Einleitungssatz
Die satirische Kurzgeschichte Keine Menschenfresser, bitte! von H.C. Artmann entlarvt den Rassismus des kleinbürgerlichen Alltags als eine Mischung aus Dummheit, Selbstbetrug und erschreckender Selbstverständlichkeit – und führt die Protagonistin am Ende mit pointierter Ironie vor.
Die Geschichte haben wir hier gefunden.
Sinnabschnitte und Dramaturgie
Abschnitt 1 – Die Ausgangssituation: Warten und Fürchten
- Frau Amtsrat Reißfleisch will ein Zimmer vermieten und hat die Studentenvermittlung eingeschaltet.
- Schon in der Erwartungshaltung zeigt sich das Kernproblem:
- Sie hat Angst, man könnte ihr „einen dunkelhäutigen Herrn zuschicken“.
- Als Begründung zieht sie Gerüchte aus dem „Lesezirkel“ heran: angebliche Kannibalen und Mädchenhändler.
- Ihre Freundin Adele verstärkt das Bild:
- „Am liebsten wär mir halt ein solider Ameriganer“
- „Auf keinen Fall darfst du dir ein Arawer, Perser oder gar einen Dürken nehmen. Die haben uns schon viermal belagert…“
- Artmann zeigt hier: Die Vorurteile sind nicht nur irrational, sondern auch historisch grotesk verdreht. „Vier Belagerungen“ als Grund, einem Studenten kein Zimmer zu vermieten – das ist Satire in Reinform.
Abschnitt 2 – Die Türszene: Drei Bewerber, dreimal zugeschlagen
- Erster Bewerber: Berislav Stojanovic (Kroate)
- Frau Reißfleisch fragt durch den Türspalt: „Sind Sie der Ameriganer?“
- Die Frage ist eine Falle: Sie lässt nur eine einzige Antwort gelten.
- „Die Türe schlug kurz vor der Adlernase des langen Kroaten zu.“
- Die Formulierung „Adlernase“ ist doppelt bösartig: Artmann zeigt, dass Frau Reißfleisch auch körperlich kategorisiert.
- Zweiter Bewerber: Wassilis Liolakis (Grieche)
- Dieselbe Frage, dieselbe Abweisung.
- Frau Reißfleisch urteilt: „Lauter Tschuschen!“ – ein abwertender Slang-Begriff für Südosteuropäer.
- Dritter Bewerber: Ein namentlich ungenannter Inder mit Turban
- Frau Reißfleisch sieht ihn durchs Guckloch und öffnet die Tür nicht einmal.
- „Er wußte wohl schon, daß er dieses billige Kabinett mit Gassenaussicht niemals bekommen würde.“
- Dieser eine Satz ist der melancholischste der gesamten Geschichte. Er verschiebt den Blick kurz vom Komischen ins Ernste: Der Diskriminierte hat sich bereits damit abgefunden.
- Frau Reißfleisch nennt ihn „Mentschenfresser“ – das Wort aus dem Titel fällt hier.
- Der Titel ist also kein Hinweis auf die Realität, sondern auf den Wahn der Protagonistin.
Abschnitt 3 – Die Wendung: Der „Ameriganer“ kommt
- Das Telefon klingelt: Ein „ameriganischer Herr“ namens James Eisenhover ist angekündigt.
- Frau Reißfleisch reagiert euphorisch:
- „Der griegt das Zimmer und kein anderer, so wahr ich die Frau Amtsrat Melanie Reißfleisch geb. Krauthaupt bin!“
- Der Mädchenname „Krauthaupt“ ist kein Zufall: Er klingt demonstrativ deutsch-österreichisch und untermalt die ethnische Selbstverortung der Figur.
- „Der griegt das Zimmer und kein anderer, so wahr ich die Frau Amtsrat Melanie Reißfleisch geb. Krauthaupt bin!“
Abschnitt 4 – Die Pointe: Der Irrtum schlägt zurück
- James Eisenhover erscheint pünktlich, dezent gekleidet, höflich.
- Dann der entscheidende Satz: „Aus seinem kohlschwarzen Gesicht blitzte ein tadelloses, freundliches Gebiß…“
- Frau Reißfleisch erstarrt. Ihr Begrüßungslächeln, bereits aufgesetzt, stirbt in der Kehle.
- Artmann beschreibt das nicht als Schrei oder Szene – sondern als leises Erstarren. Das ist präzise beobachtet: Vorurteil kollabiert lautlos.
- Die Geschichte endet ohne Auflösung: Was Frau Reißfleisch jetzt tut, bleibt offen.
- Das ist Absicht. Der Leser muss selbst entscheiden, ob sie die Tür wieder zumacht – oder ob die Lektion sitzt.
