Goethe

Grenzen der Menschheit

 

Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät
Küss ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

  • Für das lyrische Ich ist der „heilige Vater“ offensichtlich ein sehr gütiger Gott. Was er auf die Erde herabsendet, sind „segnende Blitze“. Und die Reaktion ist eine liebevolle, kindliche Demutsgeste.
  • Für eine kritische Interpretation kann man sich hier sicherlich schon mal notieren, dass das eine sehr problematische Haltung ist. Zumindest werden das alle bestätigen, deren Haus vom Blitz getroffen worden ist.
  • Auf interessante Art und Weise widerspricht die im Gedicht vorgetragene Sicht auch dem, was seit der Antike die gängige Auffassung war und ja auch Martin Luther zu Tode erschreckt hat.
  • Was müsste gegebenenfalls genauer prüfen, was Goethe zu einer solchen Gottes Vorstellung gebracht hat, nachdem er mehrere Jahre vorher in dem Gedicht „Prometheus“ (zwischen 1772  und 1774 entstanden, also ein paar Jahre früher als 1781) noch eine ganz andere Auffassung vertreten hat.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

  • Die zweite Strophe macht dann deutlich, dass das eine Art Vorsichtsmaßnahme ist, eher aus einem Gefühl der Schwäche und Unsicherheit heraus.

Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

  • In der dritten Strophe wird noch einmal die relative Schwäche des Menschen im Vergleich zu Pflanzen wie Eiche und sogar Rebe hervorgehoben.

Was unterscheidet
Götter von Menschen?
Dass viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

  • Die vierte Strophe betont dann die Verletzlichkeit und letztlich Sterblichkeit des Menschen im Vergleich zu den Göttern.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sich dauernd,
An ihres Daseins
Unendliche Kette.

  •  Die letzte Strophe eröffnet dann allerdings eine etwas andere Perspektive. Zwar ist es immer noch nur ein kleiner Ring, der das Leben des Einzelmenschen begrenzt. Aber in der familiären Geschlechterfolge ergibt sich auch so etwas wie Unendlichkeit. 
  • Hier ergibt sich die spannende Frage, ob das noch eine Erinnerung an das Gedicht „Prometheus“ ist, wenn die Menschen als Gesamtheit dann doch sich mit den Göttern vergleichen können.
  • Und im Gedicht „Das Göttliche“ werden die Menschen ja geradezu aufgerufen, etwas zu präsentieren, was direkt nicht greifbar ist. Nur in den Menschen kann sich das Göttliche zeigen. Ansonsten sind dort die Götter sogar in gleicher Weise der mächtigen Zeit unterworfen wie die Menschen.

Insgesamt zeigt das Gedicht …

  1. zunächst eine liebevolle Demut gegenüber dem Gott, der als Vater verstanden wird,
  2. Dann aber doch eher die Betonung der eigenen Schwäche und Verletzlichkeit gegenüber den Göttern,
  3. was sich letztlich auf den Gegensatz von Unsterblichkeit und Sterblichkeit bringen lässt,
  4. wobei das Ende des Menschen nicht als natürlicher Abschluss eines schönen Lebens gesehen wird, sondern als Untergang.
  5. Die letzte Strophe allerdings deutet einen Ansatz von Selbstbewusstsein an, der sich allerdings nicht auf das Individuum stützt, sondern auf die familiäre Generationenfolge. Hier sieht das lyrische Ich anscheinend auch eine Form von Ewigkeit .

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