Bertolt Brecht, „Der gute Mensch von Sezuan“ – Inhalt und zentrale Textstellen (Mat3061-zts)

Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Drei Götter suchen auf der Erde nach guten Menschen, denn „die Welt kann bleiben, wie sie ist, wenn genügend gute Menschen gefunden werden, die ein menschenwürdiges Dasein leben können“ – nur die Prostituierte Shen Te ist bereit, sie aufzunehmen.
  2. Shen Te erhält von den Göttern ein Geldgeschenk und eröffnet davon einen kleinen Tabakladen.
  3. Weil sie sofort von Bittstellern überrannt wird, erfindet sie ihren angeblichen Vetter Shui Ta, der hart und geschäftstüchtig auftritt – in Wahrheit ist er Shen Te selbst.
  4. Shen Te verliebt sich in den arbeitslosen Flieger Sun, der ihre Gefühle jedoch vor allem für seine eigenen Zwecke ausnutzt.
  5. Immer öfter muss Shen Te in die Rolle des Shui Ta schlüpfen, um ihr Geschäft, ihre Freunde und schließlich auch sich selbst zu retten.
  6. In den Zwischenspielen kommentieren der Wasserverkäufer Wang und die drei Götter das Geschehen, ohne die Wirklichkeit wirklich zu verstehen.
  7. Als Shen Te schwanger wird, verschärft sich der Konflikt zwischen Güte und Selbstbehauptung zusätzlich – aus Sorge um ihr Kind wird sie zunehmend härter.
  8. Vor Gericht kommt es zur entscheidenden Enthüllung: Shen Te und Shui Ta sind ein und dieselbe Person.
  9. Die Götter ziehen sich ohne Lösung zurück und erlauben Shen Te lediglich, einmal im Monat als Shui Ta aufzutreten – „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
  10. Diskussionsfrage: Ist es in einer Welt, die auf Eigennutz beruht, überhaupt möglich, durchgehend gut zu sein – oder erzwingt das eigene Überleben zwangsläufig auch harte, unsentimentale Entscheidungen?

Vorbemerkung: Was das Theaterstück so interessant macht

  • In diesem Theaterstück geht es um die spannende Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Chancen auf eine menschlichere Welt.
  • Erstaunlich ist, dass jemand wie Bertolt Brecht, der sich offen zum Kommunismus bekannt hat, ein Stück schreibt, in dem es um Armut und Gerechtigkeit geht und das anscheinend ohne Ideologie verfasst worden ist.
  • Interessant ist ein Vergleich dieses Stückes mit Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“: Dort führen Tugend und Edelmut zu einem harmonischen Ende, bei Brecht dagegen nur zu einer offenen Frage.
  • Was die Gestaltung des Theaterstücks angeht, sind die sogenannten Zwischenspiele interessant, weil dort im Rahmen von Brechts „epischem“ Theater die Handlung aus der Sicht einzelner Figuren ergänzt und zum Teil kommentiert wird.

Im Folgenden schauen wir uns das Stück erst einmal genauer an. Anschließend bringen wir das dann auf die kürzestmögliche Form. Bitte etwas Geduld – aber man kann erst etwas kürzen, wenn man eine lange Fassung hat. 😉

Seitenzahlen – benutzte Ausgaben

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die „edition suhrkamp“-Ausgabe. Achtung: Bitte die Seitenzahlen im Einzelnen prüfen, da wir erst mal eine ältere Ausgabe verwendet haben, die möglicherweise mit neueren nicht deckungsgleich ist.

Wo EB der Zahl vorangestellt ist, haben wir die Seitenangabe an die aktuelle E-Book-Ausgabe angepasst, z. B. EB08. Die Infos dazu entnehmen wir den Verlagsangaben:

„Der vorliegende Text folgt der Ausgabe: Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, herausgegeben von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei und Klaus-Detlef Müller, Band 6: Stücke 6, bearbeitet von Klaus-Detlef Müller, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1989, S. 175-279, 280 f. Brecht, Bertolt. Der gute Mensch von Sezuan: 73 (edition suhrkamp) (German Edition) (S.3). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.“

Hier auch im Video – Präsentation: Szenen 1-5

Hier sind die Positionen auf der Timeline, wenn man eine Stelle gezielt anspringen will.

0:00 Intro – Ankündigung (Video 1 von 2: Vorspiel bis Szene 5 + Zwischenspiel 4)
0:25 Einstieg – Überblick über das Stück
0:43 Vorbemerkungen – Parabel- und Lehrstück, die fremde Welt
1:26 Thema des Stücks – Weltordnung und ihre Verbesserung
1:49 Hinweis zu den Seitenangaben (EB)
2:00 Vorspiel – Ausgangssituation
3:15 Szene 1 – Der Tabakladen als „Rettungsboot“
4:05 Zwischenspiel 1
5:04 Szene 2 – Erster Auftritt Shui Ta’s
6:03 Szene 3 – Shen Te lernt Sun kennen
6:45 Zwischenspiel 2
7:33 Szene 4 – Shen Te’s Einsatz für Sun
8:56 Zwischenspiel 3 – Lied von der Wehrlosigkeit der Götter
10:08 Szene 5 – Suns wahres Gesicht und der Barbier
11:52 Zwischenspiel 4 – Das geliehene Geld
12:40 Ausblick auf Teil 2 & Abschlusshinweise

EB5-14: Vorspiel – Ausgangssituation

Typisch für eine Parabel ist die Verlagerung des Problems in eine fremde Welt (die chinesische Provinz Sezuan) und die Ansiedlung des Geschehens in einer zumindest halb mythischen Welt, in der auch drei Götter eine Rolle spielen.

