Zur Anlage dieses Plädoyers
Dieses fiktive Plädoyer ergänzt das zweiteilige Lesetagebuch zu Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“. Es ist unter dem Pseudonym Anders Freistein verfasst – bewusst als persönliche, fiktive Stimme, nicht als Meinung einer Lehrkraft. Das entspricht dem Beutelsbacher Konsens, der auch dem Lesetagebuch zugrunde liegt: keine Vorgabe, sondern ein Angebot zur Reibung.
Zugleich dient diese Seite als Modell: Der Text ist in acht Bausteine gegliedert, die den typischen Aufbau einer Stellungnahme zeigen, wie sie am Ende vieler Deutsch-Klausuren verlangt wird. Nach jedem Baustein erklärt ein kurzer Kommentar, welche Funktion der Abschnitt im Argumentationsaufbau erfüllt – so lässt sich die Systematik direkt auf die eigene Textproduktion übertragen.
Zunächst eine Vorschau und eine Druckvorlage.

Der Aufbau: Acht Bausteine für die eigene Stellungnahme
Baustein 1 – Der Anfang: persönliche Positionierung als Stilmittel
Ich bin kein Jurist und vielleicht ist das ein Vorteil.
Kein „In der heutigen Zeit…“ und kein neutrales Herantasten – der Text beginnt mit einer klaren persönlichen Position, die sich sogar selbst infrage stellt. Das ist ein bewusster Kunstgriff: Wer offen sagt, dass er kein Fachmann ist, wirkt dadurch nicht schwächer, sondern ehrlicher. Für die eigene Stellungnahme heißt das: Ein starker Einstieg braucht keine Floskeln, sondern einen klaren, eigenen Satz, der sofort Haltung zeigt.
Baustein 2 – Das Zugeständnis: erst die Gegenseite ernst nehmen
Was mich an diesem Prozess beschäftigt, ist nicht die Frage, ob Lars Koch gegen das Gesetz verstoßen hat. Das hat er. Er hat gegen einen ausdrücklichen Befehl gehandelt und Menschen getötet, weil er glaubte, damit eine viel größere Zahl von Menschen zu retten. Seine Tat ist nicht zu entschuldigen – und ich sage das ohne Zögern.
Das ist die sogenannte Konzession: Bevor die eigene These kommt, wird der stärkste Punkt der Gegenseite offen anerkannt. Das wirkt nicht schwach, sondern schafft Glaubwürdigkeit – wer den unbequemen Fakten nicht ausweicht, wird als fairer Gesprächspartner ernst genommen. In einer Stellungnahme lohnt es sich fast immer, zuerst zuzugeben, was an der Gegenposition richtig ist, bevor man widerspricht.
Baustein 3 – Die Kernfrage: der Wendepunkt
Aber ich frage: Ist das dasselbe wie Mord?
Nach zwei längeren Sätzen folgt ein ganz kurzer – das ist kein Zufall. Der Bruch im Satzrhythmus markiert den Wendepunkt: Hier hört die Konzession auf, hier beginnt die eigentliche These. Für die eigene Stellungnahme ist das ein einfacher, aber wirkungsvoller Trick: Ein kurzer Satz nach längeren Ausführungen lenkt die Aufmerksamkeit genau dorthin, wo die eigene Position beginnt.
Baustein 4 – Die Unterscheidung begründen: ein Kategorienvergleich
Ein Mörder wählt sein Opfer. Er schafft die Situation, in der er tötet. Lars Koch hat weder das Flugzeug entführt noch den Befehl verweigert, der ihn in diese Lage gebracht hat. Er wurde vom Staat in eine Situation gebracht, für die das Strafgesetzbuch nicht geschrieben wurde – und für die auch das Verfassungsgericht, so klug es formuliert hat, keine lebenstaugliche Antwort gefunden hat. Denn das Verfassungsgericht hat ein Gesetz beurteilt, keinen Menschen.
Die These wird nicht behauptet, sondern durch einen Kategorienvergleich begründet: Was unterscheidet einen Mörder von Lars Koch? Diese Technik – zwei Begriffe nebeneinanderstellen und ihre Unterschiede herausarbeiten – ist eine der zuverlässigsten Methoden, um eine Behauptung nachvollziehbar zu machen, statt sie nur zu wiederholen.
