Das erste Kapitel des Romans „tschick“.

Der Anfang eines Romans ist natürlich immer besonders wichtig, denn dort gibt es gewissermaßen den Einstieg in die Welt, die nach und nach vom Erzähler präsentiert wird.

Im Folgenden konzentrieren wir uns auf Kernstellen, die man gut in seiner Textausgabe markieren kann.

  1. Zunächst versuchen wir herauszubekommen, was auffällt und was die Textstelle damit eigentlich „aussagt“, worauf sie hinausläuft.
  2. Dann geht es darum, was zu dazu einfällt. Damit fängt man eigentlich schon an, einen Zusammenhang mit etwas anderem herzustellen.
  3. Vielleicht kann man damit ja sogar auch etwas anfangen, es weiterdenken, mit etwas anderem vergleichen. Was auch immer.

Kapitel 1 (Seite 7-11): Situation: Auf einer Autobahnpolizei-Station nach einem Unfall

Station der Autobahnpolizei: Maik, eine der beiden Hauptfiguren, hat offensichtlich einen Unfall gebaut, sein Kumpel Tschick ist verschwunden. Maik denkt jetzt über seine Situation und die Vorgeschichte nach, während ein Polizist sich mit der Kaffeemaschine abmüht.

Seite 7: „Tschick hat sich mit Sicherheit nicht in die Hose gepisst.“

  • „Und dann habe ich mir vor Angst in die Hose gepisst.
  • Maik Klingenberg, der Held.
  • Da weiß ich gar nicht, warum jetzt die Aufregung.
  • War doch die ganze Zeit klar, dass es so endet.
  • Tschick hat sich mit Sicherheit nicht in die Hose gepisst.“

Die Stelle zeigt, dass

  1. Maik sich hier gar nicht als Held fühlt, ja sogar in einer äußerst gegensätzlichen, peinlichen Situation ist,
  2. dass er glaubt, dass seine ganze Geschichte, die noch erzählt wird, auf diese Weise enden musste,
  3. dass er sich seinem Kumpel Tschick unterlegen fühlt, weil der sicher die aktuelle Sítuation besser, also heldenhafter bewältigt hätte.
  4. Damit wird natürlich das Interesse des Lesers geweckt, was bei diesem Tschick, der ja immerhin dem Roman den Titel gegeben hat, anders wäre in der Situation.
  5. Insgesamt fällt auf, wie offen und ehrlich Maik seine Situation beschreibt.
  6. Was nicht ganz klar ist: Wem erzählt er das eigentlich? Es ist zwar im Präsens geschrieben, aber doch eher aus der Rückschau. Auf jeden Fall wird der Leser dadurch ganz stark in die Situation hineingezogen.

Anregung zum „Schreiben wie Maik“ 😉

  • Man könnte sich mal selbst eine Situation ausdenken, in der man irgendwo sitzt und warten muss. Und man selbst weiß natürlich, dass da etwas vorgefallen ist. Aber dem Leser sagt man noch nicht die ganze Wahrheit.
    Möglich wäre zum Beispiel eine Situation vor dem Sekretariat derSchule. Man hat irgendetwas angestellt und wartet nun auf das Gespräch mit dem Direktor.
  • Kleine Hilfe für den Einstieg – und dann lässt man sich genauso von seinen Gedanken treiben, wie Maik es auch tut.

Vor dem Sekretariat

Das hatte nicht gut geklungen, als die Sekretärin sagte: „Gut, dass du schnell gekommen bist. Herr Wolfgramm will dich unbedingt noch sprechen, bevor er zum Schulamt fährt.“ Am schlimmsten war, dass Frau Bergering ihn dabei überhaupt nicht angeschaut hat. Normalerweise freute sie sich, wenn er wegen irgendetwas vorbei kam. In der Klasse lachten sie schon, wenn ein Lehrer Kreide brauchte und er schon auf dem Weg zur Tür war, während er seine Bereitschaft erklärte, das schnell zu erledigen. Als es das erste Mal geschehen war, hatten sie ihn gefragt, was das denn sollte – und er hatte natürlich eine einfache Erklärung angeboten. Hatte keine Lust auf Unterricht. Brauchte Bewegung. Aber irgendwann hatte er im Sekretariat dann Julia getroffen, die hatte einen Arzttermin gehabt und war deshalb gar nicht in der Schule gewesen. Und während er gerade dabei war, an Brau Bergering mal wieder seine Charme-Offensive zu starten, war die Tür aufgegangen – und er hatte es gar nicht gemerkt. Was er dann aber gemerkt hatte, war, dass in der nächsten Pause die Mädchen am Tuscheln waren – und eine Pause später auch die Jungs. Wahrscheinlich war es Marc gewesen, der von seiner Freundin Tina mit allen Einzelheiten des Geschehens im Sekretariat vertraucht gemacht worden war. Aber was heißt schon Geschehen? Natürlich war nichts geschehen – aber er fand das Lächeln dieser Frau einfach schön, es rettete einen einfach. Denn welcher Lehrer lächelte schon – außer ironisch. Und auf das Lächeln der Mädchen in der Klasse konnte man sich nicht verlassen. Lachte man zurück, bekam man schon einen schiefen Blick, als wäre man zu weit gegangen.

