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Schlagwort: Nachbar

Deutschunterricht kreativ: Kafka, „Der Nachbar“ weiter schreiben

Was man braucht, um Kafkas Erzählung „Der Nachbar“ weiterzuschreiben

Da man am besten einen Text weiterschreiben kann, wenn man ihn klar im Kopf und tonmäßig möglichst im Ohr hat, soll er hier zunächst eingefügt werden.

Wichtig ist natürlich die Absprungstelle, von der aus ein eigener Schluss entstehen kann. In diesem Falle ist es ganz einfach, weil man die eigene Idee nur am Ende dranhängen muss.

Zunächst Kafkas Erzählung „Der Nachbar“ im Original,

eine Interpretation dazu gibt es auf der Seite:
https://textaussage.de/kafka-der-nachbar

Franz Kafka

Der Nachbar

Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern. Zwei Fräulein mit Schreibmaschinen und Geschäftsbüchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kasse, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat. So einfach zu überblicken, so leicht zu führen. Ich bin ganz jung und die Geschäfte rollen vor mir her. Ich klage nicht, ich klage nicht.

Seit Neujahr hat ein junger Mann die kleine, leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickterweise so lange zu mieten gezögert habe, frischweg gemietet. Auch ein Zimmer mit Vorzimmer, außerdem aber noch eine Küche. – Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl brauchen können – meine zwei Fräulein fühlten sich schon manchmal überlastet -, aber wozu hätte mir die Küche gedient? Dieses kleinliche Bedenken war daran schuld, dass ich mir die Wohnung habe nehmen lassen. Nun sitzt dort dieser junge Mann. Harras heißt er. Was er dort eigentlich macht, weiß ich nicht. Auf der Tür steht: ›Harras, Bureau‹. Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir mitgeteilt, es sei ein Geschäft ähnlich dem meinigen. Vor Kreditgewährung könne man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen, aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch könne man zum Kredit nicht geradezu raten, denn gegenwärtig sei allem Anschein nach kein Vermögen vorhanden. Die übliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts weiß.

Manchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er muss es immer außerordentlich eilig haben, er huscht formlich an mir vorüber. Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht, den Büroschlüssel hat er schon vorbereitet in der Hand. Im Augenblick hat er die Tür geöffnet. Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten und ich stehe wieder vor der Tafel ‚Harras, Bureau‘, die ich schon viel öfter gelesen habe, als sie es verdient.

Die elend dünnen Wände, die den ehrlich tätigen Mann verraten den Unehrlichen aber decken. Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht, die mich von meinem Nachbar trennt. Doch hebe ich das bloß als besonders ironische Tatsache hervor.

Selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hinge, würde man in der Nebenwohnung alles hören. Ich habe mir abgewöhnt, den Namen der Kunden beim Telephon zu nennen. Aber es gehört natürlich nicht viel Schlauheit dazu, aus charakteristischen, aber unvermeidlichen Wendungen des Gesprächs die Namen zu erraten. – Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat und kann es doch nicht verhüten, dass Geheimnisse preisgegeben werden.

Natürlich werden dadurch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme zittrig. Was macht Harras, während ich telephoniere? Wollte ich sehr übertreiben – aber das muss man oft, um sich Klarheit zu verschaffen -, so könnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muss, wenn geläutet wird, zum Telephon laufen, die Wünsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen – vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten.

Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespräches ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle, die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und, ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.

Idee einer möglichen Fortsetzung

Wichtig ist immer, erst eine Idee zu haben, wie man etwas fortsetzen könnte, sonst bewegt man sich im Ungefähren.

Hier bietet es sich an, diesen schwachen Mann in seiner Angst stark werden zu lassen, aber nicht im Guten, sondern indem er selbst zum Bösen wird, das aber für sich durch das angeblich Böse des Nachbarn rechtfertigt.