Die Götter sind in himmlischem Auftrag unterwegs: „In dem Beschluss hieß es: die Welt kann bleiben, wie sie ist, wenn genügend gute Menschen gefunden werden, die ein menschenwürdiges Dasein leben können.“ (EB08)

Erwartet werden sie schon von dem einfachen Wasserverkäufer Wang, der gerne nett zu ihnen sein will, aber nirgendwo eine Unterkunft für sie bekommt. D. h. überall herrscht nackter Egoismus. Am Ende bleibt nur die Prostituierte Shen Te übrig. Sie nimmt die Götter auf und verzichtet dabei sogar auf die erwarteten Einnahmen durch einen Freier.

Allerdings erhält sie dann am nächsten Morgen von den dankbaren Göttern ein Geldgeschenk von über 1000 Silberdollar, bevor sich diese auf die Suche nach weiteren guten Menschen machen.

EB25-27: Zwischenspiel 1

  • Wang ist in Angst, weil er nicht weiß, dass Shen Te die Götter aufgenommen hat.
  • Die Götter beruhigen ihn und loben Shen Te als „guten Menschen“ (EB26).
  • Wang soll Interesse an Shen Te’s Güte zeigen, „denn keiner kann lang gut sein, wenn nicht Güte verlangt wird.“ (EB27)
  • Die Götter wollen weitersuchen, „damit das Gerede aufhört, dass es für die Guten auf unserer Erde nicht mehr zu leben ist.“ (EB27)

S. 28-29: Szene 1 – Der Tabakladen und die Probleme beim Gutsein

Shen Te hat das Geldgeschenk der Götter gut angelegt, nämlich in einen Tabakladen. Dann tauchen aber verschiedene Leute auf, die alle etwas von Shen Te wollen, zum Beispiel das Geld für angeblich noch unbezahlte Rechnungen oder eine Unterkunft, da ihr eigener Tabakladen bankrottgegangen ist. Das Problem wird noch größer, als auch noch Verwandte des Pleitepaars nachkommen. Shen Te muss feststellen:

„Der Rettung kleiner Nachen
Wird sofort in die Tiefe gezogen:
Zu viele Versinkende
Greifen gierig nach ihm.“ (29)

Shen Te verschafft sich etwas Luft, indem sie auf einen angeblich vorhandenen Vetter Shui Ta verweist, der über mehr Geld verfügt.

S. 32-43: Szene 2 – Erster Auftritt Shui Ta’s

In Abwesenheit von Shen Te erscheint ein Mann, der sich als ihr Vetter Shui Ta vorstellt und ein bisschen für Ordnung sorgt. Einiges gelingt auch, aber gegenüber der Hausbesitzerin, die eine hohe Mietkaution fordert, stößt er an seine Grenzen. Ein Polizist hört von den Problemen und schlägt vor, einen reichen Ehemann für Shen Te zu finden. Dafür verfasst er sogar eine Heiratsanzeige.

Shui Ta stellt letztlich erleichtert fest: „Mit Entsetzen sehe ich, wie viel Glück nötig ist, damit man nicht unter die Räder kommt! Wie viele Einfälle! Wie viele Freunde!“ (43)

S. 44-52: Szene 3 – Shen Te lernt den arbeitslosen Flieger Sun kennen

Shen Te ist auf dem Rückweg von einem Witwer, der auf ihre Heiratsanzeige reagiert hat. Sie trifft den arbeitslosen Flieger Sun, der sich aus Verzweiflung gerade erhängen will.

Sie ist erschrocken und klagt: „Denn angesichts des Elends genügt ein Weniges und die Menschen werfen das unerträgliche Leben fort.“

Sie kommen ins Gespräch und Sun stellt fest: „Bosheit ist bloß eine Art Ungeschicklichkeit. Wenn jemand ein Lied singt oder eine Maschine baut oder Reis pflanzt, das ist eigentlich Freundlichkeit. Auch Sie sind freundlich.“ (49)

EB48: Zwischenspiel 2

  • Wangs gute Nachrichten für die Götter zu Shen Te: „Sie hat mir ihren Freund gezeigt. Es geht ihr wirklich gut (…) Sie tut so viel Wohltaten, als sie kann“ (EB48).
  • Aber auch Probleme: Wohltaten „laufen ins Geld“ (EB48).
  • Kritik der Götter am Auftreten des Vetters.
  • Die Götter: „Was haben Geschäfte mit einem rechtschaffenen und würdigen Leben zu tun?“ (EB50)

