Der Flaneur im Daten-Dschungel
Stell dir vor, du bist in einer fremden Stadt. Du hast keinen Reiseführer, kein Google Maps und kein festes Ziel. Du lässt dich einfach treiben. Die Franzosen nennen das „Flanieren“. Du biegst in eine Gasse ab, weil dir ein altes Türschloss auffällt, oder bleibst an einem Kiosk stehen, weil dich eine Schlagzeile „sticht“. Jedes dieser Details ist ein Punctum – ein persönlicher Ankerpunkt. Du verbindest diese Punkte mit deinem eigenen Wissen, deinen Erinnerungen und Gefühlen.
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Genau so hat vor 100 Jahren ein Mann namens Aby Warburg gearbeitet. Er hat nicht einfach Bücher von A bis Z gelesen. Er hat Bilder und Texte auf großen schwarzen Tafeln neu kombiniert. Er hat das „Nachleben“ von Ideen gesucht. Er baute ein Netz aus Zusammenhängen, lange bevor es das Internet oder die Künstliche Intelligenz gab.
Die KI: Die unendliche, aber „blinde“ Maschine
Heute haben wir die KI. Sie ist wie eine gigantische Bibliothek, die alles weiß, aber nichts fühlt. Sie arbeitet mit einer perfekten Logik und Wahrscheinlichkeiten. Sie sagt dir, was die Masse denkt, was der „Mainstream“ ist. Aber sie hat keine Lebenswelt. Sie kennt keinen Hunger, keine Angst und keine echte Begeisterung. Sie kann die Welt nur „nachbeschreiben“, während du sie „nachfühlst“.
Die Rückkehr zum Meister: auch ohne Zertifikate
Hier kommen wir zu Goethes Zauberlehrling. Er rief die Geister (den Besen), beherrschte sie aber nicht. In der Schule lernen wir oft nur das, was „schon immer galt“ – abgepackt in Bücherformaten. Das ist das Wissen des Lehrlings.
Meisterschaft bedeutet etwas anderes: Es geht um Selbstbildung. Du entscheidest, wie tief du in ein Thema eintauchst. Dafür gibt es kein Zeugnis, aber eine enorme Macht: Du machst die KI zu deinem Assistenten, statt ihr Sklave zu sein. Meisterschaft erreicht man nicht durch „Prompt-Befehle“, sondern durch echtes Nachdenken.
Drei Schritte zu deiner eigenen Meisterschaft
Wenn du die KI nutzen willst, um wirklich kreativ zu sein und vielleicht sogar deine Lehrer zu überraschen, versuch es mit diesen drei Strategien:
1. Such dir dein eigenes „Spezialgebiet“ Es ist heute kein Problem mehr, in einem Bereich zum Experten zu werden. Mit ein bisschen Intelligenz, gezielter Recherche und KI-Unterstützung kannst du dir Wissen anlagern, das selbst deine Lehrkräfte so nicht auf dem Schirm haben. Sei derjenige, der im Unterricht den Querbezug bringt, den keiner erwartet.
Denk an den berühmten Satz: „Man sieht nur, was man weiß.“ Gemeint ist damit, dass man nur eine Verbindung zwischen etwas Neuem und etwas Anderem herstellen kann, wenn man genügend Wissen und Verständnis in diesem Bereich angesammelt hat. Man braucht also zwei Säulen, um die künstliche Intelligenz „besiegen“ zu können: ein ausreichendes Maß an eigenem Wissen, das man dann gezielt auch durch Nachfrage erweitern kann. Dazu braucht man aber auch die Aufmerksamkeit, um etwas Interessantes zu entdecken, das man dann mit etwas anderem verbinden kann
2. Erst Denken, dann Checken (Kein Copy-Paste!) Gewöhn dir ab, der KI einfach nur Befehle zu geben. Denk erst selbst nach: Was ist mein Ziel? Was ist mein Punctum? Dann wende dich an die KI. Nimm ihre Ergebnisse nicht als Wahrheit, sondern als Rohmaterial. Checke sie, frage nach, bohre tiefer. Erst wenn du das Gefühl hast, dass der Text wirklich deine Handschrift trägt, ist er fertig.
3. Leuchte die Ränder aus Die KI liefert oft glatte, langweilige Antworten. Zwinge sie, die „Ränder“ des Wissens zu beleuchten. Wenn du ein kompliziertes Gedicht wie Schillers „Das Ideal und das Leben“ liest und nur Bahnhof verstehst: Frag nicht nur nach einer Interpretation. Frag gezielt nach der Kritik daran! Frag, warum das heute vielleicht niemand mehr so sieht. Geh dorthin, wo es für die Statistik der KI ungemütlich wird.
