Was macht dieses Gedicht interessant?
Beobachtende Kamerafahrt
Das lyrische Ich bewegt sich wie eine Kamera durch Berlin – vom Strausberger Platz über Alleen und Bänke bis hin zu einem einzelnen Moment zwischen zwei Menschen. Die Stadt wird so lebendig und filmisch eingefangen.
Magisches Herbstlicht
Das „perlmutterne Licht“, das „Türkis-Violett auf einer Schicht weißen Silbers“ – Strittmatter beschreibt das Neonlicht im Zwielicht so genau und malerisch, dass es fast greifbar wird. Licht ist das verbindende Leitmotiv des Gedichts.
Sympathie fürs Einfache und Unscheinbare
„Unfesche Leute. Einfach.“ – das lyrische Ich wendet sich bewusst den unauffälligen, ganz normalen Menschen zu und zeigt echte Zuneigung zu ihnen. Das ist ungewöhnlich und berührend zugleich.
Zarter Liebesmoment als Höhepunkt
Mitten im Stadtpanorama blitzt ein kleiner, schüchterner Moment auf: ein Junge, der ein Mädchen „verlegen, lächelnd und leise“ umfängt – „wie Liebe in Märchen von Andersen geht“. Diese Stille inmitten der Großstadt ist das emotionale Zentrum des Gedichts.
Offenes Ende voller Möglichkeiten
Das Gedicht schließt mit einer „nächsten Verwandlung“ – der Abend wird zur Nacht, und was aus den beiden Menschen wird, bleibt offen. Diese Offenheit lädt ausdrücklich zum Weiterschreiben und Weiterdenken ein.

- Die schlechte Nachricht:
Der folgende Gedicht ist sicher kein Meisterwerk.
— - Die gute Nachricht:
Man kann sich leicht positiv davon „abheben“.
— - Also dann: einfach loslegen 😉
Übertragung auf die eigene Stadt – oder eine, die man selbst interessant findet:
Vorschlag, das nicht unbedingt auf den Herbst zu beziehen.
Sondern man ist im Urlaub und wird nach der Heimatstadt gefragt.
Dann wird man ganz nachdenklich, blickt versonnen und sagt:
Da ich Glück hatte,
wohne ich nicht im Zentrum.
Sondern in einem
der kleinen Orte,
die das Glück hatten
oder auch das Pech
„eingemeindet“ zu werden.
So nannte man das damals.
—
Der Vorteil
Die Luft relativ sauber
Und bis man das Zentrum erreicht
Ganz schön viel Landschaft.
—
Dann die Promenade
früher mal Festungsring
Aber da wird es zunehmend eng.
Von Parkplätzen
kann man nur träumen.
Also Tiefgarage.
—
Dann eine Innenstadt
wo mal jemand sagte:
Ganz schön alte Häuser.
Und dann
der vorsichtige Hinweis.
Alles Neubauten nach 1945.
—
Was man vergessen hat
Es gibt zwar einen
Allwetterzoo
Aber nichts von dem Prinzip
In der Altstadt.
Und wer immer noch nicht weiß,
von welcher Stadt
hier die Rede ist:
Es heißt:
„In M läuten die Glocken
oder es regnet.“
—
Na ja, drei Jahre noch
Dann werde ich
mir eine Stadt aussuchen,
für die der Spruch
nicht gilt.
—
Analyse: Strittmater – Berlin im Herbst
- Ganz kurz: ein paar Infos zu der Autorin.
— - Geboren 1930 in Neuruppin (Brandenburg), gestorben 2011 – sie lebte also fast ihr ganzes Leben in der DDR und erlebte noch deren Ende und die Wiedervereinigung.
— - Sie war mit dem bekannten DDR-Schriftsteller Erwin Strittmatter verheiratet – die beiden lebten auf einem Bauernhof in der Uckermark, und diese Landschaft prägt viele ihrer Gedichte.
— - Sie begann erst relativ spät zu veröffentlichen, wurde dann aber eine der meistgelesenen Lyrikerinnen in der DDR – ihre Gedichtbände verkauften sich in Millionenauflagen, was für Lyrik außergewöhnlich ist.
