Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick
- Spannend:
Was passiert, wenn man seine Ex-Freundin plötzlich sieht – und nur noch Flucht im Sinn hat?
— - Die Idee der Kurzgeschichte:
Der junge Mann versucht sich, auf die Angebote des Supermarktes zu konzentrieren, aber alles erinnert ihn an seine Ex.
— - Entwicklung:
Sogar einer Bekannten weicht er aus, nur um nicht über die frühere Freundin sprechen zu müssen.
— - Im Drogerie-Gang bricht seine coole Fassade kurz zusammen – er erinnert sich an eine peinliche, aber am Ende gemeinsam durchlachte Situation mit Saskia.
— - Auch eine fremde ältere Frau mit Hundefutter bekommt seine schlechte Laune ab.
— - An der Kasse merkt er: Fast alles, was im Wagen liegt, hat irgendwie mit Saskia zu tun.
— - „Keine Ahnung, wie das Zeug zusammenkam. Echt nicht.“ – dieser Schlusssatz ist wunderbar mehrdeutig.
— - Diskussionsfrage: Warum kann sich der Ich-Erzähler seine Erinnerungen an Saskia nicht einfach „abschminken“, obwohl er es die ganze Zeit versucht?
Worum es hier geht
Wie schwer es sein kann, mit dem Ende einer Beziehung klarzukommen, zeigt sehr schön die Kurzgeschichte „Erinnerungsangebote“ von Kai Fischer.
Zu finden ist sie u.a. hier: Die Kurzgeschichte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, erarbeitet von Bettina Greese, hrsg. von Johannes Diekhans = EinFach Deutsch. Unterrichtsmodell, Bildungshaus Schulbuchverlage, Braunschweig/Paderborn 2007, S. 32/33.
Wir untersuchen die Geschichte abschnittsweise. Am Anfang jedes Abschnitts steht zum Vergleich mit der eigenen Textausgabe das Beginn-Zitat, danach die Erläuterungen.
Die Erzählschritte im Überblick
Die Geschichte läuft auf zwei Ebenen gleichzeitig ab: außen der ganz normale Gang durch den Supermarkt, innen ein Kopfkino aus Erinnerungen an Saskia. Genau dieses Nebeneinander lohnt es sich, beim Lesen mitzuverfolgen.
- „Es ist sonst nicht meine Art“
- Direkter Einstieg: Gegen seine sonstige Art hat sich der Ich-Erzähler (IE) ganz plötzlich versteckt.
- Es muss ihn also etwas Besonderes erschreckt oder gar bedroht haben.
- Dabei handelt es sich um seine Ex, die mit einer Freundin aus einem Café kommt.
- „Fast hätte sie mich entdeckt“
- Den Supermarkt, in dem er sich versteckt hat, nutzt der IE gleich für Einkäufe.
- Das wird kommentiert mit kritischen Bemerkungen zur Preisgestaltung angeblich kapitalistischer Kaufleute.
- „Mein Mädchen, Ex-Mädchen muss ich sagen“
- Der Anblick von Tomaten führt zu einer ersten Rückblende.
- Der IE erinnert sich daran, dass seine Ex Tomaten verschmäht hat.
- Dafür hat sie an anderer Stelle tüchtig zugelangt.
- „Die Strecke nutz ich, um Queen Elizabeth zu überholen“
- Im weiteren Verlauf des Einkaufs macht der IE zunächst seine Abneigung gegenüber Sülzkoteletts und Fleischsalat deutlich.
- Dann rennt er in ein Brotregal.
- Das Aufräumen überlässt er mit einer hämischen Bemerkung einem Mitarbeiter des Ladens.
- „An der Flaschenannahme“
- An der Flaschenannahme kommt es zu einem kurzen Dialog mit einem Mitarbeiter, den er anscheinend kennt.
- Der freut sich, dass er einen Job gefunden hat – der IE betrachtet es ziemlich herablassend.
- Im Weitergehen wird der IE auf seine Ex angesprochen und versucht krampfhaft, sich auf den Einkauf einer Pizza zu konzentrieren.
- Er verabschiedet sich mit einer weiteren hämischen Bemerkung und erntet dafür ein Schimpfwort.
- Als Nächstes erinnert sich der IE an die Änderung seiner Essgewohnheiten, seitdem Saskia weg ist.
- „Jetzt nicht in den Getränkegang“
- Im weiteren Verlauf wird immer deutlicher, dass der IE von Erinnerungen an die Beziehungszeit gequält wird.
- Er selbst spricht von einem mühsam „zusammengelogenen Schutzwall“, der in diesem Geschäft immer wieder bricht.
- „Sie war mal krank, Saskia“
- Mit dem Hygienebereich verbindet ihn die besonders peinliche Geschichte, als er versucht hat, für seine kranke Freundin Tampons zu besorgen.
- Interessant ist, dass er von seiner Freundin ausgelacht worden ist, dann aber selbst mitlachen konnte.
- „Puuuuuuh, Sheba, Whiskas, Pedigree“
- Eine ältere Frau mit Hundefutter im Einkaufswagen wird zum Anlass für weitere „Gehässigkeiten“, wie der IE es selbst nennt.
- Er muss allerdings feststellen, dass ihn das nicht von seinem eigentlichen Thema – den Problemen mit der Erinnerung an die Ex – ablenkt.
- „Alles fing mit ’nem ereignisreichen Tag an, damals“
- Als Nächstes erinnert sich der IE an die erste Begegnung mit Saskia,
- bei der sie den Sex locker mal eben wegen eines kochenden Teekessels unterbricht
- und nach einiger Zeit genauso locker weitermacht.
- Der IE selbst kommt damit nicht ganz so gut klar – allein schon wegen der körperlichen Gegebenheiten.
