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Schlagwort: Borchert

Borchert, „Die Küchenuhr“: Wie erkennt man Handlungsschritte in einer Kurzgeschichte?

Wolfgang Borchert

Die Küchenuhr

Grundsätzlich gilt, dass man Handlungsschritte sehr unterschiedlich von einander abgrenzen kann. Wir konzentrieren uns hier zum einen auf die Akteure, zum anderen auf die Gesprächsinhalte.

  1. Teil 1: Ankunft des Fremden und erstes Sich-Kennenlernen
    1. Perspektive der anderen  Leute:
      Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, daß er erst zwanzig war.
    2. Handlungen des Ankömmlings
      1. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, was er in der Hand trug.
        Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne saßen. Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben.
      2. Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab.
        Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das weiß ich auch. Und sie ist auch nicht so besonders schön. Sie ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack. Aber die blauen Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind natürlich nur aus Blech. Und nun gehen sie auch nicht mehr. Nein. Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht mehr geht.
      3. Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist übriggeblieben.
    3. Reaktion der Leute auf der Bank:
      1. Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an.
      2. Einer sah auf seine Schuhe
      3. und die Frau sah in ihren Kinderwagen.
      4. Dann sagte jemand:
        Sie haben wohl alles verloren?
  2. Teil 2: Das Besondere an der Uhr
    1. Gespräch über die Uhr – Teil 1: Das Schöne an der Uhr
      1. Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie hier, sie ist übrig. Und er hob die Uhr wieder hoch, als ob die anderen sie noch nicht kannten.
      2. Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.
      3. Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl. Aber sonst ist sie doch noch ganz wie immer: weiß und blau. Und wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das Schönste ist, fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt nicht erzählt. Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie mal, sie ist um halb drei stehengeblieben. Ausgerechnet um halb drei, denken Sie mal.
    2. Gespräch über die Uhr – Teil 2: Was hinter der Uhrzeit steckt
      1. Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen, sagte der Mann und schob wichtig die Unterlippe vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.
      2. Er sah seine Uhr an und schüttelte überlegen den Kopf. Nein, lieber Herr, nein, da irren Sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den Bomben reden. Nein. Um halb drei war ganz etwas anderes, das wissen Sie nur nicht. Das ist nämlich der Witz, daß sie gerade um halb drei stehengeblieben ist. Und nicht um viertel nach vier oder um sieben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.
      3. Er sah die anderen an, aber die hatten ihre Augen von ihm weggenommen. Er fand sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu: Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr? Und ich ging immer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei. Und dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so leise die Tür aufmachen, sie hat mich immer gehört. Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht.
      4. So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie immer die Füße aneinander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhe zog sie nachts nie an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann hörte ich sie noch die Teller wegsetzen, wenn ich in meinem Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte. Jede Nacht war es so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz selbstverständlich, fand ich, daß sie mir nachts um halb drei in der Küche das Essen machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat das ja immer. Und sie hat nie mehr gesagt als: So spät wieder. Aber das sagte sie jedesmal. Und ich dachte, das könnte nie aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles war doch immer so gewesen.
  3. Teil 3: Unverständnis der Leute auf der Bank und Glück des Fremden
    1. Schweigen der Leute auf der Bank und Wendung des Fremden an seine Uhr
      1. Einen Atemzug lang war es ganz still auf der Bank.
      2. Dann sagte er leise: Und jetzt?
      3. Er sah die anderen an.
      4. Aber er fand sie nicht.
      5. Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Gesicht: Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das richtige Paradies.
    2. Unverständnis der anderen Leute – Sicherheit des Fremden
      1. Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und Ihre Familie?
      2. Er lächelte sie verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern? Ja, die sind auch mit weg. Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich vor. Alles weg.
      3. Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen ihn nicht an.
      4. Da hob er wieder die Uhr hoch und er lachte. Er lachte: Nur sie hier. Sie ist übrig. Und das Schönste ist ja, daß sie ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.
  4. Teil 4: Schluss-Situation: Schweigen des Fremden – Erkenntnis zumindest eines Mannes auf der Bank
    1. Dann sagte er nichts mehr.
    2. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht.
    3. Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe.
    4. Aber er sah seine Schuhe nicht.
    5. Er dachte immerzu an das Wort Paradies.

