Anders Tivag, „Die Freistunde“ – eine Kurzgeschichte über Blasiertheit, das Morbide im Kleinen und zwei Lehrer, die sich befreien (Mat5462-dfs)

Handgezeichnetes Männchen mit Sprungtuch als Wegweiser zum Inhaltsverzeichnis

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Warum diese „Freistunde“ eine Befreiung ist

Ein Lehrer hat einem Schüler gestern noch geholfen – und heute schaut dieser Schüler auf dem Flur demonstrativ an ihm vorbei. Verstört landet der Lehrer im Lehrerzimmer, wo ausgerechnet der Kollege sitzt, den alle für einen kühlen Einzelgänger halten. Was dann in einer einzigen Freistunde passiert, ist keine große Handlung – aber es verändert den Blick auf Menschen, die zunächst abweisend wirken. Dabei bekommen zwei alte Wörter neues Leben: blasiert und morbide – nicht als Schimpfwörter, sondern als Werkzeuge, mit denen man Verhalten besser verstehen kann.

Die Geschichte eignet sich weniger für Klassenarbeit oder Klausur als für ein offenes Gespräch: über eigene Erfahrungen, über Gruppenregeln und über die Frage, warum Wohlstand manchmal Distanz erzeugt. Das Besondere dieser Seite: Wir gehen die Geschichte Schritt für Schritt durch und zeigen jeweils, was der Text mit dem Leser macht und was man danach mehr weiß.

Handgezeichnetes Männchen kratzt sich gut gelaunt am Kopf, über ihm schweben Fragezeichen – hier warten Rätselfragen

Drei Fragen vorab – denk kurz selbst nach, bevor du weiterliest:

1. Hindurchsehen ohne Verachtung?
Warum kann jemand, dem du gestern geholfen hast, heute durch dich hindurchsehen – ohne dass er dich verachtet?

2. „Alles gut, Bruder?“
Was hat ein lockeres Abklatschen in der Pausenhalle damit zu tun, wie viel ein Mensch im Leben schon hat?

3. Ein Becher Kaffee gegen eine Stunde Theorie
Wie kann ein einfacher Becher Kaffee mehr sagen als eine ganze Stunde kluger Theorie?

Die Antworten findest du weiter unten.

Die Geschichte zum Lesen und Ausdrucken

Anders Tivag, „Die Freistunde“ – hier zunächst der vollständige Text als Bild und als Druckvorlage. Darunter gehen wir die Geschichte Schritt für Schritt durch.

Vorschau der Kurzgeschichte „Die Freistunde“ von Anders Tivag

Die Druckvorlage zum Herunterladen:

Die Geschichte Schritt für Schritt: Leserlenkung und Deutungsfortschritt

Hier steht der vollständige Text, aufgeteilt in zehn Erzählschritte. Unter jedem Abschnitt findest du zwei Dinge:

  • Leserlenkung: Was macht der Text mit dem Leser – welche Erwartungen weckt er, wohin lenkt er den Blick?
  • Deutungsfortschritt: Was weiß der Leser nach diesem Abschnitt mehr – und wie verändert sich seine Vermutung, worum es eigentlich geht?

Schritt 1: Ein Kollege wie ein Möbelstück

Kessler schob die Tür zum Lehrerzimmer mit der Schulter auf, weil er in der einen Hand die Mappe und in der anderen den Kaffeebecher hatte, den er in die Pause mitgenommen hatte. Seltsam, keiner da – ach doch. Hinten am Fenster saß Rehm, wie immer hinter seiner Zeitung, wie immer in derselben Ecke, als hätte man ihn dort zusammen mit dem Mobiliar angeschafft.

Kessler ließ die Mappe auf den Tisch fallen, lauter als nötig.

Die Zeitung senkte sich. Rehm sah über den Rand, und er sah einen Moment zu lange hin. So lange, dass er offenbar meinte, etwas sagen zu müssen.

„Was ist denn mit Ihnen los?“

Eigentlich hatte Kessler nichts sagen wollen. Schon gar nicht zu Rehm, der in sieben Jahren kaum mehr als „Morgen“ und „Der Kopierer spinnt“ zu ihm gesagt hatte. Aber dann war es schon heraus.

