Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Sehnsucht

Wie vermeidet man „Fallen“ bei der Gedichtinterpretation? Beispiel: Keine Jahreszeiten in Eichendorffs „Mondnacht“

Was die Interpretation von Gedichten manchmal schwierig macht

  • Gedichte sind sehr kunstvolle Texte, das macht sie aber auch zum Teil schwierig.
  • Die Autoren schreiben meistens sehr komprimiert und zum Teil auch lückenhaft bzw. auf der Ebene reiner Andeutungen.
  • Manchmal hat man den Eindruck, an einem Tatort zu sein, wo der Täter ja auch zwar Spuren hinterlässt, aber auch viel verbirgt.
  • Hier hilft die sogenannte „induktive“ Methode, bei der man nacheinander die Signale des Textes aufnimmt, sie dabei möglichst bündelt, so dass sich eine oder auch mehrere Aussagerichtungen ergeben.
  • Am gefährlichsten ist es, sich sehr früh schon auf einen Täter festzulegen, um im Bild des Tatortes zu bleiben.
  • Beim Interpretieren bedeutet das, dass man nicht zu früh sich schon auf eine Verständnisthese festlegt und nur noch versucht, alles Weitere in diese Richtung zu biegen.

Hinweis: Video mit Dokumentation

Zu dieser Seite gibt es ein Video, das auf Youtube unter der folgenden Adresse aufgerufen werden kann:

Videolink
Hier kann auch die zugehörige Dokumentation heruntergeladen werden:
Mat1845 Fallen vermeiden Gedichtinterpretation Eichendorff Sehnsucht

Beispiel: Eichendorff, „Mondnacht“

  • Nehmen wir als Beispiel Eichendorffs Gedicht, „Mondnacht“: Da liest man am Anfang

    Es war, als hätt’ der Himmel
    Die Erde still geküsst,
    Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt‘.

    Und dann kommt man auf den Gedanken, dass das Lyrische Ich hier den Frühling beschreibt. Schließlich gibt es ja auch so etwas wie das „Wachküssen“ – und in dieser Jahreszeit erwacht ja auch die Natur.

  • Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt‘.

    Und dann liest man auch noch etwas von Blüten, denkt an Blütenzauber und sieht sich betätigt in der Frühlingshypothese.
    Dass hier aber von „Blütenschimmer“ die Rede ist, was nicht recht zu einem strahlenden Frühlingssonnentag passt, hat man übersehen.
    Also ein wichtiger Hinweis: Neben dem Verzicht auf zu schnelle Thesen ist das genaue Lesen auch wichtig.
  • Dann freut man sich, dass es in der zweiten Strophe heißt:

    Die Luft ging durch die Felder,
    Die Ähren wogten sacht,

    Das sieht doch schon nach Sommer und fast schon Herbst aus. Ist doch klar: Nach dem Erwachen der Natur kommt ihre Reife. Schon hat man das Bild wogender Weizenfelder vor Augen, die jetzt abgeernet werden können.
  • Aus den Zeilen

    Es rauschten leis’ die Wälder,
    So sternklar war die Nacht.

    liest man dann den Herbst und den beginnenden Winter heraus. Denn mit dem verbindet man „sternklare“ Nächte.
  • Und auch der Schluss

    Und meine Seele spannte
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    Als flöge sie nach Haus.

    scheint zum Ende des Jahres, zur Winterzeit zu passen. Jetzt muss draußen nicht mehr gearbeitet werden, es gibt die „stillen Lande“. Da kann die Seele „ihre Flügel“ ausspannen und sich auf ein warmes Zuhause freuen.

Auswertung: Was ist schief gelaufen? Was wäre besser gewesen?

