Hinweis: Lessie Sachs – nicht Nelly Sachs
Wer den Namen „Sachs“ liest, denkt im Deutschunterricht meistens sofort an Nelly Sachs (1891–1970) – die Nobelpreisträgerin, bekannt für ihre Lyrik über Verfolgung und Exil, eng verbunden mit Paul Celan.
Die Autorin dieses Gedichtes ist eine andere: Lessie Sachs (1896–1942), mit bürgerlichem Namen Valeska Luise Sachs, in Breslau geboren. Mal voller Humor und Selbstironie, mal nachdenklich und melancholisch – so lässt sich ihr Ton gut charakterisieren. Ab 1930 veröffentlichte sie Gedichte und Kurzprosa in renommierten Zeitungen wie der Vossischen Zeitung oder dem Simplicissimus. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete ihre Karriere; 1937 emigrierte sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Amerika, wo sie 1942 starb. Ihre Texte wurden lange kaum beachtet – zu Unrecht, wie ein 2019 erschienener Sammelband zeigt, der ihre Gedichte und Kurzprosa wiederentdeckt.
Das Verwechslungspotenzial ist real und passiert selbst Fachleuten. Ein kurzer Blick auf den Vornamen reicht zur Unterscheidung.
Worum es hier geht
- Für Schülerinnen und Schüler – Wir helfen bei den folgenden Fragen:
- Worauf achte ich bei diesem Gedicht?
- Was macht es besonders?
- Was sagt es aus?
- Und mit welchen Mitteln werden die Aussagen unterstützt?
- Was kann ich mit dem Gedicht anfangen?
- Für Lehrkräfte – Die Präsentation von Tipps kann helfen, sich konsequent an die Aussagen des Gedichtes heranzuarbeiten. Dazu ein kreativer Impuls.
Das Gedicht ist zum Beispiel hier zu finden:
http://www.deutsche-liebeslyrik.de/sachs_lessie.htm#g9
Erste Tipps für die Annäherung ans Gedicht
Tipp 1: Die Überschrift enthält schon das Thema des Gedichtes – nämlich die Fragen, die jemand sich stellt, der möglicherweise gerade die Chance zu einer guten Beziehung hat vorübergehen lassen.
Tipp 2: 3 Strophen, Kreuzreim
Tipp 3: Rhythmus – Es beginnt mit einem fünfhebigen Jambus, also der regelmäßigen Abfolge einer unbetonten und einer betonten Silbe.
Strophe 1
Heut sah ich auf der Strasse einen Herrn,
Er sah mich mutig an, – jedoch vergebens.
Er hatte meinen Typ wahrscheinlich gern,
Vielleicht war er die Chance meines Lebens?
Tipp zu Strophe 1
Das Gedicht beginnt mit dem Rückblick auf ein Erlebnis, bei dem ein Herr wahrscheinlich das lyrische Ich als Dame „mutig“ angeschaut hat. Das lyrische Ich vermutet, dass dieser Herr ihre Art von Frau wohl mochte („meinen Typ wahrscheinlich gern“) – und fragt sich, ob er vielleicht „die Chance meines Lebens“ war. Schon in der zweiten Zeile macht der Gegensatz von „mutig“ und „vergebens“ deutlich, dass diese Chance nicht genutzt werden konnte.
Strophe 2
Vielleicht war er der beste Mann der Welt?
Ich ging vorbei, um’s nachher zu bereuen, –
Ich war so garnicht auf ihn eingestellt,
Man steht manchmal so ängstlich vor dem Neuen.
Tipp zu Strophe 2
- Hier verfolgt das lyrische Ich das Problem der verpassten Chance weiter, indem es sich vorstellt, was dieser Herr hätte vielleicht bedeuten können: Vielleicht wäre er „der beste Mann der Welt“ gewesen.
- Dann die Erinnerung an das, was geschehen ist – und was inzwischen bereut wird.
- Es folgen Überlegungen, woran es gelegen haben könnte, dass nichts draus geworden ist: Als erstes geht es um die ungünstige persönliche Situation; in der letzten Zeile dann um ein allgemeines Problem, dass die meisten Menschen „vor dem Neuen“ Angst haben.
Strophe 3
Vielleicht war er der Mann, der mir gefehlt,
Vielleicht … hab‘ ich nicht viel an ihm verloren.
