H.C.Artmann: „Keine Menschenfresser, bitte!“ Analyse und Interpretation (Mat5892)

Einleitungssatz

Die satirische Kurzgeschichte Keine Menschenfresser, bitte! von H.C. Artmann entlarvt den Rassismus des kleinbürgerlichen Alltags als eine Mischung aus Dummheit, Selbstbetrug und erschreckender Selbstverständlichkeit – und führt die Protagonistin am Ende mit pointierter Ironie vor.

Die Geschichte haben wir hier gefunden.

Sinnabschnitte und Dramaturgie

Abschnitt 1 – Die Ausgangssituation: Warten und Fürchten

  • Frau Amtsrat Reißfleisch will ein Zimmer vermieten und hat die Studentenvermittlung eingeschaltet.
  • Schon in der Erwartungshaltung zeigt sich das Kernproblem:
    • Sie hat Angst, man könnte ihr „einen dunkelhäutigen Herrn zuschicken“.
    • Als Begründung zieht sie Gerüchte aus dem „Lesezirkel“ heran: angebliche Kannibalen und Mädchenhändler.
  • Ihre Freundin Adele verstärkt das Bild:
    • „Am liebsten wär mir halt ein solider Ameriganer“
    • „Auf keinen Fall darfst du dir ein Arawer, Perser oder gar einen Dürken nehmen. Die haben uns schon viermal belagert…“
      • Artmann zeigt hier: Die Vorurteile sind nicht nur irrational, sondern auch historisch grotesk verdreht. „Vier Belagerungen“ als Grund, einem Studenten kein Zimmer zu vermieten – das ist Satire in Reinform.

Abschnitt 2 – Die Türszene: Drei Bewerber, dreimal zugeschlagen

  • Erster Bewerber: Berislav Stojanovic (Kroate)
    • Frau Reißfleisch fragt durch den Türspalt: „Sind Sie der Ameriganer?“
    • Die Frage ist eine Falle: Sie lässt nur eine einzige Antwort gelten.
    • „Die Türe schlug kurz vor der Adlernase des langen Kroaten zu.“
      • Die Formulierung „Adlernase“ ist doppelt bösartig: Artmann zeigt, dass Frau Reißfleisch auch körperlich kategorisiert.
  • Zweiter Bewerber: Wassilis Liolakis (Grieche)
    • Dieselbe Frage, dieselbe Abweisung.
    • Frau Reißfleisch urteilt: „Lauter Tschuschen!“ – ein abwertender Slang-Begriff für Südosteuropäer.
  • Dritter Bewerber: Ein namentlich ungenannter Inder mit Turban
    • Frau Reißfleisch sieht ihn durchs Guckloch und öffnet die Tür nicht einmal.
    • „Er wußte wohl schon, daß er dieses billige Kabinett mit Gassenaussicht niemals bekommen würde.“
      • Dieser eine Satz ist der melancholischste der gesamten Geschichte. Er verschiebt den Blick kurz vom Komischen ins Ernste: Der Diskriminierte hat sich bereits damit abgefunden.
    • Frau Reißfleisch nennt ihn „Mentschenfresser“ – das Wort aus dem Titel fällt hier.
      • Der Titel ist also kein Hinweis auf die Realität, sondern auf den Wahn der Protagonistin.

Abschnitt 3 – Die Wendung: Der „Ameriganer“ kommt

  • Das Telefon klingelt: Ein „ameriganischer Herr“ namens James Eisenhover ist angekündigt.
  • Frau Reißfleisch reagiert euphorisch:
    • „Der griegt das Zimmer und kein anderer, so wahr ich die Frau Amtsrat Melanie Reißfleisch geb. Krauthaupt bin!“
      • Der Mädchenname „Krauthaupt“ ist kein Zufall: Er klingt demonstrativ deutsch-österreichisch und untermalt die ethnische Selbstverortung der Figur.

Abschnitt 4 – Die Pointe: Der Irrtum schlägt zurück

  • James Eisenhover erscheint pünktlich, dezent gekleidet, höflich.
  • Dann der entscheidende Satz: „Aus seinem kohlschwarzen Gesicht blitzte ein tadelloses, freundliches Gebiß…“
  • Frau Reißfleisch erstarrt. Ihr Begrüßungslächeln, bereits aufgesetzt, stirbt in der Kehle.
    • Artmann beschreibt das nicht als Schrei oder Szene – sondern als leises Erstarren. Das ist präzise beobachtet: Vorurteil kollabiert lautlos.
  • Die Geschichte endet ohne Auflösung: Was Frau Reißfleisch jetzt tut, bleibt offen.
    • Das ist Absicht. Der Leser muss selbst entscheiden, ob sie die Tür wieder zumacht – oder ob die Lektion sitzt.