  • Das Problem bei dieser Interpretation ist, dass sie sich ganz früh auf ein Verständnis festgelegt hat. Anschließend wurde nur noch gesucht, was dazu passte. Ggf. wurde es auch irgendwie passend gemacht.
  • Und jetzt kommt der Hammer. Ein einziges Wort zerstört die ganze Konstruktion, nämlich der Titel. Es geht hier nicht um einen Frühlingssonnentag, auch nicht um zur Ernte bereite Felder im Spätsommer, sondern es geht um eine einzige „Mondnacht“.
  • Und in dieser Nacht mit dem Mond am Himmel nimmt das Lyrische Ich einiges wahr, was es am Anfang in ein wunderbares Bild packt, nämlich in eine Personifizierung von Himmel und Erde mit einem Kuss als Zeichen der Liebe, die in der Vorstellung des Lyrischen Ichs dazu führt, dass die Erde jetzt vom Himmel träumt.
  • Was das konkret bedeutet, bleibt völlig offen. Wichtig ist nur, dass das Lyrische Ich in der Mondnacht vor sich eine vom Himmel träumende Erde sieht, nachdem sie vom Himmel geküsst worden ist.
  • Das alles aber nur als ein Bild im Konjunktiv des Vergleichs. Dem lyrischen Ich kommt es so vor.
  • Die zweite Strophe ist dann sehr viel sachlicher.
  • Die dritte ist dann der Höhepunkt und zugleich Zielpunkt des Gedichtes: Jetzt geht es nicht mehr um das Träumen der Erde, sondern das Lyrische Ich selbst hebt gewissermaßen ab in der Fantasie, öffnet sich gegenüber der Landschaft und hat das Gefühl, über die „stillen Lande“ hinwegzufliegen.
  • Entscheidend ist dann die letzte Zeile. Dort macht das Lyrische Ich deutlich dass mit diesem Gefühl des Fliegens das Gefühl des Nachhausekommens verbunden ist. Es gibt also ein positives Ziel, das wohl mit maximalem Wohlgefühl verbunden ist.
  • Wer Eichendorff etwas näher kennengelernt hat in seinen Gedichten, kann hier durchaus annehmen, dass hier auch ein himmlisches Zuhause angedacht ist.
  • So heißt es etwa im Gedicht „Die zwei Gesellen“
    „Und seh ich so kecke Gesellen,
    Die Tränen im Auge mir schwellen –
    Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!“
    https://www.schnell-durchblicken2.de/unt-eichendorff-zwei-gesellen

Halten wir fest: Was schützt vor Interpretationsfallen?

    • Sich nicht zu früh auf irgendein Verständnis festlegen!
    • Also auch nicht gleich nach Epochenmerkmalen suchen, die man gelernt hat. Damit wird das Verständnis zu sehr in einer Richtung festgelegt.
    • Induktiv vorgehen, d.h. die Signale des Textes nacheinander aufnehmen und möglichst unbefangen verarbeiten.
    • Dann hermeneutisch vorgehen: Das heißt: Je mehr man gelesen und verstanden hat, desto mehr schält sich ein Verständnis heraus, das im Gedicht liegt, nicht von außen kommt.
    • Das muss aber immer wieder am Text überprüft werden. Man nennt das den „hermeneutischen Zirkel“, bei der Text etwas präsentiert, das man im Kopf zu einem Verständnis verarbeitet, das dann am Text wieder überprüft und ggf. korrigiert werden muss.
    • Am Ende hat man so eine Art Bündel von Signalen, die man zu Aussagen zusammenfassen kann.

Worauf läuft dieses Gedicht wirklich hinaus? (Aussagen/Intentionalität)

  • In diesem Falle könnte das so aussehen (ganz ohne Jahreszeiten!!!)
    Das Gedicht zeigt:

    • den Eindruck der Harmonie von Himmel und Erde, aus der eine träumerische Situation entsteht,
    • eine dazu passende Ruhe („sacht“, „leis‘“, „sternklar“)
    • und schließlich eine besondere Wirkung dieser Situation auf das Lyrische Ich, das sich anregen lässt, in der Fantasie von diesem schönen Ort der Harmonie in die „stillen Lande“ aufzubrechen, also eine ähnlich sich präsentierende Weite.
    • dass am Ende ein Gesamtgefühl entsteht, „nach Hause“ zu kommen. Das wird nicht näher erläutert, ist aber wohl positiver Höhe- und Zielpunkt dieser „Mondnacht“.