Aussagen der Geschichte
- Vorurteile sind nicht rational, sondern erlernt – aus Gerüchten, Stammtisch-Gesprächen, Lesezirkeln.
- Der „Ameriganer“ als Idealtyp entpuppt sich als reines Fantasieprodukt: Es ist nicht die Nationalität, die Frau Reißfleisch will, sondern eine bestimmte Hautfarbe.
- Selbstbetrug als Mechanismus: Die Protagonistin redet sich ein, sachlich zu entscheiden – tatsächlich urteilt sie ausschließlich nach Aussehen und Herkunft.
- Die Ironie trifft die Täter, nicht die Opfer: Der Inder, der Kroate, der Grieche werden mit Würde gezeichnet. Lächerlich wirkt allein Frau Reißfleisch.
Sprachliche und literarische Mittel
- Satirische Ironie – durchgehend: Der Erzähler kommentiert nicht, lässt die Figuren sich selbst demaskieren.
— - Dialekt als Charakterisierungsmittel – „Ameriganer“, „pinktlich“, „Mentschenfresser“: Der Wiener Dialekt signalisiert Milieu, Bildungsstand und Selbstgefälligkeit zugleich.
— - Der sprechende Name – „Reißfleisch“ klingt nach Aggression, „Krauthaupt“ nach ethnischer Selbstdefinition; beide Namen sind absichtlich komisch überzeichnet.
— - Steigerungsstruktur (Klimax) – drei Bewerber, jeder eine Eskalationsstufe: Abweisung → Schimpfwort → nicht einmal mehr öffnen.
— - Der kontrastierende Schlusssatz – „tadelloses, freundliches Gebiß“ steht gegen Frau Reißfleischs Entsetzen: Die Pointe sitzt, weil sie ohne jede Erklärung auskommt.
— - Offenes Ende – kein moralisches Urteil des Erzählers; die Schlussfolgerung bleibt beim Leser.
— - Intertextueller Witz im Namen – „Eisenhover“ klingt nach „Eisenhower“ (US-Präsident): Der Wunsch-Amerikaner trägt einen Präsidentennamen. Die Realität ist ein anderer Mensch mit demselben Namen.
Ergänzende Anmerkungen
- Es ist sicher reizvoll, die Geschichte weiterzuschreiben, denn die Vermieterin wird jetzt wohl ein scheinbar normales Gespräch führen, während sie zugleich versuchen muss, ihre Vorurteile abzubauen.
— - Gut gemacht ist zudem, dass als Kommentarfigur noch die Freundin der Vermieterin da ist. Damit ist ausgiebig Gelegenheit, sowohl die Erwartungen als auch die Erfahrungen an diesem Tag zu besprechen.
— - Man kann diese Geschichte sehr schön mit einer Variante verbinden, die von einer damals 15-jährigen Schülerin geschrieben worden ist: Jana Machma, „Schwarz auf weiß“ – oder die glückliche Überwindung von Vorurteilen
https://textaussage.de/jana-machma-schwarz-auf-weiss-oder-die-glueckliche-ueberwindung-von-vorurteilen
Anmerkungen zum Einsatz im Unterricht
- Die Geschichte ist kurz, sprachlich zugänglich und sofort verständlich – ideal für den Einstieg in Themen wie Vorurteil, Diskriminierung, Satire.
- Die Steigerungsstruktur lässt sich leicht herausarbeiten: Schüler können die drei Türszenen vergleichen und beschreiben, wie sich die Haltung der Protagonistin verhärtet.
- Die Pointe bietet einen starken Gesprächsanlass: Was passiert jetzt? Öffnet Frau Reißfleisch dem Herrn Eisenhover das Zimmer – oder nicht?
- Sprachmittel wie Dialekt, Ironie und sprechende Namen lassen sich direkt am Text üben.
Bedeutung der Geschichte für das Leben der Schüler
- Die Geschichte zeigt, wie Vorurteile funktionieren: nicht als offener Hass, sondern als selbstverständlicher Alltagsgedanke, der kaum hinterfragt wird.
- Frau Reißfleisch ist keine Karikatur des Bösen – sie ist erkennbar, fast beunruhigend normal. Das macht die Geschichte so wirkungsvoll.
- Schüler können sich fragen: Wo begegnen mir solche Gedanken – bei anderen, aber vielleicht auch bei mir selbst?
- Die offene Schlussszene lädt zur Weiterarbeit ein: als Rollenspiel, als Fortsetzung, als Perspektivwechsel (z. B. aus der Sicht von Herrn Eisenhover erzählt).
Weitere Infos, Tipps und Materialien
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