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Kategorie: Physiker

Anmerkungen zu Dürrenmatt, „21 Punkte zu den Physikern“

Zur Bedeutung der „21 Punkte zu den Physikern“

Jeder, der gerne mithilfe der Literatur zu einem besseren Verständnis der Probleme unserer Welt kommen will und vom Theaterstück „Die Physiker“ vielleicht ein bisschen ratlos zurückgelassen worden ist, wird sich gerne mit einer nachträglichen Erklärung des Autors zur Uraufführung beschäftigen.

Das Problem ist nämlich, dass die sogenannte Tragikomödie “Die Physiker” nicht nur keine Lösung bietet, sondern irgendwie das Kernproblem der Verantwortung der Wissenschaft nur in Ansätzen sichtbar macht.

Dann denkt man sich, “21 Punkte” zur Erklärung des Stückes und seiner Hintergründe, das könnte die gespürten Lücken füllen und auch zu mehr Klarheit führen, was einen guten und vielleicht sogar rettenden Umgang mit Wissenschaft und Technik angeht.

Uns ist es auch so gegangen und so präsentieren wir jetzt unser Verständnis und auch unsere bleibenden Fragen, was diese “21 Punkte” angeht.

Dabei werden wir es wie Dürrenmatt machen und durchaus ein wenig provozieren. Ansonsten hoffen wir, dass unsere Darstellung verständlicher und nachvollziehbarer ist als die 21 Punkte des Meisters. 

1: “Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.”

  • Wenn man das ernst nimmt, bedeutet dass letztlich: Dürrenmatt verzichtet auf Argumentation und präsentiert nur ein Beispiel, möglichst in Parabelform, also mit einem Zielpunkt, einer Moral, einer Lehre. Das jedenfalls ist die einzige Funktion einer Geschichte in einem Argumentationszusammenhang. Sie entspricht in gewisser Weise einem breit ausgestalteten Beispiel.
  • Aber vielleicht will Dürrenmatt auch überhaupt keine Lehre, nur eine Diagnose und keine Therapie. Dafür spricht, dass ja tatsächlich nur eine groteske Geschichte präsentiert wird, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
  • Irgendetwas Positives darf man von diesem Stück schon gar nicht erwarten. Denn der breit vorgetragenen Lösungsansatz des Physikers Möbius scheitert ja in jeder Hinsicht und präsentiert wird am Ende eine “radioaktive Erde”. Nicht einmal irgendein Hinweis auf mögliche Lösungen oder zumindest ein Appell, etwas Rettendes zu finden, wird am Ende präsentiert. Das macht Dürrenmatts Kollege Brecht in “Der gute Mensch von Sezuan” deutlich besser. Erst die nachgeschobenen “21 Punkte” geben da entsprechende Hinweise. Ob diese seltsame Kombination von Literatur und Sachtext der Grundidee der Kunst entspricht, dass sie komplett erst wird im Auge des Betrachters, muss jeder selbst entscheiden. Uns stört diese seltsame Art der nachträglichen Belehrung jedenfalls sehr.

2. „Geht man von einer Geschichte aus, muss sie zu Ende gedacht werden.“

  • Hier bleibt unklar, was das für ein Ende sein soll, das können doch ganz verschiedene Enden sein. Für einen Schriftsteller ist das eine erstaunliche Aussage. Denn während er an seiner fiktiven Geschichte arbeitet, merkt er doch pausenlos, wie sie sich in verschiedene Richtungen entwickeln kann.
  • Aber vielleicht ist es ja auch ein Missverständnis seines Satzes und macht nur wieder einmal deutlich, dass diese 21 Punkte alle möglichen Funktionen haben, nur nicht die: Klarheit zu schaffen und damit auch zu einer sachlichen Diskussion darüber einzuladen.

 

3. „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“

    • Hier hat Dürrenmatt dann recht, wenn er eigentlich meint, man müsse sich das schlimmstmögliche Ergebnis vorstellen, um dem begegnen zu können.
    • Man merkt aber hier, wie unklar er formuliert, denn in Wirklichkeit müsste er sagen: Will man Gefahren vorbeugen, dann muss man sich die schlimmste Möglichkeit der Entwicklung vorstellen.
    • Das ist übrigens in der Realität völliger Quatsch, weil dann kein Mensch mehr Auto fahren würde.

4. „Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.“

    • Interessant ist hier, dass Dürrenmatt sich hier eigentlich selbst widerspricht.
    • Denn etwas, was man nicht vorhersehen kann, gegen das gibt es auch keine Vorsicht.
    • Was soll dann das Drama Die Physiker?
    • Natürlich kann man voraussehen, dass auch der Leiter einer Klinik wahnsinnig sein kann.
    • Dagegen gibt es Vorsichtsmaßnahmen.
    • Bei Atomwaffen gibt es zum Beispiel mehrere Schlüssel bei mehreren Leuten.
    • Das ist aber auf jeden Fall mehr, als Dürrenmatts fahrlässiges Kliniksystem sich hat einfallen lassen.

5. „Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.“

    • Das kann man so sehen, dann ist man allerdings bald im Bereich des Verrückten.
    • Letztlich ist alles, was der Dramatiker sich ausdenkt, gerade vorhersehbar, er hat es ja „vorher gesehen“ und niedergeschrieben .

6. „Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen.“

    • Das hört sich natürlich zunächst an wie eine Binsenweisheit, also eine Selbstverständlichkeit.
    • Denn Handlung hat etwas mit Geschichte zu tun und Geschichte ist an die Existenz von Menschen gebunden
    • Natürlich kann man auch von der Geschichte der Erde sprechen, aber das ist eigentlich dann eine Erweiterung des Begriffs.
    • Das Problem ist der Begriff der „Träger“.
    • Das hätte Dürrenmatt mal etwas genauer erklären sollen, aber ihm kam es wohl mehr auf die schwungvolle Darstellung an als auf die Klarheit des Gedankens.
    • Wahrscheinlich meint er, dass Menschen die Verantwortlichen sind.
    • Aber das stimmt natürlich nicht:
    • Wenn sich plötzlich unter einer Gruppe von Menschen die Erde öffnet, wovon man nichts wissen konnte, dann werden die Menschen möglicherweise zu Opfern einer dramatischen Entwicklung.
    • Man kann dann natürlich auch wiederum genau sein im Hinblick auf den Begriff „Handlung“ und das der Erde absprechen.
    • Dann würde es wohl auf das hinauslaufen, was diesem Satz Sinn gibt, nämlich, dass Handlung immer von Menschen ausgeht und auch wohl mit Absicht erfolgt.
    • Damit ergibt sich auch die Frage der Verantwortung.
    • Übrigens zeigt alleine die Länge dieser Ausführungen, was in Dürrenmatts kurzem Satz alles offen geblieben ist. 

7: „Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer zufällig wem begegnet.“

    • Auch hier wieder eine ziemliche sprachliche Lässigkeit
    • Denn natürlich ist es auch Zufall, wenn man ein Geldstück genau in dem Moment findet, in dem man es braucht.

8: “Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.”

    • Das ist so ziemlich der unsinnigste  Satz In dem ganzen Programm.
    • Denn je genauer man etwas plant, auch mit Reserven und Sicherungen, umso weniger Chancen hat der Zufall.
    • Man merkt hier besonders deutlich, wie viel Spaß Dürrenmatt am Provozieren hat.
    • Der sachliche Gehalt solcher Äußerungen ist eher schwach oder muss erst vom Leser mühsam herbeikonstruiert werden.

9: “Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie immer dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: Das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (z.B. Ödipus) .”

    • Dieser Satz ist natürlich richtig. Erstaunlich, dass Dürrenmatt gemeint hat, genau ihn erklären zu müssen an einem Beispiel.

10: “Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig).”

    • Interessant, dass Dürrenmatt überhaupt nicht auf den Aspekt der Wahrscheinlichkeit eingeht.
    • Denn das, was mit Ödipus geschehen ist, ist weniger grotesk als extrem unwahrscheinlich.
    • So etwas mag im Rahmen eines Mythos eine Rolle spielen, hat für die Realität aber kaum eine Bedeutung.
    • Auf gar keinen Fall lohnt es sich, darauf viele Gedanken zu verschwenden.

11: “Sie ist paradox.”

    • Auch hier geht Dürrenmatt viel zu wenig auf den Begriff der Wahrscheinlichkeit ein.
    • Wieso soll es paradox sein, wenn ein extrem seltener Fall doch auch eintritt?
    • Man sieht hier, in welchem Ausmaß Dürrenmatt sich ein eigenes Weltbild aufbaut, das gut aussieht, aber auf einer sehr schmalen Grundlage liegt.

12: “Ebenso wenig wie die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe vermeiden.”

    • Es wäre schön gewesen, wenn Dürrenmatt hier das Unwahrscheinliche nicht mit dem Paradoxen verwechselt hätte.
    • Von daher kann darauf nicht näher eingegangen werden, da er auch kein überzeugendes Beispiel liefert.

13: “Ebenso wenig wie die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden.”

    • Hier gilt das gleiche wie bei der vorherigen Frage.

14: “Ein Drama über die Physiker muss paradox sein.”

    • Auch mit dem Satz kann man nichts anfangen, zumindest nicht im Rahmen der 21 Punkte.

15: “Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziel haben, sondern nur ihre Auswirkungen.”

    • Auch dieser Satz ist äußerst fragwürdig, denn die Auswirkungen hängen ja immer vom Inhalt ab.
    • Da Dürrenmatt sich in seinem Drama “Die Physiker” aber äußerst wenig mit den realen Phänomenen der Physik beschäftigt, behauptet er einfach irgendwelche Auswirkungen.
    • Natürlich gibt es die bei der Atomkraft, wie Hiroshima traurigerweise bewiesen hat, von sonstigen Auswirkungen ganz abgesehen.
    • Aber man müsste genauer auf sie und ihre Voraussetzungen eingehen, um sie verhindern oder abmildern zu können.

16: “Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen”

    • Auch hier übersieht Dürrenmatt mal wieder, dass es zwischen den Physikern und den Menschen allgemein noch Zwischen-Instanzen gibt, besonders in der Demokratie.
    • Das kann man besonders gut bei der Gentechnik sehen, über die ja immer wieder gestritten wird.
    • Und zwar von denen, die in einer Demokratie dafür zuständig sind –
    • und das sind bestimmt nicht die Schriftsteller in irgendeiner besonderen Weise. .

17: “Was alle angeht, können nur alle lösen.”

    • Das ist wieder so ein Satz, der wunderbar klingt, aber mit der Realität natürlich nichts zu tun hat.
    • Die Deutsche Rentenversicherung ist nicht von allen Deutschen geschaffen worden, sondern von Bismarck in einem ganz bestimmten historischen Kontext.
    • Auch die Impfungen sind von Wissenschaftlern erfunden und dann von verantwortungsbewussten Medizinpolitikern und Ärzten an die Menschen herangetragen worden.
    • Das kann man sicherlich beliebig fortsetzen. Interessant ist auf jeden Fall, dass Dürrenmatt kein einziges Mal in seinen 21 Punkten die Vertretung aller Menschen in einem Staat erwähnt, nämlich die Volksvertretung.

18: “Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.”

    • Hier sei erst mal wieder auf Bismarck verwiesen, dessen Lösung im Bereich der Sozialpolitik für viele Jahrzehnte vorbildlich gewesen ist.
    • Ansonsten sei hier nur auf einzelne Menschen verwiesen, die ein Problem hatten, das wirklich alle anging, dass sie aber nur für sich lösen konnten. Man denke etwa an Menschen in Diktaturen.
    • Je kürzer die Sätze von Dürrenmatt hier, desto größer ihre Beschränktheit.
    • Das verweist auch auf das größere Problem des Verhältnisses von Literatur und Politik. Es war wohl immer eine unglaubliche Anmaßung, wenn Fachleute für einen bestimmten Bereich, in diesem Falle für das Schöngeistige, meinten, deshalb auch bereits eine größere Kompetenz als andere im Bereich der Politik zu haben.
    • Schon der griechische Philosoph Platon war sicherlich ein Großer Denker. Seine Vorstellungen vom Staat zum Beispiel waren genauso zeit- und persönlichkeitsgebunden wie die anderer Menschen seiner Zeit.

19: “Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.”

    • Auf die fehlende Klärung des Begriffs des Paradoxen im Zusammenhang dieser 21 Punkte ist schon hingewiesen worden. Es lohnt sich nicht, da irgendwie herumzurätseln.
    • Wenn uns jeden Tag im Alltag nur im Paradoxon die Wirklichkeit erscheinen würde, dann wäre es schnell ausgeht uns. Wem jemals ein ausgewachsener Hirsch von oben auf sein Cabrio gefallen ist (was paradox ist, aber möglich), der wartet verzweifelt auf den normalen Teil der Wirklichkeit, nämlich den Krankenwagen.

20: “Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus..”

    • Auf die fehlende Klärung des Begriffs des Paradoxen im Zusammenhang dieser 21 Punkte ist schon hingewiesen worden. Es lohnt sich nicht, da irgendwie herumzurätseln.
    • Ansonsten könnte man auch satirisch darauf hinweisen, dass man sich als Leser der 21 Punkte Dürrenmatts dem Paradoxen aussetzt – Weil er ja ganz bewusst und provozierend  (zumindest auf den ersten Blick beziehungsweise in der knappen Form) „Widersinniges“ präsentiert.
    • Ob man sich damit der Wirklichkeit aussetzt, ist mehr als fraglich.

21: “Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu überwältigen..”

    • Beziehen wir diesen Satz mal auf das Drama „Die Physiker“. Dann wird deutlich, dass schon der erste Teil des Satzes nicht stimmt.
    • Denn die Wirklichkeit erscheint in dem Drama ja überhaupt nicht in einer Form, mit der man sich auseinandersetzen kann.
    • Über den Rest des Satzes muss man sich gar nicht mehr unterhalten .

Fazit:

Insgesamt wird deutlich, dass Dürrenmatt in diesen 21 Punkten in vielfältiger Weise provoziert. Leider setzt er damit die Tendenz seines Stückes fort und trägt zur sachlichen Klärung wenig bei.

Weiterführende Hinweise

 

 

Dürrenmatt, „Die Physiker“ – Themenseite: Übersicht über Infos, Tipps und Materialien

Überblick über Infos und Materialien zu Dürrenmatts Theaterstück „Die Physiker“

Beginnen wir mit einem Schaubild, das einen groben Überblick gibt über das Theaterstück und seine Themen.

Das Schaubild zeigt sehr schön, wie es eine Vorgeschichte zu Dürrenmatts „Die Physiker“ gibt, dann seine sehr düstere literarische Sicht der Wissenschaftsproblematik und schließlich eine Menge Bezüge zur Gegenwart, die sich nicht nur mit der Atomfrage beschäftigen.

Übersichten:

Hintergrund des Dramas

Weiterführende Hinweise

 

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