KI-Debatte: Anders Freistein, Die Wortmeldung 2 – Entlassungsquote und Human Touch (Mat4280-eth)

Wie man sich schon in jungen Jahren zu Wort melden kann – Wortmeldung, Teil 2

Anders Freistein

Die Wortmeldung   2 –  Entlassungsquote und Human Touch

Irgendeine Tageszeitung. Wirtschaftsteil. Große Entlassungswelle in einem Industrieunternehmen. Die Gewerkschaft schäumt: Das Management stiehlt sich aus der Verantwortung. Überlässt das Feilschen den Abteilungsleitern. Die Vorgabe ist eine nackte Zahl: Prozentuale Reduktion der Belegschaft. Wer geht, entscheiden die Zwischeninstanzen. Hauptsache, die Quote stimmt.

Das Gehirn arbeitet im Hintergrund. Holt ein altes Fundstück hoch. Vergessener Foreneintrag, irgendeine Social-Media-Community, Details längst gelöscht. Eine Schülerin berichtete dort von einem Vortrag zur beruflichen Orientierung.

In Erinnerung geblieben: Der Referent – Typ Zukunftsoptimist, geschult im Sound moderner Karriere-Gurus – spulte das übliche Narrativ ab: Die KI übernimmt das Rechnen, die Algorithmen erledigen die Routine. Gerade deshalb schlage jetzt die Stunde der echten Menschlichkeit. Gefragt seien künftig Empathie, emotionale Intelligenz, Beziehungsarbeit, echtes Zuhören und soziale Resonanz. Wer diese menschlichen Qualitäten mitbringe, müsse sich um seine Zukunft keine Sorgen machen.

Dann die Frage einer Schülerin – nur widerwillig mitten im Vortrag zugelassen: „Wir beschäftigen uns gerade im Unterricht mit der Realität in Wirtschaftsunternehmen: Da geht es vor allem um Rendite und damit auch Kostenersparnis. Ich fand den Standard-Satz der Investoren in dem Zusammenhang interessant, sie seien ihrem Geld nicht böse. Wie groß ist bei einer solchen Realität die Chance, dass diese Leute in Zukunft etwas tun, was sie doch heute schon nicht tun. Von Ausnahmen abgesehen?“

Damals nicht mehr zum Weiterlesen gekommen. Nur noch im Gedächtnis: Der Referent starrte ins Publikum. Darauf war er nicht vorbereitet. Betretenes Schweigen im Raum.

Nun der Zeitungsartikel, der zeigt, wie berechtigt die Frage war. Man kümmert sich nicht um die entlassenen Menschen und ihre Zukunft. Sondern nur noch um die Frage, wie man so etwas möglichst problemlos erledigt.

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