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Inhaltsverzeichnis
- Einstieg: Die KI ist vielleicht tot, aber auch lebendiger als …
- Safranskis Vortrag „Entgeistert“
- F1: Warum ist die KI die vierte Kränkung des Menschen?
- F2: Denken wir zum Teil wie die KI?
- Wo wir weiterdenken
- F3: Was zeigt dieses Bild?
- Was das für Schülerinnen und Schüler bedeutet
- Ausblick: der Spiralaustausch mit der KI
- Was uns klar geworden ist
- Video-Kapitel, Quellen und Dokumentation
- Weitere Infos, Tipps und Materialien
Die KI ist vielleicht tot, aber auch lebendiger als …
Kann etwas ganz tot sein, das uns antwortet, auf unsere Ideen eingeht und uns weiterbringt? Drei Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Seite und des Videos:
- F1: Warum ist die KI die „vierte Kränkung“ für den Menschen?
- F2: Denken wir zum Teil wie die künstliche Intelligenz?
- F3: Was zeigt eigentlich dieses Bild? 😉

- Das Schöne am Menschen ist: Er hat immer wieder mal originelle Ideen.
- Leider findet er nicht immer einen bereitwilligen, verständnisvollen Gesprächspartner.
- Und genau hier kann die künstliche Intelligenz sich sehr „lebendig“ zeigen.
- Das Bild des Laptops zeigt dann allerdings auch die aktuellen Grenzen der KI 😉
Ausgangspunkt ist ein Vortrag des Philosophen Rüdiger Safranski. Er nennt die künstliche Intelligenz die „vierte Kränkung“ des Menschen und beschreibt sie als „toten Geist aus der Maschine“, der nur rechnet und nichts versteht. Wir stellen diesen Vortrag mit großer Wertschätzung vor – und denken an einigen Stellen weiter.

▶ Jetzt kommt das Video – direkt hier im Text.
Du musst die Seite nicht verlassen: Einfach im Player unten auf Play tippen (Dauer: ca. 14 Minuten). Falls der Player nicht erscheint, zum Beispiel wegen eines Werbeblockers, findest du direkt darunter den Link zur YouTube-Fassung.
Kein Video zu sehen? Hier geht es zur YouTube-Fassung:
https://youtu.be/dnQdU7bnrU0
Warum die KI nicht so tot ist, wie man denken könnte – Weiterdenken eines Vortrags von Rüdiger Safranski
Safranskis Vortrag „Entgeistert“
Safranski hat diesen Vortrag beim Philosophikum Lech gehalten, das unter dem Thema „Betreutes Denken“ stand. Wir schätzen ihn sehr – wegen seiner Thesen und wegen seiner Sprache, die Bilder erzeugt, die man nicht so schnell vergisst.
Ausgangspunkt: geistige Prothesen
Technik ersetzt und verstärkt seit jeher unsere Organe. Brillen, Hörgeräte, Autos – Freud nannte den Menschen deshalb einen „Prothesengott“.
Mit der KI kommen geistige Prothesen hinzu. Sie rechnen, erinnern, schreiben und sprechen. Das sind Leistungen, von denen wir dachten, sie bräuchten ein Bewusstsein. Offenbar geht es aber auch ohne.
F1: Warum ist die KI die vierte Kränkung des Menschen?
Safranski knüpft an Sigmund Freud an. Der sprach von drei großen Kränkungen des menschlichen Selbstverständnisses:
- Kopernikus: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Weltalls.
- Darwin: Der Mensch ist kein Sonderwesen, sondern Teil der Evolution.
- Freud: Das bewusste Ich ist nicht Herr im eigenen Haus – vieles steuert das Unbewusste.
Die vierte Kränkung ist die KI. Neu ist dabei: Diesmal kränkt uns nichts, was wir in der Natur entdeckt haben, sondern etwas, das wir selbst gebaut haben – und das uns in manchem überlegen ist.
F2: Denken wir zum Teil wie die KI?
Für uns ist das der wichtigste Gedanke des Vortrags. Die KI hält uns einen Spiegel vor. Wir sehen, wie viel in unserem eigenen Denken ziemlich maschinenartig abläuft.
