Hermetik – oder die Frage: Was ist, wenn ein Autor es dem Leser schwer macht? (Mat5832-was)

In der Literaturwissenschaft wird dieses Phänomen der mangelnden Leserorientierung und die Flucht in die Hermetik durchaus reflektiert, insbesondere in der Abgrenzung zwischen verschiedenen literarischen Strömungen und deren Verhältnis zur Wirklichkeit.

Hier sind die zentralen Punkte zu dem Thema:

1. Hermetik als Vorwurf und Programm

In der Literaturgeschichte wird die Tendenz, sich vom Leser und von der fälligen Vermittlung von Wirklichkeitskontexten abzuwenden, oft mit dem Ästhetizismus und dem Symbolismus in Verbindung gebracht.

  • Weltflucht und Hermetismus: Dem Ästhetizismus wird häufig der Vorwurf der „Weltflucht“ und der „sozialen Gleichgültigkeit bis hin zum ästhetischen Hermetismus“ gemacht.
  • Sakralisierung der Kunst: Bewegungen wie der Symbolismus neigen dazu, Literatur zu „sakralisieren“ und eine metaphysische Kunstwelt zu erschaffen, die als von der Wirklichkeit abgetrennt verstanden wird. Dies führt zu einer „auratischen Prägung“, die zwar viel Spielraum für Interpretationen lässt, aber den Zugang für den Leser massiv erschweren kann.

2. Die Gegenbewegung: Forderung nach Sozialrelevanz

In der aktuellen Forschung gibt es Bestrebungen, die Literatur aus dieser „Weltvergessenheit“ herauszulösen.

  • New Sincerity und Rita Felski: Es gibt Versuche, wie das New Sincerity-Movement, die „hermetische und allzu ästhetizistische Ansätze“ explizit verwerfen, da diese den Zugang zum Text behindern.
  • Resozialisierung der Literatur: Neuere leserorientierte Ansätze, etwa von Rita Felski, zielen darauf ab, die Literatur zu „resozialisieren“ und ihre soziale Relevanz wiederherzustellen. Hier wird gefordert, dass Texte dem Leser ein tatsächliches „Verständnis-Angebot“ machen müssen, anstatt sich in Unverständlichkeit zu flüchten.

3. Das Kommunikationsmodell: Fiktion als Mitteilung

Theoretisch wird betont, dass Fiktion kein Selbstzweck ist, sondern eine Funktion hat.

  • Fiktion als Mitteilungsverhältnis: Wolfgang Iser begreift Fiktion nicht als Gegensatz zur Realität, sondern als ein Mitteilungsverhältnis, das dem menschlichen Subjekt etwas über die Wirklichkeit mitteilen will.
  • Kommunikationsantrieb: Wenn ein Text jedoch den „kulturellen Rahmen“, in den die Botschaft eingefügt werden muss, völlig vorenthält, wird der „Kommunikationsantrieb“ blockiert. Ein Text, der keine Brücke zur Erfahrungswelt des Lesers schlägt, kann seine Funktion als Kommunikationsstruktur nicht erfüllen.

4. Das Problem der Qualität und der „Angst des Lektors“

Die These zum „Geheimnis“ als Schutzraum für schwache Texte bekannter Autoren lässt sich mit dem Wandel der Autorrolle im Literaturbetrieb verknüpfen.

  • Nobilitierung der Künstlerfigur: In der Moderne kam es zu einer „Aufwertung bis hin zu Nobilitierung der Künstlerfigur“, insbesondere in der Genieästhetik. Dies kann dazu führen, dass bei etablierten Autoren auch „funktionslose Abweichungen“ – also Texte ohne inneren Zusammenhalt – als geniales „Geheimnis“ missverstanden oder aus Ehrfurcht nicht kritisiert werden.
  • Licentia Poetica vs. Fehler: Die dichterische Freiheit (licentia poetica) legitimiert keineswegs zu jeder beliebigen Abweichung. Eine Abweichung muss ein „Funktionsprinzip“ haben; ist sie funktionslos, fällt sie nicht unter die dichterische Freiheit, sondern ist schlicht ein Fehler oder ein Widerspruch.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Literaturtheorie (vor allem bei Iser und Eco) zwar das „Offene“ und das „Unbestimmte“ als Qualitätsmerkmal schätzt, aber eine Hermetik ohne funktionalen Rückbezug auf die Wirklichkeit kritisch als Verlust an sozialer Relevanz und als Scheitern der kommunikativen Struktur bewertet.

Praxisbeispiel: Ein fiktives hermetisches Gedicht

Um das Gesagte zu veranschaulichen, haben wir gemeinsam mit einer KI ein fiktives hermetisches Gedicht entwickelt – und es anschließend auf seine versteckten Codes hin analysiert. Das Ergebnis zeigt sehr deutlich, wie Hermetik funktioniert und warum sie Lesern ohne Spezialwissen den Zugang versperrt.