Weiterführende Hinweise

Borchert, „Das Holz für morgen“

Zunächst zum Inhalt der Kurzgeschichte „Das Holz für morgen“

In der Kurzgeschichte „Das Holz für morgen“ geht es um einen Jungen, der sich das Leben nehmen will, weil er sich von den anderen unverstanden und ungeliebt fühlt. Auf dem Weg nach oben, wo er sich erhängen will, bemerkt er noch einen Schaden am Treppengeländer, den er vor Jahren verursacht hat, zu dem er sich aber nicht bekannt hat und den er jetzt noch bezahlen will. Dafür steckt er das Geld, was er hat, so in seine Kleidung, dass es nach seinem Tod gefunden werden kann.

Letztlich kommt es aber doch nicht zu dem Selbstmord, weil er hört, wie die jemanden daran erinnert, dass unbedingt für die anstehende Wäsche – wahrscheinlich in der Nachkriegszeit in einem großen Waschkessel – die notwendige Seife mitgebracht wird. In dem Zusammenhang wird der Junge daran erinnert, dass er für diese Waschaktion das notwendige Brennholz besorgen soll. Dies macht ihm deutlich, dass er gebraucht wird und dass er Verantwortung hat und man ihm auch etwas zutraut. Das alles sorgt dafür, dass er auf seinen Entschluss, sich umzubringen, verzichtet.

Die Aussage(n) der Geschichte – Intentionalität

Insgesamt zeigt die Geschichte, die wohl wie die meisten anderen Kurzgeschichten Borcherts in der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt, wie verzweifelt jemand sein kann, wenn er das Gefühl hat, dass die anderen ihn nicht genügend wahrnehmen, obwohl er sie liebt. Man kann wohl der Hypothese folgen, dass es sich hier möglicherweise um einen jungen Soldaten handelt, der lange weg war, vieles noch verarbeiten muss und noch nicht wieder richtig in der Normalitä eines zwar schwierigen, aber schon wieder friedlichen Leben angekommen ist.

Zugleich wird deutlich, wie wenig solch ein Entschluss zum Selbstmord alles bedenkt, dass es letztlich eine Entscheidung ist, die stark auf eine ganz bestimmte Verweiflung fokussiert ist. Zum ersten Mal wird die durchbrochen durch die Erinnerung an die Geschichte mit dem Treppengeländer. Das reicht aber nur dafür, dass das jetzt auch noch in Ordnung gebracht wird. Erst das, was er von seiner Mutter hört und was ihn wieder an die Sache mit dem Holz denken lässt, bringt die Rettung.

Das Gefühl der Verzweiflung über Nicht-Verstandenwerden weicht dem Gegenteil. Sein Vater hat diese Holzaktion ja gerade in die Wege geleitet, um ihm das Gefühl zu geben, das er gebraucht wird und dass man sich um ihn sorgt und kümmert.

Die Aktualität der Kurzgeschichte

Letztlich handelt es sich um eine Geschichte, die man durchaus aus dem Borchertschen Nachkriegskontext herauslösen und auf jede Situation übertragen kann, in der man sich in einer Art Gefühlstunnel befindet. Man kann nur jedem Menschen, der verzweifelt auf einen Punkt starrt, dass er da herausgerissen wird und wieder an Positives denken und im wahrsten Sinne des Wortes „aufleben“ kann.

Vor diesem Hintergrund ist der Titel auch überaus gelungen: Bei dem „Holz“ geht es um das, was hier jetzt konkret eine Verantwortungs- und Fürsorgegemeinschaft schafft. Und das „morgen“ zeigt, dass es noch eine Zukunft geben kann, in der man gebraucht und geliebt wird.

Weiterführende Hinweise

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