Leserlenkung:

  • Wir sehen alles durch Kesslers Augen. Rehm wird uns als Teil der Einrichtung vorgestellt: „als hätte man ihn dort zusammen mit dem Mobiliar angeschafft“. Von so jemandem erwartet man nichts.
  • Kesslers Ärger wird nicht benannt, sondern gezeigt: Die Mappe fällt „lauter als nötig“. Der Leser schließt selbst, dass etwas passiert sein muss.
  • Ein erster kleiner Riss im Bild: Rehm sieht „einen Moment zu lange hin“. Wer genau liest, ahnt, dass der Mann hinter der Zeitung mehr wahrnimmt, als er zeigt.

➜ Deutungsfortschritt: Ausgangslage geklärt: ein verärgerter Lehrer und ein Kollege, der seit sieben Jahren fast nichts sagt. Damit ist eine Erwartung gesetzt, die die Geschichte später durchbrechen wird.

Schritt 2: Die Kränkung – Jonas sieht durch ihn hindurch

„Ich habe gestern mit einem Schüler eine halbe Stunde nach Schulschluss an seiner Facharbeit gesessen. Jonas, Zwölfte, ein netter Kerl. Wir haben die Gliederung zusammen umgebaut, er war richtig begeistert, hat sich dreimal bedankt. Und eben kommt er mir mit seinen Leuten auf dem Flur entgegen. Vier, fünf Jungs. Und er sieht durch mich durch. Nicht zufällig, verstehen Sie? Er sieht absichtlich weg. Einer von den anderen hat gegrinst.“

Rehm sagte nichts. Die Zeitung lag jetzt auf seinen Knien.

Leserlenkung:

  • Kessler sammelt Beweise: „eine halbe Stunde“, „richtig begeistert“, „dreimal bedankt“. Je genauer er seine Hilfe beschreibt, desto stärker steht der Leser auf seiner Seite.
  • Das Grinsen des anderen Jungen verschärft die Kränkung – jetzt ist es nicht nur Gleichgültigkeit, sondern fast schon Spott.
  • Rehm antwortet nur mit dem Körper: Die Zeitung liegt „jetzt auf seinen Knien“. Er hört zu – das ist schon mehr als in sieben Jahren davor.

➜ Deutungsfortschritt: Der Konflikt ist da: gestern Hilfe, heute Missachtung. Die erste Vermutung des Lesers lautet: Jonas ist undankbar. Genau diese Vermutung wird die Geschichte prüfen.

Schritt 3: Der Gegenfall – „Alles gut, Bruder?“

„Und das Komische ist“, sagte Kessler, „zehn Minuten später, Aufsicht in der Pausenhalle. Da kommt einer aus Richtung Hauptschule, und der klatscht mich ab. ‚Alles gut, Bruder?‘ Einfach so. Dem habe ich nie bei irgendetwas geholfen.“ Er setzte sich. „Unsere Gymnasiasten, denen es an nichts fehlt, kriegen nicht mal ein Kopfnicken hin. Und die anderen …“

Leserlenkung:

  • Ein Kontrast wird aufgebaut: der Schüler, dem geholfen wurde, und der Schüler, dem nie geholfen wurde – und ausgerechnet der zweite ist freundlich.
  • Kesslers Satz bricht ab: „Und die anderen …“. Der Leser muss die Lücke selbst füllen – und merkt vielleicht, wie nahe man hier an einem Pauschalurteil ist.

➜ Deutungsfortschritt: Aus dem Einzelfall wird ein Muster: Wer viel hat, grüßt weniger? Damit ist die Frage gestellt, um die sich das ganze weitere Gespräch dreht.

Schritt 4: Ein Wort aus der Zeit um 1900 – blasiert

„Blasiert“, sagte Rehm.

