Anmerkungen zur Überschrift (Leserlenkung)

Dauer im Wechsel

  • Die Überschrift deutet schon an, dass es darum geht, im Wechsel, der zum Leben gehört, auch so etwas wie Dauer zu entdecken.

Anmerkungen zu Strophe 1

Hielte diesen frühen Segen,
Ach, nur eine Stunde fest!
Aber vollen Blütenregen
Schüttelt schon der laue West.
Soll ich mich des Grünen freuen,
Dem ich Schatten erst verdankt?
Bald wird Sturm auch das zerstreuen,
Wenn es falb im Herbst geschwankt.

  • In der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich die Veränderungen, die sich in der Natur vor seinen Augen ergeben.
  • Deutlich wird ein gewisses Bedauern, dass das Schöne entweder schon gleich oder spätestens im Herbst verloren geht.

Anmerkungen zu Strophe 2

Willst du nach den Früchten greifen,
Eilig nimm dein Teil davon!
Diese fangen an zu reifen,
Und die andern keimen schon;
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.

  • Die zweite Strophe beginnt dann mit der Empfehlung, sich schnell der Früchte zu bedienen, bevor sie entsprechend ihrem natürlichen Verlauf verschwinden.
  • In der zweiten Hälfte der Strophe hat man den Eindruck, dass das Bedauern über die häufig negativen Veränderungen noch größer wird.

Anmerkungen zu Strophe 3

Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe,
Die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe
Sich mit Gemsenfreche maß.

  • In der dritten Strophe wendet das lyrische Ich dann sich selbst zu
  • Und betont das Verschwinden auch im Bereich der Menschen, einmal bei den Mächtigen und Großen, dann aber auch in Liebesbeziehungen und im Verschwinden besonderer körperlicher Fähigkeiten.

Anmerkungen zu Strophe 4

Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte, wohlzutun,
Das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich an jener Stelle
Nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei wie eine Welle,
Und so eilt’s zum Element.

  • In der vierten Strophe konzentriert sich das lyrische ich auf die Hand eines Menschen, der man vieles zu verdanken hat.
  • Anschließend könnte es darum gehen, dass alles, das eine feste Form hatte, im Laufe der Zeit verschwindet und durch etwas anderes ersetzt wird.
  • Die zweite Hälfte bezieht sich wohl auf die nächste Generation, die Väter und Mütter ersetzt, selbst aber auch Teil eines weitergehenden Veränderungsprozess ist.

Anmerkungen zu Strophe 5

Lass den Anfang mit dem Ende
Sich in eins zusammenzieh’n!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberflieh’n.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.

  • Die letzte Strophe präsentiert eine Art Zusammenfassung und
  • empfiehlt die Abwendung von dem, was sich nicht ändern lässt, nämlich vom Wandel.
  • Demgegenüber wird die Unvergänglichkeit dessen betont, was durch die Gunst der Musen entsteht und was dann auch einen Menschen über einen längeren Zeitraum, vielleicht sein ganzes Leben, bestimmt.

Zusammenfassung

Insgesamt ein Gedicht,

  • das, wie die Überschrift andeutet, sich mit dem Wechsel als Grundphänomen des Lebens beschäftigt.
  • Dem positiv entgegengesetzt wird die Unvergänglichkeit der Kunst im weitesten Sinne.
  • Man müsste sich jetzt die einzelnen Musen mal anschauen, um ermessen zu können, an was Goethe hier konkret gedacht hat:
    • sicher an die Poesie,
    • aber möglicherweise auch an die Geschichtswissenschaft, die auf ihre Art und Weise dem Vergänglichen zumindest eine gewisse Dauer verschafft.

Hinweise zur möglichen Kritik der Aussage des Gedichtes

  • Kritisch entgegen halten könnte man der Aussage des Gedichtes, dass auch die Kunstprodukte nicht so dauerhaft sein müssen, wie es zunächst den Anschein hat.
  • Das zeigt ja insbesondere Weise ein Phänomen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das sich Cancel Culture nennt.
  • Ganz gleich wie man dazu steht, die Bewegung zeigt, dass auch die Werke der Kunst nicht nur physisch vergänglich sind, sondern auch im Bewusstsein der Menschen.
  • Denn Kunst hängt mit Tradition zusammen. Was nicht weitergegeben wird oder positiv weitergegeben werden kann, verschwindet.

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