Das ist ja gerade ein Kennzeichen des Faschismus, dass die dort Herrschenden all den kleinen Möchtegern-Größen Gelegenheit geben, es anderen jetzt mal richtig zu zeigen. Es ist zwar geliehene Macht und dient letztlich nur der Stabilisierung und Absicherung der Macht der Großen, aber der einzelne Parteigenossen kann beim Sich-Bücken zumindest noch nach unten treten.

Wie eine Fortsetzung aussehen könnte

Um möglichst gut anschließen und auch den Ton Kafkas einigermaßen treffen zu können, wird hier der Schluss des Originals eingefügt:

„Natürlich werden dadurch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme zittrig. Was macht Harras, während ich telephoniere? Wollte ich sehr übertreiben – aber das muss man oft, um sich Klarheit zu verschaffen -, so könnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muss, wenn geläutet wird, zum Telephon laufen, die Wünsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen – vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten.

Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespräches ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle, die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und, ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.“


Damit aber soll er nicht durchkommen. Wofür gibt es Nachschlüssel und wieso habe ich dem Hausverwalter letztens zwei Bier ausgegeben?! Wie gut, dass man die Werkzeuge des Bösen  gegen sie selbst wenden kann. Hilfe sonst ist ja nicht zu erwarten. Ach, welch ein Genuss, nun einmal in seinen Papieren zu wühlen – ich darf nur Papier und Stift nicht vergessen vor Aufregung. Wie wird er sich wundern: Während er mir einen Kunden abspenstig macht, bin ich schon mit zwei anderen von ihm zugange. Während er sich – typisch für den Bösen – vielleicht noch mit Zweifeln plagt – wer kennt die nicht?! – kann ich mich ganz auf die Verteidigung des Guten konzentrieren. Der Himmel selbst wird mir zu Hilfe kommen. Da, ich höre ihn. Er verlässt die Wohnung – jetzt ist der Moment, der alles richten wird. Ich fühle lange nicht geahnte Kräfte. Endlich Schluss mit dem Schreiben – und rein ins glückliche Handeln.

Rückblick auf den Prozess des Weiterschreibens

Ursprünglich wollten wir den Ich-Erzähler losschicken, um eine Wanze zu besorgen. Dann fiel uns natürlich ein, dass Kafkas Erzählungen um den Ersten Weltkrieg herum entstanden ist, wohl noch keine Zeit für elektronische Spürgeräte.

Also umgedacht: Aus der Wanzen-Idee wird eine traditionelle Nachschlüssel-Idee. Neues Problem: Wie kommt dieser Mann an einen das Gerät. Also einfach eine Freundschaft mit dem Hausverwalter herbeifantasiert – auch bei unserer Fortsetzung bleibt offen, was Fantasie ist und was Realität.

In welchen Dimensionen sich der Mann bewegt, wird deutlich, wenn er Gut und Böse mit einem möglichen Eingreifen des Himmels verbindet.

Dann seine Fantasie, die sich wieder auf den Nachbarn richtet, aber diesmal als Vorwegnahme einer Situation, in der Sieger und Besiegter endlich mal getauscht sind.

Wie das praktisch aussehen wird, das mag man sich als Leser gar nicht vorstellen. Aber darauf kommt es bei diesem Mann, der nur in Vorstellungen lebt, auch gar nicht an.

Wichtig noch, dass einige typische Kafka-Bausteine verwendet worden sind, so etwa der Einbau des Zweifels, aber auch diesmal der Gegenseite zugeordnet.

Am Ende dann der Übergang aus dem Geschriebenen zu einer möglichen Realisierung des Plans.

Mehr muss nicht sein, weil sich – wie mehrfach gesagt – alles sowieso nur im Kopf des Ich-Erzählers abspielt.

Anregung für ein Weiterschreiben des Weitergeschriebenen

Wie schon angedeutet, dürfte die Umsetzung seines Plans bei diesem Mann auf mindestens die gleichen Schwierigkeiten stoßen wie seine sonstigen Geschäftstätigkeiten.

