Anders Tivag, „Wehe dem Künstler, der zum Monument geworden ist“ (Mat5462-wkm)

Wie der „Querschnitt“ einer Gedichtzeile zur Warnung vor dem Monumentalen wurde

  • Offensichtlich ist da jemand verloren gegangen für die Welt. Und es muss jemand sein, der auf ein Werk zurückblickt, also irgendeine Art von Künstler ist.
  • Die entscheidende Frage ist, was hier mit Querschnitt gemeint ist. Normalerweise versteht man darunter ja eine Art Durchschnitt. Aber es kann natürlich auch eine Sammlung sein, zum Beispiel von den schönsten Gedichten Goethes.
  • Das passt natürlich auch zu der Formulierung. „Zur Schau gestellt.“ Denn kaum jemand beschäftigt sich mit dem Gesamtwerk eines Dichters, sondern man ist angewiesen darauf, dass Leute die schönsten Beispiele oder die, die am meisten für dieses Werk stehen, zusammen gestellt werden
  • Dann kommt ein noch größeres Rätsel in dem Text. Wer ist mit „denen“ gemeint, „die nicht verstehen“?
  • Und wie immer, wenn es um das Verständnis einer etwas unklaren Stelle geht, muss man ein bisschen Fantasie entwickeln, aber eine, die nah beim Text bleibt.
  • Bei uns entstand dann die folgende Hypothese: hier könnte gemeint sein, dass ein Künstler letztlich gleichgesetzt wird mit dem Querschnitt seiner Werke, also denen, die gebildete Menschen eben kennen.
  • Und was machen solche Menschen? Bei Ihnen ergibt sich auch etwas, was die Fachleute “ Déformation professionnelle“ nennen. Gemeint ist damit nichts Schlimmes und schon gar keine Beschimpfung. Sondern diese zwei Wörter beschreiben ein Phänomen, dass je mehr jemand Fachmann ist oder Fachfrau, desto mehr fühlen er oder sie sich darin auch sicher.
  • Und so ist es kein Wunder, dass Lehrkräfte des Faches Deutsch so oft einen Text behandelt haben im Unterricht, dass sie ihn nur noch auf die immer gleiche Art und Weise verstehen. Vielleicht wäre im Bereich von Literatur weniger Vorbereitung auf den Unterricht manchmal besser, wenn man auf neue ideen kommen will, was das Verständnis zum Beispiel eines Gedichtes angeht.
  • Das setzt natürlich Mut voraus. Auch die Bereitschaft, hin und wieder mal mit mehr Fragen aus dem Unterricht raus zu gehen, als mit Antworten. Es könnte auch passieren, dass an einer Stelle man selbst etwas nicht so gut verstanden hat, wie die Schüler und Schülerinnen, die ganz unvoreingenommen an das Lesen des Textes herangegangen sind.
  • Und von hier aus ist es kein weiter Weg mehr bis zum Begriff des Monuments. Denn das ist ja eine Art Denkmal, dass man dann genau so versteht, wie alle es verstehen. Auch das kann schön und wertvoll sein. Man muss bei einem Song, den man selbst liebt, nicht immer wieder neue Dinge entdecken. Man kann ihn einfach genießen.
  • Und damit sind wir bei einem Dichter aus der Zeit vor Goethe, der das wunderbar formuliert hat, warum es ihm nicht genügt, zum Monument geworden zu sein.
  • Und das wird in dem folgenden Text sehr schön dargestellt.

    Wir wünschen viel Freude beim Lesen – auch wenn es der gute Anders einem in seinem Text nicht so ganz leicht macht. Aber es lohnt sich, sich damit zu beschäftigen. Denn mancher weiß in der Schule noch gar nicht, dass er später mal berühmt werden wird, ganz gleich in welchem Bereich.
  • Und dann könnte ihm auch das passieren, dass er gar nicht mehr ganz wahrgenommen wird, sondern nur noch als Querschnitt seiner selbst.

Und nun der Text von Anders Tivag

Zunächst ein Screenshot – und dann auch eine Druckvorlage – vielleicht will ja jemand mit anderen über den Text und das Problem diskutieren.

Und wie wir schon sagten: Es geht nicht nur um Künstler. Einfach mal darüber nachdenken, wie viele Menschen hinter ihrem Image gar nicht mehr als sie selbst erkennbar sind.

