Zunächst die kleine Schreibübung unseres Behelfsschriftstellers
Lars Krüsand
Kafkas Beitrag zur Abi-Feier 2026
Zu dem Türhüter vor dem Gesetz kam eines Tages ein junger Mann. Er trug Jeans, einen leichten Rucksack und in der Hand hielt er einen zusammengefalteten Zettel.
„Ich möchte Zugang zum Gesetz”, sagte er ruhig, fast beiläufig, wie jemand, der schon weiß, wie das hier läuft.
Der Türhüter musterte ihn von oben bis unten. „Jetzt nicht.”
„Später vielleicht?”
„Es ist möglich. Aber jetzt nicht.”
Der junge Mann nickte, als hätte er eine Antwort erhalten, die er schon kannte. Er stellte seinen Rucksack ab, zog eine Flasche heraus und stellte sie behutsam auf den Boden. Dann setzte er sich bequem hin, als hätte er alle Zeit der Welt.
Der Türhüter beäugte die Flasche. „Was ist das?”
„Ein Trunk. Selbst angesetzt.”
„Warum hast du das dabei?”
Der junge Mann zuckte die Schultern. „Für den Fall, dass jemand Durst bekommt.”
Es folgte eine Pause. Der Türhüter stellte ihm die üblichen Fragen – Woher er komme, was er wolle, ob er denn nicht wisse, wie viele Türhüter noch hinter ihm warteten, einer mächtiger als der andere. Der junge Mann hörte höflich zu.
Schließlich fiel dem Türhüter der Zettel auf, den der Besucher noch immer in der Hand hielt. „Was ist das?”
„Ein Zettel.”
„Das sehe ich. Was steht darauf?”
„Das kann ich Ihnen leider erst verraten, wenn Sie einen Schluck aus der Flasche getrunken haben.”
Der Türhüter lachte kurz auf – ein abweisendes Lachen, das aber auch etwas Neugieriges hatte. Er war nicht gewohnt, dass man mit ihm verhandelte. Er schaute auf die Flasche, dann auf den Zettel, dann auf den jungen Mann.
„Und wenn ich trinke?”
„Dann dürfen Sie lesen.”
Was folgte, war eine längere Pause des inneren Ringens, wie sie auch Kafka hätte würdig beschreiben können. Dann griff der Türhüter nach der Flasche.
Er trank einen Schluck. Und noch einen. Ein merkwürdiges Kribbeln breitete sich aus, und ihm wurde – nicht unangenehm, aber doch spürbar – etwas schwindelig.
„Gut”, sagte er und streckte die Hand aus. „Den Zettel.”
Der junge Mann reichte ihn herüber. Der Türhüter entfaltete ihn, blinzelte einmal, zweimal, und las – gerade noch, bevor ihm die Buchstaben ein wenig zu tanzen begannen:
Kafka, „Vor dem Gesetz”.
Er sah auf. Der junge Mann stand bereits und lächelte.
„Tja, mein Freund”, sagte er und klopfte dem Türhüter einmal, kurz und wohlwollend, auf die Schulter, „das ist der Vorteil, wenn man Deutsch als Leistungskurs hatte. Man kennt diese Geschichte – und Sie – schon. Und wenn man dann noch Chemie als Leistungskurs dazunimmt, kann man auch noch einen Trunk herstellen, der einen kurzzeitig außer Gefecht setzt.”
Den Rest bekam der Türhüter nicht mehr mit. Er glitt langsam, fast würdevoll, an der Türpfosten hinab und ließ sich zu Boden sinken.
Der junge Mann zog sein Smartphone heraus, tippte kurz und steckte es wieder ein. Dann trat er durch die Tür.
Draußen, das heißt: drinnen, warteten seine Freunde schon. Sie hatten den Zugang zum Gesetz gemeinsam errungen – dank einer Schulbildung, die sie auf den Punkt genau auf die entscheidende Situation vorbereitet hatte.