Der Zeitpunkt jedenfalls war schlecht gewählt:
Es gibt Momente, welche fehlgeboren …
Tipp zu Strophe 3
- Die letzte Strophe wiederholt noch einmal die Sorge aus der vorangehenden Strophe. Dann aber geht das lyrische Ich zum Gegenteil über und denkt auch an die Möglichkeit, dass es „nicht viel an ihm verloren hat“.
- Am Ende greift das lyrische Ich noch einmal den Aspekt des Zeitpunkts auf und tröstet sich damit, dass die Situation eben ungünstig war.
Tipp zur Aussage des Gedichtes
Insgesamt zeigt das Gedicht eine besondere Art von Ausgangspunkt für eine mögliche Beziehung und spielt dann den Fall durch, dass man gewissermaßen unvorbereitet war oder nicht geschickt genug reagiert hat.
Künstlerische Mittel
- Gegensatz in I,2: „mutig“ – „vergebens“
- Wiederholung des Schlüsselwortes „vielleicht“
- Die drei Auslassungspunkte, die das Nachdenken und den anschließenden Meinungswechsel deutlich machen
- Am stärksten: das ungewöhnliche Wort „fehlgeboren“ – eine kühne Metapher, die das Bild der Geburt (Beginn von etwas Neuem) auf einen Moment überträgt, aus dem nichts werden konnte. Es wirkt wie eine Wortneuschöpfung, ist aber ein altes, fast vergessenes Wort (mehr dazu im nächsten Abschnitt).
Beyond the books: Ist „fehlgeboren“ ein Neologismus?
Viele Schülerinnen und Schüler – und auch manche Interpretationshilfe – nennen „fehlgeboren“ einen Neologismus, also eine Wortneuschöpfung. Das ist gut verständlich: Kaum jemand hat dieses Wort schon einmal gelesen. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick, denn hier kann man in der Klausur entweder Punkte verlieren – oder richtig punkten.
1. Die Beobachtung ist richtig
Wer hier stutzt, hat das Entscheidende gesehen: Das Wort fällt aus dem Rahmen. Ein Bild aus dem Bereich der Geburt – man denkt sofort an „Fehlgeburt“ – wird auf einen Augenblick auf der Straße übertragen. Das ist das stärkste sprachliche Mittel des ganzen Gedichtes.
2. Der Fachbegriff passt aber nicht ganz
Ein Neologismus ist ein Wort, das neu gebildet wird – von einer Autorin oder in der Sprache ihrer Zeit. Ob die Leser es kennen, spielt dafür keine Rolle. Und „fehlgebären“ gab es schon lange vor Lessie Sachs: Es steht bereits im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm.
3. Der Beleg – und eine kleine Überraschung
Im Grimmschen Wörterbuch (Band III, 1862, Stichwort „fehlgebären“) findet sich dieser Satz:
„mit unglück gieng er schwanger und hat fehlgeboren.“
Das Spannende daran: Schon hier ist das Wort übertragen gebraucht – denn ein Mann geht mit „Unglück“ schwanger. Lessie Sachs erfindet das Bild also nicht, sie greift eine alte, fast vergessene Tradition auf.
4. Der passende Fachbegriff: kühne Metapher
Der Sprachwissenschaftler Harald Weinrich spricht von einer kühnen Metapher, wenn ein Bild zwei Bereiche verbindet, die weit auseinanderliegen. Genau das passiert hier: Geburt auf der einen Seite, ein verpasster Moment auf der anderen. Ein Augenblick, aus dem etwas Neues hätte entstehen können, kommt gewissermaßen nicht lebendig zur Welt.
5. Dazu: Ellipse und Auslassungspunkte
Der Satz „Es gibt Momente, welche fehlgeboren …“ ist unvollständig – es fehlt ein „sind“. Man nennt das eine Ellipse. Zusammen mit den Auslassungspunkten lässt sie den Gedanken einfach verklingen, so als wolle das lyrische Ich gar nicht weiter darüber nachdenken.
6. Warum das Bild so gut passt
In Strophe 2 heißt es: „Man steht manchmal so ängstlich vor dem Neuen.“ Mit „fehlgeboren“ greift der Schluss genau diesen Gedanken wieder auf: Das Neue hätte „geboren“ werden können – aber es ist nicht dazu gekommen. Und noch etwas fällt auf: Ausgerechnet dort, wo das lyrische Ich sich zu beruhigen scheint („Der Zeitpunkt jedenfalls war schlecht gewählt“), steht das schwerste Bild des Gedichtes. Vielleicht ist der Trost also doch nicht ganz so gelungen, wie er klingt.
