Wenn alle warten – und man selbst nicht will
Jeder kennt solche Momente: Alle schauen einen an und erwarten etwas. Man soll springen, mitmachen, vortragen, etwas weiterleiten oder einfach nur mitlachen. Und man selbst spürt: Ich will das nicht – oder zumindest nicht jetzt.
Auf dieser Seite geht es um die Frage, was man in einer solchen Lage tun kann. Dabei nehmen wir beide Seiten ernst: Manchmal ist Nein-Sagen echte Stärke, manchmal nur ein Ausweichen. Und oft gibt es noch einen dritten Weg, an den man zuerst gar nicht denkt.
Die Seite richtet sich an Schülerinnen und Schüler ebenso wie an Lehrkräfte. Denn Lehrkräfte stehen in solchen Situationen oft auf der anderen Seite – und tragen dort die größere Verantwortung.
Ausgangspunkt: Annette Rauert, „Der Schritt zurück“
In Annette Rauerts Kurzgeschichte steht ein Junge auf dem Zehn-Meter-Brett. Er hat Angst, der Trainer ruft „Spring!“, unten starren die Zuschauer nach oben. Der Junge spürt: Er ist noch nicht so weit. Am Ende springt er nicht. Er dreht sich um, klettert die Leiter hinunter und geht mit erhobenem Kopf durch die Menge – mit dem Gefühl, gerade die wichtigste Prüfung seines Lebens bestanden zu haben.
Die Geschichte zeigt aber noch etwas anderes: Der Junge wartet die ganze Zeit darauf, dass ihn jemand zurückruft. Niemand tut es. Damit geht es nicht nur um den, der unter Druck steht, sondern auch um die, die zuschauen und schweigen.
- Annette Rauert, „Der Schritt zurück“ – Inhalt, Interpretation und Musterlösung
https://textaussage.de/annette-rauert-schritt
Unsere ausführliche Seite zur Kurzgeschichte, mit Musterlösung und Mia-Kommentaren.
Stärke, Ausweichen – oder ein dritter Weg?
- Der Schritt zurück als Stärke: Wer sich gegen die Erwartung einer Mehrheit oder einer Autorität stellt, um die eigenen Grenzen zu schützen, braucht Mut. Das ist der Fall bei Rauerts Jungen – zumal er den Sprung nicht absagt, sondern nur vertagt: „Eines Tages würde er auch springen.“
- Der Schritt zurück als Ausweichen: Anders sieht es aus, wenn man sich nur einer notwendigen Aufgabe oder einer Verantwortung entziehen will – etwa wenn man wegschaut, obwohl jemand Hilfe braucht. Dann ist der Schritt zurück bequem, aber nicht mutig.
- Der dritte Weg – einen Deal anbieten: Oft muss man sich gar nicht zwischen Mitmachen und Weggehen entscheiden. Man kann auch etwas Gleichwertiges anbieten. Wer das gut vorbereitet tut, nimmt die Herausforderung ernst und geht trotzdem seinen eigenen Weg.
Ein Beispiel, das viele aus der Schule kennen: das Auswendiglernen von Gedichten. Wir kennen eine Lehrkraft – als Schüler keineswegs schwach –, die bis heute eine regelrechte Sperre gegen das Auswendiglernen hat. Als sie bei einer Verabschiedung drei Sätze sagen sollte, standen die auf ihrer Handinnenfläche. Mit Faulheit hat so etwas nichts zu tun.
Wer in einer solchen Lage ist, kann eine Ersatzleistung anbieten: einen Kurzvortrag über den Autor, ein Bild zum Gedicht, ein Gegengedicht oder einen wirkungsvollen Vortrag mit Zettel in der Hand. Wie das konkret aussehen kann, zeigen diese beiden Seiten:
- Anders Freistein, „Vertane Möglichkeit“ – Auswendiglernen: Muss das wirklich sein?
https://textaussage.de/anders-freistein-vertane-moeglichkeit-auswendiglernen-muss-das-wirklich-sein
Eine kleine Geschichte über eine verpasste Chance – dazu sechs konkrete Ersatzleistungen, über die sich auch Lehrkräfte freuen.
Video: https://youtu.be/gtVQpkxfRkM - Kreativität statt Auswendiglernen
https://textaussage.de/kreativitaet-statt-auswendig-lernen
Am Beispiel von Schillers Ballade „Der Handschuh“: kürzen, weiterschreiben und mit Zettel vortragen statt auswendig lernen.
Video: https://youtu.be/vRf7JDA1pjE
Was die Psychologie weiß
Gruppendruck: das Linien-Experiment von Solomon Asch
1951 ließ der Psychologe Solomon Asch Versuchspersonen in einer Gruppe die Länge von Linien vergleichen. Die anderen Gruppenmitglieder waren eingeweiht und gaben absichtlich eine offensichtlich falsche Antwort. Das Ergebnis: Rund drei Viertel der Versuchspersonen schlossen sich mindestens einmal der falschen Mehrheit an.