Kranzler-Elegie

1  Kalter Espresso im Glasturm
2  Benn zählt die Gehirne am Tresen
3  Die Statuen am Tor sind müde
4  Sie schweigen
5  Marmor weint nicht
6  Der Weltgeist reist dritter Klasse
7  Abflug verspätet
8  Morgue ist überall
9  Und die Freiheit schmeckt nach billigem Kaugummi
10 Ausverkauft

Die Experten-Dekodierung

Wenn Schüler diesen Text in einer Klausur vor sich liegen haben, werden sie die Atmosphäre (Großstadt, Einsamkeit, Moderne) spüren, aber an den Kernstellen scheitern, weil ihnen das historische und literarische Raster fehlt. Hier ist das, was im Hintergrund die Fäden zieht:

„Benn zählt die Gehirne am Tresen“ & „Morgue ist überall“ (Zeilen 2 und 8)

  • Was Schüler sehen: Jemand namens Benn sitzt in einem Café oder einer Bar und beobachtet Menschen. „Morgue“ klingt irgendwie düster.
  • Die Experten-Ebene: Das ist eine direkte Anspielung auf den expressionistischen Dichter Gottfried Benn und seinen berühmten Gedichtzyklus „Morgue und andere Gedichte“ (1912). Benn war Arzt und sezierte Leichen; in seiner Lyrik reduzierte er den Menschen oft auf seine rein biologische, fleischliche Existenz. Wer den Namen Benn und das französische Wort für „Leichenschauhaus“ (Morgue) nicht kennt, versteht nicht, dass das Gedicht hier eine radikal nihilistische, fast zynische Sicht auf die Kaffeehaus-Gäste einnimmt – sie werden zu wandelnden Anatomie-Objekten deklassiert.

„Der Weltgeist reist dritter Klasse / Abflug verspätet“ (Zeilen 6–7)

  • Was Schüler sehen: Eine vage Metapher für Verspätung, vielleicht ein Seitenhieb auf die Deutsche Bahn oder den Flughafen BER.
  • Die Experten-Ebene: Das ist eine ironische Demontage des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Hegel prägte den Begriff des „Weltgeists“, der sich in der Geschichte vernünftig entfaltet. Im Gedicht wird dieser erhabene philosophische Optimismus komplett zertrümmert: Der Weltgeist reist nicht mehr heroisch zu Pferd, sondern sitzt pleite in der Holzklasse fest. Die Moderne hat die große Philosophie abgehängt.

„Die Statuen am Tor sind müde / Marmor weint nicht“ (Zeilen 3–5)

  • Was Schüler sehen: Da stehen Figuren an einem Tor (vielleicht dem Brandenburger Tor in Berlin, passend zum „Kranzler“ im Titel). Sie wirken alt.
  • Die Experten-Ebene: Hier wird auf den Klassizismus und die deutsche Bildungstradition (Goethe, Schiller, Winckelmann) angespielt. Die „Statuen am Tor“ stehen für die alten humanistischen Ideale von Schönheit, Wahrheit und unerschütterlicher Würde – „edle Einfalt, stille Größe“. Das Gedicht sagt: Diese Ideale sind „müde“, sie haben der modernen Tristesse nichts mehr entgegenzusetzen.

„Kranzler-Elegie“ – der Titel

  • Was Schüler sehen: Ein schicker Name für ein Gedicht.
  • Die Experten-Ebene: Das Café Kranzler war die Institution des alten West-Berlins, ein Ort bürgerlicher Selbstdarstellung und Kultur. Es mit einer „Elegie“ (einem Klagelied) zu verknüpfen, setzt den nostalgischen Kontrapunkt: Das bürgerliche Zeitalter der Kaffeehauskultur ist tot, übrig bleibt das sterile Konsumieren im „Glasturm“.

Was dieses Beispiel zeigt

Dieses Gedicht eignet sich perfekt, um zu zeigen, was an hermetischer Literatur problematisch ist: Es ist nicht auf Verständigung angelegt, sondern verbarrikadiert sich hinter Bildungscodes.

Gleichzeitig kann man an diesem Beispiel wunderbar demonstrieren, wie ein Schüler, der diese Codes nicht kennt, trotzdem über die Stimmung (den „Kaugummi-Geschmack“ der Freiheit, die Kälte des Espressos) einen ersten Zugang finden kann – während die „Experten“ sich an den Benn- und Hegel-Zitaten berauschen. Das Beispiel entlarvt die Asymmetrie der Hermetik par excellence.

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