Merkhilfe: Eine Infografik von NotebookLM

- Wir haben das KI-Programm NotebookLM mal aufgefordert, das, was auf dieser Seite steht, in einer Infografik zusammenzufassen.
— - Wir sind nicht ganz glücklich mit diesen Bildern, die eher ablenken als zum Kern der Sache hinzuführen. Aber diesmal erscheint uns das Schaubild doch recht hilfreich.
— - Es macht im Begriff des Flaneurs deutlich, dass wir Menschen gerne einfach mal von einem Punkt zum anderen übergehen. Man denke an einen abendlichen Rundgang in einer Stadt, die man einfach ein bisschen kennenlernen möchte.
— - Und dann passiert etwas, was keine Maschine nachahmen kann. Was wir sehen und erleben verbinden wir nämlich durch Intuition und persönliche Ankerpunkte, also Dinge, die uns wichtig sind, mit Elementen unseres Gedächtnisses.
— - Die künstliche Intelligenz hat aber keine eigene Persönlichkeit und auch keine Erlebnisse. Sie hat nur Daten, die von anderen Leuten kommen – und die immer nur eine Art Mehrheitsmeinung abbilden.
Wichtig sind die drei Bausteine, die unten aufgeführt sind.
B1: Es geht nicht ohne „Selbst-Bildung.
- Den Baustein ganz links könnte man auf die Formel bringen: „Man sieht nur, was man weiß.“
- Alles, was man sieht, vergleicht man automatisch mit dem, was man im Gedächtnis hat.
- Das meiste wird dann gar nicht wahrgenommen, solange das eigene Gehirn einen nicht aus irgendeinem Grund darauf aufmerksam macht.
- Es lohnt sich also, neben der Schulbildung auch eine Art eigene Bildung aufzubauen. Das ist gewissermaßen die Summe dessen, worüber man selbst nachgedacht hat oder was man auch an besonderen Dingen herausgefunden hat.
B2: Bedeutung von Vor-Infos und Vorüberlegungen
- Wichtig ist dann der zweite Baustein. Damit die Künstliche Intelligenz wirklich eine gute Hilfe ist, braucht sie möglichst viele Informationen zum Hintergrund einer Frage oder Aufgabe. Da hilft es wieder, wenn man davon relativ viel Ahnung hat.
- Wenn dann das Ergebnis geliefert wird von der Künstlichen Intelligenz, sollte man das auch sich genau anschauen. Denn sonst wird man nicht aufmerksam auf die Dinge, bei denen man noch nachfragen sollte oder die weitere Recherchen erfordern. Der Austausch mit der Künstlichen Intelligenz erfolgt also am besten stufenartig.
B3: Für spezielle Vermutungen auch spezielle Quellen anfordern.
- Der dritte Baustein ist dann das Bewusstsein, dass die Künstliche Intelligenz vor allem das berücksichtigt, was sie häufig in den Daten vorfindet.
- Gerade wenn man sich in den Grenzregionen von „Beyond the Books“ bewegt, also nicht nur das wissen will, was alle schon wissen. Dann lohnt es sich, etwa NotebookLM gezielt gezielt nach weiteren Quellen zu fragen. Nur so kommt man auch in die Randzonen des aktuellen Wissens.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Künstliche Intelligenz als Thema des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/infos-kuenstliche-intelligenz-schule-leben
— - Praktische Beispiele: KI – kontrolliert und optimiert durch MIA
(menschliche Intelligenz in Aktion)
In zeitlicher Reihenfolge, um die Entwicklung deutlich zu machen.
https://textaussage.de/ki-mia-praktische-erprobung-der-kuenstlichen-intelligenz-fuer-aufgaben-des-deutschunterrichts
— - Kurzgeschichten zum Thema „Künstliche Intelligenz“
https://schnell-durchblicken.de/kurzgeschichten-zum-thema-kuenstliche-intelligenz
— - Systematische Zusammenstellung von Möglichkeiten der KI im Deutschunterricht
https://schnell-durchblicken.de/ki-im-deutschunterricht-systematik
— - Spezielles Thema: Kann die KI zum Freund werden?
Kurzgeschichte Anders Tivag, „Kein echter Freund?“ Und gemeint ist ChatGPT
https://schnell-durchblicken.de/anders-tivag-kein-echter-freund-und-gemeint-ist-chatgpt
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
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