Worum es geht

Eine der berühmtesten Balladen ist „Der Knabe im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff. Sie gilt als „naturmagisch“, weil etwas Natürliches präsentiert wird, das überirdische Züge enthält.

Wir sehen das etwas anders. Unserer Meinung nach geht es um die Darstellung einer Landschaft aus der Sicht eines verängstigten Kindes. Es hat anscheinend eine Menge Fantasie – und die wird auch noch befeuert mit Geschichten, wie sie früher erzählt wurden. Würde man das auf unsere Zeit übertragen, wäre man nicht weit vom Horror entfernt.

Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er die ihn umgebende Landschaft mit den Augen der Fantasie sieht.

Von daher könnte es eine reizvolle Aufgabe sein, diese Perspektive auf das Moor positiver zu gestalten – zum Beispiel von einem sicheren Steg aus, der über das Moor führt. Man sieht alles, muss aber keine unnötige Angst haben.

Die Überschrift

  • Die Überschrift enthält zwei wichtige Elemente,
    • zum einen eine gefährliche Gegend, in der man leicht versinken und untergehen kann.
    • Zum anderen ist da ein Knabe, also ein Kind, das möglicherweise noch nicht die Erfahrung hat wie Erwachsene.

1. Strophe

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt! –
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

    • Gleich am Anfang wird eigentlich schon alles gesagt, es ist schaurig, löst also Ängste aus, wenn man über das Moor gehen muss.
    • Anschließend geht es dann aber nur an zwei Stellen diese besondere Lebensgefahr, die mit dem Moor verbunden ist.
    • Die übrigen Wahrnehmungen kann man auch genauso gut erleben, wenn man abends allein durch einen Wald geht.
    • Hiere wird also die reale Gefahr noch durch zusätzliche eigene Ängste vergrößert.

2. Strophe

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

  • Die zweite Strophe präsentiert dann die Reaktion des Kindes. Zum einen hält es sich an etwas scheinbar Sicherem fest, nämlich seinem Schulbuch.
  • Zum anderen duckt es sich einfach weg und zeigt damit eine natürliche Abwehr- und Selbstschutzfunktion, wie man sie auch bei Tieren beobachten kann.
  • Dazwischen wieder ängstliche Beobachtungen, die außerdem noch mit Gespenstergeschichten verbunden werden, die man dem Kind erzählt hat.

3. Strophe

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

  • Diese dritte Strophe setzt dann die Präsentation der Angstvisionen und entsprechenden Gefühle fort.
  • Dazu kommt die Steigerung, dass das Kind jetzt rennt.

4. Strophe

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

  • Die nächste Strophe präsentierten das, was in dem Kind vorgeht und es antreibt.
  • Verstärkt ist jetzt bei dem Kind das Gefühl, dass da nicht nur eine allgemeine Gefahr droht, sondern es regelrecht von bösen Mächten geholt werden soll.
  • Dies wird hier wieder konkret mit Geräuschen verbunden und mit erneuten Anspielungen auf Gespenstergeschichten.

5. Strophe

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

    • Hier gibt es eine weitere Steigerung. Denn das Moor reißt vor den Augen des Kindes auseinander, es zeigt sich eine möglicherweise gefährliche Spalte.
    • Das wird wieder verbunden mit einer Gespenstererscheinung, die anscheinend das schon erleidet, was das Kind für sich befürchtet.
    • Wie sehr all das das Kind mitgenommen hat, wird deutlich gemacht mit einem verwundeten Reh.
    • Dann aber eine plötzliche Wendung, nämlich ein Hinweis auf ein gutes Ende der Geschichte.

6. Strophe

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

  • Konkret wendet sich jetzt alles zum Positiven, der Boden wird fester und die Lampe des heimatlichen Hauses wird sichtbar.
  • Deutlich wird, dass der Junge gewissermaßen den Kipp-Punkt ins Positive erreicht hat
  • Was bleibt neben Erleichterung ist noch das Gefühl der Bedrohung, der man entgangen ist.
  • Am Ende wird der Anfangsgedanke aufgenommen, dass das Moor eben schaurige Erlebnisse bereithält.

Insgesamt zeigt das Gedicht …

  1. die Angstgefühle eines jungen Menschen, der einen durchaus nicht ungefährlichen Weg zurücklegen muss.
  2. Wie groß die Gefahr wirklich ist, erfährt man nicht. Die vielen Hinweise auf Gespenstergeschichten lassen aber die Vermutung aufkommen, dass es sich hier vor allem um selbst gemachte Ängste handelt.
  3. Bezeichnend ist, dass ein Großteil dessen, was diesen Jungen quält, mit dem Moor gar nichts zu tun hat. Das könnte ihm beim Gang in den Keller oder durch einen dunklen Wald genauso passieren.
  4. Etwas seltsam ist, dass an einer Stelle und ganz überraschend von einem Schutzengel die Rede ist. Der scheint aber nicht im Kopf des Jungen zu existieren, sondern eher eine Interpretation des lyrischen Ichs zu sein. Wer Annette von Droste Hülshoff kennt, weiß, dass sie an solche schützenden Instanzen glaubte.
  5. Was real diesen Jungen rettet, ist allerdings die nicht ganz so große reale Gefährlichkeit des Ortes und das rechtzeitige Ankommen am rechten Ziel.

Aus heutiger Sicht kann man sich fragen, wie sinnvoll es ist, Kindern Schauergeschichten zu erzählen, die ihre natürliche Angst nur noch vergrößern.

Es gibt übrigens in Goethes „Werther“ eine Stelle, an der eine fürsorgliche junge Frau den Romanhelden sehr dafür kritisiert, dass er dem Kind ein solches Schauermärchen zumindest angedeutet.  Das unterscheidet offensichtlich die Goethezeit von der Epoche danach.

Anregung: Es könnte interessant sein, ein Gegengedicht zu schreiben aus der Perspektive eines Kindes, das von den Erwachsenen vernünftig auf eine solche Situation vorbereitet worden ist.

Oder man schreibt eine Geschichte von zwei Jungen  oder zwei Mädchen, die auch durch eine solche dunkle Zone durch müssen. Dabei zeigen sich die Unterschiede zwischen denen, denen man Schauergeschichten erzählt hat, und denen, denen man geholfen hat, mit den eigenen Ängsten umzugehen.

Vielleicht hilft die folgende Seite an dieser Stelle weiter.

https://www.hallo-eltern.de/kind/angst-im-dunkeln/

Weiterführende Hinweise