Ludwig Tieck, „Sehnsucht“ – ein Gedicht der Romantik zum Thema „Unterwegssein“ (Mat4295)

Zunächst kurz etwas zu Reim und Rhythmus

Ausnahmsweise beginnen wir hier mit der äußeren Form, auf den Inhalt gehen wir weiter unten ein.
Die folgende schnelle Bearbeitung macht deutlich, dass
  • Trochäen vorkommen, also ein Versmaß, das mit einer betonten  Silbe beginnt, auf die eine unbetonte folgt
  • dass das Reimschema sehr kompliziert ist.
  • In beiden Fällen muss man prüfen, ob die Zusammenhänge bei den Reimen bzw. die Abweichungen vom grundsätzlichen Trochäus-Muster auch eine inhaltliche Bedeutung haben.
  • Der Wechsel in der Zeile 12 kann zum Beispiel deutlich machen, dass es hier um überirdische Einflüsse geht.
  • Das wirkt dann sogar noch in den Beginn der zweiten Strophe hinein.
  • Was den Reim angeht, ist Zeile 6 zum Beispiel ohne Partner, das kann die Einsamkeit des menschlichen „Wähnens“ – fast schon nahe am „Wahn“ deutlich machen.
  • Dies nur als erste Ansätze für eigene weitere Untersuchungen.

Erläuterung der einzelnen Verszeilen

Warum Schmachten?
Warum Sehnen?

  • Das Gedicht beginnt mit kurzen Fragen, leicht variiert
  • Es geht um Situationen, in denen die Seele sich gewissermaßen ausreckt nach etwas hin, was noch nicht erreicht werden kann.
  • Interessant ist der erste, heute problematische Begriff: „schmachten“ – wird eher negativ gesehen, höchstens noch satirisch gebraucht

Alle Tränen
Ach! sie trachten
Weit nach Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne.
Erweiterung Tränen

  • Es beginnt mit einer Art Stoßseufzer.
  • Nähere Erklärung der Begriffe schmachten, sehnen und trachten,
  • Verbindung der Entfernung mit der Vorstellung, der Fantasie von etwas Schönem, wird dargestellt im sprachlichen Bild der Sterne.
  • Interessanter Komparativ, der deutlich macht, dass es am aktuellen Ort und in der Gegenwart auch schon etwas Schönes gibt, das aber nicht reicht, die Realität hält der Fantasie nicht stand.
  • Letztlich unterstreicht das den bildlichen Charakter der Vorstellung

Leise Lüfte
Wehen linde,
Durch die Klüfte
Blumendüfte,
Gesang im Winde.
Geisterscherzen,
Leichte Herzen!

  • Hier wird die Zielvorstellung konkretisiert, man merkt auch hier deutlich, dass es nicht wirklich kosmische Elemente geht, sondern Sterne hier einfach nur für schöne Orte stehn.
  • Typisch romantische Vorstellung, die auch von Eichendorff sein könnte,
  • Verbindung von leise, sacht und leichtem Wehen,
  • dann aber doch ein Hinweis auf die sperrige Natur mit möglichen gefahren (Klüfte),
  • Hinzugefügt wird noch das Element des Dufts der Blumen.
  • Dann der nicht ganz klare Hinweis darauf, ob es in der Nähe nicht doch auch Menschen gibt, die singen, vielleicht ist es aber auch im übertragenen Sinn zu verstehen, dass einem also etwas wie „singen“ vorkommt.
  • „Geisterscherzen“ hängt auch mit romantischen Motiven zusammen.
  • Auch hier weiß man nicht genau, wie ernst das mit dem Scherzen gemeint ist. Es kann sich um etwas Lustiges handeln, aber auch um so etwas wie einen Aprilscherz, wie ihn die Griechen bei ihren Göttern kannten. Das würde dann ein weiterer Hinweis sein auf eine dunkle Seite der romantischen Welt, die möglicherweise zumindest unangenehm sein kann.
  • Die Strophe endet allerdings mit einem klaren positiven Hinweis auf eine befreiend, fröhlich stimmende Wirkung dieser Vorstellungen.

Ach! ach! wie sehnt sich für und für
O fremdes Land, mein Herz nach dir!

