Anders Freistein, „Die Taxi-Prüfung“ (Mat5033-ftp)

Wie diese Geschichte entstand

Ausgangspunkt war ein Video eines erfahrenen Coaching-Experten – zu finden hier:

https://youtu.be/-eyah3OZ6mc?si=Cwt6rAiOSUhYzSee

Der Satz „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Situationen“ hat uns erst stutzig gemacht – und dann, nach kurzem Nachdenken, auf eine Idee gebracht. Denn der Coach meinte etwas Ermutigendes: Herausforderungen sind Chancen zum Wachsen. Auch dann, wenn sie sich im ersten Moment anfühlen wie Scheitern.

Daraus ist diese Kurzgeschichte entstanden. Sie fragt: Was passiert, wenn jemand durch eine Prüfung fällt – und dabei ausgerechnet den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung macht? Vielleicht hilft sie dem einen oder der anderen, den Blick vom einzigen Ziel zu lösen und die Tür zu sehen, die dahinter aufgehen kann.

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Die Geschichte – mit Lese-Scout-Kommentaren

Anders Freistein
Die Taxi-Prüfung

Der Duft von aufgebackenen Brötchen hing im Esszimmer, aber die Stimmung war anders als sonst. Lena starrte auf ihr Müsli.

„Kopf hoch“, sagte ihr Vater. „Heute Mittag hast du die Abi-Klausur hinter dir. Die Punktzahl für Medizin hast du sicher. Wir glauben an dich. Kein Coach der Welt sagt: Scheitern ist eine Option.“

„Genau“, ergänzte ihre Mutter. „Der NC ist kein Hindernis, er ist ein Zielpfosten. Scheitern darf keine Option sein – allein das Denken daran macht einen schwach.“

Lena nickte. Das war ja das Problem. Sie fokussierte sich bereits – nur leider auf ihre Angst, irgendwas zu vergessen.

🔍 Lese-Scout: Ein klassischer Einstieg – aber mit einer feinen Wendung. Die Atmosphäre wirkt heimelig (Brötchen, Frühstückstisch), ist es aber nicht. Der erste Satz setzt mit „anders als sonst“ sofort ein Signal: Hier stimmt etwas nicht. Die Eltern reden viel – und sagen dabei fast dasselbe. Das ist kein Zufall: Die Wiederholung zeigt, wie sehr sie unter Druck stehen, Lena zu motivieren. Und Lena? Sie nickt – aber ihr Kopf ist längst woanders. Der Leser weiß sofort: Das Coaching zieht nicht.

Am Ende des Tisches saß Onkel Werner. Er war zur Silberhochzeit der Nachbarn angereist und hatte im Gästezimmer übernachtet. Er rührte in seinem Kaffee. Werner war Journalist gewesen, einer von der alten Schule.

„Du hast doch auch immer alles gegeben, Werner, oder?“, fragte der Vater.

„Ich habe oft alles gegeben und bin trotzdem gegen die Wand gefahren“, sagte Werner ruhig. „Meistens jedenfalls.“

Die Mutter lachte kurz. „Das hilft Lena jetzt sicher sehr.“

🔍 Lese-Scout: Werner wird zunächst nur beobachtet – er rührt in seinem Kaffee, sagt nichts. Das ist Technik: Die Figur, die am Ende das Wichtigste sagt, wird zuerst als Außenseiter eingeführt. Der Vater versucht ihn einzuspannen – als Verstärker seiner Botschaft. Werner macht das Gegenteil. Sein Satz „gegen die Wand gefahren“ klingt pessimistisch, ist aber ehrlich. Die Mutter lacht ihn kurz weg – und verrät damit, dass sie Ehrlichkeit gerade nicht gebrauchen kann.

„Ja, genau das meine ich.“ Werner stellte seine Kaffeetasse ab. „Ich wollte Journalist werden. Bin auf eine gute Schule gekommen – und dort hat mich einer der Dozenten so fertiggemacht, dass ich kurz vor dem Abbruch stand. Ich dachte: Geld verdienen, Abstand gewinnen. Also Taxi. Ich habe viel gelernt für die Prüfung. Und bin trotzdem durchgefallen.“

Er machte eine kleine Pause.

„Danach saß ich in einer Kneipe und wollte erst mal gar nichts mehr. Ein alter Kumpel setzte sich zu mir. Wir haben geredet, lange. Irgendwann sagte er: ‚Weißt du was – vielleicht ist es ganz gut, dass du durch diese Taxiprüfung gefallen bist. Versuch es lieber noch mal bei dem, was du wirklich machen willst.'“ Werner zuckte leicht mit den Schultern. „Ich hab’s versucht. Es hat geklappt.“

🔍 Lese-Scout: Jetzt öffnet sich die Geschichte. Werner erzählt nicht als Ratgeber, sondern aus dem eigenen Leben – und das ist der entscheidende Unterschied zu den Eltern. Die haben Coaching-Sätze. Werner hat eine Geschichte. Dramaturgisch ist das der Wendepunkt: Was vorher als Scheitern wirkte (Taxiprüfung nicht bestanden), stellt sich als Umweg heraus, der zum richtigen Ziel führte. Und es war kein Plan – sondern ein Gespräch in einer Kneipe. Das Leben funktioniert oft so.

Werner wandte sich direkt an seine Nichte, deren Augen zum ersten Mal vom Müsli hochschnellten.

„Denk nicht nur an das eine Ziel“, sagte er leise. „Sondern an die Tür, die danach aufgeht. Es kann eine ganz andere sein – und manchmal ist das die bessere.“

Draußen ertönte ein kurzes, zweifaches Hupen. Das Taxi.

🔍 Lese-Scout: „Das Taxi“ – drei Worte, ein ganzer Moment. Das Hupen kommt genau nach Werners Rat, nicht davor. Das ist kein Zufall: Der Autor lässt den wichtigsten Satz erst fallen, bevor die Szene endet. Und dann klärt sich auch der Titel: „Die Taxi-Prüfung“ meint nicht Lenas Abi-Klausur. Es ist Werners eigene alte Prüfung – die er nicht bestanden hat und die trotzdem der Anfang von allem war.

Werner stand auf und griff nach seinem Mantel. Als Lena aufsprang und ihn umarmte, war er einen Moment überrascht. Sie sah entspannter aus als vorher.

„Onkel Werner“, sagte sie, „du hast heute Morgen zum ersten Mal gelächelt.“

Da wusste er: Dieses Frühstück war anders gelaufen als gedacht.

🔍 Lese-Scout: Der Schluss gehört Lena – sie sagt das Überraschendste. Nicht „danke“ oder „das hilft mir“, sondern eine Beobachtung: Werner hat gelächelt. Damit dreht sich die Geschichte noch einmal um. Nicht nur Lena hat etwas bekommen, sondern auch Werner. Das Erzählen seiner Geschichte hat ihm selbst etwas gegeben. So endet die Geschichte offen und warm – ohne Moral mit dem Hammer, aber mit einem leisen, bleibenden Nachklang.

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