- „Die Hundeoma stieß mir ihren Wagen in die Hacken“
- Die Geschichte endet mit dem Zusammenprall der „Träume“ des IE mit der Realität des Kassenbandes.
- Der IE muss sich auch hier noch mit einer kleinen Frechheit aus dem Versagergefühl herausreden – mit einer wahrscheinlich erfundenen Geschichte von Rasierklingen im Tierfutter.
- Höhepunkt ist dann die Entdeckung, dass er all das, was bei ihm zum „Erinnerungsangebot“ geworden ist, auch wirklich als „Angebot“ verstanden und in seinen Einkaufswagen gelegt hat.
- Am Ende steht die vom Erzähler wohl nicht ganz ernst gemeinte Feststellung: „Keine Ahnung, wie das Zeug zusammenkam. Echt nicht.“
- Die Leser der Geschichte können ihm da leicht weiterhelfen – spätestens dann, wenn sie die folgende Auswertung gelesen haben 😉
Aussagen der Geschichte
Die Geschichte zeigt:
- wie sehr jemand sich von seiner Ex als Inbegriff der gemeinsamen Beziehungsvergangenheit verfolgt fühlt,
- dass dahinter anscheinend einige Minderwertigkeitskomplexe stecken,
- die er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an Leuten im Laden rauslassen muss.
- Am wichtigsten ist natürlich das Phänomen, dass eine lange und eingeübte Gewohnheit nicht so leicht aus dem Körpergedächtnis verschwindet. Während der Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist, machen die Gliedmaßen etwas, was nur in eingeschränktem Maße dazugehört. Auf gut Deutsch: Der Kopf ist schon getrennt von der Partnerin, der Körper hat das über neue Gewohnheiten noch nicht lernen können.
- Der Schlusssatz ist insofern interessant, weil der Ich-Erzähler hier gewissermaßen aus seiner Verfolgtenrolle heraustritt und sich recht souverän zeigt: Solche peinlichen Geschichten aus dem eigenen Leben kann man erst dann erzählen, wenn man sie verarbeitet hat und locker damit umgehen kann.
Sprachliche Mittel
Am besten versteht man die sprachlichen Mittel der Geschichte, wenn man sie direkt den Aussagen zuordnet, zu denen sie gehören – dann zeigt sich erst richtig, was sie eigentlich bewirken.
- Alliteration „versteckt, verpisst, verkrochen“ (zu Aussage 1): Der Dreierschritt gleicher Anfangslaute macht die panikartige Fluchtreaktion vor der Ex fast körperlich spürbar – man hört förmlich, wie hastig das geht.
- Metapher „mühsam zusammengelogener Schutzwall“ (zu Aussage 2): Zeigt, wie brüchig die coole Fassade in Wirklichkeit ist – „zusammengelogen“ macht klar, dass der IE sich selbst etwas vormacht.
- Kontrastierung von kalter Supermarktwelt und warmen, intimen Erinnerungen (zu Aussage 4): Verstärkt genau das Körpergedächtnis-Phänomen – die nüchterne Konsumwelt ist es ja gerade, die die Erinnerungen ungewollt auslöst.
- Wortneuschöpfung „Saskarita“ (zu Aussage 6): Die Mischung aus Saskias Namen und einer Pizzasorte zeigt genau den humorvollen, distanzierten Umgang mit der eigenen Geschichte, der im Schlusssatz sichtbar wird.
Thema der Geschichte
Das Thema kann man am besten als eine Frage formulieren, die den Aussagen der Geschichte zugrunde liegt. Die Aussagen sind nämlich eigentlich Antworten auf eine Frage, die im Text selbst nicht direkt ausgesprochen wird.
- Man könnte das Thema zum Beispiel so formulieren: Die Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, wie man damit umgehen kann, wenn man plötzlich und unerwartet seine Ex wiedersieht und das als unangenehm empfindet.
- Eigentlich ist es aber besser, so zu formulieren: Die Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, was passiert, wenn man plötzlich und unerwartet seine Ex wiedersieht und das als unangenehm empfindet.
- Der Unterschied liegt darin, dass der IE ja gar nicht mit dem Problem umgeht, sondern das Problem eher mit ihm.
Kreative Anregung
Man könnte mal überlegen und es ggf. auch aufschreiben, wie man selbst automatisch etwas gemacht hat, was nicht angebracht war – einfach weil man im Kopf zu sehr mit etwas anderem beschäftigt war.
Natürlich kann man auch überlegen, wie man selbst in einer solchen Situation umgehen könnte. Wichtig ist dabei die Vorgeschichte, die in dieser Kurzgeschichte ja gerade nicht berichtet wird.
Kurzgeschichten-Eigenschaften
- Direkter Einstieg ist da, allerdings in Form einer speziellen Einleitung, die schon auktorialen Charakter hat: Der Erzähler betrachtet sich selbst von außen und fällt ein Urteil über sich.
- Die Geschichte selbst ist ein „Ausriss“ aus dem Leben,
- allerdings mit recht geringem Wendepunkt-Grad. Am Ende wird zwar deutlich, dass der Ich-Erzähler inzwischen humorvoll, also aus der Distanz, mit seiner Geschichte umgehen kann. Aber der Weg dahin wird keineswegs sichtbar gemacht – da kämpft nichts mit sich selbst.
- Damit ist auch die Frage des offenen Schlusses beantwortet: Er wird eingeschränkt durch die inzwischen sichtbare Souveränität. Der IE dürfte sich also positiv weiterentwickelt haben.
Vergleichsmöglichkeit
Wer noch tiefer einsteigen möchte – etwa mit Hintergrundwissen zum Text, mehreren Deutungsansätzen und weiteren Vergleichstexten –, findet das auf der vertiefenden Insider-Tipps-Seite zu „Erinnerungsangebote“.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
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