„Wie bitte?“

„Das Wort, das Sie suchen. Blasiert.“

Kessler lachte kurz auf. „Richtig. Das ist ja ein Wort von um neunzehnhundert. Das hat man über die jungen Herren in der wilhelminischen Gesellschaft gesagt. Die Leutnants, die Erben.“

„Und ein Soziologe hat damals erklärt, woher das kommt.“ Rehm faltete die Zeitung zusammen und legte sie neben sich, ordentlich, Kante auf Kante. „Simmel. ‚Die Großstädte und das Geistesleben‘, neunzehnhundertdrei. Ich habe das im Studium lesen müssen und dachte damals, das sei verstaubtes Zeug.“

„Und?“

„Simmel sagt, der Großstädter wird von Reizen überschüttet. Menschen, Lärm, Waren, alles gleichzeitig. Und weil Geld alles vergleichbar macht, hat am Ende nichts mehr seinen eigenen Wert. Wer das alles an sich heranließe, würde verrückt. Also legt man sich einen Panzer zu. Man wird unbeeindruckt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Selbstschutz.“

Leserlenkung:

  • Rehm vollendet Kesslers abgebrochenen Satz – aber nicht mit einem Schimpfwort, sondern mit einem Begriff, der erklärt. Das ist der erste echte Gesprächsbeitrag des „Möbelstücks“.
  • Die Zeitung wird zusammengefaltet und weggelegt, „Kante auf Kante“. Der Schutzschild kommt weg – und zwar sorgfältig, als wäre es ein bewusster Entschluss.
  • Die kurzen Einwürfe Kesslers („Wie bitte?“, „Und?“) zeigen: Er ist neugierig geworden. Mit ihm wird es auch der Leser.

➜ Deutungsfortschritt: Blasiertheit ist ein Panzer gegen zu viele Reize, „nicht aus Bosheit, sondern aus Selbstschutz“. Die erste Vermutung (Jonas ist undankbar) gerät ins Wanken.

Schritt 5: Vom Großstädter zum Handy-Kind – und zu Boldts Café

„Jonas ist aber nicht in Berlin um neunzehnhundert aufgewachsen.“

„Nein. Schlimmer. Er ist mit einem Handy aufgewachsen.“ Rehm hob kurz die Augenbrauen. „Und in einem Haus, in dem für alles gesorgt ist. Wer nichts braucht, muss auch niemanden grüßen.“

Kessler dachte einen Moment nach. „Das passt zu den Expressionisten“, sagte er dann. „Ich mache das gerade in der Elf. Boldt, ‚Auf der Terrasse des Café Josty‘. Da sitzt einer gemütlich oben im Café und schaut auf den Potsdamer Platz hinunter, und die Leute da unten, die zur Arbeit hetzen, nennt er ‚Menschenmüll‘. Das hat mich immer geärgert.“

„Wer morgens um fünf auf dem Bau steht“, sagte Rehm, „hat keine Zeit, blasiert zu sein.“

Leserlenkung:

  • Kessler prüft die Theorie mit einem Einwand – so, wie man es im Unterricht auch tun sollte. Rehm überträgt sie auf heute: Das Handy ersetzt die Reizflut der Großstadt.
  • Rehm spricht in kurzen, zugespitzten Sätzen, die man sich merkt: „Wer nichts braucht, muss auch niemanden grüßen.“
  • Jetzt bringt Kessler selbst etwas ein, das Boldt-Gedicht. Aus dem Klagen ist gemeinsames Nachdenken geworden.

➜ Deutungsfortschritt: Blasiertheit ist auch ein Blick von oben herab – wie von der Café-Terrasse auf die Menschen unten. Wer dagegen hart arbeiten muss, kann sich diese Haltung gar nicht leisten.

Schritt 6: Herkunft oder Lage – und ein anderer Kodex

„Und der Junge aus der Hauptschule?“

„Der braucht seine Leute noch. Der hat noch nicht alles. Das ist übrigens keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage der Lage. Ibn Khaldun hat das schon im vierzehnten Jahrhundert für seine Welt beschrieben. Wer neu anfängt, hält zusammen. Wer angekommen ist, lässt los.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und Ihr Jonas hat vor seinen Kumpels einfach nicht mit einem Lehrer kuscheln wollen. Das ist auch ein Kodex. Nur ein anderer.“

Leserlenkung:

  • Rehm wehrt das drohende Pauschalurteil aus Schritt 3 ausdrücklich ab: „keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage der Lage“.
  • Dann die überraschende Wendung zurück zu Jonas: Er ist nicht undankbar, er folgt einem Kodex. Der Leser muss seine Einschätzung aus Schritt 2 korrigieren.

➜ Deutungsfortschritt: Zwei Erklärungen liegen jetzt nebeneinander: Blasiertheit aus Wohlstand und Gruppenregeln, die vor den Kumpels gelten. Die anfängliche Vermutung „Jonas ist undankbar“ ist damit umgedeutet.

Schritt 7: Der Kaffee – ein Wendepunkt ohne Worte

Kessler merkte, dass er den leeren Kaffeebecher immer noch in der Hand hielt. Rehm stand auf, nahm ihn ihm ab, ging zur Maschine und kam mit zwei vollen Bechern zurück. Kessler konnte sich nicht erinnern, dass Rehm je für jemanden Kaffee geholt hätte.

Leserlenkung:

  • Mitten im Theorie-Gespräch eine kleine Handlung, in schlichten Hauptsätzen erzählt. Das Tempo verlangsamt sich – ein Signal: Hier passiert etwas Wichtiges.
  • Der letzte Satz hebt die Geste eigens hervor. Der Leser soll sie nicht überlesen.

➜ Deutungsfortschritt: Rehm handelt gegen seinen Ruf. Neue Vermutung: Die eigentliche Veränderung in dieser Geschichte geschieht nicht bei Jonas, sondern bei Rehm.

Schritt 8: Vom Kleinen ins Große – das Morbide

„Wissen Sie, was das Unheimliche daran ist?“, sagte Rehm und setzte sich wieder. „Dass es nicht beim Einzelnen bleibt. In meinem früheren Leben, als ich noch die Welt verändern wollte, habe ich Gramsci gelesen. Den italienischen Marxisten, den Mussolini eingesperrt hat. Der hat im Gefängnis einen Satz geschrieben, den ich nie vergessen habe: Das Alte stirbt, und das Neue kann nicht geboren werden. Und in dieser Zwischenzeit treten die verschiedensten krankhaften Erscheinungen auf. Er nennt sie morbide Erscheinungen.“

„Und was hat das mit Jonas zu tun?“

„Das hat schon Ibn Khaldun gesehen: Kulturen sind am Anfang begeistert. Da brennt etwas, da glauben die Leute an das, was sie aufbauen. Dann wird alles selbstverständlich. Die Flamme geht aus, aber die Macht ist noch da. Die Institutionen, das Geld, die schönen Reden. Nur die Seele dahinter fehlt, das Gefühl, für etwas verantwortlich zu sein. Das ist Gramscis Zwischenzeit. Und in so einer Zeit kann es ziemlich ungemütlich werden.“ Er nahm einen Schluck. „Wenn Sie es auf eine Formel bringen wollen: Blasiertheit ist das Morbide im Kleinen. Und das Morbide ist die Blasiertheit im Großen.“

Er sagte es ein bisschen so, als hätte er den Satz schon länger mit sich herumgetragen und nur auf jemanden gewartet, der ihn hören wollte.

Leserlenkung:

  • Der Blick weitet sich vom Schulflur auf ganze Gesellschaften. Kesslers Frage „Und was hat das mit Jonas zu tun?“ ist zugleich die Frage des Lesers – der Text holt ihn ausdrücklich ab.
  • Rehms Formel ist spiegelbildlich gebaut (ein Chiasmus): „Blasiertheit ist das Morbide im Kleinen. Und das Morbide ist die Blasiertheit im Großen.“ So wird sie zum Merksatz.
  • Der Erzählerkommentar danach verrät etwas über Rehm selbst: Er hat „nur auf jemanden gewartet, der ihn hören wollte“. Hinter dem kühlen Einzelgänger wird ein einsamer Mensch sichtbar.

➜ Deutungsfortschritt: „Morbide“ meint hier keine Beleidigung, sondern einen Zustand: Begeisterung und Verantwortung sind verloren gegangen, nur die Fassade steht noch. Und: Nicht nur Kessler braucht dieses Gespräch – Rehm braucht es auch.

Schritt 9: Das Ende der Freistunde

Kessler wollte gerade etwas erwidern, da ging die Tür auf. Die Bergmann kam herein, hinter ihr zwei Referendare, dann noch jemand. Taschen, Stimmen, das Klappern der Fächer. Die Freistunde war vorbei, ohne dass einer von beiden auf die Uhr gesehen hatte.