  • Wiederholung des Stoßseufzers
  • Hier wird noch einmal die Spannung ausgedrückt zwischen dem fremden Land und dem eigenen Herzen.
  • Wichtig ist die deutliche Konzentration der Aussagen auf das lyrische Ich selbst.

Werd‘ ich nie dir näher kommen,
Da mein Sinn so zu dir steht?

  • Bange Frage, ob diese Sehnsucht ohne Erfüllung bleibt

Kömmt kein Schifflein angeschwommen,
Das dann unter Segel geht?

  • Konkretisierung dieses Problems im Bild des Schiffes als Transportmittel

Unentdeckte ferne Lande, –
Ach mich halten ernste Bande,

  • Hier ein neuer Gegensatz, nämlich der zwischen der Sehnsuchtsvorstellung und dem Festgehalten-Werden.
  • Man weiß zunächst nicht, ob sich das auf das Ziel oder auf den aktuellen Punkt konzentriert beziehungsweise bezieht.

Nur wenn Träume um mich dämmern,
Seh‘ ich deine Ufer schimmern,
Seh‘ von dorther mir was winken, –
Ist es Freund, ist‘ s Menschgestalt?

  • Hier wird deutlich, dass es nur bestimmte Situationen gibt, in denen diese Sehnsucht entsteht.
  • Ergänzt wird das auch durch die Personalisierung, es geht nicht nur meine Landschaft oder Atmosphäre, sondern auch um einen Menschen, nach dem man sich sehnt, ohne ihn zu kennen.
  • Allerdings wird das mit den Menschen auch wieder infrage gestellt.

Schnell muss alles untersinken,
Rückwärts hält mich die Gewalt. –

  • Hier wird deutlich, dass diese Sehnsucht nicht endlos ist, man sich auch nicht aus hier befreien muss, sondern sie durch die Bande, die festhalten, beendet wird.


Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Thränen
Ach! sie trachtet
Nach der Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne. –

  • Erstaunlich, dass die erste Strophe hier unverändert zur Hälfte wiederholt wird.
  • Wahrscheinlich soll deutlich werden, dass ein Ausgangszustand wieder erreicht worden ist, es keinen Fortschritt gibt, das ganze läuft gewissermaßen kreislaufmäßig ab.
  • Allerdings ist die Wiederholung reduziert, weil sie nicht mehr konkretisiert wird, d.h. der zweite Teil der ersten Strophe fehlt.

Vergleich mit „Sehnsucht“ von Eichendorff

Hier nun zum Vergleich das Gedicht von Eichendorff mit dem gleichen Titel:

Sehnsucht

01 Es schienen so golden die Sterne,
02 Am Fenster ich einsam stand
03 Und hörte aus weiter Ferne
04 Ein Posthorn im stillen Land.
05 Das Herz mir im Leib entbrennte,
06 Da hab ich mir heimlich gedacht:
07 Ach, wer da mitreisen könnte
08 In der prächtigen Sommernacht!

09 Zwei junge Gesellen gingen
10 Vorüber am Bergeshang,
11 Ich hörte im Wandern sie singen
12 Die stille Gegend entlang:
13 Von schwindelnden Felsenschlüften,
14 Wo die Wälder rauschen so sacht,
15 Von Quellen, die von den Klüften
16 Sich stürzen in die Waldesnacht.

17 Sie sangen von Marmorbildern,
18 Von Gärten, die überm Gestein
19 In dämmernden Lauben verwildern,
20 Palästen im Mondenschein,
21 Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
22 Wann der Lauten Klang erwacht
23 Und die Brunnen verschlafen rauschen
24 In der prächtigen Sommernacht. –

Vergleich:
  1. Man merkt gleich, dass in Tiecks Gedicht mehr gelitten wird,
  2. es auch eine Macht gibt, die zurückhält.
  3. Bei Eichendorff dagegen scheint das Lyrische Ich bereit zu sein zum Aufbruch,
  4. bleibt aber real zurück, am Fenster, ohne das zu thematisieren.
  5. In beiden Fällen also eine Sehnsucht ohne reale Erfüllung in der Wirklichkeit.

Wer noch mehr möchte … 

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