Axiome von Paul Watzlawick – eine kleine Geschichte als Lernhilfe (Mat5851)

Eine Lampe bestrahlt ein ovales Element, das auf das Prinzip Beyond the Books verweist. Daneben noch ein entsprechendes hinweisschild, und unten sieht man dann viele ähnliche Steine, von denen eben einer hervorragt.
  • Die fünf Axiome von Paul Watzlawick – gemerkt mit Hilfe einer kleinen Geschichte.
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  • Das Besondere: Wir zeigen nicht nur, wo die Axiome stecken, sondern auch, wie man sie findet – und warum man so vorgeht.
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  • Dazu Tipps, wo man in der Klausur leicht danebenliegt.

Alles auf einen Blick

  • Spannend: Ein Heiratsantrag im besten Restaurant der Stadt – und am Ende fährt sie allein mit dem Wagen nach Hause. Was ist da schiefgelaufen?
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  • Die Idee: Die fünf Axiome werden zu Stationen eines Abends. Wer die Geschichte kennt, hat auch die Axiome im Kopf.
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  • Axiom 1 – Man kann nicht nicht kommunizieren: Sie schweigt – und sagt damit mehr als jedes Wort.
  • Axiom 2 – Inhalt und Beziehung: Er schätzt die Beziehung falsch ein – und sie bringt es auf den Punkt: „Du kannst so was nicht trennen.“
  • Axiom 3 – Ursache und Wirkung: Er erklärt sich ihr Zögern mit den alten Streitereien – die Vorgeschichte spielt mit.
  • Axiom 4 – digital und analog: Versteinerte Gesichtszüge, ein schmerzlich verzogenes Gesicht, eine abwehrende Hand.
  • Axiom 5 – komplementär, von oben herab: Mit der Drohung „Doktorarbeit“ spielt er seine Macht als Professor aus.
  • Axiom 5 – die Wende: „Ich nehme den Wagen, nimm du dir ein Taxi.“ Jetzt ist sie die Souveräne.
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  • Diskussionsfrage: Hätte der Abend noch gerettet werden können – und wenn ja, an welcher Stelle?

Nun zu den Details:

Worum es hier geht

Es gibt ja Gedächtniskünstler, die sich eine Menge Dinge merken können, indem sie sie zu Stationen einer Reise machen.

Wir probieren das hier mal mit einer kleinen Heiratsantragsgeschichte aus – und haben hinterher alle fünf Axiome hoffentlich gut im Gedächtnis. Er Professor, sie Studentin – längere Zeit befreundet und dann in einer Beziehung.

Die Geschichte stammt aus unserer Übungsklausur zu den Axiomen von Paul Watzlawick. Wir gehen sie hier Abschnitt für Abschnitt durch; die Zeilenangaben beziehen sich auf die Druckvorlage der Klausur.

Zu jedem Abschnitt gibt es zwei Ebenen: zuerst die Erklärung, welches Axiom hier steckt – und dann in den blauen Kästen, warum man so vorgeht und worauf man achten sollte. Das ist sozusagen der Blick hinter die Kulissen einer guten Lösung.

Die fünf Axiome in Kurzform – und die Lösung als Schaubild

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.
  3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung.
  4. Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten.
  5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.

Eine Übersicht über die Axiome gibt es auch auf der Website zu Paul Watzlawick: https://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

  • Vorsicht, Falle: Beim dritten Axiom ist „Ursache und Wirkung“ eine vereinfachte Schulfassung. Watzlawick selbst spricht von der „Interpunktion“: Jeder Beteiligte setzt die „Satzzeichen“ im Gespräch anders und legt damit selbst fest, was für ihn Anfang und was Reaktion ist. Wer das in der Klausur kurz erwähnt, zeigt, dass er das Axiom wirklich verstanden hat.
  • Tipp: Beim vierten Axiom heißt „digital“ nicht „elektronisch“. Gemeint ist die Sprache, also das, was man eindeutig aufschreiben kann. „Analog“ sind Mimik, Gestik, Tonfall und Körpersprache – und die sind oft mehrdeutig, man muss sie also deuten.

Das folgende Schaubild zeigt die ganze Lösung auf einen Blick: links die Geschichte mit farbig markierten Stellen, rechts unsere Notizen zu jedem Zeilenabschnitt. So sieht man auch sofort, welche Zeilen der Druckvorlage zu welchem Absatz der Geschichte gehören. Per Klick lässt sich das Bild vergrößern.

