Die Erzählung „Rückkehr“ von Botho Strauß ist Teil seiner im Jahr 2006 im Hanser Verlag erschienenen Sammlung von 41 Erzählungen mit dem Titel Mikado.
Entstehung und Hintergrund
Die Geschichte entstand in einer Phase von Strauß’ Schaffen, die durch eine Hinwendung zu kürzeren Prosaformen wie der Kalendergeschichte und der Kurzgeschichte geprägt ist. Im Vergleich zu seinen früheren, oft scharf gesellschaftskritischen Werken (wie etwa Paare, Passanten von 1981) markiert Mikado und damit auch „Rückkehr“ eine Entwicklung hin zu sozialen Themen und einem abstrakteren, aber oft versöhnlicheren Ton. Der Hintergrund der Geschichte ist die Auseinandersetzung mit der Unumkehrbarkeit von Lebensentscheidungen, der Fragilität menschlicher Bindungen und der Frage, ob moralische Schuld durch späte Reue oder materielle Hilfe ausgeglichen werden kann.
Literarische Einordnung und Gattung
„Rückkehr“ wird in der Literaturwissenschaft und im Bildungskontext wie folgt eingeordnet:
- Moderne Kalendergeschichte: Der Text wird oft als moderne Kalendergeschichte bezeichnet, da er Parallelen zu den Erzählungen von Johann Peter Hebel aus dem 19. Jahrhundert aufweist. Er präsentiert eine interessante Begebenheit, die auf eine Erkenntnis oder Pointe hinausläuft.
— - Postmoderne Literatur: Die Erzählung trägt deutliche Züge der Postmoderne. Dies zeigt sich in der Skepsis gegenüber eindeutigen Wahrheiten, der Darstellung von Identitätsverlust und einer Mehrfachstruktur, die dem Leser großen Interpretationsspielraum lässt.
— - Stil: Die Geschichte ist durch eine extreme Lakonik und einen nüchternen, fast dokumentarischen Erzählstil gekennzeichnet. Es wird weitgehend auf wörtliche Rede verzichtet, was die Kälte und Distanz des Moments unterstreicht.
Vergleichsmöglichkeit: Strauß – Hebel
Wenn man das mal ausprobieren will, die Geschichte von Botho Strauß mit einer von Johann Peter Hebel zu vergleichen, dann bietet sich das Folgende an:
Es geht um Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“: Ein Rezensent ordnet Strauß‘ Erzählung als ferne Replik auf die Hebel-Geschichte ein. Das ist zwar keine bestätigte Aussage von Strauß selbst, aber eine literaturkritisch begründete Einordnung, die sich im Unterricht hervorragend als Vergleichspaar nutzen lässt.
Das ist also kein zufälliger Vergleich, sondern eine intertextuelle Bezugnahme, die sich im Unterricht hervorragend als Vergleichspaar nutzen lässt – und genau das macht sie „beyond the books“ interessant, weil man den Schülern zeigen kann, wie ein moderner Autor einen alten Stoff aufgreift und bewusst verändert.
Zur Erinnerung an die Ausgangslage:
Bei Hebel verunglückt ein junger Bergmann kurz vor seiner Hochzeit im Bergwerk von Falun, wird durch Vitriolwasser konserviert und Jahrzehnte später unverändert, wie schlafend, geborgen – während seine Braut inzwischen zur alten Frau geworden ist. Sie erkennt ihn sofort wieder, und die Geschichte endet mit einem versöhnlichen, fast erbaulichen Ton: Die Toten werden am Jüngsten Tag auferstehen, alles fügt sich in eine höhere Ordnung. Bei Strauß verlässt der Bäckermeister Alwin Frau und Heimat, wird in Mexiko zum Fabrikanten, kehrt nach 25 Jahren zurück zu seiner inzwischen gealterten, verarmten Frau Myriam – die sein Hilfsangebot jedoch ablehnt und ihn bittet zu gehen.
Gemeinsamkeiten
Die Gemeinsamkeit liegt auf der Hand: beide Geschichten erzählen von einer langen Trennung, einer Rückkehr nach Jahrzehnten und der Konfrontation mit dem gealterten Partner. Beide arbeiten mit dem Motiv der eingefrorenen Zeit – bei Hebel wörtlich (der Konservierte altert nicht), bei Strauß übertragen (Alwin kehrt innerlich unverändert zurück, als wäre die Zeit für ihn stehengeblieben, während Myriam tatsächlich gealtert ist). Beide sind knapp, sprachlich schlicht, ohne psychologisierende Ausschmückung – typisch für die Kalendergeschichte als Form, die Strauß hier bewusst zitiert.
Unterschiede
Der entscheidende Unterschied liegt im Ausgang und in der dahinterstehenden Weltsicht. Hebels Geschichte ist trotz der Tragik des frühen Todes eine Geschichte des Trostes: Wiedersehen, Erkennen, Versöhnung mit dem Schicksal, eingebettet in eine christlich-bürgerliche Ordnungsvorstellung, die dem Tod noch einen Sinn abgewinnt. Strauß dagegen verweigert genau das. Es gibt kein Wiedererkennen im Sinne einer Erlösung, sondern eine kühle, endgültige Abweisung. Keine Auflösung, keine Versöhnung – nur die Geste der Verweigerung. Das ist die typisch moderne, desillusionierte Gegenerzählung zum biedermeierlichen Trost bei Hebel.
