Anders Tivag, „Ausblick ins neue Schuljahr – ein Plan, ein Problem und eine Lösung“ (Mat5462-ppi)

Der Umstieg auf mehr KI im Unterricht als Herausforderung und Chance zugleich

Hier wird in einer Kurzgeschichte ein Szenario angedeutet, das realistisch sein könnte – und zum Mitmachen Mut macht.

Anders Tivag

Ausblick ins neue Schuljahr – ein Plan, ein Problem und eine Lösung

Im Lehrerzimmer herrschte das übliche halblaute Durcheinander, als der Vertreter der Schulbehörde eintrat. Er stellte seine Aktentasche ab, lächelte freundlich und begann nach der Begrüßung durch den Schuldirektor ohne große Umschweife:

„Meine Damen und Herren, unser Land startet ein Modellprojekt. Eine erste Schule soll die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz gezielt für die individuelle Förderung nutzen. Und Ihre Schule wurde ausgewählt.“

Noch bevor er weitersprechen konnte, ging ein leises Raunen durch den Raum. Einige legten die Stirn in Falten, andere rollten kaum merklich mit den Augen. Der Behördenvertreter fuhr ruhig fort:

„Konkret soll in einer Klasse erprobt werden, wie die KI Schüler und Schülerinnen beim Bearbeiten komplexer Aufgaben unterstützen kann – Schritt für Schritt, angepasst an ihr persönliches Profil. Die Jugendlichen arbeiten an derselben Aufgabe, aber jede und jeder bekommt individuelle Hinweise, kann Zwischenfragen stellen, sich etwas an Beispielen erklären lassen. Und: Sie dürfen sich gegenseitig unterstützen, wenn es stockt. Am Ende zählt der eigene Lernweg.“

Das Raunen wurde zu hörbarem Murmeln. Einige waren zu hören:
„Das geht alles viel zu schnell.“ – „Ich kenne diese Programme doch gar nicht.“ – „Wie soll ich das noch leisten?“

Der Behördenvertreter hob die Hand. „Ich verstehe die Sorgen. Aber sehen Sie sich in anderen Bereichen der Arbeitswelt um: Überall werden Tätigkeiten verändert, ergänzt, manchmal ersetzt. Wir reden hier glücklicherweise nicht von Ersetzung. Wir reden von einer Entlastung, von einer Chance auf echten, differenzierten Unterricht. Das geht aber nicht ohne Ihre Mitwirkung – und das heißt vor allem: sich langsam, aber stetig mit den neuen Werkzeugen des Lernens vertraut machen.“ Und Sie haben an Ihrer Schule ja einen Kollegen, der ja schon viel ausprobiert hat bei einer Kombination von Differenzierung und Unterstützung.

Alle Blicke wanderten zu Herrn Faber – dem Kollegen, der hier nur gemeint sein konnte. Er saß zurückgelehnt, aber aufmerksam.

„Herr Faber“, sagte der Vertreter, „Sie haben doch schon Erfahrungen mit entlastenden Strukturen. Möchten Sie etwas beitragen?“

Faber nickte, ohne lange zu überlegen.

„Ich habe in den letzten Jahren immer wieder leistungsstarke Schüler und Schülerinnen gebeten, anderen zu helfen – nicht als Ersatz, sondern als Verstärkung. Kleine Mentorenrollen, punktuell eingesetzt – und immer in Abstimmung mit der Lerngruppe. Dadurch musste ich nicht 25 Probleme gleichzeitig lösen, sondern nur die, die übrig blieben, wenn man die Kompetenzen in der Klasse nutzt, die es ja gibt. Jeder weiß, dass junge Menschen einiges zu bieten haben an Interesse und Erfahrung mit den neuen Techniken. Der Vorsprung der Lehrkräfte in ihrem Fachgebiet und auch in anderen Bereichen wird bleiben – aber all das kommt jetzt vielleicht sogar noch besser an. Die Jugendlichen lieben das – und sie lernen enorm dabei – und wir Älteren übrigens auch.

Er sah kurz in die Runde, dann fuhr er fort:

„Warum nicht darauf aufbauen? Eine Gruppe von Oberstufenschülern könnte das technische Fundament für die KI-Arbeit mit vorbereiten, jüngere Klassen beim Einstieg begleiten, Fragen klären, den Lehrkräften den Rücken freihalten. Ein Modell mit zwei Säulen: digitale Unterstützung und menschliche Begleitung. Dazu bräuchte es nur einen Raum mit de entsprechenden Ausstattung – und natürlich ein wenig Mut zum Experiment.“

Stille. Dann die ersten zustimmenden Blicke.
Eine Kollegin meldete sich: „Das klingt interessant und eröffnet möglicherweise neue Perspektiven. Wir sollten es ausprobieren – und ich kann Ihnen sagen: Das Land wird Sie personell und finanziell unterstützen.“

Schließlich bildete sich spontan eine kleine Arbeitsgruppe – Einige Lehrer und Lehrerinnen, die neugierig waren, aber auch solche, die lieber vorsichtig starten, aber mit dabei sein wollten. Man wollte gemeinsam überlegen, wie sich Fabers Mentorensystem ausweiten ließ, um später den Übergang in die technische Phase vorzubereiten.

Beim Hinausgehen sagte eine Kollegin halblaut zu ihrem Nachbarn:

„Gut, dass mein Sohn sich mit all dem KI-Kram auskennt. Der wird mir heute Abend wieder Nachhilfe geben müssen.“

Der Kollege grinste. „Tja… das sieht nach einer deutlichen Erhöhung des Taschengeldes aus.“

Sie lachten – und zum ersten Mal wirkte das Projekt nicht wie eine Bedrohung, sondern wie ein ungewohnter, aber gangbarer Weg.

Weitere Infos, Tipps und Materialien