Worum es geht
Ein junger Lehrer, erst seit einem halben Jahr an seiner neuen Schule und dort schon sehr geschätzt, hat ein Problem: Heute Abend ist der Abi-Ball. Die Schulleiterin freut sich darauf, ihn allen vorzustellen. Und er weiß, dass er diesen Abend eigentlich nicht durchstehen kann.
Die Kurzgeschichte zeigt einen Druck, der ganz ohne Drohung auskommt – er entsteht aus Freundlichkeit und Anerkennung. Und sie zeigt eine Lösung, die zunächst verblüfft und dann zum Nachdenken bringt: Ist das eine kluge List, eine ehrliche Reaktion des Körpers – oder einfach Glück?
Der Titel knüpft an Bertolt Brechts „Maßnahmen gegen die Gewalt“ aus den „Geschichten vom Herrn Keuner“ an. Das Fragezeichen ist dabei ernst gemeint: Ob das wirklich eine Maßnahme ist, darf jeder selbst entscheiden.
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Vorschau und Druckvorlage

Die Geschichte – Abschnitt für Abschnitt erklärt
Hier folgt die Geschichte Abschnitt für Abschnitt. Die Zwischenüberschriften zeigen schon beim Überfliegen, was passiert. Unter jedem Textabschnitt steht eingerückt, warum er so gebaut ist und was er für die Wirkung leistet.
1. Ein Lehrer kommt zu früh nach Hause
I.
Er stellte die Tasche in den Flur und blieb stehen. Aus der Küche kam der Geruch von Zwiebeln.
„Du bist früh“, rief Katrin.
- Ein typischer Kurzgeschichten-Einstieg: mitten hinein, ohne Vorstellung der Figuren.
- Das Stehenbleiben verrät schon, dass etwas nicht stimmt. Der Zwiebelgeruch steht für einen ganz normalen Alltag – umso deutlicher wirkt die Anspannung dagegen.
2. Heute Abend ist Abi-Ball – für ihn eine fremde Welt
„Heute Abend ist der Abi-Ball.“
Sie kam in den Flur, das Geschirrtuch noch in der Hand, und sah ihn an. Sie brauchte nicht zu fragen. Seit zwölf Jahren wusste sie, was solche Abende für ihn bedeuteten. Die Musik, die Kleider, die Paare auf der Tanzfläche. Und das Lächeln, das man dabei im Gesicht tragen musste. Dort, wo er herkam, hatte man so etwas nicht gemacht. Man hatte es nicht einmal verboten. Es kam einfach nicht vor.
- Ein einziger Satz genügt, und Katrin versteht sofort. Das zeigt, wie vertraut ihr das Problem nach zwölf Jahren ist.
- Die Geschichte erklärt die Herkunft nicht genauer. Gerade dadurch können sich viele Leser wiederfinden, die aus ganz unterschiedlichen Gründen mit solchen Festen fremdeln.
- Wichtig ist die Nuance: nicht verboten, sondern einfach fremd – „Es kam einfach nicht vor.“ Es geht nicht um Trotz, sondern um eine Welt, in der er sich nicht zu Hause fühlt.
3. Die Schulleiterin freut sich auf ihn – genau das ist das Problem
„Dann sag ab.“
„Das geht nicht.“ Er setzte sich an den Küchentisch. „Die Berger hat mich mittags abgefangen. Auf dem Parkplatz. Sie hat gesagt, sie freut sich, mich heute Abend zu sehen. Und dass sie mich dann endlich allen vorstellen kann. Den Eltern. Dem Förderverein.“
„Sie mag dich eben.“
„Das ist ja das Problem.“
- Das ist der Kern der Geschichte: Der Druck kommt nicht aus Strenge, sondern aus Wohlwollen. Gegen eine Drohung könnte man sich wehren – gegen Freundlichkeit kaum.
- Hier wird auch deutlich, was im Titel mit „Gewalt“ gemeint sein könnte: eine leise Gewalt der Erwartungen, die niemand ausspricht.
4. Ein Gespräch, das sich im Kreis dreht
Katrin setzte sich zu ihm. Sie redeten. Er sagte, er könne Kopfschmerzen bekommen. Sie sagte, das glaube ihm keiner, er habe ja mittags noch gestrahlt. Er sagte, er könne einfach nicht hingehen und am Montag um Entschuldigung bitten. Sie sagte, dann würde er am Montag der sein, der nicht gekommen ist. An einer Schule, an der er seit einem halben Jahr der ist, den alle mögen.
