Worum es hier geht:
Im Folgenden zeigen wir mal an einem Gedicht von Goethe, wie das Selbstbewusstsein der Sturm-und-Drang-Epoche auch mal in gefährliche Grenzregionen führen kann. Dann nimmt man es sogar mit der Hölle auf.
Hier bietet sich dann fast ein Vergleich mit Goethes „Faust“ an 😉

Das Gedicht ist u.a. hier zu finden:
Anmerkungen zum Titel und zu Strophe 1
An Schwager Kronos
- Spute dich, Kronos!
- Fort den rasselnden Trott!
- Bergab gleitet der Weg;
- Ekles Schwindeln zögert
- Mir vor die Stirne dein Zaudern.
- Frisch, holpert es gleich,
- Über Stock und Steine den Trott
- Rasch ins Leben hinein!
- Die Überschrift macht deutlich, dass dieses Gedicht sich an jemanden richtet, der viel mit einem altgriechischen Gott zu tun hat.
- Dazu kommt die Vermutung, dass dabei auch griechische Wort für Zeit eine Rolle spielt – man denke an „Chronometer“.
- Das würde dann ja auch zum Inhalt der ersten Strophe passen,, wahrscheinlich aus der Perspektive des Insassen einer Kutsche, dem es vor allem um Schnelligkeit geht.
- Dabei wird offensichtlich diesem Schwager unterstellt, dass er zu sehr zögert.
- Beim lyrischen Ich ist das Ziel der Fahrt auf jeden Fall klar, nämlich ein rasches Hineinkommen in das Leben.
- Da das lyrische Ich ja sicherlich sich schon lebendig fühlt, kann es nur um eine bestimmte Vorstellung vom Leben gehen. Vor dem Hintergrund der Sturm und Drang – Zeit und auch unter Beachtung des Tones des Gedichtes, kann man davon ausgehen, dass es sich um ein intensives Leben handelt.
- An dieser Stelle taucht der Gedanke auf, ob dieses Gedicht nicht auch etwas mit Eichendorffs Gedicht „Frische Fahrt“ und damit mit der Romantik zu tun hat.
https://textaussage.de/eichendorff-frische-fahrt
- Eine Hypothese könnte sein, dass in beiden Fällen Intensität angestrebt wird, aber auf unterschiedliche Weise. Im Falle dieses Gedichtes kommt einem das Bestreben sehr viel rabiater vor.
Anmerkungen zu Strophe 2
- Nun schon wieder
- Den eratmenden Schritt
- Mühsam Berg hinauf!
- Auf denn, nicht träge denn,
- Strebend und hoffend hinan!
- In der zweiten Strophe geht es dann um einen bestimmten Streckenabschnitt, der dem lyrischen Ich schon wieder zu viel Langsamkeit führt.
- Dem begegnet es mit einer erneuten Aufforderung, bei der man aber nicht weiß, an wen sie gerichtet ist. Möglicherweise meint das lyrische Ich sich hier selbst?
Anmerkungen zu Strophe 3
- Weit, hoch, herrlich der Blick
- Rings ins Leben hinein;
- Vom Gebirg zum Gebirg
- Schwebet der ewige Geist,
- Ewigen Lebens ahndevoll.
- In dieser Strophe hat die Kutsche, wir gehen mal bis zum Beweis des Gegenteils von diesem Verkehrsmittel aus, das Goethe ja auch benutzt hat, eine Höhe erreicht.
- Von der aus ist genau das möglich, was das lyrische Ich anstrebt, nämlich ein herrlicher Blick ins Leben hinein
- Offensichtlich geht der Blick über ganze Gebirge hinweg. Interessant ist dabei, dass das lyrische Ich hier eine höhere Instanz, nämlich einen „ewigen Geist“ verspürt.
- Diese Ewigkeit ist ein Hinweis darauf, dass das lyrische Ich sich zumindest gedanklich hier in einem göttlichen Bereich bewegt.