S. 56-64: Szene 4 – Shen Te’s Einsatz für Wang und Sun

Als Shen Te in ihren Laden zurückkehrt, ist sie guter Dinge: „Ich bin einen langen Weg von Suns Viertel bis hierher gegangen, aber mit jedem Schritt wurde ich lustiger. Ich habe immer gehört, wenn man liebt, geht man auf Wolken, aber das Schöne ist, dass man auf der Erde geht, dem Asphalt (…) Ich sage euch, es entgeht euch viel, wenn ihr nicht liebt (…) Ich bin leichtsinnig heute. Auf dem Weg habe ich mich in jedem Schaufenster betrachtet und jetzt habe ich Lust, mir einen Shawl zu kaufen.“ (57)

Als sie dann erfährt, dass der gewalttätige Barbier Shu Fu dem Wasserverkäufer Wang die Hand zertrümmert hat, ist sie gleich bereit, für ihn als Zeugin auszusagen, obwohl sie gar nicht anwesend gewesen ist. Dementsprechend klar ist der Kommentar der Shin: „Das wird Meineid sein.“ (61)

Anmerkung: Das ist natürlich eine gute Gelegenheit zu einer Diskussion – darf man für einen guten Zweck lügen?

Als die Mutter Suns erscheint, zögert Shen Te keinen Moment, das Geld, das sie gerade für die Miete ihres Ladens geliehen bekommen hat, einzusetzen, um ihrem neuen Freund zu einer Stelle als Flieger zu verhelfen. Auch um die noch fehlende Summe will sie sich kümmern.

Shen Te begründet das so: „Denn der Hoffnungslose soll fliegen. (…) Einer wenigstens soll über all dieses Elend, einer soll über uns alle sich erheben können!“ (64)

Aber sie weiß eben auch, dass 300 Silberdollar noch fehlen – und da fällt ihr die Idee mit ihrem Vetter ein: „Ich kenne jemand, der mir da vielleicht helfen könnte. Einen, der schon einmal Rat geschaffen hat. Ich wollte ihn eigentlich nicht mehr rufen, da er zu hart und zu schlau ist. Es müsste wirklich das letzte Mal sein. Aber ein Flieger muss fliegen, das ist klar.“ (63)

S. 65/66: 3. Zwischenspiel vor dem Vorhang

  • Zu sehen ist Shen Te, die das „Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten“ singt und sich dabei zugleich in Shui Ta verwandelt.
  • Das Lied macht gleich am Anfang deutlich: „In unserem Lande braucht der Nützliche Glück. Nur wenn er starke Helfer findet, kann er sich nützlich erweisen.“ (65)
  • Beklagt wird, dass die Götter nicht für bessere Verhältnisse sorgen. Das läuft letztlich darauf hinaus, dass Shen Te ab jetzt „Härte“ (66) zeigen will, um auf diese Weise selbst für bessere Verhältnisse zu sorgen.

Anregung: Gut diskutieren könnte man die folgenden Zeilen des Liedes:

„Warum haben die Götter nicht Tanks (Panzer) und Kanonen
Schlachtschiffe und Bombenflugzeuge und Minen
Die Bösen zu fällen, die Guten zu schonen?
Es stünde wohl besser mit uns und mit ihnen.“
(65)

„Warum sagen die Götter nicht laut in den oberen Regionen
dass sie den Guten nun einmal die gute Welt schulden?
Warum stehen sie den Guten nicht bei mit Tanks und Kanonen
Und befehlen: Gebt Feuer! Und dulden kein Dulden?“
(66)

S. 67-80: Szene 5

  • Die Szene wird zunächst beherrscht von Shui Ta, der im Laden zunächst die Vermieterin abblitzen lässt und sich dann mit dem Flieger Sun befasst.
  • Der fragt nach Shen Te und macht auf vielfältige Art und Weise deutlich, dass er ihre Gefühle nur ausnutzen will: „Haben Sie schon einmal von der Macht der Liebe oder dem Kitzel des Fleisches gehört? Sie wollen an ihre Vernunft appellieren? Sie hat keine Vernunft! Dagegen ist sie zeitlebens misshandelt worden, armes Tier! Wenn ich ihr die Hand auf die Schulter lege und ihr sage ‚Du gehst mit mir‘, hört sie Glocken und kennt ihre Mutter nicht mehr.“ (72)
  • Beim Hinausgehen füllt der Flieger sich noch die Taschen mit Zigarren, und die als Shui Ta verkleidete Shen Te kann nur noch aufschreiend feststellen: „Die Zeiten sind furchtbar, diese Stadt ist eine Hölle, aber wir krallen uns an der glatten Mauer hoch. Dann ereilt einen von uns das Unglück: er liebt. Das genügt, er ist verloren. Eine Schwäche und man ist abserviert. Wie soll man sich von allen Schwächen frei machen, vor allem von der tödlichsten, der Liebe?“ (73)
  • Es folgt ein Gespräch mit dem Barbier, der Shen Te heiraten will. Im Gegenzug ist er bereit, sich an ihrer Stelle um die Menschen in ihrer Umgebung zu kümmern.
  • Als dann Wang mit einem Polizisten kommt, um sich die Zeugenaussage von Shen Te bestätigen zu lassen, hat Shen-Te-Shui-Ta sich das inzwischen anders überlegt und enttäuscht ihn.
  • Als der Flieger Sun wieder auftaucht, hat Shui Ta sich inzwischen wieder umgezogen und erscheint als Shen Te. Es gelingt ihm, sie von einer Beziehung mit dem Barbier, die für ihn eine reine „Vernunftheirat“ ist, abzubringen.
  • Als der völlig überraschte Barbier das als eine „Vergewaltigung“ bezeichnet und nach Shui Ta ruft, erklärt Shen Te gegenüber dem Publikum: „Ich will mit dem gehen, den ich liebe. Ich will nicht ausrechnen, was es kostet. Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist. Ich will nicht wissen, ob er mich liebt. Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.“

S. 81/82: 4. Zwischenspiel vor dem Vorhang

  • Shen Te erzählt auf dem Weg zur Hochzeit mit dem Flieger Sun dem Publikum, dass die Frau des Teppichhändlers, die ihr Geld gegeben hat, jetzt in Sorge darum ist und es möglichst schnell zurückbekommen will.
  • Shen Te erkennt, dass sie etwas falsch gemacht hat: „In einem Aufruhr der Gefühle hatte ich mich Yang Sun wieder in die Arme geworfen. Ich konnte seiner Stimme und seinen Liebkosungen nicht widerstehen.“ (81)
  • Sie sucht nach einem Kompromiss nach dem Motto: „Keinen verderben zu lassen, auch nicht sich selber. Jeden mit Glück zu erfüllen, auch sich, das ist gut.“ (81)
  • Sie glaubt immer noch, dass sie ihren Freund, von dem sie glaubt, dass er sie wirklich liebt, zum Guten bewegen kann: „Wenn ich ihm sage, dass die beiden Alten ihre Steuer nicht bezahlen können, wird er alles verstehen. Lieber wird er in die Zementfabrik gehen, als sein Fliegen einer Untat verdanken zu wollen.“ (82)

Hier auch im Video: Präsentation ab Szene 6

Hier die Positionen auf der Timeline, wenn man sich eine bestimmte Stelle anschauen will.

  • 0:00 Einstieg – Übergang zum zweiten Teil (Szene 6 bis Epilog)
  • 0:22 Rückblick auf Teil 1
  • 0:38 Ausgangslage zu Beginn von Szene 6
  • 2:16 Szene 6 – Die geplatzte Hochzeit und das Lied vom Sankt Nimmerleinstag
  • 3:34 Zwischenspiel 5 – Wangs Bericht vom Scheitern
  • 4:03 Szene 7 – Shen Te wird zur Tigerin
  • 4:32 Zwischenspiel 6 – Bitte um Erleichterung
  • 4:53 Szene 8 – Die Tabakfabrik und das Lied vom achten Elefanten
  • 5:58 Szene 9 – Suns Entdeckung und der drohende Prozess
  • 6:58 Zwischenspiel 7 – Die erschöpften Götter
  • 7:25 Szene 10 – Die Gerichtsverhandlung und die Enthüllung
  • 8:17 Epilog – Offene Fragen ans Publikum
  • 8:58 Fazit – Gut sein und überleben
  • 10:09 Abschluss & Hinweise

S. 83-92: Szene 6

  • In dieser Szene kommt es zu etwas, was die Mutter des Fliegers als „Blamage“ bezeichnet, weil hier zwei Ziele völlig gegensätzlich aufeinanderprallen:
    • Der Flieger macht noch einmal deutlich, dass es ihm vor allem um das Geld für seine Pilotenstelle geht. Auch hält er Shen Te’s Einstellung nur für eine „Dummheit“ (80).
    • Shen Te macht demgegenüber noch einmal klar, dass sie ihren Verpflichtungen nachkommen und das geliehene Geld zurückzahlen will.
  • Die Unlösbarkeit des Problems wird dadurch deutlich, dass Sun und seine Mutter auf Shui Ta warten, weil der ihrer Meinung nach alles in ihrem Sinne regeln wird.
  • Als Shen Te erfährt, auf wen sie warten, macht sie vorsichtig deutlich, dass Shui Ta nicht mit ihr zusammen erscheinen kann: „Wo ich bin, kann er nicht sein.“ (87)
  • Schließlich erkennt sie: „Er ist schlecht und er will, dass auch ich echt schlecht sein soll. Hier bin ich, die ihn liebt, und er wartet auf den Vetter. Aber um mich sitzen die Verletzlichen, die Greisin mit dem kranken Mann, die Armen, die am Morgen vor der Tür auf den Reis warten, und ein unbekannter Mann aus Peking, der um seine Stelle besorgt ist. Und sie alle beschützen mich, indem sie mir alle vertrauen.“ (89/90)
  • Am Ende verschwindet der Bonze, sodass die Hochzeit nicht mehr stattfinden kann.
  • Der Flieger fasst die Situation im „Lied vom Sankt Nimmerleinstag“ zusammen. Auf ironische Art wird eine Zukunft beschrieben, in der alles stattfindet, was man sich wünschen kann – deutlich wird aber auch, warum das illusorisch ist: „Und der Mensch ist nur gut, ohne dass er muss / Wird die Erde zum Paradies.“ (92)

S. 93-95: 5. Zwischenspiel

  • Dem Wasserverkäufer erscheinen die drei Götter im Traum. Er versucht, ihnen klarzumachen, dass Shen Te’s Versuch, gut zu sein, gescheitert ist.
  • Die Götter wollen das nicht wahrhaben und geben stattdessen Sprüche von sich, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.
  • Das zeigt sich daran, dass sie keine Beziehung zu ihren eigenen schlechten Erfahrungen mit der Güte der Menschen herstellen.
  • Auch wollen sie nichts tun, denn sie verstehen sich nur als „Betrachtende“.
  • Insgesamt merkt der Leser oder Zuschauer hier: Die Menschen können nicht auf höhere Hilfe warten, sie müssen sich selbst helfen.

S. 96-108: Szene 7

  • Shen Te packt alles zusammen und will aufgeben. Die Shin dazu: So komme es, wenn man etwas Besseres sein wolle.
  • Die Frau bemerkt dann Shui Ta’s Hose und wundert sich, ob er nackt gegangen sei.
  • Dann erscheint der Barbier, der sich freut, dass Shen Te dem Flieger den Laufpass gegeben hat. Er macht jetzt ein großzügiges Angebot, ohne es an Bedingungen zu knüpfen (Blankoscheck).
  • Anmerkung: Natürlich klingt vieles von dem, was der Barbier sagt, künstlich bzw. aufgesetzt. Aber er scheint es doch ernst zu meinen, sonst würde er Shen Te nicht eine solche Verfügungsgewalt über sein Geld geben, ohne eine Gegenleistung.
  • Shen Te will den Scheck aber nicht annehmen und erklärt das mit dem Satz: „Es kommt alles von der Not.“ Damit entschuldigt sie das Fehlverhalten ihres Fliegerfreundes. Inwieweit das eine ausreichende Rechtfertigung für das egoistische Verhalten Suns ist, muss jeder selbst entscheiden.
  • Seltsam ist auch, was bei Shen Te ein überschießendes Liebesgefühl auslöst: „Wenn ich so sein schlaues Lachen sah, bekam ich Furcht. Wenn ich seine löchrigen Schuhe sah, liebte ich ihn sehr.“ (98)
  • Shen Te wird schwindlig, was die Shin für ein erstes Anzeichen einer Schwangerschaft hält und kommentiert: Da sei es wohl aus mit dem Scheck des Barbiers.
  • Shen Te dagegen freut sich sehr über einen neuen Menschen, singt ein Loblied und spielt fiktive Zukunftsszenen mit ihm durch – darunter auch solche, die ihren zukünftigen Sohn auf ein Leben mit Schwierigkeiten vorbereiten sollen.
  • Wang kommt vorbei und führt an der Hand den kleinen Sohn des Schreiners, dessen Geschäft pleitegegangen zu sein scheint. Wang verschwindet, um den Schreiner zu holen.
  • Interessant sind Shen Te’s Überlegungen zur Anstrengung des Böseseins, die Brecht auch in einem Gedicht verarbeitet hat: „Den Mitmenschen zu treten, ist es nicht anstrengend? Die Stirnader schwillt ihnen an, vor Mühe, gierig zu sein. (…) Wie angenehm ist es doch, freundlich zu sein!“ (101) Das Gedicht ist zum Beispiel hier zu finden: https://www.deutschelyrik.de/die-maske-des-boesen-1942.html
  • Dann erscheint das ältere Paar mit einigen Säcken Tabak, die bei Shen Te untergestellt werden sollen – wahrscheinlich gestohlen.
  • Als der kleine Sohn des Schreiners anfängt, aus einem Mülleimer zu essen, verarbeitet Shen Te das in einem Song und in der Bereitschaft, für die Rechte ihres Kindes zum Tiger zu werden: „O Sohn, oh Flieger! In welche Welt wirst du kommen? Im Abfalleimer wollen sie dich fischen lassen, auch dich. (…) Habt ihr keine Barmherzigkeit mit der Frucht eures Leibes? (…) So werde ich wenigstens das Meine verteidigen und müsste ich zum Tiger werden. Ja, von Stunde an, da ich das gesehen habe, will ich mich scheiden von allen und nicht ruhen, bis ich meinen Sohn gerettet habe, wenigstens ihn!“ (103/104)
  • Diese Erfahrung bringt sie dann dazu, sich noch einmal in Shui Ta zu verwandeln.
  • Es kommen einige aus der Schmarotzer-Szene des Anfangs, die sich über die Baracken des Barbiers beklagen wollen. Sie kommen auf die Idee, Shui Ta rufen zu lassen, von dem sie sich mehr erhoffen als von Shen Te.
  • Zu all den anderen kommt jetzt noch der Schreiner mit zwei weiteren Kindern – ein vorläufiger Showdown.
  • Shui Ta erscheint, erklärt, Shen Te sei verreist, wolle aber weiterhin für die Bedürftigen da sein. Deshalb werde ihnen Arbeit in der Tabakfabrik angeboten: „Die Speisungen ohne Gegendienst werden aufhören. Stattdessen wird jedermann die Gelegenheit gegeben werden, sich auf ehrliche Weise wieder emporzuarbeiten. Fräulein Shen Te hat beschlossen, Ihnen allen Arbeit zu geben.“ (106)
  • Mit Zögernden oder Widerspenstigen geht Shui Ta souverän um.
  • Wie nahe sich Shen Te und Shui Ta inzwischen gekommen sind, zeigt sich daran, dass am Ende wieder auf die Hose verwiesen wird, die schon am Anfang aufgefallen ist.