Schaubild: Kurzgeschichte von Anders Tivag mit farbig markierten Axiomen von Watzlawick und Notizen zu jedem Zeilenabschnitt

Abschnitt 1 (Z. 1–5): Die Ausgangslage

An diesem Abend sollte endlich Klarheit geschaffen werden. Sie waren jetzt schon ein ganzes Jahr zusammen. Er hatte schon Schwierigkeiten, sie einfach wie alle anderen in ihrem gemeinsamen Seminar zu behandeln. Als Professor musste er sich da schon ein bisschen zurückhalten. Die anderen Studierenden konnten da üble Dinge in die Welt setzen.

Der erste Absatz beschreibt die Rahmensituation. Es geht um die Beziehung (Axiom 2) – und die ist doppelt angelegt: Heimlich, also in Wirklichkeit, sind die beiden seit einem Jahr ein Paar und damit eigentlich auf Augenhöhe, also symmetrisch. Nach außen, im Seminar, gilt dagegen das Verhältnis Professor–Studentin, und das ist komplementär (Axiom 5). Schon jetzt fällt es ihm schwer, beides auseinanderzuhalten.

  • Warum so? Bevor man nach Axiomen sucht, klärt man die Ausgangslage: Wer spricht mit wem, und in welcher Beziehung stehen die beiden zueinander? Das spart später viel Erklärungsarbeit.
  • Tipp: Merke dir diese Doppelung – privat symmetrisch, nach außen komplementär. Die ganze Geschichte spielt damit, welche der beiden Seiten sich durchsetzt.
  • Für Fortgeschrittene: Die „Schwierigkeiten“ in Z. 2 deuten schon auf das Problem hin, das sie am Ende ausspricht: „Du kannst so was nicht trennen“ (Z. 18 f.). Wer diesen Bogen zeigt, macht deutlich, dass die Geschichte bewusst gebaut ist – und nicht nur eine Abfolge von Axiom-Beispielen.

Abschnitt 2 (Z. 6–8): Der Heiratsantrag

Sie hatten sich im besten Restaurant der Stadt verabredet und alles lief gut, bis er schließlich sein feierlichstes Gesicht aufsetzte und nach einigem Hin und Her schließlich einfach fragte: „Willst du mich heiraten?“

Beim Abendessen läuft zunächst alles gut. Aber bei dem Professor läuft offenbar heimlich viel mehr ab, als im Gespräch deutlich wird – „nach einigem Hin und Her“. Auch das ist Kommunikation (Axiom 1). Dann folgt der Antrag wie eine Überfall-Entscheidung: Er legt fest, sie soll reagieren. Das ist komplementär (Axiom 5) – und entspricht zugleich der alten Norm, nach der der Mann den Heiratsantrag macht.

  • Warum so? Das erste Axiom zeigt sich nicht nur beim Schweigen. Auch das, was jemand vorbereitet und mit sich herumträgt, ohne es auszusprechen, teilt sich mit – hier im „Hin und Her“ vor der Frage.
  • Tipp: Achte auch auf das vierte Axiom: Die Frage selbst ist eindeutig (digital), das „feierlichste Gesicht“ ist die analoge Seite. Der Vergleich mit ihren „versteinerten“ Gesichtszügen im nächsten Abschnitt zeigt, wie weit die beiden in diesem Moment auseinanderliegen.

Abschnitt 3 (Z. 9–11): Das Schweigen

Was er erwartet hatte, war Erstaunen, Fassungslosigkeit vielleicht, dann ein Lächeln und ein freudiges Ja. Umso erstaunter war er, als er sah, wie ihre Gesichtszüge sich versteinerten und lange Zeit nichts kam.

Hier wird deutlich, dass der Professor die Beziehung falsch einschätzt (Axiom 2). Das zeigt sich in einer Situation, in der gleich zwei weitere Axiome greifen: Sie sagt nichts – und er versteht trotzdem, dass das erwartete freudige Ja nicht kommt (Axiom 1: „Man kann nicht nicht kommunizieren“). Und ihre „versteinerten“ Gesichtszüge sind Körpersprache, also ein analoges Signal (Axiom 4).

  • Warum so? Das erste Axiom zeigt man am besten dort, wo scheinbar gar nichts passiert: bei Schweigen, Pausen, ausbleibenden Antworten. Gerade das Nicht-Sagen ist hier die Botschaft.
  • Tipp: Stelle seine Erwartung (Z. 9 f.: Erstaunen, Lächeln, „ein freudiges Ja“) und ihre tatsächliche Reaktion gegenüber. Genau dieser Kontrast belegt, dass er die Beziehung falsch einschätzt – das ist viel überzeugender als die bloße Feststellung „Sie schweigt“.

