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- Warum dieses Gedicht auch heute noch interessant ist.
- Bevor wir uns die Strophen im Detail ansehen, ein kleiner Gedanke: Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal von Schillers „Ode an die Freude“ gehört oder die berühmte Melodie aus Beethovens 9. Sinfonie im Ohr. Aber Friedrich von Hagedorn hat dieses Thema schon Jahrzehnte vor Schiller aufgegriffen.
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- Sein Gedicht ist im Grunde ein zeitloser „Life-Hack“ für ein gutes Leben. Er stellt Fragen, die heute genauso aktuell sind wie damals: Was bringt dir der ganze materielle Besitz (oder heute: Follower und Likes), wenn du innerlich leer bist? Hagedorn feiert die Freude als eine Art mentale Superkraft, die uns hilft, mit Stress umzugehen, kreativ zu sein und – ganz wichtig – die „Hater“ und Heuchler einfach zu ignorieren.
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- Es könnte interessant sein, sich schon vor dem Lesen des Gedichtes zu überlegen, bei welchen Gelegenheiten man selbst seinen Jubel richtig in Worte fassen wollte, vor lauter Freude.
Strophe 1 (1-4)
- Freude, Göttin edler Herzen!
- Höre mich.
- Lass die Lieder, die hier schallen,
- Dich vergrößern, dir gefallen:
- Was hier tönet, tönt durch dich.
- Strophe 1: Die Anrufung der Göttin
- Was das lyrische Ich präsentiert:
- Das lyrische Ich spricht die Freude direkt als „Göttin edler Herzen“ an und bittet sie um Gehör.
- Es betont, dass die Lieder, die es singt, nur durch die Kraft der Freude existieren und dazu dienen sollen, sie zu preisen.
- Vorstellung des Lesers: Nach dieser Strophe wirkt das Gedicht wie ein klassischer Hymnus. Man gewinnt den Eindruck, dass Freude die Quelle aller künstlerischen Inspiration ist.
Strophe 2 (6-10)
- Muntre Schwester süßer Liebe!
- Himmelskind!
- Kraft der Seelen! Halbes Leben!
- Ach! was kann das Glück uns geben,
- Wenn man dich nicht auch gewinnt?
- Strophe 2: Freude als Lebenskraft
- Was das lyrische Ich präsentiert:
- Die Freude wird hier als „Himmelskind“ und „Kraft der Seelen“ bezeichnet.
- Das lyrische Ich stellt fest, dass äußeres Glück ohne die innere Freude wertlos ist – sie sei das „halbe Leben“.
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- Vorstellung des Lesers:
- Die Aussage erweitert sich: Freude ist nicht nur für die Kunst wichtig, sondern eine existenzielle Notwendigkeit.
- Ohne sie bleibt jedes materielle Glück leer.
Strophe 3 (11-15)
- Stumme Hüter toter Schätze
- Sind nur reich.
- Dem, der keinen Schatz bewachet,
- Sinnreich scherzt und singt und lachet,
- Ist kein karger König gleich.
- Strophe 3: Freude vs. Reichtum
- Was das lyrische Ich präsentiert:
- Das lyrische Ich kontrastiert reiche Menschen, die nur „tote Schätze“ bewachen, mit demjenigen, der singt, scherzt und lacht.
- Wer die Freude besitzt, ist innerlich reicher als ein „karger König“.
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- • Vorstellung des Lesers:
- Das Gedicht bekommt eine gesellschaftskritische Note.
- Der Leser erkennt, dass wahrer Wohlstand im Geist und im Humor liegt, nicht im Besitz.
Strophe 4 (16-20)
- Gib den Kennern, die dich ehren,
- Neuen Mut,
- Neuen Scherz den regen Zungen,
- Neue Fertigkeit den Jungen,
- Und den Alten neues Blut.
- Strophe 4: Die Wirkung auf die Menschen
- Was das lyrische Ich präsentiert:
- Das lyrische Ich bittet die Freude, den Menschen spezifische Gaben zu schenken:
- Mut für die Kenner
- Witz für die Redegewandten (mit Witz sind hier besondere Geistesgaben gemeint, Einfälle.)
- Geschick für die Jungen
- und „neues Blut“ für die Alten.
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- Vorstellung des Lesers:
- Die Freude wird als universelles Elixier greifbar, das alle Generationen und Schichten verbindet und vitalisiert.
Strophe 5 (21-25)
- Du erheiterst, holde Freude!
- Die Vernunft.
- Flieh‘, auf ewig, die Gesichter
- Aller finstern Splitterrichter
- Und die ganze Heuchlerzunft!
- Strophe 5: Vernunft und Abgrenzung
- Was das lyrische Ich präsentiert:
- Abschließend behauptet das lyrische Ich, dass die Freude sogar die Vernunft erheitert.
- Gleichzeitig fordert es die Freude auf, Heuchler und finstere Kritiker („Splitterrichter“) für immer zu meiden.
- Vorstellung des Lesers:
- Am Ende steht die Erkenntnis, dass wahre Freude aufklärerisch und ehrlich ist.
- Sie ist unvereinbar mit Griesgram (schlechter Laune) und Falschheit.
Aussagen des Gedichtes: Was macht es deutlich?
- Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hagedorn die Freude als eine universelle, fast heilige Macht darstellt, die weit über ein kurzes Glücksgefühl hinausgeht. Hier ist die Gesamtaussage des Gedichtes, formuliert mit unterschiedlichen Satzanfängen:
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- Das Gedicht verdeutlicht, dass die Freude die eigentliche „Göttin“ und Inspirationsquelle für alles menschliche Schaffen und jede Form von Kunst ist.
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- Es zeigt auf, dass äußeres Glück ohne die innere Beteiligung der Seele wertlos bleibt und die Freude daher als „Kraft der Seelen“ das „halbe Leben“ ausmacht.
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- Hagedorn macht deutlich, dass ein freudvoller Geist, der scherzt und singt, einen höheren Wert besitzt als angehäufte „tote Schätze“, wodurch selbst ein „karger König“ im Vergleich zu einem fröhlichen Menschen arm wirkt.
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- Der Text unterstreicht die vitale Energie der Freude, die Menschen in jedem Lebensalter – von der Geschicklichkeit der Jungen bis zum „neuen Blut“ der Alten – stärkt und erneuert.
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- Es wird offensichtlich, dass wahre Freude eng mit der Vernunft verbunden ist („Du erheiterst… die Vernunft“) und eine klare Grenze gegenüber Missgunst und der „Heuchlerzunft“ zieht.
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- Schließlich vermittelt das Werk die Botschaft, dass ein erfülltes Leben nur durch die Verbindung von innerer Heiterkeit, Aufrichtigkeit und dem Genuss des Augenblicks möglich ist.
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- Nicht unbedingt wichtig, kommt aber vielleicht auch interessant:
Hagedorns Werk entstand übrigens einige Jahrzehnte vor Schillers berühmter „Ode an die Freude“, die später durch Beethoven unsterblich wurde.
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- Viel wichtiger ist aber wohl, dass man sich eine Frage wie die folgende, zum Beispiel, für sich selbst beantwortet.
Welcher dieser Aspekte – zum Beispiel der Fokus auf die „erheiterte Vernunft“ oder die Kritik am bloßen Reichtum – ist für dich in der heutigen Zeit eigentlich überzeugender oder aktueller?
Was zeigt das Gedicht im Hinblick auf die Epochen?
- Hagedorns Gedicht ist ein faszinierendes Beispiel für die Literatur des 18. Jahrhunderts, da es die Vernunft der Aufklärung mit der Leichtigkeit des Rokoko verbindet.
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- Kennzeichen der Aufklärung im Gedicht
- Der Fokus auf die Vernunft: In der letzten Strophe heißt es direkt: „Du erheiterst, holde Freude! / Die Vernunft“. Das ist ein Kernpunkt der Aufklärung: Freude ist hier kein unkontrollierter Gefühlsausbruch, sondern sie unterstützt und erhellt das rationale Denken.
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- Kritik an Heuchelei und Dogmatismus: Das lyrische Ich fordert die Freude auf, „finstere Splitterrichter“ (also engstirnige Kritiker) und die „Heuchlerzunft“ zu meiden. Dies spiegelt das Ideal der Aufrichtigkeit und der Ablehnung von falscher Autorität wider.
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- Diesseitsgewandtheit und Nützlichkeit: Die Freude soll den Menschen ganz praktische Vorteile bringen: „neuen Mut“, „neuen Scherz“ oder „neue Fertigkeit“. Das Ziel ist ein glückliches und tugendhaftes Leben im Hier und Jetzt, nicht erst im Jenseits.
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- Kritik am Materialismus: Der Text grenzt wahre Freude scharf von bloßem Besitz ab („tote Schätze“, „karger König“). Wahrer Reichtum ist innerlich und geistig.
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- Was weniger zur „strengen“ Aufklärung passt
- Obwohl die Aufklärung oft als sehr ernst und trocken wahrgenommen wird, zeigt Hagedorn hier eine Leichtigkeit, die nicht in jedes rein pädagogische Schema passt:
- Sinnlichkeit und Spiel: Das „Scherzen, Singen und Lachen“ und die Bezeichnung der Freude als „muntre Schwester süßer Liebe“ betonen eine emotionale und fast spielerische Seite, die über die rein kühle Ratio hinausgeht.
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- Verweise auf andere literarische Strömungen
- Anakreontik (Rokoko): Die Art, wie Hagedorn Freude, Scherz und die „Göttin“ besingt, ist typisch für die Anakreontik. Diese Strömung war ein Teil der Aufklärungsepoche, legte den Fokus aber auf Geselligkeit, Wein und Heiterkeit.
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- Empfindsamkeit: Das Motiv der „edlen Herzen“ und der „Kraft der Seelen“ weist auf die Empfindsamkeit hin. Hier steht die Kultivierung tiefer, wahrer Gefühle im Vordergrund, was später auch bei Friedrich Schiller (der in den Quellen als Nachfolger genannt wird) eine große Rolle spielt.
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- Barocke Reste: Die Form der Hymne und die Anrede der Freude als „Göttin“ erinnern noch an die feierliche Lyrik des Barock, auch wenn Hagedorn die düsteren Themen (wie Todesangst) dieser Zeit komplett hinter sich lässt.
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- Zusammenfassend: Das Gedicht zeigt die Aufklärung von ihrer lebensbejahenden Seite. Es macht deutlich, dass Vernunft und Lebensfreude keine Gegensätze sein müssen, sondern sich gegenseitig ergänzen.
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