Rehm griff nach seiner Zeitung. Bevor er sie aufschlug, sagte er leise: „Danke übrigens. Das war die beste Freistunde seit Langem.“

Leserlenkung:

  • Der Alltag bricht herein, in einer knappen Aufzählung ohne Verben: „Taschen, Stimmen, das Klappern der Fächer.“ Die besondere Stunde ist schlagartig vorbei.
  • Rehm greift wieder zur Zeitung – der Panzer kommt zurück. Aber vorher sagt er „Danke“. Der Panzer ist jetzt durchlässig geworden.

➜ Deutungsfortschritt: Auch Rehm hat von der Stunde profitiert. Der Titel bekommt eine zweite Bedeutung: Die Freistunde ist nicht nur eine Lücke im Stundenplan, sondern eine Stunde, in der zwei Lehrer frei werden.

Schritt 10: Auf dem Weg zum Kopierer – was wirklich zählt

Kessler musste noch kopieren. Arbeitsblätter für die Elf, ausgerechnet Boldt. Auf dem Weg zum Kopierraum merkte er, dass er nicht mehr an Jonas dachte, jedenfalls nicht mehr so wie vorhin.

Er dachte an Rehm. Sieben Jahre hatte er ihn für einen kühlen Kopf gehalten, der sich hinter der Zeitung verschanzt. Und dann hatte der Mann fast eine ganze Stunde an seinem Ärger herumgedacht, als wäre es sein eigener. Natürlich hatte er auch gern gezeigt, was er wusste. Simmel, Gramsci und dieser Araber aus dem vierzehnten Jahrhundert, dessen Namen Kessler schon wieder vergessen hatte – das hatte ihm sichtlich Spaß gemacht. Aber das war es nicht allein gewesen. Er hatte Kaffee geholt.

Leserlenkung:

  • „Ausgerechnet Boldt“ – der Kreis schließt sich. Das Gedicht, das Kessler vorher geärgert hat, wartet jetzt mit neuem Hintergrund auf ihn.
  • Kesslers Gedanken sind ehrlich: Er gibt zu, dass Rehm auch gern sein Wissen gezeigt hat. Gerade diese Einschränkung macht sein Urteil glaubwürdig.
  • Der Schlusssatz ist kurz, schlicht und greift das Kaffee-Motiv auf. Er erklärt nichts – der Leser muss selbst verstehen, warum gerade diese Geste den Ausschlag gibt.

➜ Deutungsfortschritt: Kesslers Blick hat sich verschoben – weg von Jonas, hin zu Rehm. Am Ende überzeugt nicht die Theorie, sondern die Geste: Wer einen Moment lang seinen Panzer ablegt, verändert mehr als jede kluge Erklärung.

Was die Geschichte zeigt – die Aussagen auf einen Blick

  • Abweisung ist oft Schutz, nicht Verachtung.
    Wer kühl oder blasiert wirkt, trägt häufig einen Panzer – gegen zu viele Reize, gegen den Blick der Gruppe oder aus Gewohnheit.
  • Nähe hängt von der Lage ab, nicht von der Herkunft.
    Wer noch etwas braucht, sucht Verbindung. Wer abgesichert ist, kann es sich leisten, auf Abstand zu gehen.
    —
    Gruppenregeln wirken zusätzlich: Vor den Kumpels gilt ein Kodex, der mit Dankbarkeit nichts zu tun hat.
  • Das Kleine spiegelt das Große.
    Rehms Formel verbindet den Schulflur mit der Gesellschaft: Blasiertheit ist das Morbide im Kleinen, das Morbide die Blasiertheit im Großen.
  • Eine Geste wiegt mehr als eine Theorie.
    Rehm überzeugt nicht durch Simmel, Ibn Khaldun und Gramsci, sondern dadurch, dass er Kaffee holt – und damit selbst tut, worüber die beiden reden.

Auflösung der drei Einstiegsfragen

1. Durch jemanden hindurchsehen, ohne ihn zu verachten
Jonas ist nicht undankbar, er steckt in seiner Gruppe. Vor den Kumpels gilt die ungeschriebene Regel: Mit Lehrern wird nicht gekuschelt. Rehm nennt das einen „Kodex“. Dazu kommt, was der Soziologe Georg Simmel um 1900 „Blasiertheit“ nannte: eine antrainierte Gleichgültigkeit, mit der sich Menschen gegen zu viele Reize schützen. Das ist kein böser Wille, sondern eine Art Panzer.

