Vorab: Was ist hier spannend?
Wer sich den Inhalt dieser Seite lieber in einem Video erklären lassen will, der findet es hier.
Nun zu unserem Ausgangspunkt:
Von dem Philosophen Adorno gibt es den Satz:
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Wir finden den Satz interessant, auch anregend – aber als Laien stimmen wir ihm nicht unbedingt zu. Die Lebenserfahrung sagt uns, dass es viel falsches Leben gibt (wer entscheidet das eigentlich?) – aber es gibt nicht nur schwarz und weiß.
Aber darauf wollen wir hier gar nicht weiter eingehen, weil wir den Satz nur als Ausgangspunkt für einen eigenen nehmen:
„Auch ein falsches oder unvollkommenes Schaubild kann etwas Wahres enthalten – und sogar sehr viel.“
Wir wollen das mal an einem Beispiel zeigen. Es geht um das Theaterstück „Andorra“ von Max Frisch. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann namens Andri, der von seinem Vater als gerettetes jüdisches Kind den Einwohnern von Andorra präsentiert wird.
In Wirklichkeit ist es sein unehelicher Sohn aus einer Beziehung zu einer Frau aus dem Nachbarland. Dort werden Juden verfolgt Und das nutzt dieser Vater, um seinen Sohn mitnehmen zu können, ohne mehr über seine Herkunft verraten zu müssen.
Dann geht es um etwas, was Max Frisch immer wichtig gewesen ist: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ war seine Mahnung. Dahinter steckte und steckt die Idee, dass es sich dabei um feste Vorstellungen handelt, die erstens nicht stimmen müssen und zweitens kaum noch zu ändern sind.
In dem Stück ist es nun so, dass der Junge wider Willen in einer Umgebung auch mit antisemitischen Vorurteilen schließlich diese Existenz annimmt. Als sein Vater später dann doch mit der Wahrheit herausrückt, ist es für ihn zu spät: Andri ist nicht mehr bereit, seine mühsam erkämpfte Vorstellung von sich selbst noch einmal zu ändern.
Damit sind wir bei der Herausforderung, dafür ein Schaubild zu finden, das diese beiden Phasen ausfüllt.
Schließlich hatten wir eins – und waren entsprechend froh.

Wir empfehlen, dieses Schaubild so im Unterricht einzusehen – allerdings mit einer Erklärung und einer Aufforderung:

Normalerweise ist damit das Unterrichtsziel erreicht, wenn das Schaubild verstanden worden ist. Es macht ja auch sehr schön deutlich, dass zunächst Andri nur mühsam seine angeblich jüdische Identität annehmen will – und als man ihm dann eine andere nahebringen will, geht er nicht mehr mit.
Wenn man Freude hat an Fachbegriffen, könnte man sich „Internalisierung“ merken – das ist der Moment, wo eine fremde Meinung zur eigenen Wahrheit wird. Es lohnt sich sicher, mal selbst zu schauen, wo man zu schnell und zu intensiv die Meinung eines anderen zu seiner eigenen macht.
Aber wie wir schon sagten:
Auch in einem falschen oder zumindest unvollkommenen Schaubild kann etwas Richtiges stecken – nämlich die Aufgabe,
- erstens die Fehler und Lücken zu finden und
- die Schaubilder entsprechend zu optimieren.
Wo ist die Lücke?
Fangen wir mit dieser Frage an.
Die Lehrkraft, die diese beiden Schaubilder einfach mal in fünf Minuten für fragende Schülis entworfen hat, hat eine wichtige Figur vergessen, nämlich den Pater. Der hatte ja in Phase 1 geglaubt, er könnte Andri helfen, seine angeblich jüdische Identität anzunehmen, statt sie zu hinterfragen. Hier sollte natürlich unterschieden werden: Beim Pater ist es eine „gute“, wenn auch fehlgeleitete Absicht – im Unterschied zu den Vorurteilen der Andorraner, etwa beim Tischler, wo das besonders deutlich wird.