Vielleicht hat jemand Lust, sich die Szene beim Hausverwalter vorzustellen, in der er um den Generalschlüssel fürs Haus bittet – durch nichts verbunden mit dem Mann als durch zwei Biere.

Oder aber das Gespräch mit einem Kunden, bei dem gerade noch der Nachbar gewesen ist – denn die richtige Reihenfolge von dessen Terminen muss unser Ich-Erzähler ja nicht kennen.

Vielleicht ist der Nachbar auch in der Stadt mit Einkäufen beschäftigt oder erledigt etwas auf dem Amt. Dann wird es spannend, wenn einer der Kunden des Nachbarn sich die Frage stellt: Wieso kommen Sie in einer Angelegenheit zu mir, die gestern noch mit einem anderen geregelt worden ist. Vielleicht kommt der Ich-Erzähler nur aus der Nummer raus, indem er sich zu einem Angestellten seines Nachbarn macht, irgendeine überflüssige Nach-Erkundigung einzieht und dann gebückt, weil erfolglos auf die Straße tritt.

Vielleicht interpretiert er seine Niederlage aber auch als Ergebnis einer vorsorglichen Absicherung gegen so was durch seinen Nachbarn. In einer solchen Welt, in der das Böse ihm überall entgegenarbeitet, mag er nicht weiterleben. Entweder flieht er ins Ausland oder er springt von der Brücke in den Fluss. Vielleicht erholt er sich aber vorher erst noch in einer Kneipe, erzählt dem Wirt alles und der telefoniert heimlich mit der Polizei, so dass alles diese Geschichte in einer Klinik endet – mit Blick nach draußen und tausend neuen Fantasien und in relativer Sorglosigkeit, denn Essen und Medikamente kommen regelmäßig – und der behandelnde Arzt zeigt erstaunlich viel Verständnis, wenn er ihn in seinem Krankenzimmer besucht, schließt aber immer die Tür ab, wenn er geht.

 

 

 

Kafka, „Der Nachbar“ – ausnahmsweise nur leicht übertrieben

Das Besondere an der Parabel „Der Nachbar“

In der Regel zeigen Kafkas Erzählungen – wie es sich für eine Parabeln gehört – eine fremde Welt, die man sich erst einmal erschließen muss.

Die Geschichte „Der Nachbar“ bleibt demgegenüber weitestgehend in einer möglichen Realität, die allerdings satirisch überspitzt wird.

Schauen wir uns das mal genauer an.

Die Entwicklung des Erzählprozesses

Franz Kafka

Der Nachbar

 