Anmerkungen zu Strophe 4
- Seitwärts des Überdachs Schatten
- Zieht dich an
- Und ein Frischung verheißender Blick
- Auf der Schwelle des Mädchens da.
- Labe dich! – Mir auch, Mädchen,
- Diesen schäumenden Trank,
- Diesen frischen Gesundheitsblick!
- In dieser Strophe bestätigt sich die Vermutung, dass es sich um eine Kutschfahrt handelt.
- Beim Blick aus dem Fenster sieht das lyrische Ich beziehungsweise der Reisende ein Mädchen, von dem er sich einen Trunk erhofft.
- Insgesamt empfindet er das als einen „frischen Gesundheitsblick“.
- Hier kann man annehmen, dass das lyrische Ich damit nicht nur den Trank, sondern auch die Situation insgesamt einschließlich des Mädchens als belebend empfindet.
Anmerkungen zu Strophe 5
- Ab denn, rascher hinab!
- Sieh, die Sonne sinkt!
- Eh sie sinkt, eh mich Greisen
- Ergreift im Moore Nebelduft,
- Entzahnte Kiefer schnattern
- Und das schlotternde Gebein –
- Trunknen vom letzten Strahl
- Reiß mich, ein Feuermeer
- Mir im schäumenden Aug,
- Mich geblendeten Taumelnden
- In der Hölle nächtliches Tor.
- Konsequent in der Beschreibung dieser Kutschfahrt geht es in dieser Strophe jetzt bergab
- Wieder die Bitte um eine Beschleunigung der Fahrt. Das wird begründet mit der sinkenden Sonne und damit dem Ende des Tages.
- Dann wird es allerdings sehr extrem. Denn das lyrische Ich sieht sich selbst als alten Menschen, der durch den Strahl der sinkenden Sonne in Bewegung gesetzt wird, erstaunlicherweise in Richtung Hölle.
Anmerkungen zu Strophe 6
- Töne, Schwager, ins Horn,
- Rassle den schallenden Trab,
- Dass der Orkus vernehme: wir kommen,
- Dass gleich an der Türe
- Der Wirt uns freundlich empfange.
- Am Ende dann noch mal die Aufforderung an den Schwager, also den Kutscher, ein Hornsignal zu senden.
- Dann die überraschende Erklärung:
Dieses lyrische Ich zeigt so viel Selbstbewusstsein, dass es davon ausgeht, in der Hölle freundlich empfangen zu werden. - Man merkt deutlich, dass man dieses Gedicht auch zu den Reisegedichten hinzunehmen kann. Und zwar geht es dann eben um die Lebensreise
- Ansonsten ist es ein Gedicht, dass man gut mit dem Gedicht „Seereise“
https://schnell-durchblicken.de/goethe-vergleich-seefahrt-glueckliche-fahrt
zusammennehmen kann.
Auch dort geht es um die Bereitschaft zur äußersten Risiko.
Bei diesem Gedicht kommt hinzu, dass das lyrische Ich einen großen Optimismus ausstrahlt. Man hat den Eindruck, es kann es mit jedem aufnehmen.
Eine noch heftigere Variante:
Es gibt eine Variante des Gedichtes, das noch heftiger endet:
- Töne, Schwager, ins Horn,
- Rassle den schallenden Trab,
- Dass der Orkus vernehme: ein Fürst kommt.
- Drunten von ihren Sitzen
- Sich die Gewaltigen lüften.
Das kann zunächst einmal so verstanden werden, dass die „Gewaltigen“, die Götter des Totenreiches, sich erheben vor diesem Neuankömmling.
Man kann das aber auch so verstehen, dass sie vor Schreck „einen fahren lassen“, wie man umgangssprachlich und ähnlich bildhaft sagt. Man sieht, dass auch Leute wie Goethe nicht immer nur in den höchsten Tönen dichteten, sondern auch mal derb wurden.
