5-Min-Tipp zu Herders Ballade „Erlkönigs Tochter“ (Mat4379)

Tipp 1: „Naturmagischer“ Hintergrund

Vorab: Hierzu gibt es auch eine mp3-Datei, mit deren Hilfe man sich den ganzen Stoff hier leicht „reinziehen“ kann.
https://textaussage.de/mat4380

Die Ballade „Erlkönigs Tochter“ von Johann Gottfried Herder darf man nicht als Beschreibung realer Ereignisse verstehen. Vielmehr gehört sie zu den sogenannten „naturmagischen“ Balladen. In denen begegnen Menschen Naturgewalten oder sogar übernatürlichen Mächten. Die können gefährlich, aber auch faszinierend sein. Auf jeden Fall stellen sie eine Herausforderung dar.

Tipp 2: Die dramatische Entwicklung in der Ballade

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut;

  • Offensichtlich geht es um die Vorbereitung einer Hochzeit.

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

  • Unterwegs kommt es ganz selbstverständlich zu einer Begegnung mit Elfen
  • Und die Tochter des Erlkönigs reicht ihm sogar ihre Hand. Sie nimmt also Kontakt zu ihm auf.

„Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.“

  • Herr Oluf wird dann von ihr aufgefordert, bei ihm zu bleiben und mit ihr zu tanzen.
  • Damit ist der Konflikt da: Auf der einen Seite die Pflicht, auf der anderen Seite eine Herausforderung, bei der man nicht weiß, wie eine Ablehnung sich auswirkt.

„Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.“

  • Aber der Herr Roloff weigert sich.
  • Mit der Begründung, dass er am nächsten Tag sein Hochzeitsfeiern will will
  • Näher erläutert wird das nicht. Vielleicht wieder fit sein oder es ist unpassend, am Abend vorher noch mit fremden Leuten tanzen.
  • Auf jeden Fall ist es ungeschickt von dem Mann, nicht um ein bisschen Verständnis für sich zu werben.

Tipp 3: Man achte auf die eingesteuten Anregungen in blauer Farbe

  • Anregung: Das wäre übrigens eine gute Möglichkeit, diese Ballade umzudichten – nach dem Motto: Wenn die Elfe erst mal begreift, welchem Liebesschicksal sie gegenübersteht, ist sie vielleicht zu Tränen gerührt und alles wird gut.

„Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir!

Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleicht’s mit Mondenschein.“

  • Kein Wunder, dass die Tochter des Erlkönigs bei einer so schwachen Entschuldigung nicht locker lässt.
  • Jetzt versucht sie es mit Geschenken.

„Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.“

  • Jetzt wird es langsam peinlich mit diesem Bräutigam. Ihm fällt nämlich nichts Neues ein.

„Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.“

„Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.“

  • Das Angebot wird dann erhöht
  • und Herr Oluf zeigt auch Interesse,
  • wiederholt aber noch einmal, dass er nicht tanzen dürfe.

„Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir.“

Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.

Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd:
‚„Reit heim nun zu dein’m Fräulein wert.“

  • Jetzt passiert das, was eigentlich passieren muss.
  • Wie soll die Tochter des Erlkönigs mit soviel Stumpfheit umgehen.
  • Sie ist bestimmt doppelt zornig, einmal wegen der Ablehnung – zum anderen wegen der Schwäche dieses Kontrahenten. Vielleicht ärgert sie sich, dass sie sich überhaupt mit so einem Typen eingelassen hat.
  • Anregung: Auch hier könnte man sich eine Alternative ausdenken – nach dem Motto: Dann verschwinde mal schnell, bei so einem Langweiler wird wir auch ein Tanz zu öde.
  • Leider ist die Tochter des Erlkönigs aber anders drauf – sie kennt nicht diese moderne Menschlichkeit. Stattdessen, wie es in früheren Zeiten üblich war – Androhung von Krankheitsattacke und gleich auch die Ausführung, verknüpft noch mit einer zymischen Form der Entlassung.

Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.

„Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein‘ Farbe blaß und bleich?“

  • Zu Hause ist seine Mutter ganz besorgt und will wissen, was passiert ist.

„Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich traf in Erlenkönigs Reich.“

„Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen deiner Braut?“

„Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund.“

  • Etwas spät wird der gute Mann jetzt doch noch einfallsreich – leider geht das in die falsche Richtung. Denn er braucht jetzt dringend einen Arzt – aber darauf kommen weder er noch seine Mutter.
  • Stattdessen eine Notlüge, die nicht viel Liebe zu seiner Braut zeigt. Aber so war das wohl in früheren Zeiten: Von den Elfen bekam man eine Krankheit angesteckt – und vom Bräutigam nur eine Lüge, wenn es drauf angekommen wäre.

Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.

Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;
„Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?“

„Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund.“

Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot.

  • Man ahnt schon, was jetzt kommt: Der Lügentrick wird versucht, er funktioniert aber nicht so richtig. Vielleicht kennt die Braut ihren Oluf schon ein bisschen und denkt: Jetzt hat der Arme Angst vor der Hochzeit bekommen und versteckt sich. Aber ich werde ihn schon finden.
  • Und dann entdeckt sie ihn auch gleich. Genaueres wird in dieser Ballade nicht mitgeteilt.
  • Anregung: Das könnte man auch tut näher ausführen. Vielleicht hat sie sogar eine Begleiterin, der sie zuflüstern kann:  Gott sei Dank – der haut nicht mehr ab. Oder: Schade um ihn, aber ich bin ihn wenigstens los.
  • Das wäre vor allem eine Möglichkeit, wenn man an die Zwangshochzeiten früherer Zeiten denkt.

Tipp 4: Was soll das Ganze und was kann man machen?

  1. Insgesamt eine sehr einfach gestrickte Ballade, die nur von den magischen Kräften der Tochter des Erlkönigs zehrt.
  2. Dabei ist besonders der Wechsel interessant von Angebot und Drohung.
  3. Wenig überzeugend ist dann auch der Dialog zwischen den Bräutigam und seiner Mutter, der ja nur auf eine sehr kurze Lösung im Bereich der Äußerlichkeiten abzielt.
  4. In Wirklichkeit wäre ja wohl die Hinzuziehung eines Arztes angesagt gewesen.
  5. Die ganze Ballade lebt letztlich von dem zumindest etwas überraschenden Schluss.
  6. Interessant ist, dass es keinerlei Bewertung gibt, alles wird nur einfach berichtet. Der Leser muss sich einen eigenen Reim auf alles machen.
  7. Für eine wirkliche Beurteilung fehlen aber nähere Hinweise, da das Geschehen nur auf einer sehr äußerlichen Ebene präsentiert wird.
  8. Umso mehr kann es Spaß machen, diese Ballade auf die eine oder andere Weise umzudichten.

Tipp 5: Vergleich mit Goethes Ballade „Der Erlkönig“

  1. Goethe hat sich wohl von Herder anregen lassen und eine andere Variante gewählt.
  2. Die ist natürlich ein ganz anderes Kaliber – und wird deshalb auch gerne vorgetragen. Man kann richtig mitfühlen mit dem Kind und den Vater bedauern, der nichts „schnallt“.
  3. Sehr gut gemacht sind auch die eingestreuten Angebote des Erlkönigs.
  4. Kritik und Anregung:
    Allerdings sind die wohl nicht so ganz auf das Alter des Kindes abgestimmt und würden heute schon mal gar nicht mehr funktionieren. Da muss es schon andere Verlockungen geben.
  5. Am beeindruckendsten ist sicher die Stelle, wo der Erlkönig zur Gewalt greift – ähnlich übrigens wie seine Tochter in Herders Ballade – da erreicht sie kurzzeitig mal das Niveau Goethes.
  6. Am Ende hat Goethe dann wieder die Oberhand: Sein Schluss ist markant und bleibt nicht so auf der Andeutungsebene wie bei Herder – zumindest was das Auffinden der Leiche angeht.

 Wer noch mehr möchte …