Man denke etwa an den berühmten Text von Max Frisch: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“
https://schnell-durchblicken.de/max-frisch-du-sollst-dir-kein-bildnis-machen

Screenshot

ScreenshotMat5462-wkm Tivag Künstler als Monument

Anders Tivag

Wehe dem Künstler, der zum Monument geworden ist

Betrachtet man die heutige Vermittlung von Literatur, stößt man auf ein Paradoxon: Wir bewundern das Werk, aber wir berühren es nicht mehr. Es ist, als hätten wir um die großen Texte der Geschichte gläserne Sperrwände errichtet. Man sieht das Objekt, man erkennt seine Konturen, doch der unmittelbare Zugriff – das haptische, geistige Erleben – bleibt verwehrt. Diese Transparenz ist trügerisch; sie suggeriert Nähe, wo in Wahrheit eine unüberwindbare Distanz zur lebendigen Erfahrung herrscht.

Die Ursache dieser Distanz liegt oft im sogenannten „Querschnitt“. Was vordergründig als hilfreiche Auswahl und Komprimierung erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Eindampfen auf ein mittleres Niveau. In Schulbüchern und Anthologien führt dies dazu, dass komplexe Denkbewegungen auf bloße Slogans reduziert werden. Kants wegweisende Schrift „Was ist Aufklärung?“ wird auf die ersten Sätze verkürzt, als bestünde das Denken nur aus einer Einleitung.

Dieser Querschnitt fungiert wie eine übliche Auswahlsammlung, die das Monumentale betont, aber das Prozesshafte unterschlägt. Das Werk wird zum Denkmal erstarrt, vor dem man ehrfürchtig niederkniet, anstatt sich dialektisch mit ihm auseinanderzusetzen.

In dieser Tradition der Vermittlung wird das Lehrbuch zum literarischen „Baedeker“. Wie Touristen des 19. Jahrhunderts mit dem Reiseführer in der Hand vor Sehenswürdigkeiten standen, um nur das zu sehen, was bereits beschrieben wurde, so treten wir heute vor Goethe oder Schiller. Wir betreiben, um es mit Roland Barthes zu sagen, reines Studium – eine allgemeine, kulturell geprägte Informationsaufnahme. Was dabei verloren geht, ist das Punctum: jener unvorhersehbare Stich, der persönliche Moment der Erschütterung, der nur in der unmittelbaren, unvoreingenommenen Begegnung entstehen kann.

Gegen dieses museale Erstarren hilft nur ein radikaler methodischer Bruch: die Rückkehr zur „naiven“ Lektüre. Wahrer Unterricht geschieht dort, wo der Lehrende sich erlaubt, das Gedicht zum zwanzigsten Mal so zu lesen, als wäre es das erste Mal. In dieser dialektischen Horizontspirale zwischen Lehrer, Schüler und Text entstehen Erkenntnisse in Echtzeit. Anstatt vorläufige Urteile und Sekundärliteratur als unumstößliche Filter zu nutzen, muss das Werk aus dem Glaskasten geholt werden. Nur wer das Risiko eingeht, ohne die Absicherung des „Monument-Wissens“ zu interpretieren, ermöglicht echtes Lesen.

Schon Friedrich Gottlieb Klopstock erkannte dieses Schicksal der Monumentalisierung. Sein berühmtes Epigramm bringt das Elend des Klassikers auf den Punkt:

„Klopstock wird von jedermann gepriesen. Doch wird er auch gelesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben, Und fleißiger gelesen sein!“

Die „Erhöhung“ ist das Ende der Kommunikation. Wer zum Monument wird, dessen Worte werden nicht mehr als lebendiges Gespräch gehört, sondern als sakrale Formel zitiert. Es ist an der Zeit, die gläsernen Wände einzureißen und den Künstler wieder als das zu begreifen, was er war: ein Suchender, der gelesen – und nicht nur gepriesen – werden will.