Warum fällt uns zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas ein? Weil unser Gehirn ein Muster erkannt hat. Die Synapsen tragen uns Bilder und Beispiele zu, die wir schon oft verwendet haben. Manchmal entsteht daraus aber auch etwas völlig Neues: eine Inspiration.
Safranski bemerkt sogar mit feinem Humor, das berühmte „Halluzinieren“ der KI sei eigentlich ein sehr menschlicher Zug. Unsere Antwort auf F2 lautet also: Ja, zum Teil. Das ist kränkend, wenn man sich für ein reines Geistwesen hält – aber auch befreiend.
Safranskis Kernthese: der tote Geist aus der Maschine
Daraus entwickelt Safranski seinen „Rettungsimpuls“ für den Menschen: Die KI denkt nicht, sie rechnet. Sie erkennt nicht, sondern registriert Muster. Und hinter ihren Texten steht niemand.
Deshalb greift für ihn das Verstehen hier ins Leere. Verstehen ist für Safranski eine Begegnung zwischen Menschen: Ein Geist versteht den anderen. Am Ende fordert er eine Art „kulturelles Immunsystem“ – wir sollen die KI nutzen, aber nicht von ihr benutzt werden.
Wo wir weiterdenken
Nicht der Autor, sondern der Text spricht
Schon in der Schule lernt man: Nicht der Autor ist zuständig für die Aussage eines Textes, sondern der Text selbst. Oft steckt in einem Text mehr, als der Verfasser sagen wollte – man denke nur an die Selbstkundgabe, mit der wir unfreiwillig etwas über uns preisgeben.
Ein Beispiel: Man liest in einer Hochzeitsanzeige ein wunderbares Gedicht. Den Verfasser kennt man nicht, und er interessiert einen zunächst auch nicht. Trotzdem spricht das Gedicht einen an. Verstehen geschieht hier zwischen Leser und Text – nicht zwischen Leser und Autor.
Dazu passt eine Erfahrung, die man bei Lesungen immer wieder macht: Dichterinnen und Dichter wollen ihre eigenen Texte meist nicht interpretieren. Sie möchten, dass das bei den Lesenden geschieht. Kunst entsteht eben erst im Auge des Betrachters.
Der eigentliche Unterschied: nicht „lebendig“, sondern „geschichtlich“
Biologisch ist die KI tot – darin hat Safranski recht. Das Besondere am Menschen ist aber vor allem seine Individualität: alles, was sich in ihm an Erfahrungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen abgelagert hat.
Der Philosoph Edmund Husserl nennt das die „Lebenswelt“: die Welt, wie wir sie im Alltag ganz selbstverständlich erleben. Aus ihr heraus kann ein Mensch ganz eigene, originelle Ideen entwickeln.
Die KI dagegen ist an die Datenwolke gebunden – an das, was öffentlich aufgeschrieben wurde, und damit oft an den Mainstream. Sie greift auf das zurück, was am häufigsten zu finden ist. Wer mehr will, muss gezielt nachfragen.
Was Safranski übersieht: ein ungewöhnlicher Gesprächspartner
Die KI kann einen Gesprächspartner simulieren, der mehr weiß und weniger übersieht, als ein einzelner Mensch es kann. Sie steht immer zur Verfügung – auch nachts um halb eins, wenn einem gerade ein Gedanke kommt. Und sie ist bereit, auf unsere Fragen und Ideen einzugehen.
Vor allem aber reagiert sie nicht „menschlich“ in einem ungünstigen Sinne. Im Gespräch mit Menschen stehen guten Ideen oft im Weg:
- Desinteresse und Ablehnung: „Oh Gott, der schon wieder mit seinen Ideen.“
- Das eigene Paradigma: Jeder bleibt gern bei den Standardvorstellungen, die er schon hat.
- Rollenautorität: Wer eine höhere Position hat, lässt sich ungern belehren – und Fachleute belehren gern selbst.
Das Lebendige ist im Austausch mit der KI also durchaus im Spiel. Es sitzt nur auf unserer Seite des Tisches: Der Anstoß kommt aus unserer Lebenswelt, die KI liefert Wissen und Gegenargumente, und die Sinnbildung geschieht wieder bei uns.
F3: Was zeigt dieses Bild?