Formulierungshilfe für die Klausur
„Besonders auffällig ist das ungewöhnliche Wort ‚fehlgeboren‘. Es wirkt wie eine Wortneuschöpfung, ist aber ein altes, heute kaum noch gebräuchliches Wort. Als kühne Metapher überträgt es das Bild einer Fehlgeburt auf einen Moment, aus dem nichts werden konnte. Die Ellipse und die Auslassungspunkte lassen den Gedanken offen ausklingen.“
Für Lehrkräfte
Wer in einer Arbeit „Neologismus“ liest, sollte nicht nur „falscher Begriff“ an den Rand schreiben. Fairer – und lernwirksamer – ist die Rückmeldung: Beobachtung stark, Begriff ungenau. Dann lernt der Schüler den genauen Fachbegriff und erfährt zugleich, dass er das Wesentliche richtig gesehen hat.
Kreativer Impuls
Vielleicht – hast du auch schon mal gezögert?
Man muss das gar nicht nur im Hinblick auf Liebe betrachten. Es gibt viel mehr Gelegenheiten, die man vielleicht nicht auslassen oder vorübergehen lassen sollte.
Manchmal gibt es Momente, in denen sich eine Chance andeutet – ein Gespräch, eine Begegnung, ein mutiger Schritt. Und trotzdem zögern wir. Vielleicht aus Unsicherheit. Vielleicht aus Angst, etwas falsch zu machen. Und dann ist der Moment vorbei.
Kennst du solche Situationen? Hier ein paar Beispiele aus dem Alltag:
- Du siehst jemanden in der Bahn oder Mensa, der dich interessiert – aber du sprichst ihn oder sie nicht an.
- Du willst bei einem Projekt mitmachen oder jemandem helfen – aber du traust dich nicht zu fragen.
- Du hättest etwas sagen oder schreiben können – aber der richtige Moment schien nie zu kommen.
Solche „Vielleicht“-Momente gehören zum Leben – aber man kann daraus auch lernen: den eigenen Mut spüren, bewusster auf andere zugehen oder sogar selbst Gedichte oder Texte schreiben, die solche Gefühle ausdrücken.
Tipp: Achte mal in Filmen, Serien oder deinem Alltag auf diese kleinen Gelegenheiten. Du wirst überrascht sein, wie oft Menschen sich etwas wünschen – und dann schweigen.
Ergänzung: Epoche
- Die lockere, zum Teil ironische, auf jeden Fall aber sachliche – vielleicht sogar zu sachliche – Art und Weise der Darstellung spricht für die Epoche der „Neuen Sachlichkeit“.
- Von der Lebenszeit der Autorin aus würde es auch passen. Mehr zur Person:
https://de.wikipedia.org/wiki/Lessie_Sachs
Ergänzung: Bedeutung der Form
- Drei parallel aufgebaute Strophen mit Kreuzreim und fünfhebigem Jambus.
- Der Jambus passt zum oben schon angesprochenen lockeren Ton.
- Zum Aufbau gehört natürlich auch der Einbau des Titelwortes: In den ersten beiden Strophen taucht es nur einmal auf, aber schon in unmittelbarer Nähe, was den Effekt verstärkt.
- In der 3. Strophe dann eine ähnliche Wiederholung – diesmal innerhalb weniger Zeilen.
- Hier liegt der eigentliche „Gag“, der literarische Einfall, der dem Gedicht eine besondere Würze gibt: Die dreifache Wiederholung des Wortes steht anscheinend für so viel Nachdenklichkeit, dass es jetzt reicht, um auch das Gegenteil zu denken.
- Am Ende dann eine Art Ausklang der Beruhigung, des Sich-Abfindens – was inhaltlich gesagt wird, wird so auch durch die Form unterstützt.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Empfehlenswerte Materialien auf einen Blick
- Neue Sachlichkeit – Themenseite
Alles Wichtige zur Epoche kompakt: Merkmale, Autoren, Beispiele – ideal zur Einordnung des Gedichtes. - Gedichte interpretieren – Themenseite
Wie geht man ein Gedicht sicher an? Alle wichtigen Schritte mit Beispielen – direkt einsetzbar im Unterricht. - 5 Survival-Tipps zur sicheren Gedichtinterpretation
Praktische Hinweise, die gerade in der Klausur oder im Abitur den Unterschied machen können. - Schnelle Hilfe bei Aufgaben im Deutschunterricht
Fragen und Anregungen zum Gedicht oder zur Interpretation können hier abgelegt werden. - Alle Themenseiten im Überblick
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