Er wusste das alles. Er hatte es sich auf der Heimfahrt dreimal selbst gesagt.
„Ich kann da nicht tanzen“, sagte er schließlich. „Ich kann da nicht stehen und so tun, als wäre das mein Abend.“
„Das verlangt ja keiner.“
„Doch. Genau das verlangen sie. Nicht laut. Aber alle.“
- Das Gespräch steht zunächst in indirekter Rede und läuft im Kreis: Kopfschmerzen, Absagen, Entschuldigung am Montag – nichts passt. So spürt man die Ausweglosigkeit, ohne dass sie ausgesprochen werden muss.
- Der Satz „Nicht laut. Aber alle.“ fasst den unsichtbaren Druck in fünf Wörtern zusammen.
5. Auf dem Schreibtisch: Brechts Keuner-Geschichten
Draußen fuhr ein Bus vorbei. Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer lagen noch die Hefte der 9b. Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner. Er hatte sie am Nachmittag korrigieren wollen.
- Das wirkt wie ein beiläufiges Detail, ist aber eine Vorausdeutung. Wer Brechts „Maßnahmen gegen die Gewalt“ kennt, ahnt schon hier, dass der Lehrer einen eigenen Weg finden wird.
- Das Detail wird am Schluss wieder aufgegriffen – eine klassische Klammer.
6. Katrin rät: Geh hin
Katrin stand auf, nahm ihm die Brille ab und putzte sie mit dem Geschirrtuch. Das machte sie manchmal, wenn sie nichts mehr zu sagen wusste.
„Geh hin“, sagte sie. „Lass dich begrüßen. Lass dich vorstellen. Und dann sehen wir weiter. Du musst ja nicht bleiben, bis das Licht ausgeht.“
Er nickte. Überzeugt war er nicht. Aber er stand auf und ging ins Schlafzimmer, um das dunkle Jackett zu suchen.
- Das Brilleputzen ersetzt ein weiteres Argument. Die Geste zeigt Nähe und Hilflosigkeit zugleich – und vielleicht auch: Schau noch einmal genauer hin.
- Katrins Rat öffnet eine Tür, ohne einen Plan zu liefern. „Überzeugt war er nicht“ – der erste Teil endet bewusst offen.
7. Teil II: Warten bis kurz nach halb zehn
II.
Es war kurz nach halb zehn, als sie den Schlüssel im Schloss hörte.
Katrin legte das Buch weg. Sie hatte nicht gelesen, nur umgeblättert.
- Der eigentliche Abend wird ausgelassen, und die Perspektive wechselt zu Katrin. Diese Lücke erzeugt Spannung: Wir erfahren das Entscheidende erst aus seinem Bericht.
- Dass Katrin nur umgeblättert hat, zeigt ihre Sorge, ohne dass das Wort fällt. Und: Halb zehn ist früh für einen Abi-Ball.
8. Er kommt zurück – wie nach einer bestandenen Prüfung
Er kam ins Wohnzimmer, das Jackett über dem Arm. Er sah nicht aus wie jemand, der geflohen war. Er sah aus wie jemand, der gerade eine Prüfung bestanden hatte.
„Und?“, fragte sie.
Er setzte sich neben sie aufs Sofa und lächelte.
„Ich war da“, sagte er. „Die Berger hat mich begrüßt, als wäre ich ein Ehrengast. Sie hat mich vorgestellt, dem Vorsitzenden vom Förderverein, zwei Elternvertretern und einem Mann von der Sparkasse. Alle waren sehr freundlich. Ich auch.“
- Hier kippt die Erwartung. Der Leser rechnet mit einer Niederlage und bekommt einen zufriedenen Mann.
- Das kleine „Ich auch.“ ist leise Ironie: Er hat seine Rolle perfekt gespielt – genau so lange, wie sie verlangt war.
9. Band, Tanzfläche – und plötzlich Durchfall
„Und dann?“
„Dann fing die Band an. Und die ersten Paare gingen auf die Tanzfläche.“ Er machte eine kleine Pause. „Und genau in dem Moment habe ich gemerkt, dass ich Durchfall hatte.“
Katrin sah ihn an. Lange.