Kafka vs. Krüsand – Vergleich auf einen Blick
| Aspekt | Status | Kafka (Original) | Krüsand (Happy End) |
|---|---|---|---|
| Figuren & Setting | |||
| Protagonist | ≈ gleich | Namenloser Mann vom Lande | Junger Mann (modern: Jeans, Rucksack) |
| Türhüter | ≈ gleich | Mächtig, unnahbar, bedrohlich | Präsent, aber verhandlungsbereit |
| Zeitebene | verschieden | Zeitlos / archaisch | Gegenwart (Smartphone, Leistungskurs) |
| Handlung | |||
| Ausgangssituation | ≈ gleich | Mann will ins Gesetz eintreten, wird abgewiesen | Identisch – Abweisung mit „Jetzt nicht“ |
| Wartezeit | verschieden | Jahre/Jahrzehnte – ganzes Leben vergeht | Kurze Szene, keine langen Wartezeit |
| Bestechung | ≈ gleich | Mann gibt alles her, Türhüter nimmt an | Flasche als Angebot – Türhüter trinkt daraus |
| Mittel zum Eintritt | verschieden | Keine – scheitert vollständig | Bildung (Kafka-Text lesen) ermöglicht Eintritt |
| Ausgang | verschieden | Tod vor dem Tor – scheitert | Tritt ein – Freunde draußen, gemeinsam Zugang |
| Sprache & Form | |||
| Erzählton | verschieden | Nüchtern, bürokratisch, unheimlich | Locker, dialogreich, humorvoll |
| Dialog | verschieden | Wenig direkte Rede, distanziert | Viel direkte Rede, natürlich-alltäglich |
| Schlüsselmotiv | ≈ gleich | Zugang zum Gesetz (symbolisch) | Zugang zum Gesetz (literarisch aufgelöst) |
| Thema & Aussage | |||
| Kernaussage | verschieden | Macht ist unüberwindbar – Individuum scheitert | Bildung überwindet Macht – Literatur als Schlüssel |
| Schulbezug | verschieden | Kein expliziter | Direkt: Deutsch-Leistungskurs, Abi-Lektüre |
| Stimmung | verschieden | Bedrohlich, absurd, hoffnungslos | Ironisch, optimistisch, versöhnlich |
≈ gleich Motiv/Handlungsschritt bleibt erkennbarverschieden Deutliche Abweichung / Umdeutung
Und nun auf der Basis eine fiktive Abiturrede
Kafkas Beitrag zur Abi-Feier 2026
– Eine fiktive Abiturrede –
Wenn es bei uns in der Schule um Reden geht, hält man uns aus dem Leistungskurs Deutsch für Fachleute. Ob das stimmt, werden Sie gleich selbst beurteilen können.
Das Übliche hatte ich ziemlich schnell beisammen. Den Rückblick auf zwölf Jahre Schule. Den Dank an die Lehrer, von denen manche wirklich gut waren – und manche zumindest gut gemeint haben. Den Ausblick auf das, was jetzt kommt. Das alles habe ich hier auch schon vorgetragen.
Aber am Schluss wollte ich etwas Besonderes. Und ich wusste gestern noch nicht, was.
Dann kam meine Schwester. Sie ist noch nicht so weit wie wir hier heute. Sie steckt noch mittendrin – in Kafka, im Prozess, in allem, was einen nachts wachhält, wenn man eigentlich schlafen sollte. Sie hatte eine Frage zu Kafkas Roman „Der Prozess“. Und am Ende stieß sie auf eine Modernisierung der berühmten Parabel „Vor dem Gesetz“.
Ich habe sie gelesen. Und ich dachte: Das ist es.
Denn grundsätzlich begann diese Geschichte wie bei Kafka. Ein Mann steht vor dem Gesetz. Ein Türhüter lässt ihn nicht rein. „Jetzt nicht.“ Vielleicht später. Vielleicht nie. Der Mann wartet. Jahre vergehen. Er kommt nicht rein. Er stirbt wartend. Das ist Kafka. Großartig. Trostlos. Und irgendwie erschreckend vertraut.
Aber in dieser neuen Variante kommt ein junger Mann. Mit Jeans, Rucksack – und einem Zettel in der Hand. Er hört dem Türhüter zu, höflich und aufmerksam. Und dann, irgendwann, zieht er eine Flasche aus dem Rucksack. Selbst angesetzt, sagt er. Der Türhüter wird misstrauisch. Was ist das? Was steht auf dem Zettel? Er trinkt – und liest gerade noch, bevor ihm die Buchstaben zu tanzen beginnen: Kafka, „Vor dem Gesetz“.
Der junge Mann lächelt, klopft ihm kurz auf die Schulter und sagt: „Das ist der Vorteil, wenn man Deutsch als Leistungskurs hatte. Man kennt diese Geschichte – und Sie – schon. Und wenn man dann noch Chemie als Leistungskurs dazunimmt, kann man auch noch einen Trunk herstellen, der einen kurzzeitig außer Gefecht setzt.“
Und dann trat er einfach durch die Tür.
Drinnen warteten seine Freunde.
Was uns nun angeht: Unsere Wege trennen sich.
Wir stehen nicht vor dem Gesetz. Aber wir stehen vor vielen Gesetzmäßigkeiten. Vor Türen, die erst mal zu sind. Vor Türhütern, die „jetzt nicht“ sagen. Vor Situationen, die sich nicht immer erklären lassen und nicht immer gerecht sind.
Der Mann bei Kafka hat gewartet. Und gewartet. Und ist dabei alt geworden.
Der junge Mann in dieser neuen Variante hat seine Schulbildung mitgenommen – nicht nur als Wissen, nicht nur als Zeugnis, sondern als Werkzeug. Als Idee. Als Mut, es einfach auszuprobieren.
Das wäre doch schön, wenn von all dem, was wir hier mitgenommen haben, nicht nur Fakten und Formeln übrig geblieben sind. Sondern auch die eine oder andere gute Idee, die uns weiterhilft. Ein bisschen Kafka. Ein bisschen Chemie. Und das Zutrauen, dass man Türen auch anders öffnen kann, als man denkt.
Allen hier: Alles Gute. Wirklich.
Was diesen Rede-Ausschnitt wirkungsvoll macht
Gerne – hier ist der dritte Block, eine rhetorische Analyse im gleichen lebendigen Ton:
Warum diese Rede funktioniert – ein Blick hinter die Kulissen
Wer eine Abiturrede hält, hat ein klassisches Problem: Das Publikum hat schon drei Reden gehört, bevor man selbst ans Mikrofon tritt. Die Erwartung ist klar – Rückblick, Dank, Ausblick, Applaus. Wer genau das liefert, wird freundlich beklatscht und sofort vergessen.
Diese Rede macht etwas anderes. Sie bricht das Muster – aber von innen heraus, nicht durch Provokation.
Der Einstieg entwaffnet. „Wenn es um Reden geht, hält man uns für Fachleute.“ Das ist kein Bescheidenheitsfloskeln und kein Angeben. Es ist ein Augenzwinkern, das sofort eine Verbindung zum Publikum herstellt. Man weiß nicht, ob das stimmt – und genau das macht neugierig.
Das Eingeständnis schafft Vertrauen. „Das Übliche hatte ich ziemlich schnell beisammen.“ Dieser Satz ist Gold. Er sagt dem Publikum: Ich weiß, was ihr erwartet. Ich habe es auch geliefert. Aber jetzt kommt etwas anderes. Die Zuhörer lehnen sich vor.
Die Schwester als Scharnier. Der Einschub mit der Schwester ist kein Umweg – er ist der entscheidende dramaturgische Kniff. Er macht die Geschichte persönlich, zufällig, echt. Nicht: „Ich habe recherchiert.“ Sondern: „Es ist mir passiert.“ Das ist ein riesiger Unterschied. Kafka kommt nicht als Pflichtlektüre, sondern als Überraschungsgast.
Die Zusammenfassung der Kafka-Vorlage sitzt. Drei Sätze. „Jetzt nicht.“ Warten. Sterben. Wer Kafka kennt, nickt. Wer ihn nicht kennt, versteht ihn jetzt. Und das Wort „erschreckend vertraut“ öffnet bereits die Tür zum Schlussgedanken – denn genau das soll das Publikum über sich selbst denken.
Die neue Variante wird nicht erklärt – sie wird erzählt. Das ist der wichtigste Unterschied zu einer Analyse. Die Rede referiert nicht, was in der Geschichte passiert. Sie erzählt sie neu, knapp, mit den richtigen Details. Jeans. Rucksack. Zettel. Flasche. Das sind keine Informationen – das sind Bilder. Und Bilder bleiben.
Der Schlussakkord arbeitet mit Dreierrhythmus. „Ein bisschen Kafka. Ein bisschen Chemie. Und das Zutrauen, dass man Türen auch anders öffnen kann, als man denkt.“ Drei Elemente, ansteigend in Gewicht. Das ist kein Zufall – Dreierstrukturen haben in Reden seit der Antike eine besondere Wucht. Sie fühlen sich vollständig an.
Das letzte Wort ist kurz. „Allen hier: Alles Gute. Wirklich.“ Kein großes Finale, keine Sentimentalität. Gerade diese Kürze – und das „Wirklich“ am Ende – wirkt aufrichtiger als jede ausgearbeitete Schlussformel. Man glaubt es.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Kafka: Infos, Tipps und Materialien – Themenseite
https://textaussage.de/kafka-themenseite
— - Franz Kafka, „Der Prozess“: Infos, Tipps und Materialien
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— - Die wichtigsten Parabeln
https://textaussage.de/kafka-die-wichtigsten-parabeln
— - Parabel-Finder: So findet man die passende Erzählung von Kafka
https://textaussage.de/ta-finder-die-richtige-parabel-von-franz-kafka-finden-nach-themen-geordnet
— - Youtube-Playlist zu Kafka
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv3da2qlaVKAHPNk2PDlUPvO
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
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