Stellungnahme zur Frage der Verantwortung der Wissenschaft

Beispiel für eine Stellungnahme nach der Analyse eines Szenen-Auszugs:

Am Ende von Klausuren gibt es oft die Aufgabe, eine Stellungnahme zu schreiben. Wir zeigen an einem Beispiel, wie so etwas aussehen kann.

Voraussetzungen könnte zum Beispiel die Analyse eines Teils der 3. Szene des II. Aktes sein: 73-77

Wir haben das auf der folgenden Seite mal durchgespielt:
https://schnell-durchblicken3.de/index.php/themen/die-physiker/169-physiker-analyse-szene-ii-3

  1. [Ausgangspunkt von Elementen des Szenenausschnitts]
    1. Möbius geht aus von der richtigen These: „Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf: der Untergang der Menschheit ist ein solches.“ (73)
    2. Dagegen ist zunächst einmal nichts zu sagen. Die Frage wird nur sein, wer „man“ ist.
    3. Dass er sein eigenes Handeln dieser Einsicht „untergeordnet“ (73) hat, was vielfältige Opfer (vgl. 73/74) für ihn bedeutet hat bis zu einer Art Selbstverhaftung in der Heilanstalt, ist erst mal auch in Ordnung.
    4. Das Grundproblem von Möbius, dem sich das ganze Stück in seiner Tendenz anschließt (vgl. das Beispiel mit der Elektrizität auf S. 22/23) ist die Hybris (Selbstüberhebung) der Fachleute:
      „Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit.“ (74)
    5. Hier muss man schon die Frage stellen, ob die Physiker nicht auch zur Menschheit gehören.
    6. Außerdem ist die Frage, worauf sich diesese „soweit“ überhaupt bezieht: Jeder wissenschaftliche und technische Fortschritt bringt Gefahren mit sich:
      Soll man todkranken Menschen das Morphium nehmen, nur weil man davon süchtig werden kann?
      Soll man den Autoverkehr verbieten, nur weil Menschen sich in ihm nicht verantwortlich verhalten (Alkohol, Amokfahrten)?
    7. Vor diesem Hintergrund haben alle Fachleute die Aufgabe, die Bevölkerung als Basis aller demokratischen Entscheidungen und besonders die Politiker als gesetzgebende und ausführende Gewalt so zu beraten, dass die bestmöglichen Entscheidungen getroffen werden können.
    8. Ein zweiter Bereich von Arroganz zeigt sich in der Feststellung: „Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden […] Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen.“
      Woher wollen die Physiker das wissen – darauf erstreckt sich ihre Kompetenz nicht mehr. Das ist eine philosophische oder politische Frage, die wiederum demokratisch diskutiert und entschieden werden muss.
    9. Dazu kommt der große Irrtum: „Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen.“
      Hätte er statt seines einsamen Weges den über demokratische Entscheidungen gewählt, hätte die Ärztin nicht ihr ebenso einsames Spiel treiben können.
    10. Auf S. 75/76 kommt dann die höchstmögliche Steigerung der Hybris von Möbius, nämlich seine Entscheidung über Leben und Tod anderer Menschen: „Töten ist etwas Schreckliches. Ich habe getötet, damit nicht ein noch schrecklicheres Morden anhebe.“
      Gleich darauf bezieht er die Morde seiner Kollegen, die ganz anders motiviert waren, auch noch in diese „Opfer für einen guten Zweck“-Haltung ein, obwohl die Kollegen ja gerade sein Wissen für ihre Länder nutzen wollten.
  2. Auswertung der Haltung von Möbius
    1. Die Haltung von Möbius entspringt einer sehr verengten Sicht, weil nur das zählt, was er denkt und sich vorstellt. Er entscheidet einsam und allein – lässt über zentrale Fragen nicht letztlich die demokratischen Institutionen entscheiden.
    2. Es zeigt sich eine Hybris, Selbstüberhebung ,
    3. die sogar über Leichen geht.
    4. Die Realität des Dramas zeigt dann, dass sein Plan  auch insofern verengt ist, als die Ärztin klüger oder auch gerissener ist als Möbius.
    5. Das hätte möglicherweise verhindert werden können, wenn Möbius‘ Forschungen im Rahmen rechtsstaatlicher Entscheidungen entsprechender demokratischer Institutionen eingeordnet worden wären.
    6. Vor allem verstößt Möbius mit seinem Handeln gegen die Punkte 17 und 18 des Katalogs, den Dürrenmatt selbst dem Drama beigefügt hat:
      17: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“
      18: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen ,was alle angeht, muss scheitern.“
    7. Das ist letztlich die zentrale Aussage des Stückes, die Möbius natürlich nicht kennt, aber unsere Stellungnahme hat sich ja auf seine eigenen Äußerungen und Verhaltensweisen bezogen – Dürrenmatt liefert mit seinen 21 Punkten hier nur einen größeren Argumentationsrahmen.

 

Allgemeine Stellungnahme zur Frage der Verantwortung der Wissenschaft auf der Basis von Dürrenmatts Stück „Die Physiker“

  1. In diesem Fall geht es um die Frage, wie es mit der Verantwortung der Wissenschaft aussieht, was ihre Forschungen und deren Ergebnisse angeht.
  2. Kann die Wissenschaft als abstrakte Einrichtung beziehungsweise Vorgehensweise selbst überhaupt eine Verantwortung übernehmen? Natürlich nicht, die kann sich erst mal nur auf die Leute erstrecken, die sie betreiben, also die Wissenschaftler.
  3. Das muss man allerdings noch erweitern: Was in Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ auffällt, ist die Hybris, also das übersteigerte Selbstbewusstsein, mit dem ein einzelner Mann, Möbius, meint, die Folgen seiner Forschungen abschätzen zu können.
  4. Dürrenmatt hat völlig recht, wenn er in den „21 Punkten zu den Physikern“ im Gegensatz dazu feststellt:
    17: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“
    18: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen ,was alle angeht, muss scheitern.“
  5. Das ist auch das Grundprinzip der Demokratie.
  6. Hinzu kommen ganz praktische Fragen, zum Beispiel die, ob ein einzelner, er mag noch so klug sein, alle Aspekte seiner Situation und seiner Entscheidungen überblicken kann.
  7. So übersiehen Möbius und ähnliche Leute zum Beispiel völlig, dass jedes wissenschaftliche Ergebnis sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben kann.
  8. Soll man bestimmte Medikamente zum Beispiel wieder aus dem Verkehr ziehen, weil eine Überdosis zum Tod führen kann?
  9. Soll man den Autoverkehr verbieten, nur weil ein Auto auch als Waffe eingesetzt werden kann?
  10. Stellen wir am Ende also fest: Die Verantwortung für die Folgen von Entdeckungen trägt nicht der Wissenschaftler, sondern tragen alle, die in der Verantwortung stehen, zum Beispiel in besonderer Weise die demokratisch gewählten Politiker. Die wiederum müssen darauf achten, dass sie alle Informationen und Argumente heranziehen, offen diskutieren lassen, bevor sie entscheiden.

Nachtrag:

Eine Erörterung ist im Vergleich zu einer Stellungnahme sehr viel komplizierter. Dort muss man nämlich noch stärker die eigenen Argumente absichern und vor allem auch mehr auf mögliche Einwände der Gegenseite eingehen.

So enthält unsere Stellungnahme zum Beispiel viel Vertrauen in die Demokratie und die Politik – berücksichtigt dabei aber zu wenig zum Beispiel die Verantwortung der Medien.

 

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