„Die Berger war sehr besorgt“, sagte er. „Sie hat mir gute Besserung gewünscht. Und gesagt, wie schön es war, dass ich trotzdem gekommen bin.“
- Die Pointe liegt im Zeitpunkt: genau in dem Moment, in dem es für ihn unerträglich geworden wäre.
- „Katrin sah ihn an. Lange.“ – Sie ahnt etwas, sagt aber nichts.
- Das Bemerkenswerte: Die Lösung funktioniert für beide Seiten. Die Schulleiterin ist zufrieden, er hat nichts verloren. Niemand wurde enttäuscht.
10. Die Frage, die Katrin nicht stellt
Katrin öffnete den Mund, um etwas zu fragen. Dann schloss sie ihn wieder. Ihr Blick ging durch die offene Tür ins Arbeitszimmer, zu dem Stapel Hefte auf dem Schreibtisch.
Er lächelte immer noch.
- Die entscheidende Frage wird nicht gestellt – und deshalb auch nicht beantwortet: Hat der Körper entschieden, oder hat er sich etwas bei Brecht abgeschaut?
- Das Lächeln lässt beides zu. Genau diese Offenheit macht die Geschichte zum Diskussionsanlass.
Der Brecht-Bezug: „Maßnahmen gegen die Gewalt“
In Brechts Keuner-Geschichte spricht Herr Keuner in einem Saal gegen die Gewalt. Als er merkt, dass die Gewalt persönlich hinter ihm steht, nimmt er seine Worte zurück. Seine Schüler werfen ihm fehlendes Rückgrat vor. Er antwortet sinngemäß: Er habe kein Rückgrat, das man zerschlagen könne – gerade er müsse länger leben als die Gewalt.
Dann erzählt er die Geschichte von Herrn Egge. Zu ihm kommt ein Agent der Machthaber und fragt, ob Egge ihm dienen werde. Egge antwortet nicht, sondern dient ihm schweigend – sieben Jahre lang. Als der Agent schließlich stirbt, trägt Egge ihn hinaus, reinigt die Wohnung, atmet auf – und antwortet: „Nein.“
Brecht zeigt also zwei Arten, der Übermacht standzuhalten: zurückweichen, um zu überleben, und äußerlich gehorchen, ohne innerlich zuzustimmen. Der Lehrer in unserer Geschichte findet eine dritte Variante: Er erfüllt die Form – er ist da, lässt sich begrüßen und vorstellen – und verlässt die Situation genau in dem Moment, in dem sie ihn überfordern würde. Ob das Mut ist, Klugheit oder einfach ein gnädiger Zufall, bleibt offen.
Fragen für die Diskussion
- Warum ist die Freundlichkeit der Schulleiterin für den Lehrer schwerer auszuhalten als eine klare Anweisung?
- Kann man bei einem Druck, der ganz ohne Drohung auskommt, von „Gewalt“ sprechen? Wie passt das zu Brechts Geschichte?
- Was wollte Katrin am Ende wohl fragen – und warum fragt sie nicht?
- Macht es für die Bewertung einen Unterschied, ob der Durchfall echt war oder geplant?
- Ist das eine Lösung – oder nur eine geschickte Flucht? Woran könnte man den Unterschied festmachen?
- Wo wäre eine solche „Maßnahme“ keine Lösung? Denk zum Beispiel an Aufgaben in der Schule, die man später doch erledigen muss.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Was tun in einer quälenden Drucksituation? Stärke, Ausweichen oder ein dritter Weg
https://textaussage.de/nein-sagen-unter-druck
Psychologie, Literatur und Geschichte zur Frage, wie man mit Druck von außen umgehen kann – mit Diskussionsfragen. - Annette Rauert, „Der Schritt zurück“
https://textaussage.de/annette-rauert-schritt
Die Kurzgeschichte vom Jungen auf dem Zehn-Meter-Brett, der nicht springt – die Schwestergeschichte zu dieser. - Kurzgeschichten nach Themen geordnet
https://textaussage.de/kurzgeschichten-nach-themen-geordnet
Weitere Kurzgeschichten, auch zu Themen wie Mut, Angst und Gruppendruck. - Stichwortverzeichnis
https://textaussage.de/stichwortverzeichnis
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