2. „Alles gut, Bruder?“ und die Frage, wie viel man schon hat
Rehm bringt es auf den Punkt: „Wer nichts braucht, muss auch niemanden grüßen.“ Wer abgesichert ist, ist weniger auf spontane Kontakte angewiesen. Wer sich dagegen noch durchschlagen muss, sucht Verbindung. Wichtig ist Rehms Zusatz: Das ist „keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage der Lage“. Auch das Abklatschen ist übrigens ein Gruppenritual, nur eben ein anderes.

3. Ein Becher Kaffee gegen eine Stunde Theorie
Rehm liefert viel Wissen: Simmel, Ibn Khaldun, Gramsci. Das hilft Kessler, seine Erfahrung einzuordnen, und Rehm zeigt auch gern, was er weiß. Aber am Ende ist es eine kleine Geste, die Kessler überzeugt: Der angeblich kühle Kollege steht auf und holt Kaffee. Damit tut Rehm genau das, worüber die beiden die ganze Zeit reden. Er legt seinen eigenen Panzer für einen Moment ab.

Fragen zur Diskussion

Eigene Erfahrungen
Habt ihr schon erlebt, dass Menschen zunächst blasiert oder abweisend wirken und sich dann in einer bestimmten Situation plötzlich öffnen? Was war das für eine Situation, und wie lange hielt die Öffnung an?

Gruppenregeln
Kennt ihr den „Kodex“, von dem Rehm spricht? Gibt es Dinge, die ihr allein tun würdet, vor eurer Gruppe aber nicht, zum Beispiel einen Lehrer freundlich grüßen?

Wohlstand und Distanz
Stimmt Rehms Satz „Wer nichts braucht, muss auch niemanden grüßen“? Sucht Beispiele dafür und dagegen.

Die Figur Rehm
Ist Rehm ein Beispiel für Blasiertheit oder eher ein Gegenbeispiel? Wo in der Geschichte verändert er sich, und woran merkt man das?

Der Schluss
Die Geschichte endet mit dem Satz „Er hatte Kaffee geholt.“ Stellt euch vor, es folgte noch ein Satz. Wie könnte er lauten – und was ginge dadurch verloren?

Der Titel
Passt der Titel „Die Freistunde“? Man könnte die Geschichte auch „Die Überraschung“ nennen. Welcher Titel passt besser – und warum? Achtet auf beide Lehrer: Wer wird hier eigentlich frei, und wovon? Unser Deutungsvorschlag: Hier befreien sich gleich zwei. Kessler wird seinen Ärger über Jonas los, und Rehm kommt für eine Stunde hinter seiner Zeitung hervor. „Die Überraschung“ würde die Wendung schon vorher ankündigen – „Die Freistunde“ lässt den Leser die zweite Bedeutung selbst entdecken.

Ein Blick über die Geschichte hinaus
Rehm behauptet, auch Kulturen hätten Phasen: Am Anfang sind sie begeistert, später wird alles selbstverständlich. Was haltet ihr davon? Kennt ihr aus dem Geschichtsunterricht Beispiele für einen solchen Wandel? Diese Frage eignet sich auch gut für ein Gespräch mit eurer Geschichtslehrkraft.

Herkunft oder Lage?
Rehm sagt, ob jemand Abstand hält oder Nähe sucht, sei „keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage der Lage“. Was spricht dafür, was dagegen? Sucht Beispiele aus eurem eigenen Umfeld. Wichtig ist dabei, Beobachtungen zu schildern und keine Urteile über ganze Gruppen zu fällen.

Das Gedicht im Hintergrund: Boldt, „Auf der Terrasse des Café Josty“

Im Gespräch erwähnt Kessler Paul Boldts Gedicht „Auf der Terrasse des Café Josty“ aus der Zeit des Expressionismus. Wer nachprüfen will, ob Kesslers Ärger über den „Menschenmüll“ berechtigt ist, findet hier mehr dazu:

Weitere Infos, Tipps und Materialien

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