Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Columbus

Georg Heym, „Columbus“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

 

Auswertung des Titels und Vor-Erwartungen

Georg Heym

Columbus

  • Der Titel enthält nur einen Namen, mit dem aber in der Regel viel verbunden wird.
  • Dieser Mann gilt als der Entdecker Amerikas,
  • der die anschließende Herrschaft vor allem durch Spanier hervorgerufen hat.
  • Einige wissen wohl auch, dass dieser Mann nur durch Zufall ein Ziel gefunden hat, weil das damals den Europäern noch nicht bekannte Amerika günstig im Wege lag und er sein eigentliches Ziel, China und Indien nie erreicht hätte.
  • Von daher kann man gespannt sein, welche besonderen Akzente ein Dichter des Expressionismus mit diesem Mann verbindet.
  • In der Regel erwartet man inhaltlich Aufrührerisches in einer extremen Sprache, um es mal so zu formulieren.
  • Wer sich erst mal genauer informieren möchte, kann das zum Beispiel hier tun:
    • Mit Hilfe des folgenden Youtube-Films kann man sehen, wie man expressionistische Gedichte erkennt. Dabei wird der Schwerpunkt auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Eindruck und Ausdruck gelegt.
      https://youtu.be/tOpmqX2PyJk
      Die entsprechende Dokumentation ist hier zu finden:
      https://www.schnell-durchblicken2.de/video-expressionismus-ausdruck
    • Expressionistische Gedichte schnell erkennen:
      Das Entscheidende: Nicht irgendwelche Checklisten auswendig lernen, sondern möglichst viele Gedichte kurz checken und so ein Gefühl für die Epoche bekommen

Auswertung des Inhalts

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

  • Das Gedicht beginnt mit der Aufzählung von Elementen einer Situation, die nicht mehr gegeben ist.
  • Alles bezieht sich, wenn man den Titel mit einbezieht, auf die lange Seereise des Kolumbus Richtung Westen.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassem
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

  • Diese Strophe beschreibt die Situation nach den Strapazen und Gefahren der langen Seefahrt.
  • Für einen Expressionisten klingt das erstaunlich positiv.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

  • Dies ist eigentlich eine Fortsetzung der vorangegangenen Strophe.
  • Allenfalls könnte man etwas misstrauisch werden, wenn von „betören“ die Rede ist.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
in Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
und tief im Grund die weißen Orchideen.

  • In dieser Strophe geht es um Kolumbus selbst, der hier distanziert als „Genueser“ bezeichnet wird.
  • Ansonsten steht auch hier die fremdartige und möglicherweise verlockende Natur im Vordergrund.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
und wie ein Traum versunkner Abendröte
die goldnen Tempeldächer Mexikos.

  • Hier verlässt das Gedicht das, was Columbus noch wissen konnte.
  • Was hier angedeutet wird, haben erst seine Nachfolger unter den Eroberern zu sehen bekommen.
  • Was bei dieser Zukunftsvision ausgeblendet wird, sind die Schrecken und Zerstörungen, die auf die indigende Bevölkerung zukam.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

  • Die letzte Strophe deutet dann an, was eben angesprochen worden ist, nämlich den Noch-Friedenszustand einer Stadt, die natürlich diesen spanischen Namen zu dem Zeitpunkt noch nicht haben konnte.
  • In der Wikipedia heißt es über eine Stadt „San Salvador“
    „Nach der Eroberung des Aztekenreichs überquerte Pedro de Alvarado am 6. Juni 1524 den Río Paz. Nach zwei Schlachten in Acaxual (8. Juni) und bei Tacuzcalco (13. Juni) erreichte er am 17. Juni 1524 die Stadt Cuzcatlan, die er jedoch nicht einnehmen konnte. Am 21. Juli zog er wieder ab
    1525 gründete Gonzalo de Alvarado unweit von Cuzcatlan die Stadt San Salvador, die er jedoch nach einem Aufstand wieder verlassen musste. Diego de Alvarado gründete die Stadt San Salvador 1528 zum zweiten Mal und zwang am 23. November 1528 Cuzcatlan zur Aufgabe. 1540 war das gesamte Gebiet der einstigen Herrschaft von Cuzcatlan unterworfen.“
  • Was dieses Gebiet angeht, heißt es in der Wikipedia:
    „Cuzcatlan (Nawat Tekuyut Kuskatan, Nahuatl Tēucyōtl Cōzcatlān, spanisch Señorío de Cuzcatlán) war ein Staat der zu den Nahua gehörenden Pipil. Das Gebiet lag im heutigen westlichen El Salvador und bestand von ungefähr 1200 bis zur Eroberung durch die Spanier 1528.“
    Stand: 8.8.2020, 22:04 Uhr
    https://de.wikipedia.org/wiki/Cuzcatlan