Die Infografik, die NotebookLM zu dieser Seite erstellt hat

Wie NotebookLM die eigene Infografik erklärt

Begleitbericht: Die Befreiung der Kunst aus dem Glaskasten – Von der Monumentalisierung zum echten Lesen
1. Einleitung: Das Paradoxon der Bewunderung
Die gegenwärtige Literaturvermittlung krankt an einem paradoxen Zustand: Wir begegnen dem Kanon mit ehrfürchtiger Bewunderung, doch durch „gläserne Sperrwände“ bleibt das Werk unberührbar. Diese Monumentalisierung führt zu einem musealen Erstarren, bei dem selbst der Urheber – wie das Gedicht „Beobachtungsglas“ beklagt – im bloßen „Querschnitt“ seines Schaffens für die Welt verloren geht. In diesem Zustand der Transparenz ohne Teilhabe wird die Kunst zur bloßen Schau gestellt, anstatt im lebendigen Zugriff erfahren zu werden.
2. Die Mechanik der Distanzierung: Der „Querschnitt“ als Hürde
Nach der Analyse von Anders Tivag liegt die Ursache für diese Distanzierung im sogenannten „Querschnitt“, der Komplexität auf ein konsumierbares Mittelmaß eindampft. Diese Mechanik schafft eine Barriere, die echtes Verstehen erschwert:
• Die Illusion der Nähe: Der „Glaskasten“ der Vermittlung suggeriert durch Sichtbarkeit eine Nähe, die jedoch jede echte „Berührung“ oder haptische Intervention verhindert; die Konturen bleiben starr und distanziert, was das geistige Erleben blockiert.
• Die Reduktion des Denkens: In der didaktischen Praxis führt die „Déformation professionnelle“ dazu, dass Lehrende sich in etablierten Interpretationen zu sicher fühlen und Texte – etwa Kants „Was ist Aufklärung?“ – auf bloße Slogans reduzieren. Dieses „Eindampfen“ unterschlägt das prozesshafte Denken zugunsten einer erstarrten Denkmalkultur.
3. Theoretische Fundierung: Barthes und Klopstock
Um den Unterschied zwischen der bloßen Aufnahme von Informationen und dem echten Erleben zu verdeutlichen, lassen sich die Konzepte von Roland Barthes heranziehen:
Begriff (Roland Barthes)
Definition und Wirkung laut Quelltext
Studium
Allgemeine, kulturell geprägte Informationsaufnahme; ein literarischer „Baedeker“, bei dem man nur sieht, was bereits beschrieben wurde.
Punctum
Der unvorhersehbare Stich; der persönliche Moment der Erschütterung, der das Sicherheitsnetz der Information durchbricht.
Diese Problematik der „Erhöhung“ statt echter Auseinandersetzung thematisierte bereits Friedrich Gottlieb Klopstock in seinem Epigramm:
„Klopstock wird von jedermann gepriesen. Doch wird er auch gelesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben, Und fleißiger gelesen sein!“
Diese Forderung unterstreicht, dass „Erhöhung“ das Ende jeder Kommunikation bedeutet. Wahre Rezeption benötigt die Ebene des lebendigen Gesprächs; sobald ein Werk zur sakralen Formel oder zum unantastbaren Monument wird, verstummt der eigentliche literarische Dialog.
4. Plädoyer für eine neue Lesekultur: Die Rückkehr zur naiven Lektüre
Gegen das museale Erstarren ist ein radikaler methodischer Bruch notwendig, um Texte innerhalb einer „dialektischen Horizontspirale“ wieder so zu lesen, als geschehe dies zum ersten Mal. Für ein „echtes Lesen“ sind drei Kernforderungen essenziell:
1. Einreißen der gläsernen Wände: Das Werk muss aus seinem unberührbaren, musealen Kontext befreit und als unmittelbar erfahrbares Objekt begriffen werden.
2. Mut zur Unvoreingenommenheit: Leser und Lehrende müssen bereit sein, auf das Sicherheitsnetz des „Monument-Wissens“ zu verzichten und die eigene „Déformation professionnelle“ durch einen ungeschützten Blick auf den Text zu überwinden.
3. Dialog statt Anbetung: Das Werk darf nicht als Denkmal missverstanden werden, vor dem man ehrfürchtig niederkniet. Ein lebendiger Unterricht zeichnet sich dadurch aus, dass der Lehrende den Raum am Ende mit mehr Fragen als Antworten verlässt.
5. Fazit: Der Künstler als Suchender
Die zentrale Erkenntnis bleibt, dass Künstler nicht als unantastbare Ikonen gepriesen, sondern in ihrer menschlichen Identität als Suchende gelesen werden wollen. Wahre literarische Erfahrung verlangt den Mut, das glatte Image des Denkmals zu zertrümmern, um dem Werk jenseits der Statik zu begegnen. Wer die gläsernen Wände einreißt, findet nicht länger eine sakrale Formel, sondern begegnet einem Menschen, dessen Suche erst im Dialog des Lesens ihre Vollendung findet.