Vergleich mit Goethe, „Prometheus“
- Sowohl „An Schwager Kronos“ als auch „Prometheus“ sind zentrale Werke des Sturm und Drang, die den radikalen Wandel vom kalten Rationalismus der Aufklärung hin zur Subjektivität und Emotionalität verdeutlichen.
- Beide Texte verkörpern den Titanismus, also den trotzigen Widerstand des Individuums gegen eine übermächtige Instanz. Während sich das Ich in „Prometheus“ gegen die göttliche Willkür von Zeus auflehnt, trotzt es in „An Schwager Kronos“ der unaufhaltsam vergehenden Zeit.
— - In beiden Gedichten steht das autonome Genie im Mittelpunkt. Prometheus erschafft Menschen nach seinem Bild und handelt völlig unabhängig von Gott, während das Ich in „Schwager Kronos“ sein Leben aktiv und leidenschaftlich bis zum Tod selbst gestaltet.
— - Goethe nutzt in beiden Werken die griechische Mythologie, um menschliche Grenzerfahrungen darzustellen. Kronos wird als Postkutscher (Schwager) personifiziert, der die Lebensreise lenkt, während Prometheus als Schöpfer und Rebell gegen den Olymp auftritt.
— - Beide Gedichte brechen mit traditionellen literarischen Regeln und verzichten auf feste Metren oder Reime. Diese freien Rhythmen spiegeln den Drang nach künstlerischer Freiheit und den Vorrang der Emotion gegenüber der Form wider.
— - Unterschiedliche Adressaten: Der Protest in „Prometheus“ ist eine Anklage gegen eine äußere Autorität (Zeus) und fordert Selbstbestimmung. In „An Schwager Kronos“ hingegen ist es ein innerer Antrieb, das Leben trotz der Vergänglichkeit im „Feuermeer“ der Leidenschaft intensiv zu erleben.
Vergleich mit Goethes Faust
Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem lyrischen Ich in „An Schwager Kronos“ und Faust lassen sich tiefergehend in ihrem titanischen Selbstverständnis und der Struktur ihrer Lebensfahrt verankern:
Gemeinsamkeiten: Titanische Selbstbehauptung
- Beide Figuren lehnen die menschliche Beschränktheit ab und setzen dem Schicksal eine titanische Selbstbehauptung entgegen.
— - Der Tod wird nicht als Endpunkt, sondern als Übergang oder „Durchgang“ begriffen. Beide begegnen dem Jenseits mit „schäumender“ Energie statt metaphysischer Furcht.
— - Sowohl die Lebensfahrt im „Kronos“ als auch Fausts Weg sind von rastlosem Streben („immer vorwärts dringt“) und dem Verlangen nach intensiver Erfahrung geprägt.
—
Unterschiede: Haltung und Ziel der Reise
- Das Ich in „Kronos“ tritt in der Unterwelt als „Fürst“ auf und fordert respektvoll-übermütig die Umkehr der Hierarchie. Faust hingegen schwankt zwischen der Rolle des „Gottes Ebenbild“ und dem göttlichen „Knecht“, wobei sein Weg eher eine spirituelle Suche als eine triumphale Ankunft ist.
— - Die „Kronos“-Hymne flieht vor dem körperlichen Verfall des Alters („Greisen im Moore“) direkt in den Orkus. Fausts Reise ist dagegen eine Suche nach der „inneren Kraft“, die die Welt zusammenhält.
— - Während das lyrische Ich Kronos (die Zeit) als seinen Kutscher kommandiert („Spude dich“), ist Fausts Verhältnis zur Zeit durch die Wette komplizierter; er sucht den einen „schönen Augenblick“, der die Zeit stillstehen lässt.
—
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Infos, Tipps und Materialien zur Epoche
https://textaussage.de/endlich-durchblick-literaturepoche-sturm-und-drang
— - Gedichte der Epoche
https://schnell-durchblicken.de/gedichte-des-sturm-und-drang-nach-themen-geordnet
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos