Borchert, „Bleib doch, Giraffe“ – Insider-Tipps (Mat5885-lv)

Warum Insider-Tipps?

  • Lehrkräfte haben gute Info-Quellen und viel Erfahrung.
  • Dennoch ist es schön, wenn man jemanden trifft, der noch ein paar mehr Infos und Tipps zum Thema hat.
  • Wir versuchen auch hier, „beyond the books“ zu sein.
  • Also möglichst originelle Ideen und Tipps zum Ausprobieren.

Die schülernahe Erklärung der Geschichte – fast Satz für Satz, mit Video – gibt es hiere:
https://textaussage.de/borchert-bleib-doch-giraffe
Hier setzen wir voraus, dass man den Text kennt.

Wo man den Text findet – und warum der Fundort wichtig ist

  • Online: bei Projekt Gutenberg: https://www.projekt-gutenberg.org/borchert/hundeblu/chap007.html
  • Erstdruck: in Borcherts erster Prosasammlung „Die Hundeblume. Erzählungen aus unseren Tagen“, Hamburgische Bücherei, Hamburg 1947.
  • Der Insider-Punkt: Die Sammlung ist in Kapitel gegliedert. „Bleib doch, Giraffe“ steht in der Gruppe „Unterwegs“ – zusammen mit „Generation ohne Abschied“, „Eisenbahnen, nachmittags und nachts“ und „Vorbei vorbei“.
    • Das stützt eine Lesart, in der der Mann vor allem ein Getriebener ist, der nirgends ankommen kann – das „Ich muß weiter“ wird so fast zur Überschrift der ganzen Gruppe.
    • Der Band beginnt mit der Frage „Und wer fängt uns auf? Gott?“ – ein Leitmotiv, das man gut an den Schluss unserer Geschichte halten kann: Das Mädchen versucht es für eine Nacht.

Zum Autor – nur das, was für diesen Text zählt

  • Wolfgang Borchert, geboren am 20. Mai 1921 in Hamburg, gestorben am 20. November 1947 in Basel – er wurde nur 26 Jahre alt.
  • Vor dem Krieg Buchhändlerlehre und Schauspielunterricht, 1941 kurz Schauspieler in Lüneburg.
  • Ab 1941 Soldat, Einsatz an der Ostfront, Verwundung; es folgten Haft und Militärgerichtsverfahren – u. a. wegen des Vorwurfs der Selbstverstümmelung und wegen regimekritischer Äußerungen. Die Titelgeschichte „Die Hundeblume“ verarbeitet diese Gefängniszeit.
  • Seine Nachkriegstexte schrieb er schwer krank, oft vom Bett aus, in nur rund zwei Jahren. Das erklärt ein Stück weit die Dringlichkeit und den fast atemlosen Ton – hier schreibt keiner aus sicherer Distanz.

Vorsicht bei zwei Standard-Aussagen

1. „Ein Kriegsheimkehrer …“

  • In vielen Interpretationen wird das als Tatsache hingestellt. Der Text lässt es aber bewusst offen: „der Mord, den du gestern begingst“ steht neben „dem Mord, den du morgen begehst“.
  • Genau diese Symmetrie von gestern und morgen ist interessant: Für den Mann gibt es keine Zeit „nach dem Krieg“. Ob er noch Soldat ist oder schon zurück – in seinem Kopf läuft der Krieg in beide Richtungen weiter.
  • Für Referendarinnen und Referendare: Wer die Offenheit benennt und begründet, statt eine Lösung zu behaupten, ist in einer Unterrichtsbesprechung auf der sicheren Seite.

2. „Typische Kahlschlag-Sprache …“

  • Borchert wird regelmäßig der Trümmer- bzw. Kahlschlagliteratur zugerechnet. Das Programm des „Kahlschlags“ – eine nüchterne, entschlackte Sprache – wurde aber erst 1949 von Wolfgang Weyrauch im Nachwort zur Anthologie „Tausend Gramm“ formuliert, also nach Borcherts Tod.
  • Und sprachlich passt gerade dieser Text kaum dazu: Wortneuschöpfungen wie „mondeinsam“, „dunkelschwingig“, „reptiläugig“, „stelzbeinte“, Synästhesien wie der „gelbgrüne Schrei“, ein fast hymnischer Ton – das steht eher in der Tradition des Expressionismus.
  • Sauber formuliert: thematisch eindeutig Nachkriegsliteratur, sprachlich eigenwillig und gerade nicht „kahl“.

