Worum geht es?

  1. Viele Schüler und Schülerinnen (ab jetzt Schülis 😉 leider unter der Vorstellung, bei Gedichtinterpretationen gebe es ein „richtig oder falsch“ – und die Lehrkraft bestimme darüber.
  2. Diese Sorge ist insofern unbegründet, weil die Richtigkeit einer Interpretation nicht von der Lehrkraft bestimmt wird. Sie stellt die nur fest – und das im Normalfall mit guten Gründen.

Das Schaubild soll deutlich machen, dass die Lehrkraft zwar im Vorteil ist, aber am Ende sich den gleichen Prüfmechanismen aussetzen muss wie die Schüler. Alles, was die gar nicht wissen können, was also aus dem Vorwissen / Fachwissen der Lehrkraft sollte im Unterricht erst mal außen vor bleiben. Sonst macht der Umgang mit Literatur keinen Spaß.#

Zur Frage möglicher Willkür

  • Natürlich mag es auch unter Lehrkräften solche geben, die hier nach eigenem „Gutdünken“ verfahren, stand steht man wie überall im Leben vor der Frage: Wie gehe ich damit um? Wir empfehlen auf jeden Fall eine „qualifizierte Reaktion“, also keinen wilden Protest, sondern eine Nacht drüber schlafen, noch mal nachdenken und mit Freunden oder auch ggf. einer anderen Lehrkraft sprechen. Und dann geschickt vorgehen – aber das ist ein eigenes Thema.

Die erstes Tipps, die Lehrkräften  wie Schülern u. Schülerinnen  zu einer maximal richtigen Interpretation verhelfen

  • Zurück zum Normalfall: Nicht die Lehrkraft entscheidet, sondern das Verhältnis von Gedicht und Interpretation. Wenn diese dem Wortlaut widerspricht, dann muss man an sich arbeiten. und genauer hinschauen.
  • Ansonsten sollte man einfach bestimmte Tipps beachten, um gar nicht erst auf eine falsche Spur oder in eine Sackgasse zu geraten:
  • Tipps:
    1. Genau hinschauen und die Signale des Textes aufnehmen. Immer daran denken: Sobald das lyrische Ich den Mund aufmacht, sorry: die erste Zeile „absondert“, verrät es sich schon. Darum sollten vermeintliche Täter immer erst mal schweigen, bis ihr Anwalt kommt. Aber hier äußert sich der Täter gewissermaßen, darüber kann man sich freuen.
    2. Wenn man das begriffen hat, kann man auch im schwierigsten Gedicht alles „analysieren“, indem man erst mal nur beschreibt, was das lyrische Ich da macht.
    3. Wenn man darüber hinaus eine Idee hat, worauf das hinauslaufen könnten, dann kann man sich erst mal freuen, aber Vorsicht
      So etwas nur als Hypothese verwenden und schauen, ob sie sich bestätigt oder nicht – wie das auch ein guter Kommissar an einem Tatort oder danach macht.
    4. Gedichte sind leider häufig lückenhafte Texte, die nur mit Andeutungen arbeiten: Dann überlegen, was gemeint sein könnte – und das wieder nur als Vermutung notieren.
    5. Und bitte nicht gleich mit der Suche nach sprachlichen Mitteln beginnen – die kann man sich gerne am Rand notieren, wenn man was entdeckt.
    6. Ansonsten geht es erst mal um die Aussage(n) des Gedichtes. Bitte hier nicht den Fehler machen, gleich den Autor einzubeziehen. Der hat sein Gedicht veröffentlicht und dann nur noch das Recht an der Veröffentlichung und Vermarktung. Aus der Interpretation hält sich jeder gute Autor raus, der Standardspruch heißt: Was ich sagen wollte, steht im Gedicht. Wir können nur ergänzen: „Hoffentlich“. Denn wenn immer Menschen etwas aussprechen, ist das nie 100%ig das, was sie aussagen wollen. Wie oft drücken sich Menschen missverständlich aus – das gilt auch für Dichter. Das Schöne ist: Als Leser habe ich gleichen Rechte wie der Autor. Der soll mich verschonen mit: „Damit habe ich sagen wollen.“ Dann soll er einen Zeitungsartikel schreiben, aber kein Gedicht im literarischen Sinne. Um Gedichte zu Omas Geburtstag geht es hier nicht, das sind zwar Gedichte, aber keine zum Interpretieren.
    7. Und wenn man die Aussage(n) geklärt hat, dann schaut man sich seine notierten sprachlichen Mittel an und überlegt, wie sie den Inhalt verdeutlichen, unterstreichen. Wenn sie das nicht tun, dann ab in die Tonne mit der Aufschrift: „Gut gemacht, aber ohne Funktion“. Ansonsten konzentriert man sich lieber auf die allgemeine Frage: Wodurch wird dieses Gedicht auch von der Darstellung her zu etwas Besonderem. Was scheint der Dichter für Einfälle gehabt zu haben. Denn auch hier gilt: Es kann ohne Absicht sich einfach so ergeben haben.

Wer noch mehr möchte …