfahrenen Coaching-Experten.
https://youtu.be/-eyah3OZ6mc?si=Cwt6rAiOSUhYzSee
Kaum hatten wir die Sätze gehört: „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Situationen“, da haben wir abgeschaltet.
Und dann haben wir das gemacht, was man immer tun sollte.
Hinterher noch einmal drüber nachdenken.
Und dann ging uns plötzlich ein Licht auf. Vielleicht war das ja mit der Herausforderung positiv gemeint. Und tatsächlich war in dem Video anschließend, als wir es weiter angeschaut haben, die Rede davon, dass solche Herausforderungen auf jeden Fall zu mehr Wachstum im eigenen Leben führen.
Wieder haben wir abgeschaltet aber aus einem anderen Grund: Da sahen wir eine Situation vor unserem inneren Auge, aus der gut eine Kurzgeschichte entstehen konnte.
Wir wissen nicht genau, ob der Coach das auch so wie Onkel Werner in der Geschichte formuliert hat. Aber wir freuen uns immer, wenn eine Idee in einem weiterarbeitet.
Ganz gleich, ob man auf der Linie des Vordenkers bleibt oder was noch schöner ist, eine eigene Idee hat.
Hier die Vorschau

Und hier die Druckversion
Und hier der Text der Geschichte
Anders Freistein
Die Taxi-Prüfung
Der Duft von aufgebackenen Brötchen hing schwer im Esszimmer, aber es war nicht die Atmosphäre wie sonst. Lena starrte auf ihr Müsli. Die Haferflocken hatten sich bereits vollgesogen und bildeten eine graue Masse, die so bleiern wirkte wie ihr Magen.
„Kopf hoch, Lena“, sagte ihr Vater und klopfte mit dem Löffel rhythmisch auf die Tischkante. Er trug bereits sein Business-Hemd. „Heute Mittag hast du die Abi-Klausur hinter dir – und dann bist du wieder einen Schritt weiter. Die Punktzahl, die du brauchst für das Medizinstudium hast du sicher. Wir glauben an dich. Ich hab dir doch von diesem Coach erzählt: Es gibt keine Probleme – nur Situationen und entsprechende Herausforderungen.“
„Genau“, ergänzte ihre Mutter, während sie eine proteinreiche Quarkspeise glattstrich. Sie saß kerzengerade, die Haltung einer Frau, die jahrelang als Spitzensportlerin Hürden nicht nur übersprungen, sondern bezwungen hatte. „Der NC für Medizin ist kein Hindernis, er ist ein Zielpfosten. Denk an das Intervalltraining: Wenn die Lunge brennt, fängt der Sieg erst an. Wir glauben an dich. Du schaffst das, weil Scheitern keine Option sein darf. Allein schon das Denken an so was macht einen schwach.“
Lena nickte mechanisch. Das war ja das Problem. Sie fokussierte sich ja schon, seitdem sie heute Morgen aufgewacht war. Nur eben auf ihre Angst, bei der Klausur irgendwas zu vergessen.
Am Ende des Tisches saß Onkel Werner. Er war gestern zur Silberhochzeit der Nachbarn angereist und hatte im Gästezimmer übernachtet. Er rührte in seinem Kaffee und beobachtete eine Fliege am Fensterkreuz. Werner war Journalist gewesen, einer von der alten Schule, der den Granitboden der Realität öfter geküsst hatte, als ihm lieb war.
„Du hast doch auch immer alles gegeben, Werner, oder?“, fragte der Vater und suchte Bestätigung für sein Coaching-Diktat.
Werner sah von seinem Kaffee auf. „Ich habe oft alles gegeben und bin trotzdem immer wieder mal gegen die Wand gefahren“, sagte er ruhig. Die Eltern hielten inne. „Statistisch gesehen gehen achtzig Prozent der Dinge schief, die wir uns vornehmen. Das ist kein Pessimismus, das ist die Schwerkraft.“
Die Mutter lachte kurz und gepresst. „Das hilft Lena jetzt sicher sehr, Werner.“
„Vielleicht doch“, sagte Werner und wandte sich direkt an seine Nichte, deren Augen zum ersten Mal vom Müsli hochschnellten. „Lena, dein Vater hat Recht. Wir haben uns gemeinsam diese Coaching-Videos angesehen. Aber er hat was vergessen. Am Ende hieß es: Die Herausforderungen sind Chancen zum Wachsen. Aber ich hatte Situationen – so etwas nicht geklappt hat – aber dabei hat sich ein anderer Weg ergeben – und ich war hinterher sogar froh.“
Draußen ertönte ein kurzes, zweifaches Hupen. Das Taxi.
Werner stand auf und griff nach seinem Mantel, der über der Stuhllehne hing. Er trat zu Lena und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die Eltern sahen ihn erwartungsvoll an, in der Hoffnung auf einen letzten motivierenden Satz.
„Hör zu“, sagte Werner leise. „Denk nicht mehr nur an das eine Ziel. Sondern an die Tür, die nach dem Abitur aufgeht. Es kann eine ganz andere sein. Medizin ist ein Beruf, aber kein Leben – und auf das kommt es an.
Als Lena jetzt aufsprang und ihn spontan umarmte, war er doch etwas überrascht. Aber er freute sich – sie sah entspannter aus als vorher. Was sie dann sagte, beschäftigte ihn noch einige Zeit: „Onkel Werner, du hast jetzt das erste Mal heute Morgen gelächelt.“ Da wusste er: Dieses Frühstück war anders gelaufen als gedacht – jetzt lag Wachstum in der Luft.
Weitere Infos
- Infos zu und Materialien von „Prof“ Freistein
https://schnell-durchblicken.de/freistein
— - „Kreatives Schreiben“
https://textaussage.de/kreativ-im-deutschunterricht-themenseite
Infos, Tipps und Materialien auf Youtube zum Thema „kreatives Schreiben“
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv3dYx3OHA0Gtvs9pb3kc0SI
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos