Der Autor und sein Werk – welche Rolle spielt er, wenn es fertig ist? (Mat5832-auw)

Die Frage, ob und inwiefern sich Schriftsteller öffentlich zur Interpretation ihrer eigenen Werke äußern sollten, wird in der Literaturwissenschaft und -kritik kontrovers diskutiert. Die folgende Übersicht stellt die wesentlichen Positionen, Thesen und Argumente zusammen.

1. Argumente für die öffentliche Äußerung (Pro-Positionen)

  • Der Autor als zentrale Instanz der Sinnstiftung: In Ansätzen der kognitiven Hermeneutik gilt der Autor als maßgebliche Größe. Um einen Textbestand wissenschaftlich erklären zu können, sind Hintergrundinformationen über das Überzeugungssystem und das Literaturprogramm des Autors oft unverzichtbar.
  • Heuristische Funktion: Öffentliche Äußerungen, wie etwa in Interviews, dienen als wichtige Quelle für die Forschung. Sie können dabei helfen, Interpretationshypothesen zu bilden, die Zahl möglicher Deutungen auf ein praktikables Maß zu begrenzen und relevante historische Kontexte einzugrenzen.
  • Steuerung der Rezeption (Epitexte): Nach Gérard Genette gehören Interviews zum sogenannten Epitext. Dieser ermöglicht es dem Autor, die Rezeption seines Werkes auch nach dessen Erscheinen unabhängig von der eigentlichen Textpräsentation zu steuern. Dies kann dazu dienen, grobe Missverständnisse zu vermeiden oder die intendierte Wirkung beim Leser zu unterstützen.
  • Recht auf Artikulation der Intention: Ein Autor hat grundsätzlich das Recht zu sagen, was er mit seiner Geschichte ausdrücken wollte. In der Literaturgeschichte wurde die Autorintention (intentio auctoris) spätestens im 18. Jahrhundert zu einer zentralen Verstehensnorm.
  • Marketing und Imagebildung: Im modernen Literaturbetrieb ist die öffentliche Äußerung oft eine Form der erfolgsorientierten Kommunikation. Autoren nutzen Interviews, um ein bestimmtes Bild ihrer Person oder Kunstvorstellung (Image) zu vermitteln, was unmittelbar mit dem kommerziellen Erfolg verknüpft sein kann.
  • Selbsterkenntnis durch Dialog: Der Vergleich zwischen der eigenen Intention und der tatsächlichen Rezeption durch die Leser kann für den Autor eine spannende Aufgabe sein, bei der er viel über sich selbst und seine (vielleicht unbewussten) blinden Flecken lernt.

2. Argumente gegen die öffentliche Äußerung (Contra-Positionen)

  • Der „Intentionalistische Fehlschluss“ (Intentional Fallacy): Vertreter des New Criticism argumentieren, dass der Vorsatz oder die Absicht des Autors weder verfügbar noch wünschenswert als Maßstab für die Beurteilung eines literarischen Werks sei. Ein literarisches Kunstwerk müsse als in sich geschlossenes, autonomes System aus sich heraus interpretiert werden.
  • Der „Tod des Autors“: In radikalen poststrukturalistischen Theorien (z. B. Barthes, Foucault) wird die Vorstellung vom Autor als göttlichem Schöpfer einer eindeutigen Botschaft abgelehnt. Der Text wird als ein Gewebe aus Zitaten betrachtet, in dem sich das Subjekt des Autors auflöst. Sobald ein Text veröffentlicht ist, ist er von seinem Absender losgelöst und gehört der Öffentlichkeit.
  • Unterbewusstes Schreiben: Ein bedeutender Teil eines Romans (oft zwischen 80.000 und 100.000 Wörtern) entsteht unterbewusst. Der Autor bringt persönliche Vorurteile, Erfahrungen und moralische Vorstellungen ein, die er gar nicht bewusst plant. Leser können das Werk daher oft aus einem objektiveren Blickwinkel betrachten und Sachverhalte aufdecken, die dem Autor selbst entgangen sind.
  • Gedankenfreiheit des Lesers: J.R.R. Tolkien etwa lehnte Allegorien ab, da sie eine „beabsichtigte Beherrschung durch den Autor“ darstellen würden. Er stellte die Gedankenfreiheit des Lesers und die Anwendbarkeit eines Textes auf dessen eigene Erfahrungen über den Kontrollanspruch des Autors.
  • Unzuverlässigkeit öffentlicher Äußerungen: Interviews sind oft Teil der „medialen Maschinerie“. Die dort gegebenen Informationen müssen nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen, sondern können der Selbstinszenierung oder dem Marketing dienen.
  • Vermeidung von Interpretationsvorgaben: Manche Autoren halten es für wenig sinnvoll, nachträglich zu erklären, was sie „eigentlich gemeint“ haben, da Leser die Leerstellen des Textes ohnehin mit ihren eigenen Erfahrungen füllen. Ein fertiges Buch sollte „frei gelassen“ werden; jede dadurch ausgelöste Empfindung hat ihre eigene Berechtigung.

3. Vermittelnde und systematisierende Thesen

  • Grenzen der Interpretation: Umberto Eco betont, dass zwar nicht die Intention des Autors, wohl aber die Intention des Textes (intentio operis) der Willkür der Leser Grenzen setzt. Es gibt Interpretationen, die schlichtweg unhaltbar sind, auch wenn der Autor sich nicht dazu äußert.
  • Unterscheidung der Instanzen: In der modernen Analyse wird strikt zwischen dem realen (empirischen) Autor, dem Erzähler und dem impliziten Autor unterschieden. Äußerungen des realen Autors dürfen nicht eins zu eins als Wahrheit über die im Text enthaltene Sprecherinstanz gewertet werden.
  • Abhängigkeit vom Interpretationsziel: Ob man den Autor einbezieht, hängt vom Ziel der Untersuchung ab: Während eine strukturalistische Analyse den Autor ignoriert, ist er für eine psychologische oder literaturhistorische Deutung zentral.

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