  1. [Allgemeine Situation des Ich-Erzählers
    1. Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern.
    2. Zwei Fräulein mit Schreibmaschinen und Geschäftsbüchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kasse, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat.
    3. So einfach zu überblicken, so leicht zu führen.
    4. Ich bin ganz jung und die Geschäfte rollen vor mir her.
    5. Ich klage nicht, ich klage nicht.
      1. [Bereits hier am Anfang fällt auf, dass da etwas sehr hervorgehoben wird, was man normalerweise glücklich auf sich beruhen lassen und vergessen würde.
      2. Geradezu verräterisch ist der Schlusssatz, der so klingt, als wollte jemand sich da etwas einreden.
      3. Vor dem Hintergrund ist das Bild: „die Geschäfte rollen vor mir her“ viel problematischer, als es auf den ersten Blick zu sein scheint: Die Geschäfte sind immer schneller als er selbst – und er hat wahrscheinlich das Gefühl, ihnen hinterherhetzen zu müssen.]
  2. [Veränderung seit Neujahr]
    • Seit Neujahr hat ein junger Mann die kleine, leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickterweise so lange zu mieten gezögert habe, frischweg gemietet.
    • Auch ein Zimmer mit Vorzimmer, außerdem aber noch eine Küche. –
    • Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl brauchen können – meine zwei Fräulein fühlten sich schon manchmal überlastet -, aber wozu hätte mir die Küche gedient?
    • Dieses kleinliche Bedenken war daran schuld, dass ich mir die Wohnung habe nehmen lassen.
      • [Wie häufig bei Kafka, kommt jetzt die Veränderung, meistens zum Negativen.
      • Der Gegensatz zwischen „ungeschickterweise“ und „frischweg“ macht schon deutlich, dass die geschäftliche Situation wohl nicht so gut sein wird, wie sie am Anfang dargestsellt worden ist.
      • Ganz offensichtlich hat dieser Unternehmer keinen klaren Blick für seine Situation und denkt zu wenig an die Zukunft.]
      • Die Formulierung „kleinliche Bedenken“ passt gut zu der Reaktion des Ich-Erzählers.
      • Auch hier wird aus etwas Kleinem später etwas Übergroßes – so wie auch in der Parabel „Der Schlag ans Hoftor“ – nur dass dort die Veränderung von außen an den Ich-Erzähler herangetragen wird, hier geht sie von ihm aus.
  3. [Reaktion – Erkundigungen]
    • Nun sitzt dort dieser junge Mann. Harras heißt er.
    • Was er dort eigentlich macht, weiß ich nicht.
    • Auf der Tür steht: „Harras, Bureau“.
    • Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir mitgeteilt, es sei ein Geschäft ähnlich dem meinigen.
    • Vor Kreditgewährung könne man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen, aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch könne man zum Kredit nicht geradezu raten, denn gegenwärtig sei allem Anschein nach kein Vermögen vorhanden.
    • Die übliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts weiß.
      • [Zu den „kleinlichen Bedenken kommt jetzt auch noch feiges Hinten-herum-Recherchieren.
      • Ohne Not wird auf ein kurzes Gespräch verzichtet, stattdessen wird hier vorgegangen, als habe man es mit einem potenziell Kriminellen zu tun.]
      • Zumindest enthält die Auskunft eigentlich Positives. Zwar ist der junge Mann in der gleichen Branche tätig, aber er hat nur „vielleicht Zukunft“ und es ist noch „kein Vermögen“ vorhanden.
      • So bleibt als einziges Problem, dass immer wieder im Text „jung“ erwähnt wird. Damit wird unausgesprochen deutlich, dass der Ich-Erzähler sich anscheinend demgegenüber alt und offensichtlich überfordert fühlt, auch wenn das zunächst nur den Mitarbeitern zugeschrieben wird.
  4. [Begegnungen ohne Kommunikation]
    • Manchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er muss es immer außerordentlich eilig haben, er huscht formlich an mir vorüber.
    • Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht, den Büroschlüssel hat er schon vorbereitet in der Hand.
    • Im Augenblick hat er die Tür geöffnet.
    • Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten und ich stehe wieder vor der Tafel ‚Harras, Bureau‘, die ich schon viel öfter gelesen habe, als sie es verdient.
      • [Hier ist zum ersten Mal von Ansätzen oder Resten von Normalität die Rede – man trifft sich „manchmal“.
      • Dass es dabei nicht zur genauso normalen Kommunikation kommt, schiebt der Ich-Erzähler ganz dem Nachbarn zu.
      • Vor dem Hintergrund des zumindest leicht neurotischen Verhaltens des Ich-Erzählers muss man die hier präsentierten Vorstellungen wohl mehr seinem Innenleben als der Realität zuschreiben.