Beobachtungen für Fortgeschrittene

  • Vom inneren zum äußeren Schrei: Der stumme „Fischschrei“ des Anfangs kehrt am Ende als „Tierschrei der Lokomotive“ zurück. Was vorher nicht heraus konnte, kommt jetzt von außen – und genau dieser Schrei beendet die Nähe. Eine Art Rahmung, die man leicht übersieht.
  • Zwei Züge, zwei Entscheidungen: Ein Güterzug, der „abreißt“, geht dem „Da ging er mit ihr“ voraus; der Schrei der Lokomotive dem „Ich muß weiter“. Die Außenwelt trifft die Entscheidungen – der Mann reagiert nur.
  • Zweimal „Ja“, dann Ausweichen: Auf „Bleibst du?“ und „Lange?“ sagt er ja; auf „Immer?“ antwortet er mit einem Satz über ihr Haar. Das „Immer“ ist die eine Zeitform, die für ihn nicht mehr existiert.
  • Der Erzähler übernimmt ihren Namen für ihn: Zuerst heißt es nur „er“. Nach „Bleib doch, Giraffe!“ schreibt der Erzähler plötzlich selbst: „Aber die Giraffe stelzbeinte …“. Im Moment des Abschieds wird der Mann ausgerechnet mit dem Namen bezeichnet, den sie ihm gegeben hat.
  • Das Mädchen schrumpft auf ein Detail: Am Anfang „das Mädchen mit dem zu roten Mund“, am Ende nur noch „ein zu roter Mund“ – und der weint. Eine Synekdoche, die zeigt, was von der Begegnung im Blick des Mannes übrig bleibt.
  • Der Stahlhelm in der Liebesszene: „Da schob sie den Stahlhelm wieder in die Stirn“ – realistisch gelesen schiebt sie wohl ihr Haar zurück. Die Wahrnehmung des Mannes montiert Kriegsbilder in die Gegenwart. Gute Stelle, um den Unterschied zwischen erzählter Wirklichkeit und Figurenwahrnehmung zu besprechen.

Ideen für den Unterricht

  • Hypothesen sichtbar korrigieren: Auf unserer Hauptseite ist eine eigene Fehldeutung rot und die Korrektur grün markiert (wer sagt eigentlich „Du bist eine Giraffe“?). Das lässt sich als Methode übernehmen: Schülerinnen und Schüler markieren erste Annahmen und spätere Korrekturen farbig – so wird Verstehen als Prozess sichtbar.
  • „Speed-Dating“ mit dem Text: Zeile für Zeile kurz klären, was da steht – gerade bei einem so verdichteten Text der beste Einstieg.
  • Hörspiel-Skizze: Die Geschichte lebt von Geräuschen (Wind, Güterzug, Lokomotivschrei, Stille der Straße). Eine Geräuschpartitur zu entwerfen, zwingt zu genauem Lesen.
  • Schreibaufgabe mit Perspektivwechsel: Innerer Monolog des Mädchens am Fenster – oder die Nacht aus ihrer Sicht erzählt, mit derselben Frage „Immer?“.

Vergleichstexte

  • „Draußen vor der Tür“: Auch Beckmann trifft eine junge Frau, die ihn mit zu sich nimmt – und auch er kann nicht bleiben, als der Krieg in Gestalt ihres zurückkehrenden Mannes in die Szene einbricht. Sehr ergiebig für einen Vergleich der beiden Begegnungen.
  • „Generation ohne Abschied“ und „Eisenbahnen, nachmittags und nachts“: die Nachbartexte aus derselben Gruppe „Unterwegs“ – gut, um Motive wie Abschied, Züge und Getriebensein über einen Einzeltext hinaus zu verfolgen.
  • „Das Brot“ und „Nachts schlafen die Ratten doch“: die bekannten Schultexte Borcherts – als Kontrast, denn dort ist die Sprache tatsächlich deutlich knapper.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

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