Die 5 Axiome von Watzlawick – angewendet auf die Kurzgeschichte „Happy End“ (Mat2151)

Worum es hier geht:

  1. Wenn in der Schule das Thema „Kommunikation“ behandelt wird, ist man entweder beim Vier-Ohren-Modell oder eben bei diesem Herrn Watzlawick.
  2. Er hat nämlich mit anderen zusammen 5 sogenannte „Axiome“ formuliert, die gewissermaßen Grundsätzliches über Kommunikation aussagen.
  3. Axiome sind in der Wissenschaft Ausgangspositionen, die nicht begründet werden, sondern die einfach vorausgesetzt werden.
  4. Dann schauen wir uns zunächst einmal die Axiome an – und dann gehen wir auf die Kurzgeschichte ein.

Video und Dokumentation

Hierzu gibt es auch ein Video, das auf Youtube unter der folgenden Adresse abgerufen werden kann:
https://youtu.be/y-oY-DurIX0

Hier nun auch noch die Dokumentation zum Video:


Vorbereitung: Check der Axiome

Hier nun einfach erst mal die Axiome, wie man sie zum Beispiel auf der folgenden Seite finden kann:

https://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

Wir kommentieren die hier erst mal nicht, weil wir ja nach ihnen in der Kurzgeschichte suchen wollen:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren.
    Immer wenn eigentlich Kommunikation erwartet wird, aber nicht kommt, dann liegt dieses Axiom vor.
    Zum Beispiel: Man sagt „Guten Morgen“ und bekommt keine Antwort.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
    „Das hätte ich von dir nicht erwartet.“
    Inhaltlich unproblematisch
    Dahinter steckt aber noch ein Beziehungsproblem.
  3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
    Wir verstehen das so, dass es einen Vorlauf gibt.

    1. Es klingelt, an der Tür steht ein Bekannter und wird begrüßt: „Du schon wieder?“
    2. Und wenn man ihn schließlich losgeworden ist, sagt der Bekannte zum Schluss: „Glaub nicht, dass du mich los bist. Morgen bin ich wieder da.“
  4. Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten
    Beim Standesamt muss man „Ja“ sagen, sonst geht es nicht weiter. Das ist digital.
    Wenn man den Partner aber fragt: „Sollen wir nicht endlich heiraten?“ und hört: „Mal sehen!“ Dann ist das analog.
  5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär
    Hier wird es am schwierigsten, denn die Begriffe sind nicht sehr glücklich gewählt.

    1. Komplementär heißt unterschiedlich: z.B. Schüli – Lehrkraft: Das ist die Normalsituation: Die Lehrkraft stellt die Fragen und kann die Antwort des Schülis bewerten: Richtig, falsch, unzureichend, interessant …
    2. Symmetrisch heißt: Man ist gleichrangig und versucht, gemeinsam zu einer Lösung zu kommen: Wenn zwei Leute darüber reden, ob sie heiraten sollen. Da sind beide Seiten gleichrangig.

Check der Kurzgeschichte im Hinblick auf die Axiome

Jetzt gehen wir die Kurzgeschichte „Happy End“ durch und holen die Teile raus, die etwas mit Kommunikation zu tun haben:

