Kafkas Parabel „Heimkehr“ – mehr als ein Stück Biografie

Am Beispiel von Kafkas Parabel „Heimkehr“ kann man schön den Unterschied zwischen Kunst (in diesem Falle Literatur) und Autobiografie aufzeigen.

Wer sich ein bisschen mit Kafkas Biografie beschäftigt hat, weiß, dass er sehr unter seinem Vater gelitten hat und in seinem „Brief an den Vater“ ein erschütterndes Beispiel für eine Nicht- oder Gegenbeziehung hinterlassen hat.

Wenn man dann die Geschichte „Heimkehr“ von Kafka liest, könnte man sie nur unter dieser Perspektive lesen. Sie wäre dann nicht mehr als ein besonderes Stück Autobiografie, in dem man in etwas verschlüsselter Form etwas über sich selbst erzählt.

Video

Hierzu gibt es auch ein Video, das man auf Youtube hier abrufen kann:

Videolink

Außerdem kann man hier die Dokumentation herunterladen:

Mat1924 Kafkas Erzählung Heimkehr ohne Vater

 

Zunächst der Text der Parabel:

Franz Kafka, Heimkehr

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Auswertung der Geschichte in biografischer Hinsicht:

Einiges scheint zu der verkorksten Beziehungsgeschichte zwischen Kafka und seinem Vater zu passen. Der Weg ist „verstellt“, auch gibt es ein „zerrissenes Tuch“. Es ist zwar des „Vaters Haus“, aber alles ist „kalt“. Der Ankömmling hält sich auch für eher unnütz und stellt sogar in Frage, dass er „des Vaters, des alten Landwirts Sohn“ ist.

Und da beginnt die Literatur

Spätestens hier wird es spannend. Wir haben die Geschichte immer so gelesen, dass der Ich-Erzähler der Sohn des Hauses ist, aber sich inzwischen in Frage stellt.

Das tut Kafka aber gerade im Hinblick auf seinen Vater überhaupt nicht. Er leidet ja unter einer Beziehung, die eine ist und doch nicht gut ist.

Hier geht es um etwas ganz anderes: Es ist eine „Heimkehr“, aber die Frage der Beziehung zum Vater steht gar nicht im Vordergrund. Es geht um die Erfahrung der Fremdheit, die stark mit einer Distanz verbunden ist, die zum Teil von außen, zum Teil aber auch von innen kommt. Primär darum geht es und nicht um eine Vater-Sohn-Beziehung. Interessant ist ja auch, dass es am Ende um die „dort Sitzenden“ geht – es läuft nicht auf eine Person zu.

Damit sind wir beim Begriff der Parabel.

Das ist Gleichniserzählung. Es wird gerade etwas Fremdes erzählt, um etwas anderes deutlich zu machen. Hier wird am Beispiel einer wohl missglückten „Heimkehr“ gezeigt, in welcher Situation sich der Mensch in dieser Welt überhaupt befindet. Er glaubt an ein Zuhause, wie in in „Eine kaiserliche Botschaft“ daran geglaubt wird, dass die höchste Macht auf Erden sich gerade diesem Einzelnen zuwendet. Aber sie wird „erträumt“ – und hier erwartet der Ich-Erzähler noch ein Zuhause, das aber nichts ist als eine schöne Erinnerung.

„nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen“

Hier wird deutlich, wie unsicher die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und diesem Ort ist.

Das Wichtigste findet sich wie immer am Schluss:

„Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.“

Es geht nicht darum, wie wir selbst früher geglaubt haben, dass hier eine Annäherung versäumt wird, wie es in der Parabel „Vor dem Gesetz“ ganz offensichtlich ist. Nein, man ist sich grundsätzlich fremd – und es würde beim Versuch der Annäherung und seinem Scheitern bleiben, glaubt der Erzähler, während er vorher noch Erwartungen hatte. Ein absolut negativer Schluss.

Kleiner Exkurs zu einem Drama Büchners

Er erinnert an eine Äußerung des Protagonisten in Büchners Drama „Dantons Tod“ ganz am Anfang gegenüber seiner Frau:
http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Dantons+Tod/1.+Akt

„JULIE. Glaubst du an mich?

DANTON. Was weiß ich! Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, – wir sind sehr einsam.

JULIE. Du kennst mich, Danton.

DANTON. Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber Er deutet ihr auf Stirn und Augen. da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren. –“

Der Kern von Kafkas Werk

Damit wird etwas Wesentliches deutlich, das Kafkas Werk auszeichnet. Natürlich hat er seine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht – besonders mit seinem, Vater. Aber er beschreibt etwas viel Ungeheuerlicheres, nämlich die Situation des Menschen in der Welt. Und wenn man diese Parabel als eine Art „Ich-erzähl-euch-mal-eine-Geschichte-damit-ihr-seht-wie-es-mir-geht“-Bekenntnis versteht, geht man nur durch eine einzige und sehr schmale Interpretationstür und versäumt den weiten Horizont weiterer Möglichkeiten des Verständnisses.

Literatur ist vor allem nur die Hälfte dessen, worauf es ankommt

Dazu kommt bei Literatur immer noch die spezifische Abwandlung des schönen Satzes: „Kunst entsteht im Auge des Betrachters“  oder auch Sartres Aufforderung: „Lesen ist gelenktes Schaffen.“ Literarische Texte sind eigentlich nicht zum Analysieren da, sondern zum Sich-in-sie-Vertiefen und dann Sich-selbst-und-seine-Weltsicht-Finden gemacht.

Zum Schluss ein Kommentar zu einem passenden Video und eine Antwort:

Es geht hier um das folgende Video und dort den Abschnitt, der sich mit „Heimkehr“ beschäftigt.

Videolink

Da stellt jemand die überaus anregende Frage:
„Hat die Heimkehr vielleicht auch etwas mit seiner Vater-Beziehung zu tun?“

Und wir haben da einige Zeit drüber nachdenken müssen, bis wir folgende Antwort versucht haben. Sie passt auf jeden Fall hierhin und rundet das Ganze ab:

„Spannende Frage. Allerdings muss bei Literatur immer unterschieden werden zwischen dem, was im Text steht, und dem, was zum biografischen Kontext gehört. Ein literarischer Text enthält grundsätzlich den Anspruch, sich von der eigenen konkreten Wirklichkeit zu lösen. In dem Sinne ist Kunst und damit auch Literatur eben ein Spiel, bei dem man auch etwas ausprobieren kann, was sich bewusst von dem abhebt, was man selbst erlebt hat. Sonst könnte man in einem erzählenden Text nicht einfach auch mal herumexperimentieren. Wenn man den Autor einbezieht und den literarischen Text gewissermaßen zu einem Sachtext macht, der sich in einem biografischen Kontext bewegt, hat man es nicht mehr in erster Linie mit Literatur, sondern mit Literaturgeschichte oder eben Biografie zu tun.“

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    „Kafka“
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