Die Rollenverkehrung
Noch ein Aspekt, der sich gut herausarbeiten lässt: die Rollenverteilung ist bei beiden spiegelverkehrt. Bei Hebel ist es der Mann, der unverändert bleibt (weil tot), die Frau altert und muss loslassen. Bei Strauß ist es der Mann, der sich äußerlich massiv verändert hat (vom Bäcker zum Multimillionär), während die Frau in Armut und in ihrem alten Lebensbild verharrt – gerade sie ist die Instanz, die standhaft bleibt und ablehnt, nicht loslässt, sondern konsequent auf Distanz geht. Bei Hebel bringt die Rückkehr Frieden, bei Strauß bringt sie nur die schmerzhafte Bestätigung, dass Entscheidungen unumkehrbar sind.
Interessante These zum Diskutieren
Für den Unterricht ließe sich daraus eine schöne These entwickeln: Strauß nimmt Hebels Trost-Modell der Kalendergeschichte auf, um es an seinem Ende bewusst zu brechen – aus der barmherzigen Vorsehung wird die schonungslose Konsequenz. Das wäre ein Vergleich, der über die übliche Schulbuch-Gegenüberstellung „damals fromm, heute nüchtern“ hinausgeht und zeigt, wie intertextuelles Schreiben funktioniert.
Exkursion zu Intertextualität und Rezension
Kurz zur Begriff der Rezension hier: wir meinen hier nicht nur die Textsorte, sondern den speziellen Bereich im literarischen Kommunikationsmodell. Rezensionen vermitteln in gewisser Weise zwischen dem Werk und der Leserschaft.
Nun zu unserem Fall hier:
Kernaussage: Ausgehend von der Hintergrundinformation zu Strauß‘ „Rückkehr“ (Mikado, 2006) führt die Kalendergeschichte als Gattungsbrücke zur Vergleichsfrage mit Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“. Von dort aus springt der Gedanke in einen eigenen Bereich: die Frage, was ein Rezensent eigentlich tut, wenn er eine solche Verbindung herstellt. Nicht jede benannte Bezugnahme setzt eine bewusste Autorenabsicht voraus – oft erkennt der Rezensent ein literarisches Muster, das der Autor unwillkürlich aus seiner Bildung heraus reproduziert, ohne es beim Schreiben aktiv zu intendieren.
Offene Richtungen:
- Unterscheidung bewusste Intertextualität vs. unwillkürliche Prägung als eigenständiges didaktisches Thema (auch jenseits von Strauß/Hebel einsetzbar)
- Der Rezensent als geschulter Mustererkenner – eine Kompetenz, die man Schülern explizit vermitteln könnte
- Frage der Belegbarkeit: Wann darf man von „Vorbild“ sprechen, wann nur von „Einordnung durch Dritte“?
Rezeption
Die Rezeption der Geschichte hebt besonders den genial verknappten Schluss hervor, der durch seine lakonische Antwort („ihn mit ihm allein zu lassen“) eine enorme emotionale Tiefe und Vieldeutigkeit erzeugt.
- Thematische Relevanz: Die Geschichte wird für ihre Behandlung zentraler Themen wie Identität, Verantwortung und persönliche Freiheit geschätzt.
- Einordnung im Gesamtwerk: Kritiker sehen in „Rückkehr“ und der Sammlung Mikado den Nachweis, dass traditionelle Gattungen wie die Kalendergeschichte auch in der Gegenwartsliteratur noch funktionieren können. Während Strauß früher oft für einen „herrischen“ Ton kritisiert wurde, wird der Ton in diesen Erzählungen als weniger aggressiv und eher enigmatisch-beobachtend wahrgenommen.
In Schul- und Lehrmaterialien wird die Erzählung häufig genutzt, um die Analyse von literarischen Mitteln, Erzählperspektiven und gesellschaftlichen Werten (wie Erfolg vs. moralische Verantwortung) zu vermitteln.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Botho Strauß, „Rückkehr“ als moderne Kalendergeschichte
https://schnell-durchblicken.de/botho-strauss-rueckkehr
— - Video zu dieser Trennungsgeschichte
https://schnell-durchblicken.de/video-botho-strauss-rueckkehr
— - Anders Freistein, Auf Messers Schneide – ein ungewöhnlicher Urlaubsflirt -ein Weiterdichten der Geschichte „Rückkehr“ von Botho Strauß
https://textaussage.de/anders-freistein-auf-messers-schneide
— - Kalendergeschichten: Infos, Tipps und Materialien – Themenseite
https://schnell-durchblicken.de/kalendergeschichten-infos-tipps-und-materialien-themenseite
— - Kurzgeschichten zu den Themen: Ehe, Beziehungen, Liebe:
https://textaussage.de/kurzgeschichten-thema-beziehungen
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichtshttps://textaussage.de/weitere-infos
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