      • Erschreckend der Vergleich eines Menschen mit einer Ratte. Aber Kafka hat ja an verschiedenen Stellen das Phänomen der Entmenschlichung beschrieben, hier ist es zumindest in Ansätzen vorhanden. Man ahnt, was passieren kann, wenn so kleine Menschen wie dieser mit Macht ausgestattet werden und ihre Fantasien dann möglicherweise auch in Gewalt- und Vernichtungsorgien austoben können – wie man es mit Ratten immer wieder gemacht hat.
        Das mag dem einen oder anderen weit hergeholt erscheinen – und tatsächlich bewegen wir uns hier bereits im Bereich der Interpretation, also der Herstellung von Querbezügen, über die man ergebnisoffen diskutieren kann.]
  5. [Gefühl des Bedrohtseins]
    • Die elend dünnen Wände, die den ehrlich tätigen Mann verraten den Unehrlichen aber decken.
    • Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht, die mich von meinem Nachbar trennt.
    • Doch hebe ich das bloß als besonders ironische Tatsache hervor.
      • [Hier folgt die Klage über etwas, was der Ich-Erzähler sich nur in seinem Kopf vorstellt.
      • Interessant, wie selbstverständlich er hier schon Zuordnungen zwischen den Guten und den Bösen vornimmt. Auch das ein Kennzeichen des Faschismus.
      • Es folgt die Feststellung einer angeblich ungünstigen Situation im eigenen Bereich – auf die naheliegende Idee, sie zu ändern, kommt der Ich-Erzähler nicht. Auch hier wird wieder deutlich: Sein Problem ist nicht der Nachbar, sondern sein eigenes Gehirn – und das kann er natürlich nicht von der Wand entfernen oder auf andere Weise vor einem möglichen Mithören sichern.
      • Wenn einem mitten in der Analyse etwas Kreatives einfällt, kann man das durchaus schon mal erwähnen: Hier fehlt nur noch, dass der Ich-Erzähler sich jetzt selbst eine Wanze besorgt und sie passend anbringt oder anbringen lässt. Noch eine Steigerung wäre dann, wenn er dann die Erkenntnisse, die er von dem angeblich Bösen erthält, dazu einsetzt, um nun seinerseits gegen ihn zu arbeiten.
  6. [Verfolgungswahn]]
    • Selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hinge, würde man in der Nebenwohnung alles hören.
    • Ich habe mir abgewöhnt, den Namen der Kunden beim Telephon zu nennen.
    • Aber es gehört natürlich nicht viel Schlauheit dazu, aus charakteristischen, aber unvermeidlichen Wendungen des Gesprächs die Namen zu erraten. –
    • Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat und kann es doch nicht verhüten, dass Geheimnisse preisgegeben werden.
      • [Hier kommt nun doch noch die Idee einer Verlagerung des Telefons. Sie wird aber nicht zu Ende gedacht. Denn man könnte natürlich einiges dazwischenschieben, um ein Mithören zu verhindern.
      • Wenn man das Naheliegende nicht tut, muss man zu Fernliegendem greifen – wie zum Beispiel zu einer Art Geheimdiensttelefonat.
      • Aber natürlich gehört es zur Eigenart dieses Menschen, dass er keiner Hilfsmaßnahme wirklich Erfolg zutraut.
      • Implizit wird somit die mögliche Gefahr immer mehr ins Unermessliche vergrößert.
      • Der Schluss dieses Absatzes schreit gewissermaßen nach Verfilmung. Es ist nur noch krank, wie sich der Ich-Erzähler hier in seiner Hilflosigkeit beschreibt.
      • Man fragt sich als Leser, was seine beiden Mitarbeiterinnen wohl denken, wenn sie ihren solchermaßen tanzenden Chef sehen oder hören.]
  7. [Folgen des Wahns]
    • Natürlich werden dadurch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme zittrig.
    • Was macht Harras, während ich telephoniere?
    • Wollte ich sehr übertreiben – aber das muss man oft, um sich Klarheit zu verschaffen -, so könnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muss, wenn geläutet wird, zum Telephon laufen, die Wünsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen – vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten.
    • Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespräches ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle, die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und, ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.
      • [Was jetzt an Folgen beschrieben wird, ist wahrscheinlich nur die eigene Wahrnehmung von etwas, was schon vorher gegeben gewesen ist und damit der Selbstbeschreibung zu Beginn des Textes widerspricht und auf eine andere Weise auch wieder entspricht. Die Unsicherheit, das Versagen hat es ja schon vor Neujahr gegeben, es wird jetzt nur einfach einem anderen Menschen als angeblichem Verursacher zugeschrieben.
      • Was am Schluss kommt, ist nur noch eine krankhafte Angstfantasie. Interessant ist, dass der Ich-Erzähler zumindest hier erkennt, dass er übertreibt. In Wirklichkeit hat das schon mit den ersten Sätzen begonnen, in denen er seine Situation schönfärbte, bevor sich seine ganze Fantasie einer angeblichen Gefahr zugewendet hat.]