Unser Titelbild erzählt genau diese Situation. Die blaue Gedankenwolke des älteren Herrn steht für eine neue, fantasievolle Idee. Auf dem Weg zum Kollegen wird sie rot – „Oh, nichts wie weg hier!“ – und am Ende grau: Der Kollege bleibt in seinem eigenen Modell. Der andere Strang wird am Laptop golden und sonnig. Dort findet die Idee ein offenes Gegenüber.
Und jetzt schauen Sie bitte noch einmal genau auf den Laptop. Der Bildschirm zeigt zu uns – der Mann blickt auf die Rückseite seines eigenen Geräts. Das Bild hat eine KI (Gemini) erstellt. Alles, was wir uns gewünscht haben, ist da – nur passt es nicht zusammen.
Hier bekommt Safranski ein Stück weit recht: Die KI setzt Muster zusammen, ohne sich wirklich vorzustellen, wie ein Mensch an diesem Tisch sitzt. Diesen Blick muss der Mensch mitbringen.
Was das für Schülerinnen und Schüler bedeutet
Der Unterricht ist ein öffentlicher Raum. Wer dort eine ungewöhnliche Idee äußert, riskiert ein Augenrollen oder einen schnellen Kommentar. Viele behalten ihre besten Gedanken deshalb lieber für sich.
Unser Tipp: Besprecht eure Idee zuerst zu Hause mit der KI. Dort müsst ihr keine Angst vor einer blöden Antwort haben. Ihr könnt sie einordnen, durch Fakten absichern und gegen mögliche Einwände testen. Am nächsten Tag tragt ihr sie dann „gehärtet“ und mit gestärktem Rücken in der Schule vor.
Wichtig dabei: Die KI soll euch nicht das Denken abnehmen. Sie soll euer eigenes Denken mutiger und sicherer machen. Die Idee bleibt eure.
Ausblick: der Spiralaustausch mit der KI
Ein guter Austausch mit der KI verläuft für uns nicht in einer geraden Linie, sondern in Windungen – wie eine Spirale:
- Fragehorizont statt bloßem Prompt: Nicht einfach eine Frage hineinwerfen, sondern der KI erzählen, was man im Kopf hat, was man erreichen möchte und für wen es gedacht ist.
- Gemeinsames Weiterdenken: Im Hin und Her entsteht Neues. Oft fällt einem schon beim Zuhören der Antwort der nächste Gedanke ein.
- Daten- und Resonanzraum: Die KI bringt ihr Wissen ein und geht zugleich auf uns ein. So erweitert sie den Blick.
- Vorsicht, Zustimmung: Die KI neigt dazu, uns recht zu geben und beim Standardwissen zu bleiben. Deshalb ausdrücklich nach Gegenargumenten und Randzonen fragen.
- Quer-Check: Das Ergebnis von einer zweiten KI prüfen lassen. Wir arbeiten zum Beispiel oft zuerst mit Gemini und lassen das Ergebnis dann von Claude genauer prüfen.
Am Ende steht keine endgültige Wahrheit, sondern eine partielle und vorläufige Horizontverschmelzung – ein Begriff des Philosophen Hans-Georg Gadamer: Der eigene Blick und der des Gegenübers kommen zusammen. Das gibt genug Sicherheit für den Austausch mit Menschen, die sich nicht immer offen auf Neues einlassen.
Was uns klar geworden ist
Menschliches und maschinelles „Denken“ haben viele Gemeinsamkeiten
Mustererkennung spielt bei beiden eine große Rolle. Beim Menschen ist sie aber mit seiner eigenen Lebenswelt verknüpft.
Der Vorteil der KI
Breite und Tiefe des Wissens, dazu die Bereitschaft, sich jederzeit vorbehaltlos mit Neuem auseinanderzusetzen. Sie bleibt aber im Vorhandenen, denn ein Sprachmodell berechnet immer, welches Wort am besten als nächstes passt.
Der Vorteil der menschlichen Intelligenz
Die persönliche Lebenswelt ermöglicht ganz eigene, originelle Ideen – am Anfang der Spirale im Fragehorizont und später im Resonanz- und Antwortraum.
Unser Fazit
Die KI mag biologisch tot sein. Im Ergebnis ist sie es nicht: Richtig genutzt, regt sie uns zu neuem Denken und weiterem Erleben an. Vielleicht ist das auch eine Antwort auf Safranskis „kulturelles Immunsystem“ – es ist der eigene, geklärte Standpunkt, mit dem man in den Austausch hineingeht.