Abschnitt 4 (Z. 12–14): Seine Erklärung für ihr Zögern

Schließlich unterbrach er die quälende Stille und fragte: „Bist du denn immer noch sauer? Natürlich haben wir uns in der letzten Zeit ziemlich viel gestritten – aber das ist doch gerade ein Grund, es jetzt anders zu machen.“

Jetzt wird die Vorgeschichte sichtbar: die vielen Streitereien. Er sieht darin die Ursache für ihr Zögern – das ist das dritte Axiom: Kommunikation ist Ursache und Wirkung. Zugleich schätzt er die Beziehung wieder falsch ein (Axiom 2) und bestimmt, wie es weitergehen soll: „es jetzt anders zu machen“. Damit verschiebt sich das Gespräch ins Komplementäre (Axiom 5) – er gibt die Richtung vor.

  • Warum so? Beim dritten Axiom hilft die Leitfrage: Wer sieht was als Ursache? Er legt sich fest – ob sie das genauso sieht, sagt die Geschichte an dieser Stelle nicht.
  • Für Fortgeschrittene: Das ist genau Watzlawicks „Interpunktion“. Er setzt den Anfangspunkt bei den Streitereien. Ihre spätere Bemerkung „ich habe dich wohl richtig eingeschätzt“ (Z. 18) legt nahe, dass sie den Anfang ganz woanders sieht: bei seiner Art, mit ihr umzugehen.
  • Tipp: Achte darauf, wie er ihr Schweigen sofort selbst deutet, statt nachzufragen, was los ist. Genau darin zeigt sich die Verschiebung ins Komplementäre.

Abschnitt 5 (Z. 15–16): Ausweichen und Drohung

Sie daraufhin: „Ich weiß nicht – schauen wir mal.“ Jetzt reichte es ihm. So ging man nicht mit ihm um: „Das ist mir zu wenig. So kannst du deine Doktorarbeit bei mir vergessen.“

Mit „Ich weiß nicht – schauen wir mal“ weicht sie aus und will Zeit gewinnen. Aber sie macht damit schon deutlich, wie sie die Beziehung einschätzt (Axiom 2). Er reagiert darauf maximal komplementär (Axiom 5): machtbewusst, autoritär, von oben herab. Seine Enttäuschung schlägt in eine Drohung um – und zwar mit einem Mittel aus seiner Rolle als Professor, der Doktorarbeit.

  • Tipp: Achte auf den Satz „So ging man nicht mit ihm um“ (Z. 15 f.). Hier sehen wir kurz in seinen Kopf – und damit, wie er sich selbst sieht: als jemanden, dem man nicht mit Unsicherheit kommen darf. Das stützt die Deutung „komplementär, von oben herab“.
  • Warum so? Man kann hier zusätzlich das dritte Axiom zeigen: Ihre Antwort ist Folge des bisherigen Gesprächs – und wird für ihn sofort zur Ursache der Drohung („Jetzt reichte es ihm“). Wer diese Kette beschreibt, erfasst die „Entwicklung der Kommunikationssituation“, nach der Aufgabe 2 fragt.
  • Für Fortgeschrittene: „Komplementär“ klingt nach sinnvoller Ergänzung – hier aber ist es eine Drohung. Warum man in solchen Fällen besser von „asymmetrischer“ Kommunikation spricht, zeigen wir am Beispiel von Wohmanns „Ein netter Kerl“.
  • Vorsicht, Falle: Genau hier, bei „Punkt 5“, setzt Aufgabe 3 an. Wer ein Happy End entwickeln will, muss an dieser Stelle etwas anders laufen lassen – mehr dazu weiter unten.

Abschnitt 6 (Z. 17–19): „Du kannst so was nicht trennen“

Sie verzog schmerzlich das Gesicht, stand auf und sagte sich Richtung Ausgang wegdrehend: „Tja, ich habe dich wohl richtig eingeschätzt. Du kannst so was nicht trennen.“

Ihr schmerzlich verzogenes Gesicht zeigt, wie sie am Stand der Beziehung leidet (Axiom 2, sichtbar über das Analoge, Axiom 4). Trotzdem konzentriert sie sich auf den Inhalt, der jetzt gesagt werden muss: „Du kannst so was nicht trennen.“ Inhaltlich hat sie recht, aber die Beziehung ist eben gestört. Und hier kommt die Wende beim fünften Axiom: Jetzt ist sie diejenige, die überlegen ist – die Souveräne.