S. 109/110: 6. Zwischenspiel

  • Der Wasserverkäufer Wang macht den Göttern in einem Traum deutlich, wie es Shen Te geht: „bevor mich euer Erscheinen weckte, erleuchtet, träumte ich und sah meine liebe Schwester Shen Te in großer Bedrängnis im Schilf des Flusses, an der Stelle, wo die Selbstmörder gefunden werden. (…) Auf meinen Anruf rief sie mir zu, sie müsse den Ballen der Vorschriften ans andere Ufer bringen, ohne dass er nass würde, da sonst die Schriftzeichen verrinnen.“ (109)
  • Angesichts dieser Situation möchte Wang von den Göttern eine kleine „Herabminderung der Vorschriften“ erreichen – „in Anbetracht der schlechten Zeiten“ (109).
  • Er macht drei Vorschläge, die aber alle von den Göttern infrage gestellt werden:
    • „Nur Wohlwollen anstatt Liebe“ (109) – der dritte Gott behauptet: „Aber das ist doch noch schwerer“ (110). Hier wäre eine Unterscheidung hilfreich, bei der Wohlwollen sich wirklich um die Interessen des anderen kümmert, während Liebe so aussieht, wie Sun sie versteht.
    • „Billigkeit anstatt Gerechtigkeit“ (110) – „billig“ meint hier angemessen, situationsgerecht statt vorschriftengerecht. Der dritte Gott verweist darauf, dass das „mehr Arbeit“ bedeute – insofern fraglich, als die Situation ja gerade eine Verminderung des Aufwands erfordern kann.
    • „Bloße Geschicklichkeit anstatt Ehre“ – auch hier behauptet der dritte Gott, das sei „viel mehr“ (110). Auch das lässt sich entkräften, weil Geschicklichkeit in der Regel zu einer Verringerung des Aufwands führt – man denke etwa an die Duelle des 19. Jahrhunderts, die bei geschickter Vermittlung oft weniger folgenschwer verlaufen wären.
  • Insgesamt wird deutlich, dass die Götter sich nicht wirklich für die Realität interessieren.

S. 111-117: Szene 8

Typisches episches Theater

Die achte Szene ist besonders interessant im Hinblick auf das epische Theater. Denn dort wird wie im Film plötzlich zurückgeblendet und eine Szene gespielt, die in der Vergangenheit liegt und deshalb eigentlich nur erzählt werden könnte. Genau das ist eines der Kennzeichen des epischen Theaters: Dort wird etwas gespielt, was eigentlich erzählt werden müsste.

Die Frage der richtigen Erziehung

Die achte Szene ist außerdem besonders interessant, wenn es um Fragen der Pädagogik geht. Denn es wird behauptet, dass Zwang etwas Positives bewirkt. Das könnte man diskutieren (mögliche Aufgabe für eine Klassenarbeit oder Klausur). Dabei muss berücksichtigt werden, dass am Anfang gleich die ziemlich schlechten Verhältnisse in der Fabrik geschildert werden – eher eine Welt der Ausbeutung und der Heuchelei.

Die Tabakfabrik

  • Gleich zu Beginn wird ein Zeitsprung deutlich: Shen Te hat als Shui Ta ihre letzten Erfahrungen verarbeitet: „Die Speisungen ohne Gegendienst werden aufhören.“ (106)
  • Konkret wird das an der Gründung einer Tabakfabrik deutlich, in der die Leute in Not selbst etwas für ihren Lebensunterhalt tun können.