Aussagen (Intentionalität) des Gedichtes

Das Gedicht zeigt:

  1. den Gegensatz zwischen den Entbehrungen und Gefahren der langen Seereise und den Wundern der neuen Welt.
    Es muss dabei aber festgehalten werden, dass der Rückblick doch insgesamt recht entspannt wirkt.
    Hier könnte man in einem Referat feststellen, inwieweit es dort doch etwas härter zur Sache ging.
  2. in vielfältiger Hinsicht die Schönheit des erreichten Landes,
  3. aber nur in einer Andeutung den Noch-Frieden einer einzigen Stadt, die wohl stellvertretend für das ganze spanische „Latein-Amerika“ steht.

Kritische Anmerkungen zum Gedicht

  • Wenn man nur ein bisschen etwas weiß über das, was die Spanier der indigenen Bevölkerung und ihrer Kultur angetan haben, ist man sehr erstaunt über diese Konzentration auf die ersten Gefühle der Entdecker und potenziellen Eroberer, während sie die neue Welt anstaunen.
  • Man muss schon genau hinschauen, um etwas von der wichtigeren Wirklichkeit der Ereignisse festzustellen.
    • Da ist zum einen der Noch-Frieden am Schluss.
    • Aber schon vorher ist die Rede von „goldnen Himmeln“ – und die beziehen sich vielleicht doch auch auf die Goldgier, die die Eroberer antrieb.
    • Und dann ist da von „versunkner Abendröte“ die Rede – vielleicht eine Anspielung auf die bald untergehenden Kulturen der Maya, Azteken und Inka.
  • „Sinn macht“ das Gedicht eigentlich nur, wenn man es für die grandiose Idee einer besonderen Bewältigung der Kolumbus-Problematik (Eroberung, Zerstörung, Ausbeutung) hält. Heym hält nämlich hier den Moment fest, in dem alles noch unschuldig war und man sich einfach als Mensch nach der entbehrungsreichen Seefahrt an der schönen Natur erfreuen konnte.
  • Und am Ende gibt es dann den äußerst kargen, aber desto wirkungsvolleren Hinweis auf den Noch-Frieden von Millionen Menschen, auf die Misshandlung und Ausbeutung wartete – vor allem auch der Verlust ihrer Kultur.
  • Hier wäre es jetzt spannend, mal zu recherchieren, inwieweit die Nachfahren der indigenen Bevölkerung sich heute noch an ihre Kulturen erinnern und vielleicht sich etwas davon zurückholen.
    Hier einige schnelle Funde, die vielleicht Lust machen, sich damit intensiver zu beschäftigen.

  • Und was den Expressionismus angeht, so kann er hier wohl wirklich nur darin gesehen werden, dass der Untergang vieler Kulturen und das menschliche Leid, das mit der Eroberung und Ausbeutung verbunden war, am Ende nur kurz angedeutet wird. Gerade das macht die ganze Schönheit eines Lebens nach langen Entbehrungen in einer ganz neuen Welt auf besondere Art und Weise brüchig. Man fragt sich, wie hätte die Begegnung der Menschen aus verschiedenen Kulturen anders aussehen können. Bedrückend dabei die Berichte über vielfältige freundliche Aufnahme am Anfang.
  • Wer sich übrigens ein anderes „Reisegedicht“ von Georg Heym ansehen will, das mehr von dem enthält, was man normalerweise unter Expressionismus versteht, der sollte sich das folgende Gedicht anschauen:
    Georg Heym, „Die Dampfer auf der Havel“:
    http://textaussage.de/heym-dampfer-auf-der-havel

Mat1727 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

Friedrich Nietzsche, „Der neue Columbus“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Zunächst das Gedicht von Nietzsche mit Kommentaren

Friedrich Nietzsche

Der neue Columbus

01 Freundin! – sprach Columbus – traue
02 keinem Genueser mehr!
03 Immer starrt er in das Blaue –
04 Fernstes lockt ihn allzusehr!