Video-Kapitel, Quellen und Dokumentation
Das Video auf YouTube
https://youtu.be/dnQdU7bnrU0
Warum die KI nicht so tot ist, wie man denken könnte – Weiterdenken eines Vortrags von Rüdiger Safranski
Die Kapitel des Videos – so kannst du auf YouTube gezielt zu einer Stelle springen:
- 0:00 – Einstieg: Safranskis These und unsere drei Fragen
- 0:56 – Ausgangspunkt: Der Vortrag „Entgeistert“ – KI als geistige Prothese
- 1:53 – F1: Warum ist die KI die vierte Kränkung des Menschen?
- 3:02 – F2: Denken wir zum Teil wie die KI? – Muster, Synapsen, Inspiration
- 4:05 – Safranskis Rettungsimpuls: Die KI denkt nicht, sie rechnet
- 4:31 – Unsere Distanz: Nicht der Autor, sondern der Text spricht
- 5:12 – Das Besondere der menschlichen Intelligenz: Lebenswelt statt Mainstream
- 6:10 – F3: Was zeigt dieses Bild? – Vorteile der KI und ihre Grenzen
- 7:26 – Warum Gespräche zwischen Menschen oft nicht gelingen
- 7:54 – Für Schüler: die KI als Probenraum für eigene Ideen
- 8:34 – Fazit: Hermeneutik an der Uni – und Kunst im Auge des Betrachters
- 9:44 – Ausblick: der Spiralaustausch mit der KI
- 10:15 – Fragehorizont statt bloßem Prompt
- 11:04 – Vorsicht: Zustimmung, Standardwissen – und der Quer-Check mit einer zweiten KI
- 12:06 – Was uns klar geworden ist
- 13:28 – Schluss: Warum die KI im Ergebnis nicht so tot ist
Die Dokumentation zum Video:
Die Quellen:
- Rüdiger Safranski: Vortrag „Entgeistert“
https://youtu.be/3Cl_NNGn2PY
Der Vortrag beim Philosophikum Lech, von dem unsere Seite ausgeht. - ORF-Kurzbeitrag zu Safranskis Buch „Die vierte Kränkung“
https://www.youtube.com/watch?v=G6L6iVxYi2w
Ein kurzer Fernsehbeitrag, der Safranskis Grundgedanken knapp zusammenfasst.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Unser Igel-Schaubild zu wichtigen Aspekten der künstlichen Intelligenz
https://textaussage.de/igel-schaubild-zur-kuenstlichen-intelligenz
Die wichtigsten Aspekte der KI auf einen Blick – als Schaubild zum Einordnen und Weiterdenken. - Künstliche Intelligenz als Thema des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/infos-kuenstliche-intelligenz-schule-leben
Infos, Tipps und Materialien dazu, wie KI im Deutschunterricht, in der Schule und im Leben zum Thema wird. - Praktische Beispiele: KI – kontrolliert und optimiert durch MIA (menschliche Intelligenz in Aktion)
https://textaussage.de/ki-mia-praktische-erprobung-der-kuenstlichen-intelligenz-fuer-aufgaben-des-deutschunterrichts
Praktische Erprobungen der KI bei Aufgaben des Deutschunterrichts – in zeitlicher Reihenfolge, um die Entwicklung deutlich zu machen. - Kurzgeschichten zum Thema „Künstliche Intelligenz“
https://schnell-durchblicken.de/kurzgeschichten-zum-thema-kuenstliche-intelligenz
Eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten, die sich mit der KI beschäftigen. - Systematische Zusammenstellung von Möglichkeiten der KI im Deutschunterricht
https://schnell-durchblicken.de/ki-im-deutschunterricht-systematik
Ein geordneter Überblick, wofür man die KI im Deutschunterricht sinnvoll einsetzen kann. - Spezielles Thema: Kann die KI zum Freund werden?
https://schnell-durchblicken.de/anders-tivag-kein-echter-freund-und-gemeint-ist-chatgpt
Die Kurzgeschichte von Anders Tivag „Kein echter Freund?“ – und gemeint ist ChatGPT. - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
Die Übersicht über weitere Themen des Deutschunterrichts auf unseren Seiten.