Anders Freistein, „Wohl dem, der sich rechtzeitig schlau machen lässt“ (Mat4280-wge)

Schönes Beispiel für die KI als Sparringspartner

  • Seitdem wir uns an die KI gewöhnt haben, nutzen wir sie nicht nur dafür, um etwas erstellen zu lassen.
  • Wir nutzen sie auch, um eine Idee, deren Folgen wir nicht komplett überblicken, durch die KI einfach mal checken zu lassen.
  • Da kommt nämlich ihr großer Vorteil zum Tragen, über ganz viele Daten und vergleichbare Muster zu verfügen.
  • Daraus ist die folgende Kurzgeschichte entstanden. Sie zeigt, was passiert, wenn man vorher sich nicht ein bisschen absichert.

Vorschau und Druckvorlage

Der Text

Anders Freistein

Wohl dem, der sich rechtzeitig schlau machen lässt

Der Nieselregen machte die Dämmerung an der Haltestelle noch trister. Ich drückte mich unter das schmale Glasdach. Neben mir stand Bernd. Er sah furchtbar aus. Die Schultern hingen, der Blick klebte auf seinen nassen Schuhspitzen, und die sonst so akkurat sitzende Aktentasche baumelte nachlässig in seiner Hand. Er wirkte, als hätte ihm jemand die Luft abgelassen.

„Hey Bernd, alles klar?“, fragte ich vorsichtig. Er zuckte kurz zusammen, sah auf und zwang sich zu einem matten Lächeln. „Ja, ja. Muss.“

Während er wieder ins Leere starrte, spulte mein Gedächtnis automatisch den Film unseres letzten Treffens an genau diesem Ort ab. Es war erst drei Monate her, aber es wirkte wie aus einem anderen Leben. Damals war Bernd eine wandelnde Energiequelle gewesen. Er hatte gestrahlt.

„Du glaubst nicht, was die neuen KI-Skripte leisten!“, hatte er mir damals fast zugerufen, während er aufgeregt mit den Armen ruderte. „Ich habe mir ein paar kleine Programme geschrieben, die die ganzen Standardauswertungen und die Berichte im Backend automatisieren. Ich schwöre dir: Was früher sechs Stunden gedauert hat, erledige ich jetzt im Homeoffice in zwei! Ich bin fertig, bevor der erste Kaffee kalt ist.“ Er hatte gelacht, ein Siegerlachen. „Die gewonnene Zeit nutze ich jetzt für Sport und zum Kochen. Endlich mal ein echtes Leben neben dem Job. Die KI ist der absolute Gamechanger, sage ich dir.“

Er hatte damals sogar kurz davor gestanden, ins Büro zurückzukehren, weil er sich so sicher fühlte. „Ich habe mir überlegt, ich spreche morgen mal mit dem Chef“, hatte er mir mit leuchtenden Augen anvertraut. „Ich werde ihm vorschlagen, dass wir diese Regelung auch für die Bürosituation adaptieren. Wenn die Arbeit getan ist, ist sie getan. Warum soll ich die restliche Zeit absitzen? Das ist doch ein Win-Win: Ich bin motivierter, und der Output ist gleich hoch. Der Chef ist ja ein moderner Typ, der wird das verstehen. Ich will früher nach Hause gehen, wenn die KI meinen Job gemacht hat.“

Genau in diesem Moment, als ich den Mund aufmachen wollte, um etwas zu entgegnen – ein vages Gefühl der Skepsis hatte sich schon damals gemeldet – bog der 14-Uhr-Bus um die Ecke. Bernds Bus. „Oh, da ist er! Wir hören uns!“, hatte er gerufen, war aufgesprungen und im Getümmel verschwunden. Ich hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, zu reagieren. Die Sache war im Alltag untergegangen.

Bis heute. Bis zu diesem Häufchen Elend neben mir im Nieselregen.

Ich sah Bernd an. Die Diskrepanz zwischen der Erinnerung und der Gegenwart war so krass, dass ich nicht anders konnte. „Sag mal, Bernd“, fing ich an, „was ist eigentlich aus deiner großen Idee geworden? Dem Gespräch mit dem Chef über die KI-Zeitersparnis und das frühere Gehen?“

Bernd stieß ein Geräusch aus, das wie ein trockenes Lachen klang, aber nach Schmerz schmeckte. Er sah mich direkt an, und in seinen Augen lag eine Bitterkeit, die mich erschrak.

„Das Gespräch“, sagte er leise, „war kurz.“

„Und? Hat er es verstanden?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.

„Er hat gelächelt, ja“, erzählte Bernd, und seine Stimme wurde fester, fast mechanisch. „Er hat gesagt: ‚Herr Weber, das ist ja ein hervorragender Fortschritt. Ich wusste gar nicht, dass Sie so IT-affin sind.‘ Er hat kurz auf seinem Tablet getippt und dann gesagt: ‚Gut, wenn die Standardaufgaben jetzt nur noch zwei statt sechs Stunden dauern, dann haben wir ja vier Stunden Kapazität für die neuen Projekte aus der Zentrale gewonnen. Ich trage Ihnen die direkt mal ein. Und Herr Weber? Wir müssen uns dann demnächst auch mal über Ihre Zielvereinbarungen und die Provision unterhalten. Wenn die Arbeit dank KI jetzt so mühelos von der Hand geht, müssen wir die Messlatte natürlich anpassen. Die Baseline hat sich verschoben.‘“

Bernd hielt kurz inne. Ein Windstoß blies uns den Regen ins Gesicht. Er wischte sich über die Wange. „Ich bin nicht früher nach Hause gegangen. Ich habe jetzt ein höheres Pensum, strengere Ziele und – wenn ich die neuen Projekte nicht schaffe – wahrscheinlich bald weniger Geld.“

Ich war sprachlos. Meine Skepsis von damals war zur Realität geworden. Bernd sah mir tief in die Augen und fügte mit einer Eiseskälte in der Stimme hinzu, die ich ihm nie zugetraut hätte: „Und zum Abschied hat er noch etwas gesagt. So ganz beiläufig, während er schon wieder auf seinen Monitor sah: ‚Wissen Sie, Herr Weber, mit solchen Effizienzsprüngen machen Sie sich natürlich unverzichtbar. Aber ich gebe Ihnen einen Tipp: Wenn KI-Agenten die Arbeit fast alleine machen, sollten wir uns gut überlegen, wen wir als Erstes auf die Liste derer setzen, die durch KI ersetzt werden können. Denn KI-Skripte stellen solche Fragen wie Ihre nicht. Die fordern keine Freizeit, die arbeiten einfach weiter. Denken Sie mal drüber nach, was das für Sie bedeuten kann“

Bernd wandte sich ab. Er sah wieder auf seine Schuhe. „Ich habe mein Pulver verschossen“, flüsterte er. „Ich hätte einfach den Mund halten sollen. Im Homeoffice hätte das niemand gemerkt.“

Von weitem sah ich meinen Bus kommen, aber es reichte zumindest noch, um ihm zu sagen. Oh, das tut mir leid. Vielleicht passt der folgende Tipp ja auch für dich, den mein Sohn in der Schule bekommen hat. Schüler haben ja immer die Angst, dass sie sich mit einer Frage oder Idee lächerlich machen. Wenn sie das vorher zu Hause in Ruhe mit der KI klären, müssen sie sich keine großen Sorgen mehr machen. Ganz im Gegenteil, sie können Ihre idee noch in größere Zusammenhänge stellen.

Bernd war sprachlos. Aber während ich mich verabschiedete und in den Bus stieg, hörte ich noch, wie er mir nachrief: Beste Idee des Tages, danke.

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