  • Das lyrische Ich berichtet hier von einem angeblichen Gespräch des Columbus mit einer Freundin, in dem er ihr rät, keinem Genueser mehr zu trauen – er selbst stammt ja als historische Person aus diesem Ort.
  • In der zweiten Hälfte der Strophe wird das dann begründet:
    Er starre immer in das Blaue, sein Blick sei also in die Ferne, das Meer oder den Himmel gerichtet.
    In der letzten Zeile wird dann erklärt, was mit diesem Blick verbunden ist, nämlich die Verlockung der fernsten Dinge.
  • Das lässt sich natürlich leicht beziehen auf einen neuen Seeweg nach Indien, der ihn dann an die Küste des damals in Europa noch nicht bekannten Amerika verschlagen hat.

05 Fremdestes ist nun mir teuer!
06 Genua, das sank, das schwand –
07 Herz, bleib kalt! Hand, halt das Steuer!
08 Vor mir Meer – und Land? – und Land? —

  • Hier beschreibt das lyrische Ich seine aktuelle Situation mit der klaren Orientierung hin auf das „Fremdeste“, das Äußerste, was ein Mensch ansteuern kann.
  • Die zweite Zeile verdeutlicht, wie sehr er sich entfernt von seiner Heimat.
  • Die dritte Zeile dann präsentiert Appelle an sich selbst, kaltblütig zu bleiben und sich voll auf das Steuer zu konzentrieren, also alle möglicherweise ablenkenden Gedanken und Gefühle beiseite zu schieben.
  • Die letzte Zeile macht dann die Spannung, den Gegensatz deutlich, zwischen dem aktuell ihn umgebenden Meer und der Hoffnung auf Land.

09 Stehen fest wir auf den Füßen!
10 Nimmer können wir zurück!
11 Schaun hinaus: von fernher grüßen
12 Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!

  • Die letzte Strophe enthält noch einmal einen Appell an sich selbst, fest auf den Füßen zu stehen, also standhaft zu bleiben.
  • Die zweite Zeile macht deutlich, dass das eine Notwendigkeit ist, weil man nicht mehr zurück kann. Das mag historisch gesehen daran gelegen haben, dass man die Linie überschritten hatte, bei der die Vorräte noch für den Rückweg gereicht hätten.
  • Zu dem Zeitpunkt musste sowohl der historische Kolumbus weiter segeln, weil nur dort noch Hoffnung auf Wasser, Lebensmittel, ggf. auch Reparatur der Schiffe gegeben war.
  • Dies spielt wohl auch beim lyrischen Ich des Gedichtes eine Rolle.
  • Der Schluss beschäftigt sich mit der Perspektive: Es wird nur noch nach vorne geschaut – und das, was bevorsteht, wird trotz einer großen Spannweite zwischen Ruhm und Tod als ein Gruß empfunden, d.h. das lyrische Ich nimmt sein Schicksal an.

Vergleich mit einem Gedicht von Schiller

Vergleichen kann man dieses Gedicht mit einem von Schiller:

Friedrich Schiller,

Kolumbus

Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen,
Und der Schiffer am Steur senken die lässige Hand.
Immer, immer nach West! Dort muss die Küste sich zeigen,
Liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem Verstand.
Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer,
Wär sie noch nicht, sie stieg‘ jetzt aus den Fluten empor.
Mit dem Genius steht die Natur in ewigem Bunde,
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.

  • Hier ist die Kommunikationssituation verändert, es spricht das lyrische Ich zu dem tapferen Seefahrer.
  • Hervorgehoben werden nicht nur sein Mut, sondern auch die Notwendigkeit eines glücklichen Endes.
  • Hier wird doch tatsächlich behauptet, dass das, was der „Genius“ wünscht, auch von der Natur, also der Wirklichkeit bereitgestellt wird.
  • Das kann man natürlich gut sagen, wenn das Glück, das dieser historische Held gehabt hat, schon für Schiller etwa 300 Jahre zurückliegt und Realität ist.
  • Der „Columbus“ Nietzsches ist da vorsichtiger und auch bereit, den Tod als Entscheidung des Schicksals anzunehmen.
  • Ansonsten ist das sicher ein schönes Thema für eine Diskussion, inwieweit man als Mensch sein Glück beeinflussen kann.
  • Spannend ist sicher auch die Frage, ob es zum Konzept der Weimarer Klassik gehört, solch einen Zusammenhang anzunehmen.

Näheres dazu findet sich hier:
https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kolumbus

Mat1725 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

 

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