Er war froh, als die Tür aufging und her hereingerufen wurde: Beeil dich, Herr Wolfgramm hatte noch ein Telefonat und jetzt hat er noch weniger Zeit. Das Taxi draußen wartet schon.“

… usw …

Anmerkung zu diesem Anfang: Das Besondere hier ist, dass einfach heruntergeschrieben worden ist – diesen Fluss der Gedanken kann man üben. Am besten in einer Gruppe, da hat meistens einer eine Idee, wie es weitergehen könnte. Und am Ende bügelt man das Ganze dann gewissermaßen glatt, indem man es laut vorliest. Dann merkt man schon, wo sprachlich etwas nicht optimal zusammenpasst.


Kehren wir zum Roman zurück. Nachdem Maik über seine Situation nachgedacht hat, kommt er auf ein Mädchen zu sprechen, das eine sonderbare Rolle in der Vorgeschichte gespielt hat.

Seite 8: „Da muss ich wieder an Tatjana denken.“

  • „Da muss ich wieder an Tatjana denken.
  • Denn genau genommen wäre ich nicht hier, wenn es Tatjana nicht gebe.
  • Obwohl sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hat.
  • Ist das unklar, was ich da rede?
  • Ja, tut mir leid. Ich versuch‘s später noch mal.
  • Tatjana kommt in der ganzen Geschichte überhaupt nicht vor.
  • Das schönste Mädchen der Welt kommt nicht vor.
  • Auf der ganzen Reise habe ich mir immer vorgestellt, dass sie uns sehen kann.
    • Wie wir oben aus dem Kornfeld raus gucken.
    • Wie wir mit dem Bündel Schläuche auf dem Müllberg stehen wie die letzten Trottel.
  • Ich hab mir immer vorgestellt, Tatjana steht hinter uns und sieht, was wir sehen, und freut sich, wie wir uns freuen.
  • Aber jetzt bin ich froh, dass ich mir das nur vorgestellt hab.“

Diese Textstelle zeigt,

  1. wie sehr diese Tatjana ihn beschäftigt,
  2. wie er sie mit seinen eigenen Erfahrungen in Verbindung bringt,
  3. obwohl er gleichzeitig eingesteht, dass sie real damit gar nichts zu tun gehabt hat.
  4. Vor allem wird hier deutlich, dass Maik bei dem, was er hier vorbringt, auch an einen oder auch alle Leser denkt. Er stellt sie sich vor und bezieht sie ein – und man geht da auch gerne mit, so sehr ist man im Geschehen mit drin.
  5. Am Ende gibt es ein zwiespältiges Gefühl:
    1. Eigentlich hätte er gerne gehabt, dass das Mädchen sich mit ihnen zusammen freut.
    2. Andererseits möchte er das aktuell nicht, weil er ja sieht, dass sie „Mist“ gebaut haben.

Seite 10: „Weil, dass wir Mist gebaut haben …“

  • „Was passiert ist, ist passiert.
  • Mehr kommt jetzt nicht.
  • Da kann auch der Anwalt nichts mehr ändern.
  • Weil, dass wir Mist gebaut haben, könnte nur ein Geisteskranker abzustreiten versuchen.
  • Was soll ich sagen?
    • Dass ich die ganze Woche zu Hause am Pool gelegen hat, fragen Sie die Putzfrau?
    • Dass die Schweinehälften wie Regen vom Himmel gefallen sind?
    • Viel kann ich jetzt wirklich nicht mehr tun.
    • Ich könnte noch gerne gen Mekka beten
    • und mir in die Hosen kacken.
    • Sonst sind nicht mehr viele Optionen offen.“

Diese Textstelle zeigt,

  1. dass Maik hier resigniert, was mögliche Aktivitäten angeht.
  2. Er muss langsam begreifen und sich damit abfinden, was er mit Tschick zusammen angerichtet hat.
  3. Auch zeigt er mal wieder einen sehr kreativen Humor, wenn er sich mögliche Entschuldigungen oder Entlastungsbehauptungen ausdenkt, die er nicht für hilfreich hält.
  4. Am Ende gesteht Maik ein, dass er gewissermaßen in einer Sackgasse steckt.

Weiterführende Hinweise