Baustein 5 – Auseinandersetzung mit der Gegenposition: Kant widerlegen mit einem Gedankenexperiment
Die Staatsanwältin hat sich auf Kant berufen. Kant ist groß. Aber Kant denkt in Prinzipien, nicht in Einzelfällen. Und genau das ist das Problem. Wer in einem sinkenden Rettungsboot entscheiden muss, ob alle untergehen oder einige geopfert werden, kann sich nicht an ein Prinzip halten, das für diese Situation nicht gemacht wurde. Er trägt danach eine Last, die kein Urteil ihm abnehmen kann – und die kein Freispruch ihm schenkt.
Hier wird die Gegenposition beim Namen genannt (Kant, über die Staatsanwältin) und ihr sogar erst einmal Respekt gezollt („Kant ist groß“), bevor die Grenze ihres Prinzips an einem konkreten Gedankenexperiment gezeigt wird. Das ist überzeugender als ein bloßes Dagegenhalten: Eine abstrakte Gegenposition wird nicht mit einer anderen Abstraktion widerlegt, sondern mit einem Bild, das man sich vorstellen kann.
Baustein 6 – Die eigentliche Pointe: eine übersehene Leerstelle benennen
Das ist der Punkt, der in diesem Prozess völlig fehlt: das persönliche Schuldgefühl des Täters. Nicht gegenüber dem Gesetz. Sondern gegenüber dem menschlichen Leben. Lars Koch wird damit leben müssen. Die Verteidigungsministerin, die durch Nicht-Entscheidung entschieden hat, schläft ruhig. Ihr Ministerium kümmert sich nicht um den Soldaten, der mit der Situation allein gelassen wurde. Das ist die eigentliche moralische Asymmetrie dieses Falles.
Eine starke Stellungnahme wiederholt nicht nur, was im Stück schon verhandelt wurde, sondern bringt einen eigenen Gedanken ein, der bislang fehlte. Hier ist es der Kontrast zwischen dem Piloten, der lebenslang mit seiner Schuld leben muss, und der Ministerin, die folgenlos bleibt. Genau dieser eigene Akzent unterscheidet eine gute Stellungnahme von einer bloßen Zusammenfassung der bekannten Positionen.
Baustein 7 – Die Erweiterung: historische Analogie zur Untermauerung
Und noch etwas: Staaten schicken seit Jahrhunderten Soldaten in Situationen, aus denen es kein gutes Heraus gibt. Der Erste Weltkrieg ist voll davon. Niemand hat die Offiziere, die Hunderttausende in den Tod befohlen haben, vor ein Strafgericht gestellt – jedenfalls nicht die Sieger. Das Recht gilt eben nicht immer für alle gleich. Das wissen wir spätestens seit Nürnberg. Dabei wäre zumindest der Hinweis des Verteidigers zu bedenken gewesen: dass Terror eine Form von Krieg ist – und dass das Recht, das für den Frieden gemacht wurde, im Kriegsfall an seine Grenzen stößt.
Die eigene These wird durch einen Blick über den Text hinaus gestützt – hier durch historische Beispiele (Erster Weltkrieg, Nürnberg). Das zeigt Transferleistung, also die Fähigkeit, das Gelernte auf andere Zusammenhänge anzuwenden, und genau das wird in Klausuren meist besonders honoriert. Wichtig dabei: Die Analogie bleibt vorsichtig formuliert („wäre zu bedenken gewesen“), statt eine steile These zu behaupten.
Baustein 8 – Der Schluss: pointierte Zusammenfassung mit Gegenbeispiel
Ich plädiere nicht dafür, das Recht abzuschaffen. Ich plädiere dafür, es klug genug zu machen, um zu wissen, wo es endet. Ein Schweizer Grenzhauptmann hat während der Nazi-Zeit gegen das Gesetz seines Landes verstoßen und verfolgte Menschen gerettet. Wir nennen ihn heute einen Gerechten. Vielleicht brauchen wir eine Kategorie zwischen Mörder und Held – für Menschen, die in Situationen geraten sind, die weit jenseits aller normalen menschlichen Erfahrung liegen.
Das ist kein Plädoyer für Freispruch. Es ist ein Plädoyer für Unterscheidung.
Der Schluss macht drei Dinge auf engstem Raum: Er räumt ein Missverständnis aus dem Weg (kein Plädoyer gegen das Recht als solches), er liefert mit dem Schweizer Grenzhauptmann ein positives Gegenbeispiel, das die eigene These plausibel macht, und er endet mit einem Satzpaar in Parallelform („kein Plädoyer für X. Es ist ein Plädoyer für Y“), das die Kernaussage noch einmal einprägsam auf den Punkt bringt. Genau ein solcher geschlossener, wiedererkennbarer Schluss macht aus einer Stellungnahme ein rundes Ganzes.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Gesamtübersicht über Infos, Tipps und Materialien zum Theaterstück „Terror“
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