Rückblick auf die Einstellung Suns in der Fabrik

  • Zu Beginn der Szene gibt es ein typisches Element des epischen Theaters: eine Rede von Suns Mutter an das Publikum – eine Durchbrechung der Fiktionalität. Die Zuschauer sollen sich bei Brecht nicht in das Geschehen einfühlen, sondern darüber nachdenken, was nur durch entsprechende Distanz gelingt.
  • Präsentiert wird im Rückblick das Gespräch mit Shui Ta, in dem die Mutter versucht, einen drohenden Prozess gegen ihren Sohn abzuwenden. Shui Ta lässt schließlich „Gnade vor Recht“ (111) ergehen, und Sun kann in der Fabrik seine Schulden bei Shen Te abarbeiten.
  • Interessant ist, dass Sun nicht nur Shen Te betrügen wollte, sondern auch seine eigene Mutter – ein Verstoß nicht nur gegen allgemeine Moralprinzipien, sondern auch gegen chinesische Traditionen, die Familie und Zusammenhalt hochhalten.

Suns Karrierestreben

  • Im weiteren Verlauf wird schnell deutlich, dass es Sun auch hier nur um das eigene Wohlergehen geht. So sorgt er dafür, dass eine scheinbar gute Tat gegenüber dem Schreiner ihm zum Aufstieg in der Firma verhilft – seine Darstellung wird deutlich als „heuchlerisch“ eingeschätzt. Außerdem bringt er den Aufseher in eine schwierige Position.
  • Man merkt, dass nicht wirklich Mitgefühl und Menschlichkeit hinter Suns Aktivitäten stecken: Er nennt den Schreiner verächtlich einen Krüppel und spricht wohl auch so laut, dass Shui Ta das mitbekommen muss.
  • Diskutieren lässt sich, was von der Aussage von Suns Mutter zu halten ist, er sei ein guter Arbeiter.
  • Interessant ist, dass Suns reales Verhalten nicht dem entspricht, was er sagt: Den Schreiner hat er vorher zu dessen möglichem eigenem Schaden aufzuhetzen versucht, und jetzt verbindet er seine angebliche Moral mit Kritik am schlechten Lohn. Offensichtlich nutzt Shui Ta Suns Schlechtigkeit einfach für seine Firma.
  • Kurze Zeit später wird deutlich, was das für „Wunderwerke“ sind, die Sun für die Firma schafft – reine Ausbeutung, wie am Beispiel des Liedes vom achten Elefanten deutlich wird.
  • Vor dem Hintergrund seiner Entwicklung ist es verständlich, dass Sun das Lied nicht nur mitsingt, sondern am Ende sogar noch die Geschwindigkeit beschleunigt.

Nochmaliger Verweis auf die „richtige“ Pädagogik

  • Den Schluss bildet die dankbare Einschätzung von Suns Mutter, die die aktuelle Erfahrung mit ihrem Sohn durch den Spruch von der Glocke deutlich macht.
  • Die Frage ist, warum sie nicht selbst schon mit Strenge versucht hat, ihren Sohn in die richtige Richtung zu leiten – möglicherweise hängt das mit ihrer Situation als offensichtlich alleinerziehende Mutter zusammen.

S. 118-129: Szene 9

Das geliehene Geld

  • Shen Te’s Laden ist inzwischen zum Kontor geworden. Das alte Ehepaar hat die 200 Silberdollar per Brief zurückbekommen und möchte sich bedanken, doch es fehlt eine Adresse. Shui Ta behauptet, nichts vom Aufenthaltsort Shen Te’s zu wissen.
  • Nach dem Weggang des alten Paars kommt es zu einem Gespräch zwischen Shui Ta und der Shin. Sie erzählt ihm, dass das alte Paar das Geld zu spät bekommen und dadurch ihren Teppichladen verloren habe.
  • An Shui Ta hat sich das Paar nicht wenden wollen.

Die Schwangerschaft

  • Es geht um die Schwangerschaft der Shen Te. Die Shin durchschaut das Geheimnis und will ihr bei der Geburt beistehen. Interessant ist die angstvolle Äußerung der werdenden Mutter im Hinblick auf das Kind: „Es darf niemals Shui Ta sehen.“ (119)
  • Ganz anders klingt es, wenn Shui Ta zu Wang sagt: „Wenn Sie Shen Te’s Freund sind, Herr Wang, dann fragen Sie möglichst wenig nach ihrem Verbleib. Das ist mein Rat.“ (122)

Suns Klage über Shui Ta

Als Nächstes taucht Sun auf, der inzwischen eine Art Geschäftsführer der Firma ist. Es droht deren Schließung, wenn die Zahl der Insassen der Tabakfabrik nicht reduziert wird. Insgesamt beklagt er Shui Ta’s aktuelle Nachlässigkeit in Firmenangelegenheiten.

Wangs Probleme und Suche nach Shen Te

Ein weiteres Problem zeigt sich beim Erscheinen Wangs, der bei Regen kein Wasser verkaufen kann. Deshalb fragt er noch einmal nach Shen Te, die ihm auch in einer solchen Situation geholfen hat.

Suns Begeisterung angesichts seiner Vaterschaft

Wang erinnert an Shen Te’s Schwangerschaft. Das bringt Sun als wahrscheinlichen Vater in große Aufregung. Er verdächtigt Shui Ta, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben.