— - Ihre Gedichte kreisen oft um Natur, Liebe, Einsamkeit und ganz alltägliche Momente – sie schreibt nie laut, immer leise und genau.
Gehen wir jetzt mal genauer auf wichtige Punkte ein.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Thema des Gedichtes
- 2. Aufbau – Was präsentiert das lyrische Ich?
- 3. Aussage / Intention
- 4. Künstlerische Mittel
- Wer noch mehr möchte …
1. Thema des Gedichtes
Persönliche Eindrücke von einer Großstadt im Herbst.
2. Aufbau – Was präsentiert das lyrische Ich?
Beziehung zu Berlin
Gleich zu Beginn klärt das lyrische Ich seine Beziehung zu Berlin – erstaunlicherweise geht es dabei um ein allgemeines „sehn“, das dann konkretisiert wird: „in fremde Gesichter“.
Lichteffekte im Herbst
Im Folgenden geht es um besondere Lichteffekte im Herbst, die die Wahrnehmung des lyrischen Ichs prägen.
Kamerafahrt durch die Stadt
Dann schweift der Blick des lyrischen Ichs wie eine Kamera durch Straßen und Plätze und bleibt dann bei Menschen hängen.
Sympathie und Generationenverbindung
Interessant ist die Verbindung von „Unfesche“ und „einfach“. Man merkt hier deutlich, wem die Sympathie des lyrischen Ichs gehört. Wichtig ist ihm offensichtlich auch die Verbindung der Generationen.
Die „Atempause“ des Volkes
Das endet dann in einer Art Zusammenfassung, bei der das „Volk dieser Stadt“ sich eine „Atempause“ gönnt – wohl vom Alltagsleben.
Diskrete Kontaktaufnahme
Im nächsten Abschnitt wird das Licht mit dem „Lächeln“ eines Mädchens verbunden, das von einem Jungen auf nicht „herausfordernd offene Weise“ aufgenommen wird. Hier geht es offensichtlich um eine sehr diskrete, fast schüchterne Kontaktaufnahme.
Schlusszeilen: Kulisse und Verwandlung
In den Schlusszeilen folgt eine alles umfassende Beschreibung: Die beiden jungen Menschen und die sie umgebende Stadt werden zu einer „Kulisse unbedingt glückhafter Handlung“. Das wird als eine „nächste Verwandlung“ betrachtet – es bleibt dem Leser überlassen, was daraus wird.
3. Aussage / Intention
Zurückhaltung und Sympathie
Insgesamt ein Gedicht, das auf sehr zurückhaltende, aber Sympathie ausdrückende Weise Eindrücke präsentiert, wie sie sich im Herbst in Berlin ergeben können.
Atempause vom Alltag
Dabei geht es um eine „Atempause“ der Menschen – wohl von ihrem Alltagsleben. Sie kommen nun generationenübergreifend zusammen.
Zarte Begegnung mit Potenzial
Im glücklichen Einzelfall ergibt sich auch eine zarte Kontaktaufnahme, aus der noch viel mehr werden kann.
4. Künstlerische Mittel
Kamerahafte Beschreibung
Eine Beschreibung, die viel von der Fahrt einer Kamera hat – der Blick gleitet durch Räume und Menschen.
Persönliche, anteilnehmende Sicht
Gleich am Anfang entsteht durch die Wiederholung der Verseinleitung „Ich“ eine persönliche, Anteil nehmende Perspektive.
Wortfeld „Zurückhaltung“
Verwendung von Wörtern aus dem Wortfeld „zurückhaltend“: unfesch, einfach, nicht herausfordernd, verlegen, lächelnd, leise.
Schlüsselbegriffe: „Kulisse“ und „Verwandlung“
Das Bild der „Kulisse“ verdichtet die Stimmung der Szene. Das Schlüsselwort „Verwandlung“ markiert den Übergang zwischen den verschiedenen Situationen.
Wer noch mehr möchte …
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