Das heißt: Menschen passen sich oft der Gruppe an, selbst wenn sie wissen, dass die Gruppe falschliegt. Der Wunsch dazuzugehören ist häufig stärker als das eigene Urteil. Wer in einer Drucksituation zögert, ist also nicht schwach – er erlebt etwas völlig Normales.
Der Zuschauereffekt
Die Psychologen John Darley und Bibb Latané haben in den 1960er-Jahren untersucht, warum Menschen in Notsituationen oft nicht eingreifen. Ihr Ergebnis: Je mehr Leute zuschauen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Einzelne hilft. Jeder denkt, ein anderer werde schon etwas tun. Man spricht von „Verantwortungsdiffusion“.
Genau das passiert in Rauerts Geschichte: Unten am Becken stehen viele – und keiner ruft.
Beyond the Books: Die berühmteste Zuschauer-Geschichte stimmt so nicht
In vielen Schulbüchern wird der Zuschauereffekt mit dem Mord an Kitty Genovese in New York (1964) erklärt: 38 Nachbarn hätten zugesehen und nichts getan. Diese Zahl stammt aus einem Zeitungsbericht von damals – und sie war stark übertrieben. Tatsächlich haben nur wenige Menschen Teile der Tat mitbekommen, und mindestens einer hat die Polizei gerufen.
Das Forschungsergebnis von Darley und Latané bleibt davon unberührt. Aber es ist schon bemerkenswert: Ausgerechnet die Geschichte über Menschen, die nicht genau hinschauen, wurde jahrzehntelang ungeprüft weitererzählt. Auch das ist eine Art Zuschauereffekt.
Was die Literatur zeigt
Bertolt Brecht: „Der Jasager“ und „Der Neinsager“
Brecht hat dieselbe Situation zweimal durchgespielt. In beiden Stücken (1930 und 1931) geht es um eine gefährliche Wanderung über das Gebirge. Ein Junge wird krank und kann nicht weiter. Nach einem alten Brauch soll er ins Tal hinabgeworfen werden, damit die anderen ihr Ziel erreichen.
- Im „Jasager“ stimmt der Junge zu – aus Gehorsam gegenüber dem Brauch.
- Im „Neinsager“ lehnt er ab. Er verlangt einen neuen Brauch: den Brauch, „in jeder neuen Lage neu nachzudenken“. Und er macht deutlich: Wer einmal Ja gesagt hat, muss nicht bei diesem Ja bleiben, wenn er erkennt, dass es falsch war.
Man kann den Neinsager fast als Theorie zu Rauerts Geschichte lesen: Nicht der Brauch und nicht die Erwartung der anderen sollen entscheiden, sondern das eigene Nachdenken in der konkreten Situation.
Erich Kästner: „Das fliegende Klassenzimmer“
In Kästners Roman soll ein Satz stehen, der wie ein Kommentar zu den Zuschauern am Becken klingt: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“
Sollte er dort nicht stehen, behält er trotzdem seine argumentative Kraft.
Eugen Roth: „Das Sprungbrett“
Auch in Eugen Roths Gedicht springt am Ende jemand nicht – allerdings aus einem ganz anderen Grund. Ein reizvoller Vergleich, gerade weil die Situation so ähnlich ist. Zu finden ist das Gedicht zum Beispiel hier:
http://www.susanne-ludewig.de/eugen.html
Was die Geschichte zeigt
Hinweis: Dieser Abschnitt behandelt Verbrechen im Holocaust und eignet sich eher ab Klasse 10 bzw. für die Oberstufe.
Das wohl erschütterndste Beispiel für Gruppendruck hat der amerikanische Historiker Christopher Browning in seinem Buch „Ganz normale Männer“ untersucht. Es geht um das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 – Männer mittleren Alters, Hafenarbeiter, Handwerker, kleine Angestellte, keine überzeugten Nationalsozialisten. Im Juli 1942 sollten sie im polnischen Józefów jüdische Männer, Frauen und Kinder erschießen.
Vor dem Einsatz machte der Kommandant, Major Trapp, ein ausdrückliches Angebot: Wer sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne vortreten und werde freigestellt. Zunächst traten nur etwa ein Dutzend Männer vor. Eine schwere Strafe hatten sie nicht zu befürchten.
Browning kommt zu dem Schluss, dass der Hauptgrund für das Mitmachen nicht Befehl oder Angst vor Strafe war, sondern der Druck der Gruppe: die Angst, vor den Kameraden als Feigling dazustehen oder sie im Stich zu lassen. Hier wird der „Schritt zurück“ – ganz wörtlich als Vortreten aus der Reihe – zur Gewissensfrage. Und es wird deutlich, wie viel er kosten kann, auch wenn niemand ihn verbietet.
Drucksituationen im Alltag
- Mutproben: Die Clique erwartet, dass man irgendwo hinaufklettert, springt oder etwas Verbotenes tut – sonst gilt man als Feigling.
