Anmerkungen zu Heinrich Bölls Kurzgeschichte „An der Brücke“

  1. Der Schriftsteller Heinrich Böll hat viele Kurzgeschichten geschrieben, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen für die Menschen beschäftigen.
  2. So geht man auch bei dieser Kurzgeschichte als Leser schnell davon aus, dass am Anfang der Ich-Erzähler auf seine Situation als verwundeter Soldat eingeht, dem man die „Beine geflickt“ und einen „Posten gegeben“ hat, wo er sitzen kann.
  3. Seine Aufgabe ist es, die Leute zu zählen, die über eine neue Brücke gehen.
    1. Seine Auftraggeber erwarten zum einen eine genaue Zahl und zum anderen freuen sie sich über eine möglichst große Zahl.
    2. Der Ich-Erzähler selbst bezeichnet sich als „unzuverlässiger Mensch“, der es allerdings versteht, den Eindruck von „Biederkeit“, also Zuverlässigkeit zu erwecken.
  4. Er macht sich nun den Spaß, je nach seiner Lust und Laune Zahlen zu melden, die entweder wenig Freude machen oder aber regelrechte Begeisterung bei seinen Auftraggebern auslösen.
  5. Deutlich wird das völlige Unverständnis für den Sinn seiner Tätigkeit: „Sie rechnen aus, wie viel heute jede Minute über die Brücke gehen und wie viel in zehn Jahren über die Brücke gegangen sein werden. Sie lieben das zweite Futur, das zweite Futur ist Ihre Spezialität – und doch, es tut mir leid, dass alles nicht stimmt.“
  6. Nach Klärung dieser allgemeinen Situation wendet sich der Ich-Erzähler einer Besonderheit zu. Das ist seine angebliche „kleine Geliebte“, die ihn aber gar nicht kennt, dafür aber zweimal am Tag über die Brücke geht.
  7. Er ist ganz begeistert – angeblich von ihr, in Wirklichkeit von dem mit ihrem Erscheinen verbundenen Gefühlsrausch, der ihn aus der Monotonie seiner Arbeit reißt.
  8. In dieser Phase zählt er nicht mehr und man merkt, wie sehr seine Kriegserlebnisse in ihm noch nachwirken, wenn er freudig feststellt: „Und alle, die das Glück haben, in diesen Minuten vor meinen blinden Augen zu defilieren, gehen nicht in die Ewigkeit der Statistik ein: Schattenmänner und Schattenfrauen, nichtige Wesen, die im zweiten Futur der Statistik nicht mitmarschieren werden …“
  9. Offensichtlich gehören sie für den Ich-Erzähler damit zu seiner besseren Welt des Eigensinns und der Nichtverfügbarkeit. Er selbst ist ja ein offensichtliches Opfer von Verhältnissen, in denen andere über ihn verfügten und ihn zum Mitmarschieren in den Krieg gezwungen haben.
  10. Der Ich-Erzähler hat dann das Glück, dass er rechtzeitig erfährt, dass ein Kontrolleur seine Arbeit begutachten wird. So kann er sich so viel Mühe geben, dass er nur seine angebliche Geliebte nicht mitzählt, sonst aber eine exakte Zahl nennen kann.
  11. Als Belohnung bekommt er eine noch bessere Position. Jetzt muss er nur noch Pferdewagen zählen, die die Brücke passieren. Und von denen gibt es natürlich am Tag weniger.
  12. Am Ende bleibt offen, ob er vielleicht sogar die Pause, in der Pferdewagen die Brücke nicht passieren dürfen, dazu nutzen wird, endlich mal seiner kleinen Geliebten zu folgen und sich mit ihr bekannt zu machen.
  13. Insgesamt zeigt die Geschichte, wie ein Opfer des Krieges und der mit ihm verbundenen Welt des Gehorsams sich ein kleines Stück Freiheit verschafft und damit auf eine spezifische Art und Weise Widerstand leistet.
  14. Die angebliche Geliebte ist zunächst mal nur der Ausgangspunkt dieses Aktes der Selbstbefreiung. Alles weitere bleibt – wie es typisch ist für eine Kurzgeschichte – offen.
  15. Man kann beides Kurzgeschichte natürlich auch auf eine Welt ohne Krieg übertragen. Sie würde dann kritisieren, dass alles Mögliche berechnet und in Zahlen gefasst wird, ohne dass man den Sinn durchschaut.
  16. Wenn man das Gedicht des Romantikers Novalis kennt: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“, merkt man, wie sehr diese Kurzgeschichte etwas zu tun hat mit einer Welt, in der Gefühle mehr zählen als reine Rationalität.
    Anmerkung: Das ist so eine typische Verbindung, mit der man in einer Klausur z.B. Zusatzpunkte bekommen kann.
    Siehe dazu das Video:

    Videolink