  • Warum so? Analoge Signale verraten oft, was die Worte nicht sagen. Ihr Satz klingt kühl und überlegen – ihr Gesicht zeigt, dass es ihr wehtut.
  • Für Fortgeschrittene: Ihr Satz beschreibt fast wörtlich, was beim zweiten Axiom schiefgehen kann: Er hat eine Sachfrage aus der Universität – die Doktorarbeit – als Waffe auf der Beziehungsebene eingesetzt. Hier schließt sich der Bogen zu Abschnitt 1.
  • Tipp: Benenne die Wende ausdrücklich. Ab hier sind die Rollen vertauscht – das ist der Kern der „Entwicklung der Kommunikationssituation“ in Aufgabe 2.

Abschnitt 7 (Z. 20–22): Der Abschied

Jetzt war er auch aufgestanden und ging ihr hinterher. Sie hob nur abwehrend die Hand, griff zu ihrem Mantel und sagte laut und vernehmlich: „Ich nehme den Wagen, nimm du dir ein Taxi.“

Zunächst hat das Analoge Vorrang (Axiom 4): Er steht auf und geht ihr hinterher, sie hebt nur abwehrend die Hand. Dann folgt der Abschiedshammer: „Ich nehme den Wagen, nimm du dir ein Taxi.“ Für sie ist das die maximale Befreiung aus der Situation. Sie tritt souverän auf und bestimmt, wie der Abend endet. Man kann das als komplementär deuten – nur mit vertauschten Rollen, gewissermaßen als Ausgleich für seine Drohung.

  • Für Fortgeschrittene – zum Diskutieren: Man kann den Schluss auch als symmetrisch deuten. Sie hat akzeptiert, dass sie von ihm nichts mehr zu erwarten hat – damit ist sein Machtvorsprung weg. Sie zieht sich auf ihr Auto und ihre Wohnung zurück und nimmt ihn nicht – wie ursprünglich geplant – mit nach Hause. Er ist genauso auf sich selbst angewiesen. Ist das nun Umkehr der Machtverhältnisse oder Gleichstand? Wer beide Möglichkeiten abwägt, zeigt, dass er die Axiome nicht nur anwenden, sondern auch kritisch prüfen kann.
  • Warum so? Der Weg durch das fünfte Axiom ist der eigentliche Entwicklungsbogen der Geschichte: privat symmetrisch, nach außen komplementär (Abschnitt 1) – dann er komplementär von oben herab (Abschnitt 5) – schließlich sie in der überlegenen Position (Abschnitte 6 und 7). Wer das herausarbeitet, beantwortet Aufgabe 2 nicht nur mit einer Liste von Fundstellen, sondern zeigt eine Entwicklung.
  • Tipp: Schau dir zum Schluss noch einmal die Überschrift an: „Wenn aus dem ‚Wir‘ wieder ein ‚Du und Ich‘ wird“. Genau diese Trennung vollzieht der letzte Satz: „Ich“ nehme den Wagen, „du“ nimmst ein Taxi.

Tipps zu den Aufgaben 1 und 3

Die Abschnitte oben decken vor allem Aufgabe 2 ab. Zu den beiden anderen Aufgaben noch ein paar Hinweise:

  • Tipp zu Aufgabe 1: Gefragt sind Beispiele, die nicht aus dem Unterricht stammen. Am sichersten nimmt man kleine Alltagssituationen, etwa: Man grüßt im Treppenhaus, der Nachbar schaut demonstrativ weg – er sagt nichts und hat doch etwas mitgeteilt (Axiom 1). Wichtig: Der Operator „erläutern“ verlangt, dass man kurz zeigt, warum das Beispiel zum Axiom passt.
  • Tipp zu Aufgabe 3: Der entscheidende Punkt ist Abschnitt 5 (Z. 15–16). Statt zu drohen, könnte er nachfragen, was hinter ihrem „schauen wir mal“ steckt – also über die Beziehung selbst sprechen (Watzlawick nennt das Metakommunikation). Die Doktorarbeit bliebe dann aus dem Spiel, und beide könnten zu der Augenhöhe zurückfinden, die ihre Beziehung privat ja eigentlich hat.
  • Warum so? Auch bei Aufgabe 3 heißt es „erläutern“: Die Idee allein reicht nicht. Man sollte mit Hilfe der Axiome begründen, warum der Abend so eine andere Wendung nehmen könnte.

Weiterüben an echten Kurzgeschichten

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