Das Aussagepotenzial des Textes – Intentionalität

Der Text zeigt:

  1. wie jemand sich seine eigene Situation schönreden kann,
  2. wie er sich zugleich in eine negative Vergleichssituation hineinfühlt, eine Art selbstgewählte Underdog-Phänomen,
  3. die Problematik der Nicht-Offenheit im Umgang mit anderen,
  4. die Übertreibungstendenzen in Angstzuständen,
  5. der Verzicht auf einen rationalen Umgang in der Situation,
  6. in der man sich auch woanders Hilfe holt als dort, wo sie nicht zu erwarten oder zu bekommen ist,
  7. die Folgen neurotischen Verhaltens, die das noch verschlimmern, was offensichtlich am Anfang schon da gewesen ist,
  8. letztlich einen Prozess der Selbstzerstörung.

Zum Parabelcharakter dieses Textes

  • Kafkas kurze Erzählungen können als sogenannte „einarmige“ Parabeln verstanden werden.
  • Bei denen gibt es nur einen Bildteil, der Sachteil muss vom Leser erschlossen werden.
  • Das geht am besten über den sogenannten „gemeinsamen Punkt“, denn das ist ja die intentionale Leitlinie, die in eine bestimmte Richtung weist.
  • Bei Kafkas Erzählungen hat es sich bewährt, von einem weiten Verweishorizont auszugehen, der die Situation des Menschen ganz allgemein in der Welt in den Blick nimmt. Das wäre also der maximal mögliche Sachteil.
  • In diesem Falle würde das bedeuten, dass Kafkas Gleichniserzählung den Menschen in einer Situation zeigt, in der er aus einer vermeintlichen erträglichen oder gar guten Normalität plötzlich herausgerissen wird und sich dann in einer Situation absoluten Bedrohtseins, verbunden mit kompletter Hilflosigkeit vorfindet.
  • Das Besondere an dieser Parabel ist, dass sie sich noch im einigermaßen nachvollziehbaren Bereich bewegt. Der Ich-Erzähler ist ganz offensichtlich neurotisch, also auf eine besondere Sicht der Wirklichkeit fixiert, aber er ist noch nicht so wahnhaft – wie etwa in der Erzählung „Der Kaufmann“.
  • Dementsprechend kann man diese Geschichte noch zu denen zählen, die einen nicht in Verzweiflung stürzen müssen, sondern zu einer anderen Art des Handelns auffordern können. Statt sich in sich selbst zurückzuziehen: kommunizieren, auf den anderen zugehen, um dann in den meisten Fällen festzustellen, dass nicht alles so schlecht oder böse sein muss, wie es einem die Anfangsangst einhämmert.
  • Insgesamt kann man diese Geschichte also in eine Reihe stellen mit „Eine kaiserliche Botschaft“, wo diese zwar nicht ankommt, man sie sich aber erträumen kann – ein wundervolles Plädoyer für eine positive Fantasie.
  • Oder man denke an „Auf der Galerie“, wo man zumindest weinen kann – um dann vielleicht auch über Kafkas literarischen Beschreibungsschritt hinauszugehen, in die Arena zu springen und mit der Kunstreiterin ein besseres Leben zu führen.

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