- Gruppenchat und Social Media: Ein peinliches Foto soll weitergeleitet werden, ein gemeiner Kommentar bekommt Likes, jemand wird aus der Klassengruppe ausgeschlossen. Wer nichts sagt, macht oft schon mit. Zum Thema Cybermobbing eignet sich zum Beispiel der Kurzfilm „Let’s Fight It Together“.
- Sport: Trainer oder Mitspieler drängen dazu, trotz Schmerzen weiterzumachen oder Schwächere auszugrenzen.
- Unterricht: Vor der Klasse vortragen, auswendig lernen, sich zu etwas äußern, wozu man noch keine Meinung hat. Hier hilft oft der dritte Weg: ein gut vorbereiteter Gegenvorschlag.
Für Lehrkräfte: Wer ruft hier „Spring!“?
In Rauerts Geschichte gibt es einen Trainer, der „Spring!“ ruft, und Zuschauer, die schweigen. In der Schule sind Lehrkräfte oft in genau dieser Rolle – und sie haben die größere Verantwortung, weil sie die Situation gestalten. Sie können der sein, der Druck macht, oder der, der einen anderen Weg öffnet.
Ein bekanntes Beispiel dafür, wie unterschiedlich das aussehen kann, liefert der Film „Der Club der toten Dichter“ (1989). Der Englischlehrer John Keating gilt vielen als Vorbild eines modernen, befreienden Unterrichts. Aber es gibt zwei Szenen, die man einmal nebeneinanderlegen sollte:
- Der erzwungene Auftritt: Keating holt den schüchternen Todd nach vorn und drängt ihn, vor der ganzen Klasse aus dem Stegreif ein Gedicht zu erfinden. Im Film geht das gut aus. Im echten Leben kann so etwas für einen Schüler zur Qual werden, die lange nachwirkt. Keating ist hier der Trainer, der „Spring!“ ruft.
- Der freiwillige Schritt: Am Ende steigen die Schüler auf ihre Tische – aus eigener Entscheidung und gegen den Druck des Schulleiters. Der Erste, der aufsteht, ist ausgerechnet Todd.
Der Unterschied zwischen beiden Szenen ist genau der Unterschied, um den es auf dieser Seite geht: Mut, der erzwungen wird, und Mut, der aus einem selbst kommt.
Ganz praktisch heißt das: Wenn ein Schüler oder eine Schülerin mit einem gut vorbereiteten Gegenvorschlag kommt, lohnt es sich, darauf einzugehen. Oft entsteht daraus sogar eine besonders interessante Stunde. Und im Sinne des Kästner-Satzes gilt auch für Lehrkräfte: Verantwortung trägt nicht nur, wer Druck macht, sondern auch, wer ihn nicht verhindert.
Fragen für die Diskussion
Für die Klassen 7 und 8
- Welche Gefühle und Befürchtungen könnten den Jungen auf dem Sprungturm bewegt haben?
- Kennst du Situationen aus der Schule, beim Sport oder im Netz, in denen es schwerfällt, Nein zu sagen? Was macht es so schwer?
- Was hättest du getan, wenn du unten am Becken gestanden hättest?
- Warum ist Schweigen bei Cybermobbing oft schon eine Form von Mitmachen?
- Denk an eine Aufgabe, die dir schwerfällt: Was könntest du stattdessen anbieten, damit die Lehrkraft Ja sagt?
Für die Oberstufe
- Brechts Neinsager fordert den Brauch, „in jeder neuen Lage neu nachzudenken“. Inwiefern ist das eine Kritik an Gruppenzwang und traditionellem Gehorsam?
- Warum fiel es vielen Männern des Polizeibataillons 101 offenbar schwerer, gegenüber ihren Kameraden Nein zu sagen, als an einem Verbrechen mitzuwirken? Welche Rolle spielt dabei „Kameradschaft“?
- Wann ist der Schritt zurück ethisch geboten, und wann ist er nur ein bequemes Entziehen aus der Verantwortung?
- Keating im „Club der toten Dichter“: Befreier oder selbst ein Trainer, der „Spring!“ ruft?
- Was muss in einer Gruppe oder Klasse gegeben sein, damit Einzelne den Mut aufbringen, den Schritt zurück zu tun – oder Schwächeren beizustehen?
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Annette Rauert, „Der Schritt zurück“
https://textaussage.de/annette-rauert-schritt
Die Kurzgeschichte, von der diese Seite ausgeht – mit Inhaltsangabe, Musterlösung und Mia-Kommentaren. - Tipps für Schülis: Besser im Unterricht klarkommen – und mehr erreichen
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Übersicht über unsere Tipps für den Schulalltag. - Kurzgeschichten nach Themen geordnet
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Weitere Kurzgeschichten, auch zu Themen wie Mut, Angst und Gruppendruck. - Stichwortverzeichnis
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