Kreative Reaktionen zu Romanen und Erzählungen: Innerer Monolog, Tagebucheintrag, erfundener Dialog u.ä. (Mat6047-ksl)

Von der Spontanität zur Strategie
Textformen im Check

  • Der kreative Umgang mit einem Roman ist weit mehr als nur „ein bisschen was dazuerfinden“.
  • Es ist eine Form der literarischen Analyse, bei der man die Haut der Figur überstreift.
  • Doch je nach Textform ändern sich die Spielregeln massiv.

Der Innere Monolog: Das rohe Denken

  • Eigenart: Maximale Spontanität.
  • Funktion: Psychische Entlastung, Ventil für Emotionen.
  • Regel: Hier muss der Verstand Pause machen. Gedanken springen, brechen ab, korrigieren sich selbst oder sind unlogisch.
  • Gefahr: „Aufsatz-Stil“. Ein innerer Monolog, der in ganzen, wohlgeformten Sätzen daherkommt, wirkt künstlich und unglaubwürdig.
  • Tipp: Den Inneren Monolog kann man üben.
    Immer wenn man in einer Situation ist, in der man gerne etwas loswerden würde, aber es in der Öffentlichkeit nicht kann, kann man das gewissermaßen innerlich im eigenen Kopf erleben.

    Beispiel: Unangekündigter Test – Während die Lehrkraft die Aufgabenzettel verteilt:
    „Oh nein, komm mal! Das ist ja wohl der GAU.Da habe ich einmal so ein Kapitel nicht gelesen. Und schon falle ich auf. Oder fall ich rein? Egal, ist nicht das Thema jetzt. Was kann ich machen? Ich habe eine Idee. Ich schaue nur kurz auf den Zettel und fange dann an zu schreiben. Aber nicht zu Kapitel 5. Sondern zu Kapitel 4. Das habe ich ja gelesen. So, jetzt geht es los. Mal sehen, ob ich damit durchkomme. Wie sagt mein Vater immer: „Das Glück ist mit den Einfallsreichen.“
  • Natürlich kann man das auch außerhalb der Schule üben.
    Eine günstige Gelegenheit ist, wenn der Bus mal wieder zu spät oder gar nicht kommt.
    Da steht man an der Haltestelle mit anderen Leuten zusammen und jetzt behält man lieber für sich, was man denkt.
    Das könnte etwa so aussehen.
    „Nicht schon wieder. Das ist jetzt das dritte Mal diesen Monat. Gut, dass ich heute zumindest keinen Arzttermin habe. Aber wenn ich gleich am ersten Tag des Praktikums zu spät komme – kein schöner Gedanke. – Soll ich mir ein Loch in die Jeans machen. Unfall gehabt. Am besten mit so einem bescheuerten Fahrradfahrer. Über die regen sich zur Zeit ja alle auf. Thema letztens in Deutsch. Leserbrief. Da kann man sicher auf Mitgefühl rechnen. Ich muss nur auffassen, dass sich das keiner genauer ansieht. Hoffentlich haben die keinen Betriebsarzt. Wenn da kein Blut zu sehen ist, wird es schwierig. Ach, da kommt ja der Bus. Ein bisschen knapp. Es könnte noch klappen.
    Beim Aufstehen zur Jeans: „Tja, da hast du noch mal Glück gehabt.“

Das Gespräch (Dialog): Die taktische Arena

  • Eigenart: Mischung aus Spontanität und Berechnung.
  • Funktion: Beziehungsgestaltung, Durchsetzen von Interessen.
  • Regel: Man sagt nicht alles, was man denkt. Es herrscht eine Dynamik zwischen Ehrlichkeit und Taktik. Was verschweige ich? Wie reagiere ich auf das Gegenüber?
  • Unterschied zum Monolog: Das Gegenüber steuert den Verlauf mit. Man muss auf Impulse von außen reagieren.

Der Tagebucheintrag: Die abgewogene Reflexion

  • Eigenart: Rückblickend, ordnend.
  • Funktion: Verarbeitung des Tages, Festhalten von Erkenntnissen.
  • Regel: Der Zeitabstand zum Geschehen ist größer als beim Monolog.
    Die Gedanken sind „abgewogener“.
    Man versucht, das Chaos des Tages in eine Struktur zu bringen, schreibt aber immer noch nur für sich selbst.

Der Brief oder die Chat-Nachricht:
Die gezielte Mitteilung

  • Eigenart: Adressatenorientiert, strategisch.
  • Funktion: Information, Beeinflussung, Bindung.
  • Regel: Hier herrscht die größte Berechnung. Man schreibt mit Blick darauf, wie der andere (z. B. die beste Freundin) reagieren wird. Es ist ein „schriftlicher Monolog mit Dialog-Absicht“.
  • Herausforderung: Die Sprache muss zum Medium passen (Chat = kurz/direkt, Brief = ausführlicher), aber die taktische Note bleibt.

Die goldene Regel für alle Formen

Der Wissens-Check:
In keiner dieser Formen darf Wissen auftauchen, das die Figur zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht haben kann.
Man muss strikt innerhalb des Horizonts der Figur bleiben.

Fazit:
Wer den „Sound“ einer Figur treffen will, muss wissen, auf welcher Stufe der Spontanität oder Berechnung er sich gerade bewegt.

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