Hier könnte man zum Beispiel oberhalb des Vaters noch den Pater als verstärkende Instanz einzubauen.
Und wo ist der Fehler?
Nun ja, unsere Lehrkraft hatte sich ganz auf den Kern konzentriert, dass Andri seine mühsam angenommene Identitätsvorstellung nicht mehr ändern wollte.
Dabei wurde vergessen, dass dieser Wechsel den selbstgerechten Bürgern Andorras mit ihren antisemitischen Vorurteilen nicht gefiel – und sie bei ihren Vorstellungen blieben – zumal das judenfeindliche Nachbarland der sogenannten „Schwarzen“ mit einer Armee vor den Toren stand.
Außerdem kann und sollte man natürlich auch hier den Pater wieder einbauen. Die Positionierung ist relativ einfach: Er hält es auch hier wieder für seine Pflicht, die aktuelle Haltung des Vaters zu verstärken – jetzt will er also Andri davon überzeugen, dass er doch kein Jude ist.
Die Parabel endet dann tragisch: Andri riskiert nicht nur sein Leben, als die Feinde Andorra übernehmen – er verliert es auch in einer schauerlichen „Judenschau“, wo man meint, Juden an ihrer Haltung bzw. an ihrem Gang erkennen zu können. So weit geht die „Einbildung“ bei der Gestaltung eines „Bildnisses“
Ein doppeltes Fazit
- Max Frischs Stück ist eine Parabel – d.h. an einer deutlich konstruierten Geschichte wird eine Wahrheit deutlich, nämlich:
wie sehr Identität fremdbestimmt sein kann
und wie schwer es ist, sie nachträglich in veränderter Form anzunehmen.
— - Für uns hier aber methodisch äußerst interessant:
- Das unvollständige und teilweise falsche Doppelschaubild hatte natürlich grundsätzlich in der richtigen Idee der Anordnung der Figuren und der Verwendung von Farben für Identität und Beziehungen bzw. Einwirkungen schon etwas Wesentliches geleistet – nämlich eine Grundidee geliefert.
- Und etwas Unvollkommenes oder im Detail auch Falsches ist für das Lernen in der Schule echtes „High-Level-Learning“ – denn hier müssen die Schülis nicht die Erkenntnisse anderer zur Kenntnis nehmen oder mit „Einhilfe“ durch Lehrkräfte und „fragend-entwickelndes-Lernen“ nachvollziehen – nein: Sie erkennen die Fehler anderer, die im allgemeinen eher für solche Erkenntnisse stehen und nur die „Verschaubilderung“ sich zugutehalten.
- Und sie lernen dadurch, nicht alles einfach als Wahrheit hinzunehmen, nur weil es aus Schulbüchern kommt – und selbst die Geschichte der Wissenschaften ist eine der Infragestellung, manchmal auch der totalen Korrektur und der Weiterentwicklung.
- Wie schön, wenn schon „Lernende“ in der Schule daran Anteil haben können.
Vorschläge für die Optimierung der beiden Schaubilder
-
Phase 1 (Links): Pater als verstärkende Instanz (rosa Pfeil) ergänzen.
-
Phase 2 (Rechts): Die grünen Pfeile der Gesellschaft in rosa/rote Pfeile der Ablehnung/Vorurteile umwandeln.
Phase 2 (Rechts): Den Pater als gescheiterten „Rückdreher“ (grüner Pfeil, der abprallt) einbauen.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Hier noch der Hinweis auf die Seite, in der wir den Ansatz von Max Frisch erstmals mit dem Leben verknüpft haben – bevor wir hier Richtung Methodik abgebogen sind.
https://textaussage.de/frisch-andorra-bildnisproblematik - „Andorra“ (Drama von Max Frisch)https://textaussage.de/frisch-andorra-themenseite
— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos