Einfach mal sich einem Gedicht nähern
Mal schauen, wie weit wir uns von den Analyseprogrammen der Schulbücher entfernen können. Wir versuchen also mal, einfach „laienhaft“ aber aufmerksam an den Text heranzugehen. Wichtig ist dabei
- was wir interessant finden
- was uns auffällt
- und was uns dazu einfällt.
Gefunden haben wir das Gedicht hier:
http://www.zeno.org/Literatur/M/Ringelnatz,+Joachim/Gedichte/Allerdings/Reklame
http://www.zeno.org/nid/20005539390
Joachim Ringelnatz
Reklame
- Wichtiges Thema, wird aber heute eher durch „Werbung“ ersetzt.
- Spontan könnte man an die Reklametafeln amerikanischer Städte denken, wie man sie aus Filmen kennt.
- Ich wollte von gar nichts wissen.
- Da habe ich eine Reklame erblickt,
- Die hat mich in die Augen gezwickt
- Und ins Gedächtnis gebissen.
- Interessant, wie hier jemand schildert, wie er durch eine Reklame regelrecht aufgestört worden ist.
- Das wird durch den extremen Gegensatz zwischen „nichts“ und dem, was kommt, deutlich gemacht.
- Ein schöner schriftstellerischer Einfall, das wie eine Art Überfall durch ein Insekt oder kleines Tier darzustellen.
- Sie predigte mir von früh bis spät
- Laut öffentlich wie im stillen
- Von der vorzüglichen Qualität
- Gewisser Bettnässer-Pillen.
- Verbunden wird das Unangenehme hier mit dem Phänomen „Predigen“, was wohl soviel bedeutet wie „einreden“, einen nicht in Ruhe lassen.
- Ansonsten wird es jetzt konkreter – und es handelt sich um etwas, was man eher für sich behält.
- Hier wird die Belästigung verstärkt.
- Ich sagte: „Mag sein! Doch für mich nicht! Nein, nein!
- Mein Bett und mein Gewissen sind rein!“
- Interessant, dass hier die Zeilenstruktur verändert worden ist.
- Man hat das Gefühl, dass der Widerstandsversuch keine Zeit und Kraft mehr lässt für normale „Gedicht-Formung“.
- Doch sie lief weiter hinter mir her.
- Sie folgte mir bis an die Brille.
- Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer
- Und säuselte: „Bettnässer-Pille“.
- Hier geht das Gedicht immer mehr über in eine Art persönliche Auseinandersetzung
- Es wird der Eindruck erweckt, dass man durch die Reklame regelrecht verfolgt wird.
- Man hat die Vorstellung, dass hier jemand von jedem passenden Presseorgan mit dieser Werbung fast angesprungen wird
- Sehr einfallsreich ist dabei, dass die Annäherung bis an die Brille geht. Entweder geht man dabei ganz nah ran, weil man es nicht fassen kann, so belästigt zu werden. Oder man ist schon einen Schritt weiter und fasst sich gewissermaßen mit der Zeitschrift an den Kopf beziehungsweise hier an die Brille.
- Sie war bald rosa, bald lieblich grün.
- Sie sprach in Reimen von Dichtern.
- Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn
- Nachts auf die Dächer mit Lichtern.
- Es folgt eine Vielfalt bei der Beschreibung von Verfolgungszenarien. Am Anfang zwei Beispiele für spezielle Werbeelemente wie Farben oder die Nutzung des Reimes.
- Und dann zwei Beispiele zum einen für die normale Begleitung durch diese Werbung, zum anderen der Hinweis auf die auffällige Positionierung solcher Werbungen etwa auf Dächern.
- Und weil sie so zähe und künstlerisch
- Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.
- Es liegen auf meinem Frühstückstisch
- Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.
- Diese Strophe schildert dann die Kapitulation, auch zunächst in einer sehr menschlichen Atmosphäre.
- Geschickt wird der Eindruck erweckt, dass der Betreffende nun diese Pillen kauft, auch wenn er sie offensichtlich nicht braucht oder das zumindest vor gibt.
- Die isst meine Frau als ‚Entfettungsbonbon‘.
- Ich habe die Frau belogen.
- Ein holder Frieden ist in den Salon
- Meiner Seele eingezogen
- Und dann der witzähnliche Schluss.
- Das Problem wird auf die eigene Frau verlagert.
- Der Umgang mit ihr passt zu früheren Zeiten. Sie wird dargestellt, als müsse/wolle sie schlanker werden
- Sehr distanziert wird dann zugegeben, dass die Frau von ihrem Partner im Hinblick auf die Natur und Wirkungsweise der Pillen offensichtlich belogen worden ist.
- Ihr Schluss mag als witzig empfunden werden, dabei wird allerdings die Sachlichkeit weitgehend ausgeblendet.
Übergang zu Kritik und Kreativität
Man kann dieses Gedicht – trotz seiner „Kunstfertigkeit“ durchaus kritisch sehen – wenn man genauer hinschaut.
-
- Denn warum sollte das lyrische Ich jetzt von Werbung nicht mehr belästigt werden, nur weil er die Pillen gekauft hat.
- Insgesamt zeigt das Gedicht schon ein Problem der heutigen Konsum und Wirtschaftswelt auf.
- Allerdings ist seltsam und nicht nötig, dass man das so an einer bestimmten Werbung festmacht.
- Nachvollziehbar in dieser allgemeinen Form ist eher eine Belästigung durch die Masse an Werbung, aber kaum durch eine spezielle, mit der man nicht viel zu tun hat.
- Das reale Problem der Werbung dürfte eher in dem Bereich liegen, dass dort Versprechungen gemacht werden, also Reize ausgelöst werden. Und hinterher werden sie nicht erfüllt oder man bereut den Kauf aus irgendeinem Grunde. Man ist da auf Werbung reingefallen.
- Das andere Problem des Gedichtes ist natürlich der vielleicht zeittypische, aber nicht sehr sympathische Umgang mit der eigenen Frau.
— - Kreative Idee: man könnte das Gedicht weiterschreiben in dem Sinne, dass das lyrische Ich selbst diese Pillen vielleicht braucht oder hypochondrisch vor der entsprechenden Erkrankung Angst hat. Das würde auch verständlich machen, warum es sich gerade von dieser Werbung so verfolgt fühlt. Und seiner Frau mach es die Pillen schmackhaft, damit sie nicht vielleicht mal fragt, warum er selbst denn diese Pillen braucht.
- Auch da merkt man natürlich die Realitätsferne dieses Gedichtes, denn kaum eine Frau wird sich von ihrem Mann irgendwelche Pillen hinlegen lassen und nicht die Schachtel sehen wollen.
Also ein schönes Beispiel dafür, dass auch Texte großer Dichter nicht immer einer genaueren Überprüfung standhalten.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- „Kreatives Schreiben“
https://textaussage.de/kreativ-im-deutschunterricht-themenseite - Infos, Tipps und Materialien auf Youtube zum Thema „kreatives Schreiben“
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv3dYx3OHA0Gtvs9pb3kc0SI
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
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