  • „Sie umarmen sich, und alles ist wieder gut.“
    Bis vor kurzem glauben wir noch 😉
    Achtung: Falsch:
    Das ist ein Beispiel für das Axiom Nr. 4, denn hier geht es nicht um etwas relativ Eindeutiges wie zum Beispiel die Beantwortung der Frage: „War der Film gut?“ – „Ja!“
    sondern hier geht es um Körpersprache.
    Der Erzähler kommentiert das aus der Sicht einer oder auch beider Figuren, was das Verständnis der Kommunikationshandlung unterstreicht.
    Beim Herstellen des Videos ist uns glücklicherweise noch aufgefallen, dass die
    drei Zeilen
    „Sie umarmen sich, und alles ist wieder gut. / Das Wort ENDE flimmert über ihrem Kuss. / Das Kino ist aus.“
    natürlich zusammengehören. Das ist der Abspann des Films, zunächst die harmonische Happy-End-Schluss-Szene, dann der Abspann und die Feststellung des Erzählers als Überleitung, was da gerade zu Ende gegangen ist.
  • So, der Rest dürfte dann aber keine Probleme mehr enthalten.
    Auf jeden Fall ist es eben auch ein schönes Beispiel dafür, dass man sich noch im letzten Moment korrigieren kann – und alles ist gut
  • „Er tritt auf die Straße und bleibt nicht stehen, er geht, ohne zu warten.“
    Das ist ein Beispiel dafür, dass man nicht nicht kommunizieren kann (Axiom Nr. 1)
    Der Mann ist nur mit sich beschäftigt, sendet aber – wahrscheinlich ungewollt – Signale in Richtung seiner Frau.
    Der Hinweis des Erzählers: „er geht voll Zorn“
    unterstreicht bzw. erklärt das aus seiner Perspektive.
  • „Atemlos, mit kleinen, verzweifelten Schritten holtsie ihn schließlich ein und keucht zum Erbarmen.“
    Hier das Gleiche – nur aus der anderen Richtung, besonders das Keuchen, was ja schon fast eine Vorstufe des Sprachlichen ist 😉
  • „Eine Schande, sagt er im gehen, eine Affenschande, wie du geheult hast.“
  • Hier haben wir nämlich dem Inhaltsaspekt, nämlich der Mitteilung, wie das Verhalten der Frau beim Mann angekommen ist, auch den Beziehungsaspekt (Axiom Nr. 2) – denn so spricht man nicht mit dem Menschen, den man zumindest mal geliebt hat und mit dem man wohl in einer engen Beziehung ist, die eigentlich Rücksichtnahme verlangt.
  • Man kann aber auch davon ausgehen, dass das Axiom Nr. 3 eine Rolle spielt. Das heißt letztlich nur, dass in einer Kommunikation immer auch die Vorgeschichte eine Rolle spielt – offensichtlich wartet der Mann nur auf so was, um dann gleich zu explodieren.
    Auch die Zukunft spielt eine Rolle: Denn der Mann denkt nur an sich dabei und denkt kein bisschen daran, dass die Frau auch Konsequenzen aus dieser Lieblosigkeit ziehen könnte.
  • „Sie keucht.“
    Axiom Nr. 4: Keuchen kann viele Gründe haben, ist also kein eindeutiges Zeichen.
  • „Ich hasse diese Heulerei, sagt er, ich hasse das.“
    Axiom Nr. 2: Inhalt – und vor allem Beziehung. Denn wer so etwas über seinen Partner und dessen Verhalten sagt, der verrät damit auch viel über seine Sicht der Beziehung.
  • „Schweigend geht er und voll Wut, so eine Gans […]“
    Axiom Nr. 1: Der Mann denkt nicht ans Kommunizieren, sein Verhalten verrät aber viel.
  • „Ich kann doch nichts dafür, sagt sie endlich, ich kann doch wirklich nichts dafür, es war so schön, und wenn es schön ist, muss ich einfach heulen.“
    Hier wieder 
    Axiom Nr. 2: Die Frau bemüht sich offensichtlich um Verständnis und Verständigung.
    Damit wird auch das Axiom Nr. 5 deutlich, in dem Sinne, in dem es Watzlawick verstanden haben wollte, nämlich ganz positiv: Diese Frau setzt auf komplementäre Kommunikation. Sie macht ihrem Mann deutlich, dass sie anders ist, und hofft auf sein Verständnis.
  • „Schön, sagt er, dieser Mist, dieses Liebesgewinsel, das nennst du also schön, dir ist ja wirklich nicht zu helfen.“
    Hier zeigt sich nun leider der negative Aspekt des Axioms Nr. 5: Dieser Mann nimmt eine überlegene Position ein und hat keine Probleme damit, seine Frau zu demütigen.
  • „Sie schweigt und geht und keucht […]
    Axiom Nr. 1 und implizit auch Nr. Nr. 2 und 3:
  • Axiom Nr. 1: Sie kommuniziert, während sie schweigt. Wörtlich könnte sie auch sagen: „Ich habe verstanden, dass du mich nicht verstehst, aber ich möchte meine Beziehung nicht zusätzlich belasten uns sage deshalb dazu nichts.
  • Axiom 2: Damit sagt das Schweigen auch etwas über die Beziehung aus – die Frau will keinen offenen Konflikt.
  • Axiom 3: Möglicherweise weiß sie aber aus früheren Situationen, dass es keinen Sinn macht, sich in der Situation gegen ihren Mann zu wehren. Und – s.o. – sie will vielleicht die gemeinsame Zukunft nicht noch zusätzlich belasten. Denn eine Beziehung besteht natürlich nicht nur aus solchen missglückten Kinobesuchen.
  • Wichtig ist natürlich der Schluss:
    „und denkt, was für ein Klotz von Mann, was für ein Klotz.“
    Das ist aber kein direkter Akt der Kommunikation mehr, weil der Mann es nicht mitbekommen, allenfalls mit ihrem Keuchen in einen Zusammenhang bringen kann. Das ist aber reine Spekulation.
    An dieser Stelle wird deutlich, dass neben der Kommunikation der Figuren natürlich der Erzähler noch eine andere Kommunikationsebene aufmacht, nämlich die mit dem Leser.

Zusammenfassung

Fassen wir zusammen:

  1. Es fällt auf, dass man zu dieser Kommunikation viel sagen kann
  2. vor allem, dass sie in keiner Weise partnerschaftlich geführt wird,
  3. statt dessen von Beschimpfungen geprägt ist
  4. und statt auf Verständigung eher auf Auseinandersetzung – sogar im fast wortwörtlichen Sinne – hinausläuft. Der Mann läuft so schnell, dass die Frau nicht hinterherkommt, zumindest nicht ohne Überanstrengung.
  5. Deutlich ist auch, dass die Frau einen Versuch der De-Eskalation macht, der aber nicht positiv aufgenommen wird.
  6. Von den Axiomen sind auffindbar gewesen (für uns – und wenn wir uns nicht verzählt haben 😉
  • Axiom Nr. 1: 3
  • Axiom Nr. 2: 4
  • Axiom Nr. 3: 2
  • Axiom Nr. 4: 1 (eins mussten wir abziehen, weil wir es am Anfang falsch gesehen haben!)
  • Axiom Nr. 5: 2

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