Aussagen der Geschichte

  • Vorurteile sind nicht rational, sondern erlernt – aus Gerüchten, Stammtisch-Gesprächen, Lesezirkeln.
  • Der „Ameriganer“ als Idealtyp entpuppt sich als reines Fantasieprodukt: Es ist nicht die Nationalität, die Frau Reißfleisch will, sondern eine bestimmte Hautfarbe.
  • Selbstbetrug als Mechanismus: Die Protagonistin redet sich ein, sachlich zu entscheiden – tatsächlich urteilt sie ausschließlich nach Aussehen und Herkunft.
  • Die Ironie trifft die Täter, nicht die Opfer: Der Inder, der Kroate, der Grieche werden mit Würde gezeichnet. Lächerlich wirkt allein Frau Reißfleisch.

Sprachliche und literarische Mittel

  • Satirische Ironie – durchgehend: Der Erzähler kommentiert nicht, lässt die Figuren sich selbst demaskieren.
  • Dialekt als Charakterisierungsmittel – „Ameriganer“, „pinktlich“, „Mentschenfresser“: Der Wiener Dialekt signalisiert Milieu, Bildungsstand und Selbstgefälligkeit zugleich.
  • Der sprechende Name – „Reißfleisch“ klingt nach Aggression, „Krauthaupt“ nach ethnischer Selbstdefinition; beide Namen sind absichtlich komisch überzeichnet.
  • Steigerungsstruktur (Klimax) – drei Bewerber, jeder eine Eskalationsstufe: Abweisung → Schimpfwort → nicht einmal mehr öffnen.
  • Der kontrastierende Schlusssatz – „tadelloses, freundliches Gebiß“ steht gegen Frau Reißfleischs Entsetzen: Die Pointe sitzt, weil sie ohne jede Erklärung auskommt.
  • Offenes Ende – kein moralisches Urteil des Erzählers; die Schlussfolgerung bleibt beim Leser.
  • Intertextueller Witz im Namen – „Eisenhover“ klingt nach „Eisenhower“ (US-Präsident): Der Wunsch-Amerikaner trägt einen Präsidentennamen. Die Realität ist ein anderer Mensch mit demselben Namen.

Ergänzende Anmerkungen

  • Es ist sicher reizvoll, die Geschichte weiterzuschreiben, denn die Vermieterin wird jetzt wohl ein scheinbar normales Gespräch führen, während sie zugleich versuchen muss, ihre Vorurteile abzubauen.
  • Gut gemacht ist zudem, dass als Kommentarfigur noch die Freundin der Vermieterin da ist. Damit ist ausgiebig Gelegenheit, sowohl die Erwartungen als auch die Erfahrungen an diesem Tag zu besprechen.
  • Man kann diese Geschichte sehr schön mit einer Variante verbinden, die von einer damals 15-jährigen Schülerin geschrieben worden ist: Jana Machma, „Schwarz auf weiß“ – oder die glückliche Überwindung von Vorurteilen
    https://textaussage.de/jana-machma-schwarz-auf-weiss-oder-die-glueckliche-ueberwindung-von-vorurteilen

Anmerkungen zum Einsatz im Unterricht

  • Die Geschichte ist kurz, sprachlich zugänglich und sofort verständlich – ideal für den Einstieg in Themen wie Vorurteil, Diskriminierung, Satire.
  • Die Steigerungsstruktur lässt sich leicht herausarbeiten: Schüler können die drei Türszenen vergleichen und beschreiben, wie sich die Haltung der Protagonistin verhärtet.
  • Die Pointe bietet einen starken Gesprächsanlass: Was passiert jetzt? Öffnet Frau Reißfleisch dem Herrn Eisenhover das Zimmer – oder nicht?
  • Sprachmittel wie Dialekt, Ironie und sprechende Namen lassen sich direkt am Text üben.

Bedeutung der Geschichte für das Leben der Schüler

  • Die Geschichte zeigt, wie Vorurteile funktionieren: nicht als offener Hass, sondern als selbstverständlicher Alltagsgedanke, der kaum hinterfragt wird.
  • Frau Reißfleisch ist keine Karikatur des Bösen – sie ist erkennbar, fast beunruhigend normal. Das macht die Geschichte so wirkungsvoll.
  • Schüler können sich fragen: Wo begegnen mir solche Gedanken – bei anderen, aber vielleicht auch bei mir selbst?
  • Die offene Schlussszene lädt zur Weiterarbeit ein: als Rollenspiel, als Fortsetzung, als Perspektivwechsel (z. B. aus der Sicht von Herrn Eisenhover erzählt).

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