Anregung: Geprüft werden sollte, inwieweit Suns spontane Äußerung ehrlich ist und damit überzeugt: „Shen Te schwanger! Ich bin außer mir! Ich bin hereingelegt worden! Sie muss es sofort ihrem Vetter gesagt haben, und dieser Schuft hat sie selbstverständlich gleich weggeschafft (…) Es ist ganz und gar unnatürlich. Unmenschlich ist es. Ich habe einen Sohn. Ein Yang erscheint auf der Bildfläche! Und was geschieht! Das Mädchen verschwindet, und mich lässt man hier schuften.“ (122/123) Berücksichtigt werden sollte dabei, dass Shen Te sich ja auf ähnlich begeisterte Art über ihren Sohn geäußert hat.

Das Schluchzen

  • Der Verdacht verstärkt sich, als aus dem Nebenzimmer ein Schluchzen zu hören ist, nachdem Shui Ta sich dorthin zurückgezogen hat.
  • Sun verhält sich immer aufsässiger und droht Shui Ta sogar mit dessen Hinauswurf, bevor er verschwindet. Deutlich wird, dass er sich noch immer sehr für Shen Te interessiert.

Sich zuspitzende Lage

  • Anschließend kommt es zu einem Gespräch mit dem Barbier, der sich auch nicht mehr länger hinhalten lassen will. Die Hausmeisterin verweist noch einmal darauf, dass sie als Gegenleistung für Zugeständnisse die Überlassung des Prokuristen (Sun) verlangt.
  • Die Lage spitzt sich zu, als der Polizist erscheint, den Wang und Sun geholt haben. Zwar ist der Nebenraum, aus dem das Schluchzen kam, leer, dafür aber werden Shen Te’s Sachen gefunden, die Shui Ta vorher aus dem Raum entfernt hat. Damit kündigt sich die Gerichtsverhandlung an, die in der nächsten Szene stattfindet.

S. 130/131: 7. Zwischenspiel

  • Letztes Erscheinen der Götter in einem Traum des Wasserverkäufers: Sie erscheinen ermüdet und abgerissen von der langen Suche.
  • Wang erzählt ihnen vom Verschwinden Shen Te’s und möchte von den Göttern, dass sie ihren Aufenthaltsort ermitteln. Diese denken nur an ihren Auftrag, den sie weitgehend als gescheitert ansehen, wenn ihnen nicht Shen Te als einziger guter Mensch erhalten bleibt.
  • Interessant ist, dass mit dem Scheitern des Auftrags auch ihre Existenz gefährdet zu sein scheint.
  • Am Ende wollen die Götter noch einmal aktiv werden und nach Shen Te als ihrer einzigen Hoffnung suchen.

S. 132-143: Szene 10

  • Zu Beginn der Verhandlung wird deutlich, dass die Götter sich darum gekümmert haben, dass sie anstelle des üblichen Richters die Verhandlung führen.
  • Zunächst spricht sich der Polizist positiv über Shui Ta aus. In eine ähnliche Richtung gehen die Stellungnahmen des Barbiers und der Hausbesitzerin.
  • Anschließend wollen die Götter auch die Kritiker hören. Dabei kommt es zu einem Streitgespräch zwischen diesen und Shui Ta. Während dieser vor allem betont, er habe seine Cousine und ihren Laden vor gefährlicher Ausnutzung schützen müssen, führen die anderen all das auf, was sie ihm immer schon vorgeworfen haben.
  • Hellhörig und hoffnungsvoll werden die Richter, als Sun berichtet, er habe noch vor kurzem Shen Te in einem Nebenraum des Kontors schluchzen gehört.
  • Shen Te berichtet von ihrem Dilemma: „Euer einstiger Befehl, gut zu sein und doch zu leben, zerriss mich wie ein Blitz in zwei Hälften. Ich weiß nicht, wie es kam: gut sein zu andern und zu mir konnte ich nicht zugleich. Andern und mir zu helfen, war mir zu schwer. Ach, eure Welt ist schwierig! Zu viel Not, zu viel Verzweiflung! (…) Etwas muss falsch sein an eurer Welt.“ (139)
  • Aber die Götter sind ganz offensichtlich nicht an ihrer Doppelexistenz interessiert. Sie wollen sich nur ihren angeblich guten Menschen erhalten.
  • Schließlich verschwinden sie, nachdem sie Shen Te erlaubt haben, einmal im Monat auf die Shui-Ta-Variante zurückzugreifen.

S. 144: Epilog

  • Noch einmal zeigt sich ein Element des epischen Theaters, indem ein Schauspieler dem Publikum abschließende Hinweise zum Stück gibt.
  • Bedauert wird, dass „kein rechter Schluss“ – gemeint ist wohl eine Lösung – präsentiert werden konnte.
  • Berühmt sind die Worte, die am Ende des „Literarischen Quartetts“ von Marcel Reich-Ranicki immer zitiert wurden: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
  • Es werden verschiedene Lösungen angesprochen, aber letztlich läuft alles darauf hinaus, dass das Publikum sich selbst eine Lösung für die Probleme der guten Menschen in der Welt suchen soll.
  • Hervorgehoben wird die Notwendigkeit durch das dreimalige „muss“ am Ende.

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