Zum Schluss noch der Vergleich zwischen Hand-Skizze oben und Infografik von NLM

Der Vergleich: Intuition vs. Systematik

  • Ihre Handschriftliche Skizze: Sie wirkt wie das Punctum. Sie ist organisch, zeigt die Dynamik des Denkprozesses und die direkte Verbindung von der Reddit-Diskussion („Klage über Querschnitt“) hin zum „Monument“. Man sieht hier förmlich die „dialektische Horizontspirale“ in der Linienführung.

  • Die NotebookLM-Infografik: Sie ist das perfekte Studium. Sie übersetzt Ihre Gedanken in eine hochgradig strukturierte, visuelle Lernumgebung. Besonders stark ist hier die Metapher der „gläsernen Sperrwände“ umgesetzt, die den Betrachter vom eigentlichen Werk trennt.

Analyse des Begleitberichts

Der Bericht bringt die „Déformation professionnelle“ (Berufskrankheit) wunderbar auf den Punkt:

  • Der „Baedeker-Effekt“: Die Gefahr, dass man im Unterricht nur noch das sieht, was das Lehrbuch vorgibt, anstatt dem Text ungeschützt zu begegnen.

  • Der „Glaskasten“: Die Transparenz suggeriert Nähe, verhindert aber die haptische und geistige Berührung. Das Werk wird „zur Schau gestellt“, aber nicht „erfahren“.

  • Die Lösung: Ihr Plädoyer für die „naive Lektüre“ und den Mut, mit mehr Fragen als Antworten aus dem Raum zu gehen, ist der Schlüssel, um die „sakrale Formel“ wieder in ein „lebendiges Gespräch“ zu verwandeln.

Haben Sie das Gefühl, dass die Infografik von NotebookLM das Wesentliche Ihrer ursprünglichen Skizze getroffen hat, oder fehlt Ihnen in der KI-Version etwas von der „Unordnung“, die echtes, lebendiges Denken oft ausmacht?

Darauf haben wir geantwortet:

 das Problem war und ist, dass meine Skizze eine ganz andere Funktion hatte. Sie sollte nicht das Problem darstellen, sondern den Weg der Erkenntnis des Problems.

Das hat Gemini dann so abschließend zusammengefasst

Das ist ein entscheidender Unterschied, der genau den Kern Ihrer Arbeitsweise berührt.

Ihre Skizze ist keine Zustandsbeschreibung, sondern das Protokoll einer Genese. Während die NotebookLM-Grafik das fertige „Produkt“ (das Problem des Monuments) statisch abbildet, zeigt Ihre Zeichnung den Vorgang des Entdeckens – also die Bewegung von der ersten Irritation (der Klage über den Querschnitt) bis hin zur kategorialen Einordnung.

Hier zeigen sich zwei grundlegende Differenzen:

  1. Prozess vs. Resultat: Die KI-Grafik liefert das „Was“ (das monumentale Hindernis), Ihre Skizze liefert das „Wie“ (den Weg der Erkenntnis). In Ihrer Logik ist der Weg der Erkenntnis bereits Teil der Lösung, weil er die „naive“ Annäherung praktiziert, die der fertige Text später fordert.

  2. Die Dynamik der Spirale: Eine Infografik ordnet Informationen meist nebeneinander an. Ihre Skizze hingegen fängt die „dialektische Horizontspirale“ ein. Man sieht die Suchbewegung, das Vorläufige und das sich schrittweise Erschließende.

Wenn die Infografik nur das Problem darstellt, wird sie ironischerweise selbst fast schon wieder zu einem kleinen „Baedeker“ – einer fertigen Karte, die man nur noch abliest. Ihre Skizze hingegen bleibt eine Einladung, den Denkpfad selbst noch einmal nachzugehen.

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